"Machen Sie Ihr Testament"

Saria Amillen Anderson ist HIV-positiv und gibt dennoch Menschen in Landwirtschaftsprojekten Hoffnung.

Die Furche: Wie wirkt sich Aids auf die Bevölkerung aus?

Saria Amillen Anderson: Die Krankheit schränkt die Produktivität sehr stark ein. Sie können nicht mehr arbeiten und müssen gepflegt werden. Die Pflege übernimmt ein Familienmitglied, das für eine Zeit lang zur Familie des Kranken zieht und diesen pflegt. Das Problem dabei ist, dass diese "Pfleger" keine Lebensmittel mitnehmen, und in dem Familienverbund des Kranken von den wenigen Lebensmitteln, die da sind, auch versorgt werden müssen. Oft kommen auch mehrere Personen für die Pflege des Kranken und essen das, was da ist.

Die Furche: Gibt es Landesteile, die auf Grund von Aids bereits verwaist sind?

Anderson: Ja, in der Region Kagera soll es das geben. In den Dörfern, in denen ich tätig bin, habe ich das allerdings noch nicht so erlebt. Wirklich augenscheinlich wird Aids an den Straßenkindern, die ihre Eltern verloren haben und in die Städte gezogen sind, um nach Essen zu suchen.

Die Furche: Wie geht die Gesellschaft mit HIV-Infizierten um?

Anderson: Die meisten Familien, in denen ein HIV-Positiver lebt, sind sehr betroffen, wenn sie sehen, was mit ihm passiert. Man stößt die Kranken aber nicht weg, sondern kümmert sich um sie.

Die Furche: Welche Rollen spielen die Religionsgemeinschaften?

Anderson: Die Katholische Kirche verbietet den Gebrauch von Kondomen, da sind die sehr strikt. Die Vertreter der Protestanten sprechen zwar über den Gebrauch von Kondomen, aber sagen den Gläubigen auch nicht, dass sie diese verwenden sollen. Die muslimischen Führer haben sich noch nicht geäußert, welche Strategie sie verfolgen, aber sie sagen ihren Anhängern, dass sie auf der Hut vor Aids sein sollen.

Die Furche: Wie haben Sie von Ihrer Infektion erfahren?

Anderson: Ich fuhr nach Daressalam, um mich und meine Tochter Glorious testen zu lassen. Die Ärztin informierte mich über meine Infektion und sagte, dass ich jetzt mein Testament machen muss, denn ich müsse an meine Tochter denken. Das war wie ein Hammerschlag für mich, doch das ist die Art und Weise, wie diese Dinge in Tansania gehandhabt werden.

Die Furche: Über eine Therapie hat die Ärztin nichts gesagt?

Anderson: Doch, indem Sie mich fragte, wo ich lebe. Ich sagte in Musoma, und dass ich nur wegen des Tests nach Daressalam gekommen bin. Dann sagte die Ärztin, dass ich dort keine Chance auf eine Therapie hätte.

Die Furche: Das war alles?

Anderson: Ja, nicht einmal ein Lebewohl kam mehr von ihr.

Die Furche: Wie sind Sie mit Ihrer Situation umgegangen?

Anderson: Ich habe viel nachgedacht und wollte mich umbringen. Nachdem ich den ersten Schock verarbeitet hatte, dachte ich, ich muss etwas unternehmen und reiste noch einmal nach Daressalam: Ich ging in ein indisches Spital. Die Konsultation kostete 20.000 tansanische Schilling (ein Monatslohn liegt oft unter 1725 Schilling; Anm.). Ich wusste nicht wie ich der Ärztin meine Situation erklären soll. (Frau Anderson weint). Sie war gut zu mir und gab mir Wasser und sagte, dass ich die Infektion akzeptieren und nicht verzweifeln müsse.

Die Furche: Wie geht es Ihnen jetzt?

Anderson: Ich habe wieder Hoffnung, doch ohne die Hilfe aus Österreich hätte ich es nicht geschafft. Die Therapie ist sehr teuer und es ist manchmal hart, nur noch für die Medikamente zu leben. Meine Arbeit hilft mir und gibt mir das Gefühl, dass ich wichtig bin und gebraucht werde. Ich kann Menschen Hoffnung geben.

Frau Andersons Landwirtschaftsprojekt kann über Sei-so-frei unterstützt werden: Spendenkonto: 00000691733, Blz.: 54000, Zweck: Anderson.

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