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Zwei Sätze für Südafrika

Die Leute in Südafrika sterben. Doch angeblich nicht an Aids. Über eine politische Verwirrung.

Keine Aids-Medikamente, stattdessen Knoblauch, rote Rüben und afrikanische Kartoffeln präsentierte die südafrikanische Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang anfang September auf der 16. Internationalen Aids Konferenz in Toronto. Die Scientific Community zeigte sich empört über diese Art von Quacksalberei. 81 HIV-Forscher schrieben einen Brief an Präsident Thabo Mbeki und verlangten den sofortigen Rücktritt der Gesundheitsministerin. Nichts passierte.

Die Antwort war symptomatisch für die Aids-Politik Südafrikas. Seit 2000 verneint die südafrikanische Regierung, dass der HI-Virus Aids verursacht. Rückendeckung bekam sie damals von einem Aids-Komitee, das aus wissenschaftlichen Außenseitern bestand. Heute werden die katastrophalen Folgen für das Land immer deutlicher. Mit fünf Millionen Infizierten besitzt Südafrika eine der höchsten HIV-Raten der Welt. Rund eine halbe Million bräuchten Medikamente. Lediglich 150.000 bekommen sie. So sterben täglich tausend Menschen an Aids.

Medikamente vorhanden

Dabei wären die Medikamente keinesfalls zu teuer. Rund zehn Dollar pro Monat kostet eine Therapie für einen HIV-Kranken. In Südafrika mag das für den Einzelnen immer noch viel Geld sein. Für einen relativ reichen Staat wie Südafrika aber wäre dies leistbar. Dass es sich auch ökonomisch rechnet, hat als erstes die Industrie bemerkt. Die Ausbildung der Leute etwa in den Bergwerken kostet sie sehr viel Geld. Es ist also durchaus in ihrem Interesse, die Facharbeiter regelmäßig zu testen und zu schützen. Mit groß angelegten Programmen wird dies auch mittlerweile getan. Damit ist gleichzeitig der Druck auf die Politik gewachsen, die Infrastruktur zu schaffen, um die Menschen aufzuklären und die Medikamente unter die Leute zu bringen.

Doch die Politik ziert sich weiterhin und fördert damit den Aberglauben. Neben der Gesundheitsministerin ist unlängst der ehemalige Vizepräsident Jacob Zuma durch sein Unwissen aufgefallen. In einem Vergewaltigungsprozess vor Gericht gab er zu Protokoll, dass er sich ja nach dem ungeschützten Sex geduscht habe, um die Krankheit zu vermeiden. Dank der allgemeinen Verwirrung können viele Scharlatane Profite machen. Einer von ihnen ist der deutsche Arzt Matthias Rath. Nachdem er in Deutschland daran scheiterte, ein krebskrankes Kind mit Vitaminen zu heilen, und dort nicht mehr praktizieren durfte, verkauft er nun seine hoch dosierten Vitaminpräparate als Anti-Aidsmittel in Südafrika. Die antiretroviralen Medikamente hingegen diffamiert er als Krankmacher.

Kirche unwichtig

Die Ansichten der Kirchen spielen in Südafrika hingegen eine untergeordnete Rolle, meint Tim Skern, der sich im Kampf gegen Aids in Südafrika engagiert und als Virologe an den Max Perutz Laboratories in Wien arbeitet. Dafür seien viele Kirchen in Südafrika zu lose organisiert. Die Leute würden sich einfach ihre eigene Kirche aufbauen, zusammen singen und tanzen. Und was die Rolle der katholischen Kirche betrifft, sagt Skern: "Natürlich sind sie gegen Kondome. Aber zumindest sagen sie nicht, dass Aids nichts mit HIV zu tun hat. Und das ist gut."

Er selbst unterstützt eine Nonprofit-Organisation, die unter anderem jungen Frauen eine bessere Ausbildung ermöglicht. Laut Statistik sind Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren besonders von Aids betroffen. Deren Sterberate hat sich zwischen 1997 und 2004 verfünffacht. Skern erachtet Bildung als eine Möglichkeit zu einem anderen, besseren Leben: "Wenn die Mädchen nicht aus den Townships (Wohngegend der Schwarzen, Anm.) rauskommen, enden sie wahrscheinlich in der Prostitution oder heiraten einen Mann, der herumschläft." Die HIV-Infektion scheint jedenfalls vorprogrammiert.

In naher Zukunft könnten die Frauen sich durch Mikrobiozide vor einer Infektion selbst schützen. Auch Skern sieht dies als ein Mittel: "Es würde den Frauen sicher helfen, mehr Kontrolle über ihr Sexualleben zu haben. Allerdings nützt es wenig, wenn Frauen vergewaltigt werden." Und die Angst davor sei in Südafrika sehr groß.

Einige Leute in Südafrika blicken heute mit Respekt zum kleineren Botswana hinüber, dessen Regierung 2001/02 eine Wende vollzogen hat. Dort wurde eine nationales Programm eingerichtet: Jeder, der HIV-Medikamente benötigt, soll sie auch bekommen. Die Leute konnten so selbst beobachten, dass jene, die die Medikamente nahmen, bald wieder arbeiten konnten. Teilweise ist auch die Stigmatisierung verschwunden.

Baldige Wende?

Vielleicht tut es Südafrika ja bald dem Nachbarland gleich. Ende Oktober hat sich der südafrikanische Vizepräsident Phumzile Mlambo-Ngcuka erstmals mit Aids-Aktivisten getroffen. Das Meeting wurde als erster Schritt einer neuen Aidspolitik gewertet. Tim Skern hofft auf ein klares Statement von Präsident Mbeki am 1. Dezember. Mit zwei Sätzen könnte Mbeki der Aids-Bekämpfung nicht nur in Südafrika, sondern darüber hinaus für das südliche Afrika eine neue Richtung geben. Denn die Stimme des größten Staates hätte Gewicht. Dabei wäre ein Wandel wünschenswert. Das südliche Afrika bildet das globale Epizentrum von HIV. Hier lebt ein Drittel aller Kranken und ein Drittel aller Todesfälle werden hier verzeichnet. Die zwei Sätze für Herrn Mbeki wären: "HIV verursacht Aids. HIV wird sexuell übertragen."

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