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Furcht vor dem Schwarzen Chaos

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Weiße Südafrikaner wollen vom Ausland in Ruhe gelassen werden. Sanktionen sollen sie verschonen. Ein Österreicher zeichnet ein Stimmungsbild vom weißen Südafrika.

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Weiße Südafrikaner wollen vom Ausland in Ruhe gelassen werden. Sanktionen sollen sie verschonen. Ein Österreicher zeichnet ein Stimmungsbild vom weißen Südafrika.

Uber kaum ein Land der Welt hört und liest man so divergierende Ansichten wie über Südafrika. Für die einen die anachronistische, auf Dauer unhaltbare letzte Bastion weißer Machtausübung auf dem „schwärzen Kontinent“, der durch Sanktionen schnellstens der Todesstoß versetzt werden soll, ist Südafrika für andere ein Land unbestreitbaren wirtschaftlichen Erfolges: in Südafrika, das nur 3,4 Prozent der Fläche Afrikas ausmacht, wo 6 Prozent der Bevölkerung des Kontinents leben, werden mehr als 23 Prozent der Getreideproduktion Afrikas erwirtschaftet.

Dadurch gibt es keinen Hunger und kein mit anderen Staaten des Kontinents vergleichbares Elend. Südafrika ernährt sogar rund zwei Millionen Fremdarbeiter aus den Nachbarstaaten.

Viele prangern die zweifelsohne bestehenden krassen Ungleichheiten zwischen den Rassen an und empören sich über Menschenrechtsverletzungen und Pressezensur. Südafrikas Regierung argumentiert: man befinde sich in einer Notwehr situation, eine weiße Minderheit müsse ihr Recht auf Uberleben gegen Aggressoren verteidigen, die sich selbst, wo sie nur können, in den eigenen Staaten noch viel unbekümmerter und gravierender über Menschenrechte und -würde hinwegsetzten.

Je heftiger der Disput darüber, was in Südafrika zu geschehen habe, geführt wird, desto weniger sind die Stimmen jener hörbar, die dort leben und zurechtkommen müssen. Für sie ist es nicht damit getan, nach Sanktionen zu rufen. Für sie stehen Existenz und Zukunft auf dem Spiel. Ihre Sicht der Probleme soll hier zur Sprache kommen.

Careen (Studentin, zeitweise Versicherungsangestellte, Vater oppositioneller Universitätsprofessor): Die Regierung würde noch „linker“ agieren und mehr Reformen durchführen, wenn sie nicht auf die Armee Rücksicht nehmen müßte. Trotzdem geht man durch langsame Reformen von der Apartheid ab.

Martin (Partner einer Managementtrainingsfirma in Kapstadt): Südafrika ist ein Mikrokosmos. Hier gibt es alle großen Probleme der Weltpolitik in einem Land. Den Nord-Süd-Konflikt, den Konflikt zwischen verschiedenen Rassen, ihren unterschiedlichen Kulturen und Weltanschauungen. Hier gibt es Menschen auf dem Höchststand der Zivilisation und solche, die in der Steinzeit leben. Wer für dieses Land Lösungen findet, hat auch die Probleme der UNO und der Weltbank, die Spannungen zwischen Erster und Dritter Welt gelöst.

Christian (Wiener, Besitzer eines Spezialitätenrestaurants in Kapstadt): Hier in Südafrika stimmt die Relation von Leistung und Ertrag noch. Wenn man hier ein Restaurant eröffnet, dann kann man in einem Jahr, wenn es gut geht, längstens aber in drei Jahren schuldenfrei sein. Auch das Verhältnis von Einkommen und Erwerb beziehungsweise Bau eines Hauses mit Swimmingpool paßt hier.

Eugen (Deutscher, Führungskraft in einer Textilf irma): Dieses Land ist ein Paradies, verglichen mit dem Rest des Kontinents. In Nigeria etwa gibt es öffentliche Erschießungen, die man sich im Fußballstadion und im Fernsehen ansehen kann. Dort wird man ausgeplündert, und alles ist korrupt.

Bis auf wenige Ausnahmen herrscht in Afrika das Chaos, in vielen Staaten muß man um sein Leben fürchten. Hier in Südafrika ist es anders. Auch den ärmsten Schwarzen geht es hier besser als anderswo. Bei uns in der Firma werden die Schwarzen für Führungspositionen herangebildet, natürlich braucht das Zeit.

Mein Chef in der Firma ist ein Schwarzer, der seit 20 Jahren hier arbeitet und äußerst fähig ist. Die Hautfarbe spielt in der Industrie keine starke Rolle mehr. Nur in die Regierung kommen keine Schwarzen. Die meisten Schwarzen sehen aber nur die hohen Gehälter und vergessen die Arbeit, die dafür geleistet wird. Ich1 habe nur 13 Tage Urlaub im Jahr, bei einer 43-Stunden-Woche.

Josef (Student, Kapstadt): Ich glaube, daß man menschlich in Südafrika viel verbessern kann und soll. Ich meine, daß Apartheid eine fürchterliche Sache ist. Dies darf aber auf keinen Fall auf Kosten der Wirtschaft Südafrikas gehen. Denn das würde allen mehr schaden als nützen.

Südafrika ist das einzige Land auf diesem Kontinent, in dem die Wirtschaft funktioniert und alle, die arbeiten wollen, zu essen haben. Fast alle Staaten des südlichen Afrika, auch Gegner Südafrikas, sind auf die Häfen und Transporteinrichtungen dieses Landes angewiesen, um exportieren zu können, weil sie nur hier funktionieren.

Fr. Rapmund (Farmersfrau und Hotelbesitzerin in Namibia): Seit etwa zwei Jahren haben hier bei uns in Namibia die Schwarzen wieder auf den Boden der Realität gefunden. Sie sehen ein, daß frei sein nicht Nichtstun bedeutet.

Die Schwarzen sagen heute schon wieder: Ihr gehört in dieses Land wie wir. Gut, daß ihr da seid, ihr versteht uns, ihr wißt, wie man uns behandeln muß.

Die Sanktionen haben hier eher zu einer Solidarisierung der Schwarzen mit den Weißen geführt - gegen das feindliche Ausland. Eine Reform braucht hier viel mehr Zeit, als es das Ausland haben möchte.

Man darf nicht vergessen, daß die Schwarzen hier im Steinzeitalter gelebt haben und viele noch leben. Die Schwarzen sind nicht an Unser Leistungsdenken gewöhnt. Die traditionellen europäisch-christlichen Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, Genauigkeit, Ehrlichkeit, die letztlich die Grundlagen dieser Gesellschaft sind, anerkennen die Schwarzen nicht. Das sind für sie nur leere Worte. Man lehrt sie das in den Missionsschulen, aber es bleiben nur leere Worte. Der Busch ist stärker.

Auch unsere christliche Religion sagt den Schwarzen wenig. Sie bekommen zwar die Bibel in die Hand gedrückt, aber die alten Götter sind für sie viel stärker. Jedes Jahr finden sowohl in Südwestafrika als auch in Südafrika noch rituelle Opferungen kleiner Kinder statt.

Wenn die Weißen hier nicht Schutzherren wären, gäbe es zum Beispiel die Buschmänner mit Sicherheit nicht mehr. Diese leben noch in der Steinzeit, und die f ortschrittlicheren Stämme hätten sie schon ausgerottet.

Susan (aus Simbabwe ausgewandert): Ihr Touristen habt eine Heimat in Europa, in die ihr zurückkehren könnt, wenn hier die Schwarzen an die Macht kommen sollten und alles im Chaos versinkt. Aber wohin soll ich gehen? Meine Heimat ist Afrika.

Martin (Management Consulting): Ich glaube, daß die Schwarzen hier noch eine Verbundenheit mit den elementaren Dingen des Lebens haben, die in Europa längst verlorengegangen ist. In Europa kreist das Denken um Karriere und Sicherheit. Hier denkt man nicht so kompliziert. Ich glaube, daß die Schwarzen viel glücklicher leben als wir. Meiner Ansicht nach sollten wir sie gar nicht in unserem europäischen Leistungsdenken ausbilden.

Evriell (Historikerin): Durch den Calvinismus gefördert, entstand die Einstellung unter den Buren, eine Art auserwähltes Volk zu sein. Daraus wurde eine Ideologie, die die Apartheid gebar. Bis heute ist das öffentliche und private Leben von dieser Ideologie geprägt, insbesondere das Erziehungswesen. Autorität und der Glaube, daß der jeweils Vorgesetzte einen gewissermaßen göttlichen Auftrag hat, werden von frühester Jugend an gelehrt.

Eine Reform des Bildungswesens ist der Schlüssel zur wirklichen Beseitigung der Apartheid.

Die Gespräche in Südafrika führte Christoph Pale. Er ist Jurist, Redaktionsmitglied bei „Acsdemia“, beruflich in der Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung tätig.

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