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Afrikas Kirche im Kampf gegen AIDS

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Afrikanische Bischöfe und Politiker kämpfen vereint gegen AIDS, Aufklärung erfolgt in Kirchen und Schulen. Auch die Weltgesundheitsorganisation wurde um Hilfe gebeten.

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Afrikanische Bischöfe und Politiker kämpfen vereint gegen AIDS, Aufklärung erfolgt in Kirchen und Schulen. Auch die Weltgesundheitsorganisation wurde um Hilfe gebeten.

Malaria, Masern, Tetanus ... — zu diesen Krankheiten muß Afrika heute eine neue dazufügen: AIDS. Wenn man den Statistiken glauben darf, dann sind heute zwischen 100.000 und 200.000 Afrikaner südlich der Sahara an AIDS erkrankt (Gesamtbevölkerung: 550 Millionen Afrikaner). Nach Meinung der Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) infizierten sich 1986 zwischen einer und sieben Millionen Afrikaner mit dem AIDS-Virus. Die Infizierten sind auf zwei Altersgruppen aufzuteilen: auf die Zwanzig- bis Vierzigjährigen und auf die Säuglinge, die die Krankheit während der Schwangerschaft von ihren Müttern übertragen bekamen. /

Woher kommt diese Krankheit? Nach Meinung der Amerikaner und der Kanadier hat sie ihren Ursprung in Haiti. Denn die Haitianer stellten die Mehrheit der Erkrankten in den USA und in Kanada in den Jahren 1978 bis 1980. In Montreal allein waren es 20 Prozent.

Europa sah den Ursprung der Krankheit im afrikanischen Kontinent. Unter den ersten Erkrankten in England, in der Bundesrepublik Deutschland, in Belgien oder in Frankreich waren viele Afrikaner. Hat man jetzt aber das Recht, von diesen Beobachtungen die Behauptung abzuleiten, daß AIDS aus Haiti oder aus Afrika kommt?

Oder sollte an den Thesen des Engländers John Seale, des Deutschen Jakob Segal und des Arnerikaners Robert Strecker etwas dran sein, die alle drei sagen, daß AIDS eine Krankheit ist, die aus den medizinischen Laboratorien der amerikanischen Armee kommt? Nach Meinung dieser drei Wissenschafter wurde das Virus in Fort Detrick (Maryland) in den siebziger Jahren entwik-kelt. Der bakteriologische Krieg sei kein leeres Wort.

Tatsächlich ist AIDS am stärksten in Zentral- und Ostafrika verbreitet. Weiß der Leser, daß im Osten Zaires ein gewaltiges Territorium von der doppelten Größe dfer Schweiz liegt, das „Otrag-land“ genannt wird und an die mysteriöse Firma „Otrag“ aus der BRD für Startversuche mit Raketen vermietet wurde? In Wirklichkeit arbeiteten dort von 1976 bis 1979 amerikanische Armeewissenschafter. Da gibt es ein auffallendes Zusammentreffen: Gleichzeitig wurden die ersten Erkrankungen in den USA und in dieser Zone Afrikas beobachtet.

Die folgenden Daten einiger französischer Wissenschafter können Anlaß zum Nachdenken sein: 1986 waren in Zaire sechs Prozent der städtischen Bevölkerung HIV-positiv, also Träger des Virus, in Zentralafrika 0,6 Prozent der ländlichen Bewohner und vier

„In Nigeria haben sich 24 Minister einer Unter suchung unterzogen, um ein Beispiel zu geben“

Prozent in den Städten, unter den Prostituierten 20 Prozent; in Gabun waren ein Prozent der Erwachsenen und zweieinhalb Prozent der Jugendlichen in den Städten HIV-positiv, im Kamerun ein Prozent der Gesamtbevölkerung und acht Prozent der Prostituierten. Viele Fälle wurden im städtischen Bereich Ugandas, Kenias, Rwandas, Sambias und Ostmalawiens registriert.

Die Zahlen zeigen, daß AIDS in den Städten häufiger vorkommt als in den ländlichen Regionen. Doch wenn AIDS aus Afrika käme, so müßte es doch eher umgekehrt sein, da auf dem Land oft die elementarsten sanitären Infrastrukturen fehlen. Woher AIDS auch immer kommen mag, es raubt Afrika heute seine jüngste Bevölkerung. Doch die Menschen geraten nicht in Panik und verlieren nicht die Moral. Sie können sich gegen diese Bedrohung wappnen und gegen sie kämpfen.

In dieser allgemeinen Aufklärung stehen die afrikanischen Kirchen in nichts zurück. Sie ermutigen die Menschen zum konsequenten Kampf gegen AIDS. Davon zeugen immer wieder ihre Bischofskonferenzen wie zum Beispiel die von Harare (Zimbab-we) im Jänner letzten Jahres. Ihre Strategie kann man auf fünf Hauptpunkte aufteilen:

• Zuflucht zu den traditionellen Werten. Der Kranke muß ein normales soziales und Familienleben führen können. In der afrikanischen Tradition hatten selbst ansteckende Kranke dieselben Rechte auf Privatleben wie die Gesunden. Die Kirchen rufen zum Kampf gegen alle Hindernisse im sozialen und beruflichen Leben auf. Heute besuchen in Bangui (Zentralafrika), Kinshasa (Zaire) oder in Kambala (Uganda) Kinder, die HIV-positiv sind, gemeinsam mit den gesunden Kindern die Schule, und niemand regt sich auf.

• Zuflucht zu den christlichen

Werten der Keuschheit vor der Ehe und der ehelichen Treue. Hier bringt die Position der Kirchen fundamentale Aussagen eines römischen Dokuments zum Ausdruck. Es ist wichtig, „die Selbstbeherrschung, die Ächtung vor dem anderen und die Keuschheit zu valorisieren“. Ja, ein Weg der Übertragung dieser Krankheit liegt im freizügigen Sexualverhalten, das heißt, in der Vielzahl der sexuellen Partner. In Zentralafrika war unter 105 unter Beobachtung stehenden Patienten kein einziger Homosexueller. Doch der ständige Wechsel der Sexualpartner war sehr häufig: von 20 bis zu 40 Partnern im Jahr.

In Zaire waren zwischen November 1983 und April 1984 von 181 unter Beobachtung stehenden Patienten 67 Prozent der erkrankten Frauen sogenannte „freie Frauen“, 68 Prozent der Männer hatten viele Sexualpartnerinnen. In Kenia stieg die Rate der HIV-positiven Prostituierten zwischen 1981 und 1988 von vier auf 59 Prozent. In Dar-es-Salam (Tansanien) waren 26 Prozent der Bardamen HIV-positiv. In Rwanda sind 22 Prozent der AIDS-Opfer Kinder, die von ihren Müttern angesteckt wurden. Diese bewegende Kurve bestätigt die Position der afrikanischen Bischöfe, sie zeigt, welche Bedeutung die Enthaltsamkeit hat und warum sie von den Kirchen gefordert wird.

• Warnung vor dem Gebrauch von Präservativen und Aufruf, nach adäquaten Mitteln zum Schutz vor der Krankheit zu suchen. Hier bringen die Bischöfe die Achtung vor der Zeugung menschlichen Lebens zum Ausdruck. Sie sollten sich aber nicht zu sehr beunruhigen, denn der Gebrauch dieser Mittel wird kaum in die afrikanischen Gewohnheiten eingehen.

• Aufruf an das medizinische Personal, die chirurgischen Instrumente sorgfältig zu sterilisieren. Mag die Hauptursache der Ansteckung im sexuellen Kontakt liegen, so vergrößert sich doch auch die Zahl derer, die über das Blut angesteckt werden. Die Spritzen werden schlecht sterilisiert, Einwegspritzen mehrmals verwendet, und Blutkonserven können nicht auf das Virus hin untersucht werden.

• Die Regierungen und die medizinisch Verantwortlichen werden aufgerufen, den Kampf gegen

AIDS zu ihrem vordringlichen Anliegen zu machen.

In Tansanien wurde im April vorigen Jahres auf Initiative der katholischen Kirche ein zweitägiges Seminar organisiert. Seit dem ersten Auftreten des AIDS-Virus im Jahre 1983 sind Tausende daran gestorben. Derzeit sind 400.000 Tansanier, das sind zwei Prozent der Bevölkerung, Träger des Virus. Unter den Sechzehn- bis Vierzigjährigen, das sind 40 Prozent der Bevölkerung, sind besonders viele betroffen. Heute werden Aufklärungsprogramme in den Kirchengemeinden, den Schulen und in anderen Institutionen durchgeführt.

Der Präsident Sambias, Ken-neth Kaunda, ist ein glühender Christ. Sein Sohn ist an AIDS gestorben. Käunda rief über die Organisation für afrikanische Einheit (OAU) zum Kampf gegen AIDS auf. In Zaire wie in vielen anderen Ländern, in denen AIDS stark verbreitet ist, gibt es Aufklärung via TV- und Radiosendungen. Und in Nigeria haben sich im April 1988 24 Minister einer Untersuchung unterzogen, um ein Beispiel zu geben.

Schließlich rufen die Kirchen die internationale Hilfe an. Wenn man weiß, daß das Budget der Gesundheitsressorts in der Mehrzahl der afrikanischen Länder selten höher ist als etwa 20 Schilling pro Kopf und Jahr, kann man verstehen, daß nur große Organisationen wie die WHO einen Beitrag zur Suche nach einem Impfstoff leisten können. Seit Februar 1986 hat die WHO ein spezielles Programm für den Kampf gegen AIDS entwickelt. Heute bitten mehr als 80 Länder, unter ihnen fast alle schwarzafrikanischen Länder, um die Hilfe der WHO. In diesem Jahr sollten 13 Millionen US-Dollar in Äthiopien, Kenia, Rwanda und Tansanien investiert werden.

Die bischöflichen Deklarationen der afrikanischen Kirchen kann man als Nachdenken über die ethischen, moralischen und sozio-ökonomischen Probleme, die durch die Ausbreitung der Krankheit AIDS auf dem Kontinent entstanden sind, verstehen. Wie mögen die ökonomischen Folgen aussehen, da es besonders die produktivsten und die jüngsten Bevölkerungsgruppen trifft? Auf diese Besorgnis antworten die Kirchen: „Man darf den Mut nicht verlieren.“

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