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„Sie werden wie Kriminelle behandelt“

Anya Sarang und ihre NGO versuchen einer Gruppe in Russland zu helfen, die eine der am stärksten diskriminierten ist: Drogenabhängige. Diese sind besonders von der rasant wachsenden HIV/Aids-Rate in Russland betroffen. Doch die Politik wolle der Welt vermitteln, dass es kein HIV/Aids-Problem gebe, kritisiert sie. Wahr sei das komplette Gegenteil.

Sie sprach bei der Aids-Konferenz am Montag in Wien kurz nach Bill Clinton, dem amerikanischen Ex-Präsidenten. Doch der Vortrag der russischen Aktivistin Anya Sarang war noch beeindruckender als jener ihres prominenten Vorredners und ihre Botschaft war klar: Russland müsse seine harte Drogenpolitik ändern und Drogenabhängigen Drogenersatzprogramme (Substitution) und medizinische Hilfe zukommen lassen, um die HIV/Aids-Epidemie in Russland einzubremsen.

Die Furche: Frau Sarang, wie schätzen Sie die Situation von HIV/Aids in Russland ein?

Anya Sarang: Leider ist die Situation sehr ernst. UNAIDS (das UN-Programm im Kampf gegen HIV/Aids; Anm.) schätzt die Zahl HIV-positiver Menschen auf 1,5 Millionen. Ich schätze, es sind noch mehr. Es hat bereits das Ausmaß einer Epidemie erreicht und die Zahl ist wachsend. Die rasante Ausbreitung geht auf Drogenabhängige zurück, die Spritzen verwenden. Über diesen Weg breitet sich die Infektion rasant aus. Leider macht die russische Regierung kaum etwas im Bereich Prävention, vor allem nicht für die am meisten gefährdeten Gruppen wie Drogenabhängige, Sexarbeiterinnen und Migranten.

Die Furche: Ignoriert Russland die rasante Ausbreitung des Virus?

Sarang: Es gibt eine klare politische Linie: Die staatliche Führung will Russland weltweit als Land präsentieren, das dieses Problem nicht hat; Russland ist ein zivilisiertes Land, das mit seinen Problemen umgehen kann. Leider sieht die Realität ganz anders aus.

Die Furche: Was macht Ihre Organisation und was kann sie machen?

Sarang: Wir haben diese Organisation deshalb gegründet, weil es niemanden gab, der sich für die Gesundheit von drogenabhängigen Menschen einsetzte. Diese sind wahrscheinlich die am meisten diskriminierte Gruppe in Russland, nicht nur in ihrem Zugang zu medizinischen Leistungen, sondern auch, weil sie stigmatisiert werden. Sie werden von der Bevölkerung und Regierung als Kriminelle gesehen. Sie sind aber Patienten, die medizinische Hilfe brauchen. Wir versorgen Drogenabhängige mit Kondomen, Spritzen und anderen präventiven Material. Doch unsere Hauptaufgabe ist, dass wir uns auf nationaler Ebene für die Anliegen Drogenabhängiger stark machen. Das verläuft aber schwierig. Es gibt praktisch keine Antwort der politischen Führung, und wenn, dann ist diese klar gegen präventive Programme gerichtet. Wir arbeiten auch auf internationaler Ebene, um auf die Situation in Russland aufmerksam zu machen.

Die Furche: Substitutionsprogramme sind also in Russland verboten?

Sarang: Ja, das Gesetz verbietet die Behandlung mit Substitutionspräparaten. Bei Programmen, die saubere Nadeln an Drogenabhängigen verteilen, ist es anders. Diese sind zwar nicht illegal, es gibt sie auch, aber seit der neuen nationalen Strategie gegen Drogen sind diese Programme nun wieder mehr ins illegale Eck gerückt worden. HIV-Präventionsprogramme müssen demnach vom Gesundheitsministerium und von der föderalen Drogenkontrollstelle genehmigt werden. Aber es wurden seither keine formalen Anleitungen entwickelt, um diese Programme zu genehmigen.

Die Furche: Sie haben in Ihrer Ansprache bei der Aids-Konferenz in Wien die Bedeutung der „Vienna Declaration“ hervorgehoben. (Diese Deklaration ist ein Appell zur Veränderung der Drogenpolitik in vielen Staaten, die anlässlich der Aids-Konferenz in Wien für Unterstützung wirbt). Was kann diese Deklaration verändern?

Sarang: Sie bedeutet für mich Hoffnung. Sie gibt die geeinte Stimme von Wissenschaftlern, Praktikern, Menschen, die mit HIV/Aids-Kranken und im Drogenbereich arbeiten, von Nobelpreisträgern und ehemaligen Staatsoberhäuptern wieder, dass der vielfach beschrittene Ansatz in der Drogenpolitik gescheitert ist, der unter dem Begriff „Krieg gegen Drogen“ bekannt ist. Wir erreichen nicht viel, wenn unsere Drogenpolitik darauf beruht, drogenabhängige Menschen zu kriminalisieren. Dieser Ansatz hat nicht die erwünschten Ergebnisse erzielt. Im Gegenteil: Die Zahl Drogenabhängiger nahm zu, Drogen wurden billiger, gesundheitliche und soziale Probleme haben sich verstärkt. Der künftige Ansatz soll auf wissenschaftlichen Ergebnissen, Menschenrechten und auf dem Zugangsrecht zu öffentlicher Gesundheitsversorgung beruhen.

Die Furche: Ihre NGO heißt „Andrej-Rilkow-Stiftung für Gesundheit und soziale Gerechtigkeit“. Wem ist diese Stiftung gewidmet, wer ist Andrej Rilkow?

Sarang: Er war unser Freund, ein großer Aktivist. Er war selbst drogenabhängig. Er war einer der Ersten, der für den Zugang zur Behandlung von Aids gekämpft hat, als es in Russland noch keine Behandlung gab. Aufgrund dieser Bewegung, der Andrej Rilkow angehörte, ist heute die Behandlung gegen Aids mehr oder weniger für alle Menschen zugänglich. Auch wenn es Probleme gibt. Andrej starb vor einigen Jahren, es ist ein großer Verlust für uns.

Die Furche: Kann Ihre Stiftung auf ausreichend finanzielle Unterstützung zurückgreifen?

Sarang: Das ist unser schwierigstes Problem. Das betrifft alle NGOs, die in Russland im Bereich HIV/Aids arbeiten. Im Land gibt es keine Fonds, weil die Regierung diese Arbeit nicht unterstützen will. Und außerhalb Russlands ist es sehr schwierig geworden, Spender zu finden, weil Russland mittlerweile als reiches Land eingestuft wird. Das ist dumm. Es gibt zwar viele reiche Leute, aber die große Mehrheit der Russen ist sehr arm. Wir erhalten daher wenige Spenden. Wir arbeiten großteils auf ehrenamtlicher Basis. Natürlich ist es schwierig, so zu arbeiten, aber unsere Arbeit werden wir trotzdem machen, auch wenn wir keine Spendengelder mehr haben.

* Das Gespräch führte Regine Bogensberger

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