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Weiterhin ein Stigma

Die Medizin hat große Fortschritte gemacht. Unsere Ängste und Voruteile sind geblieben.

Kaum jemand kennt einen HIV-Kranken persönlich. Viele haben jedoch den preisgekrönten Hollywood-Blockbuster Philadelphia gesehen. Darin verwandelt sich Tom Hanks binnen zwei Stunden Spielfilmzeit vom strahlenden Yuppie in einen ausgemergelten, todgeweihten HIV-Kranken. Für seine Darstellung des jungen Anwalts Andrew Beckett speckte Hanks fünfzehn Kilogramm ab und gewann einen Oscar. Das war 1994. Heute ließe sich der Film so nicht mehr realisieren. Warum? Weil das stereotype Bild des HIV-Kranken (jung, homosexuell) noch weniger stimmt als damals und vor allem weil die Medizin gewaltige Fortschritte gemacht hat.

Erfolg ohne Heilung

Auch wenn es in absehbarer Zeit keine Aussicht auf Heilung gibt, so hat die Medizin doch Wege gefunden, HIV zu einer chronischen Infektion zu machen, mit der sich älter werden lässt. Robert Zangerle, HIV-Spezialist an der Medizinischen Universität Innsbruck, spricht von "der größten Erfolgsgeschichte der letzten vierzig Jahre" und betont: "Bei uns an Aids zu sterben, ist heute eine extreme Rarität." Auch Manfred Kohrgruber vom Department für Dermatologie an der Medizinischen Universität sagt, dass HIV eine beherrschbare Krankheit geworden ist: "Es lässt sich damit leben wie mit Diabetes." Als anachronistisch erweist sich lediglich die Zuordnung der HIV-Unit zur Dermatologie. Früher litten Aids-Patienten oft an Hauttumoren, heute ist das nicht mehr der Fall. Und auch sonst sieht der durchschnittliche HIV-Patient nicht wie Tom Hanks in Philadelphia aus: Weder bleich noch mager und keinesfalls dem Tode nah. Im Gegenteil: "Viele unserer HIV-Patienten führen ein ziemlich normales Leben. Sie sind Bankangestellte oder Lehrer, fahren Ski oder laufen Marathon", erklärt Kohrgruber.

Die gut therapierten Patienten kommen rund alle drei Monate zur Routineuntersuchung. Dabei wird die Anzahl Viren pro Milliliter Blut gemessen. Liegt die Zahl unter fünfzig, so gilt die Therapie als optimal. Damit ist die Gefahr, eine Aids-definierende Erkrankung zu kriegen, sehr gering.

Gleichzeitig werden die Patienten noch von anderen Fachärzten betreut. "Vielleicht bekommen sie früher Herzprobleme, vielleicht werden sie früher zuckerkrank", erklärt Kohrgruber. Ein Zusammenhang zwischen beschleunigter Alterung und den Medikamenten wird vermutet, wissen tut man es aber nicht. Es fehlen einfach die Erfahrungen mit der Langzeiteinnahme von Medikamenten. Die Kosten, die wegen der HIV-Patienten für das Krankensystem entstehen, hält Zangerle für minimal: "Die meisten Patienten können ja normal arbeiten gehen und bezahlen auch ihre Steuern. Die HIV-Therapie ist deshalb geradezu günstig."

Obwohl heute fast alle Patienten gut auf die Therapie ansprechen, gibt es doch Dinge, die die HIV-Spezialisten nachdenklich stimmen. Beispielsweise wird jeder dritte HIV-Patient sehr spät entdeckt - nämlich erst dann, wenn sein Immunsystem stark geschwächt, beziehungsweise wenn Aids bereits ausgebrochen ist. Für den Einzelnen muss dies keine Katastrophe sein: Die Therapiemöglichkeiten sind beinahe gleich gut. (Allerdings können gleichzeitig auftauchende Begleiterkrankun-gen - wie etwa ein erkranktes Gehirn - zu irreparablen Schäden führen.) Für die Gesellschaft hingegen steigt mit der Spätdiagnose die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus bereits an jemanden weiterübertragen wurde.

Früheres und vermehrtes Testen böte eine Möglichkeit, die Ausbreitung von HIV zu bremsen. Nur: Österreich ist bereits Europameister im HIV-Testen. 80 von 1000 Österreichern lassen sich jedes Jahr auf HIV untersuchen. "Es wird zu viel getestet - und auch die Falschen", kritisiert Zangerle. Die Richtigen hat er anhand von drei Risikofaktoren festgemacht. Es sind dies - und Andrew Beckett alias Tom Hanks würde wieder nicht darunterfallen: Ältere Leute, Heterosexuelle und Migranten. Das Problem läge zum einen daran, dass diese Menschen die Möglichkeit einer HIV-Infektion verdrängen. Zum anderen aber auch daran, dass die behandelnden Ärzte ihren Patienten eine solchen Befund nicht zumuten oder zutrauen wollen.

Ächtung der Betroffenen

Kohrgruber stimmt dem zu: "HIV wird von vielen als Todesdiagnose empfunden, mit der man nicht konfrontiert werden will." Eine offenere Diskussion wäre wünschenswert. Und er fügt hinzu: "Es gibt immer noch zu viele Ängste - selbst von Seiten der Mediziner." Dabei sollte doch bekannt sein, dass HIV nicht durch Händeschütteln oder eine Umarmung übertragen werden kann.

Mit der Unwissenheit geht eine Ächtung der Betroffenen einher. Und die ist die letzten Jahre eher noch gewachsen, glaubt man dem HIV-Spezialisten. "Am stärksten leiden die Leute unter der Stigmatisierung in der Familie und am Arbeitsplatz." Er kenne Fälle, in denen die Leute ihren Job verloren haben, als bekannt wurde, dass sie an HIV leiden. Das Leben mancher heutiger HIV-Patienten unterscheidet sich diesbezüglich wenig vom HIV-kranken Hanks in Philadelphia.

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