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KINDER: PFEIL INS AUGE DES FEINDES?

Die Menschheit überspringt Milliardenhürden in immer kürzeren Zeitabschnitten. Um 1815 war die Ein-Mil-liarden-Grenze erreicht, 1930 lebten trotz des Ersten Weltkriegs zwei Milliarden Menschen, und obwohl der Zweite Weltkrieg 55 Millionen Opfer forderte, erblickte 1960 der dreimil-liardste Mensch das Licht der Welt. 1975 wurde der Viermilliardste geboren.

Der 11. Juli 1987 wurde von den Vereinten Nationen symbolisch zum Geburtstag des fünfmilliardsten Erdenbürgers erklärt. In den neunziger Jahren wird noch ungefähr eine Milliarde Menschen hinzukommen, was fast der Bevölkerung Chinas entspricht. Offizielle Schätzungen sprechen von annähernd 5,4 Milliarden Menschen, die zur Zeit die Welt bevölkern, doch es könnten auch etwas mehr sein angesichts der Tatsache, daß ein Teil der Länder seine Bevölkerungszahlen schönt, weil sie Erfolge ihrer Familienplanungspolitik vorweisen wollen.

Prognosen sind schwierig. Keine Statistik hat vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg gerechnet, niemand mit der Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt. Wer konnte beispielsweise 1946 mit dem Steigen der Lebenserwartung der Menschen in Sri Lanka innerhalb von zwölf Monaten um neun Jahre rechnen? Mit DDT wurde die Malariamücke erfolgreich bekämpft.

Mit Sicherheit wächst die Menschheit vorerst weiter, obwohl die Geburtenrate weltweit sinkt. Da aber in den nächsten Jahren ein hoher Prozentsatz der Weltbevölkerung das gebär- beziehungsweise zeugungsfähige Alter erreicht, muß die Gesamtzahl weiterwachsen.

Das Wachstum der Menschheit ist dabei im höchsten Maße ungleich: Standen vor einer Generation 0,9 Milliarden Bewohnern der Industrieländer 1,8 Milliarden Habenichtse der Dritten Welt gegenüber, so sind es heute 1,2 zu 4,2 Milliarden. In einer Generation dürfte das Verhältnis 1,4 zu 7,1 Milliarden sein. 95 Prozent des Zuwachses kommen aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Im Jahr 2025 werden in Java, einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde, statt wie heute 180 Millionen 263 Millionen leben. Indien dürfte bis zum Jahr 2030 China als menschenreichstes Land Uberholt haben.

Zur Zeit liegt das Wachstum auf dem Subkontinent bei ungefähr 18 Millionen pro Jahr, zweieinhalbmal die österreichische Bevölkerung. In Ägypten lebten um 1900 an die 2,5 Millionen Menschen, heute sind es 55 Millionen, bis 2020 werden es 100 Millionen sein. Unvorstellbar, was das für Städte wie Kairo bedeutet, die schon jetzt kaum in der Lage sind, ihre Infrastrukturen dem heutigen Bevölkerungs-Mehr anzupassen. Die Bevölkerung der Philippinen wird sich bis 2030 auf 130 gMillionen verdoppelt haben. Von den verbliebenen Resten des Regenwaldes der Philippinen wird dann nichts mehr übrig sein. Aber auch hier gilt, daß Naturlandschaft nicht ausschließlich durch von Menschen gestaltete Umwelt zu ersetzen ist.

Eine der großen Unbekannten in der Gleichung ist China, also jenes Land, das die rigoroseste Bevölkerungspolitik durchzieht. Ende der siebziger Jahre versuchte das kommunistische Regime, mit schon damals weltweit umstrittenen Methoden die Ein-Kind-Familie zu erzwingen. Ziel war, die Gesamtzahl der Chinesen nicht über 1,2 Milliarden Menschen steigen zu lassen. Inzwischen ist die durchschnittliche Kinderzahl wieder auf 2,3 gestiegen, in den nächsten Jahrzehnten werden in China zwischen 1,5 und 1,7 Milliarden Menschen leben.

Der Anstieg der Bevölkerungszahl in der Dritten Weif wird zum Teil auf Armut zurückgeführt. Da es eine funktionierende staatliche Altersversorgung nicht gibt und die arbeitsunfähigen Alten von den Kindern erhalten werden müssen, braucht man in vielen Ländern angesichts der hohen Kindersterblichkeit zahlreichen Nachwuchs. Dazu kommen tradierte Vorstellungen, daß beispielsweise der Mann in bestimmter Regelmäßigkeit seine Virilität unter Beweis stellen muß. In muselmanischen Gegenden treiben „zwei alte Schreckgespenster", wie die türkische Soziologin Nailia Minai erklärt, Frauen immer wieder in Schwangerschaften: Scheidung und Polygamie. In zahlreichen islamischen Ländern kann ein Mann seine Frau verstoßen. Ohne Ausbildung und Beruf kann sie sich kaum versorgen.

Auch die Angst, der Mann könnte sich eine oder mehrere jüngere Nebenfrauen, die fruchtbarer wären, nehmen, treibt sie in Schwangerschaften. In der Islamischen Republik Iran sind dem Mann vier Dauerehen und beliebig viele Zeitehen gestattet. Die Vielehe ist offiziell nur in der Türkei und in Tunesien verboten.

Unterstützt wird das Zeugen vieler Kinder von fundamentalistischen Geistlichen. Der Isfahaner Mullah Gharaati: ,Jedes neugeborene Kind ist später ein Es-gibt-nur-einen-Gott-und-das-ist-Allah-Sager mehr." Auf Plakaten im Irak stand: „Bekommt Kinder und ihr schießt einen Pfeil in das Auge des Feindes."

In manchen Regionen sind die natürlichen Mechanismen der Geburtenkontrolle zerstört worden. So gab es in Ladakh (Westtibet) sowohl die Monogamie als auch die Polygamie in beiden Varianten (mehrere Frauen oder mehrere Männer). Ziel war zwar stets, Nachwuchs in die Welt zu setzen, doch nie soviel, daß ein Bevölkerungsmehr entstehen konnte. Ladakh, eine Hochwüste im Himalaya, hat keinerlei Reserven an fruchtbarem Boden. Für die islamischen und hin-duistischen Nachbarn war die Vorstellung der Vielmännerei, die für buddhistische Ladakhis nichts Unmoralisches ist, eine Horrorvision.

Bedenkt man, daß jeden Tag an die 70.000 Inderinnen schwanger werden, aber nur 20.000 Menschen sterben, denkt man an die rüden Mittel, mit denen „family planning" auf dem Subkontinent in den siebziger Jahren betrieben worden ist (als Beispiel sei die Zwangssterilisation erwähnt), dann kann man ermessen, wie dringend der Regierung bevölkerungspolitische Maßnahmen erschienen, um den Absturz in noch größere Armut zu verhindern.

Nicht selten wird in Ländern der Dritten Welt gesagt: „Eigentlich sind wirgarnicht überbevölkert. Nur, wenn wir so leben würden wie die Reichen in den Industrieländern, wären wir es." Tatsächlich: Ein durchschnittlicher Mitteleuropäer, der in der Früh duscht, die Haare fönt, Kaffeewasser kocht, ein Ei und Toast zubereitet, verbraucht annähernd 20.000 Kilojoule. Das entspricht ungefähr0,8 Liter Öl. Mehr, als eine achtköpfige Land-famijie in Indien den ganzen Tag benötigt.

In den Drittweltländern investiert der traditionelle Bauer den Körpereinsatz von einer Kilokalorie, um zehn Kilokalorien Nahrungsmittel zu produzieren. In einem High-Tech-Land gelingt einem Bauern beim selben Muskeleinsatz eine Produktion von 5.000 Kilokalorien. Dies ist möglich, weil Traktoren, Mähdrescher, Bewässerung, Düngemittel, hochwertiges, gezüchtetes Saatgut und Pestizide zur Verfügung stehen. Das bedeutet, daß 50.000 Kilokalorien in den Boden gesteckt werden, um dieselbe Leistung wie in der Dritten Welt zu erzielen.

Wenn man die Energie- und Rohstoffansprüche der Ersten Welt berücksichtigt, wiegt deren Bevölkerung viel mehr als die der armen Länder wie Bangladesch. In einem guten Erntejahr können die Bangladeschi einigermaßen leben, ohne erschöpfli-che Ressourcen zu verbrauchen.

25 Milliarden Tonnen Kohlendioxid werden jährlich in die Atmosphäre gejagt. Ungefähr fünf Tonnen pro Kopf. Jeder Amerikaner Schafft 19 Tonnen, der Mitteleuropäer 14, ein durchschnittlicher Dritte-Welt-Bewohner nur 0,7. Klimatologen meinen, zwei Tonnen pro Erdenbürger wären angemessen, um Schäden zu vermeiden. So viel produziert ein Mitteleuropäer allein mit seinem Kleinwagen.

Dem zerstörerischen Wachstum der Bevölkerung im Süden steht ein Wirtschaftswachstum des Nordens gegenüber, das global zerstörerischer wirkt. Die Überproduktion, die Verschwendung endlicher Reserven wird von 25 Prozent der Menschen verursacht, die 80 Prozent der Energie verbrauchen und vier Fünftel der weltweiten Umweltverschmutzung hervorrufen.

Dem Traum nachzuhängen, daß das „Soziobrutalprodukt", so der Schweizer Ökonom Jost Krippendorf, noch immer steigerbar sein muß, ist erschreckend.

Die Armut, mitverursacht durch die Erste Welt begünstigende wirtschaftliche Strukturen (neben vielen hausgemachten Ursachen), ist das Pen-dent zum „Geldwertgelenkten Ausverkauf der Natur", wie die Sankt Gallener ökonomische Schule das ökologische Harakiri nennt. Ziel einer wünschenswerten Entwicklung muß die radikale Umgestaltung der Industriekultur sein, so daß sie Wohlstand schafft, ohne Natur zu verbrauchen. Nur dann wird die Erde den Menschen langfristig ertragen können. Und das ist nur sekundär eine Frage der Quantität, sondern primär eine der Verteilung.

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