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Raum für alle...

William Vogt stellt in seinem Buch „Road to Surival“ („Weg zum Uberleben“) die Behauptung auf, daß die Erde für die Ernährung der Menschheit, die sich trotz Kriege und Elend täglich um 70.000 Menschen vermehrt, zu klein geworden ist.

Viele Tatsachen scheinen diese Befürchtung zu bestätigen, die ja auch schon Malthus im Jahre 1789 ausgesprochen hat, der vor nun fast 200 Jahren die Anpassung der Bevölkerungszahl an die nur langsame Steigerung der Ernten forderte. So die würgende Hungersnot in Indien, die immer wiederkehrenden Katastrophen in China, und der Umstand, daß Ägypten, das einst Rom mit Brot versorgte, nun jährlich eine Million Tonnen Weizen einführen muß. Rußland, das vor dem ersten Weltkrieg Jahr für Jahr elf Millionen Tonnen Getreide Verkaufte, stellt heute nur weniger als ein Zehntel dieser Menge anderen Ländern zur Verfügung. Und Asien, das noch vor zehn Jahren 5,5 Millionen Tonnen Lebensmittel ausführen konnte, bezieht heute hm 8,8 mehr, als es exportiert!

Und doch: die Früchte des Bodens genügten noch immer für die Ernährung der Menschen! Ja, man kann annehmen, daß die Ernährung des Urmenschen, dem doch so weit ausgedehnte Flächen für seine Versorgung zur Verfügung standen, weit spärlicher war als die des heute lebenden! Der Fortschritt der Landwirtschaft bewirkte eben eine außerordentliche Erhöhung der Ernten und die Verbesserung des Verkehrs ermöglichte einen Ausgleich der örtlichen Überschüsse und Abgänge, der — freilich friedliche Verhältnisse vorausgesetzt — das Entstehen von Hungersnöten fast ausschließt und damit auch die stete Furcht unserer Vorfahren vor dem Hunger beinahe unangebracht erscheinen läßt.

Die eben erwähnten „Beweise“ der Gefährdung der menschlichen Ernährung können leicht widerlegt werden: Ägypten hat sich auf Kosten des Getreidebaues dem weit lohnenderen Anbau von Baumwolle, Reis Und Zwiebeln zugewendet; Rußland hat große Umstellungen in seiner wirtschaftlichen Gliederung vorgenommen, und in Asien entstanden aus ehemaligen Kolonien mit straffer Führung acht Heue Staaten, die erst noch die Kriegsschäden überwinden und ihre Wirtschaft unter größten Schwierigkeiten neu aufbauen müssen. Dazu kommt noch, daß überall die Lebensansprüche ständig ansteigen, daß der anspruchsvolle Weizen den Roggen, den Mais und die Hirse verdrängt und der Verbrauch an Erdäpfeln zurückgeht. Den angeführten düsteren Voraussagen stehen — erfreulicherweise — auch zuversichtlich stimmende Tatsachen gegenüber: Schon Thü-nen erwartete im Jahre 1826 von der Einführung gewisser Maßnahmen eine Verdreifachung der Ernten, die ja auch tatsächlich erreicht, ja vielfach sogar erheblich übertroffen wurde, und Penk kam im Jahre 1924 zur Überzeugung, daß die Erde 7,7 Milliarden Menschen ernähren könne; Hollstein nimmt im Jahre 1937 an, daß 13,3 Milliarden Menschen mit den Produkten der Erde das Auslangen finden werden können.

Jedenfalls steht nach allen Erfahrungen fest, daß die Erzeugung von menschlicher Nahrung noch ganz wesentlich gesteigert werden kann:

1. Durch Ausdehnung der Ackerfläche, in Mitteleuropa durch teilweise Umwandlung mancher Wiesen, in bescheidenstem Umfang auch von Wald. In Übersee sirtd noch große Gebiete der landwirtschaftlichen Kultur erschließbar. So leben beispielsweise in Neuguinea nur 0,7, in Brasilien nur vier, in Kanada nur sechs, in Argentinien nur sieben und in Südafrika nur dreizehn Prozent der Menschen, die der vorhandene Boden leicht ernähren könnte. In China werden nur 1,36 Millionen Quadratkilometer genutzt und 4,89 harren noch der Kultivierung. In Indien steheh eine Million in Ertrag stehender eine halbe Million Quadratkilometer nichtbewirtschafteter Fläche gegenüber!

2. Durch bessere Verteilung des Wassers, durch Ent- und vor allem durch ausgedehnte und richtig organisierte Bewässerung. Für die wünschenswerte Steigerung der Ernten entscheidend ist ferner

3. die Erhaltung des heute bereits nutzbaren Bodens durch einen ständigen und beharrlich fortgesetzten Kampf gegen Vermurungen, Lawinen, Verkarstung Und Erdabtrag durch Wind und Wasser. (Heute schwemmt der Mississippi alljährlich 400 Millionen Kubikmeter Erde ins Meer!) Von Bedeutung ist

4. die Regelung der Eigentums- und Nutzungsverhältnisse des Bodens. Es Ist notwendig, das Interesse des Bebauers an der Erzielung höherer Ernten in jeder Hinicht zu steigern, was in vielen Ländern mit vorwiegendem Latifundienbesitz nur durch eine vernünftige Bodenreform erfolgen kann. Es ist vor allem auch

5. notwendig, die Produktion, insbesondere in den noch wenig entwickelten Gebieten, durch bessere Ausnützung der auf die Erde einstrahlenden Sonnenenergie, durch verbesserte Technik der Bodenbestellung, des Anbaues, der Düngung und der Schädlingsbekämpfung zu erhöhen, dann auch durch Züditung ertragreicher Sorten und Pflanzen und das Futter gut verwertender Haustieie *. Ohne Zweifel eröffnet die Änwenduhg neuer Erkenntnisse der Wissenschaft ungeahnte Möglichkeiten, wie — um nur wahllos einiges aussichtsreich Erscheinendes zu nennen — die Anwendung ultravioletter Strahlen zur Bekämpfung schädlicher Pilze, die Düngung mit „Sporenelementen“, der planmäßige Zusatz von Vitaminen und Hormonen zum Futter, allgemeine Ausnützung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, durch die Erzeugung von Pflanzenmasse durch Einwirkung kühstlichen Lichtes und Züchtung ganz neuer Gewächse. Welche Aussichten gerade auf diesem Gebiete bestehen, läßt uns die Zuckerrübe ahnen, die vor 200 Jahren nur gelegentlich als Salat oder als Arzneipflanze Verwendung fand, heute aber den riesig angestiegenen Zuckerbedarf der Welt fast zur Hälfte deckt, ein Erfolg, der auf die verständnisvolle Zusammenarbeit von Wissenschaft, Technik und LandbaU zurückzuführen ist. Von anderen Pflanzen und Pflanzenteilen Wissen Wir — vorläufig nur theoretisch —, daß sie in der Lage wären, große Mengen von Nahrungsmitteln hervorzubringen, wie zum Beispiel die Süßwasseralge Chorella, die bei genügender Lichtzufuhr große Massen hervorzubringen vermag. Wir kennen zum Beispiel auch die Möglichkeit, Zucker aus Holzabfällen herzustellen, und köhnen mit Bestimmtheit annehmen, daß diese und viele andere Möglichkeiten, die früher oder später ihre praktische Anwendung finden werden, Nahrung für Millionen schaffen werden. Natürlich wird es auch notwendig sein,

6. für eine möglichst zweckmäßige Verwendung und Ausnützung aller vorhandenen Nahrungsmittel zu sorgen: man bedenke, daß durch eine vorzugsweise Ernährung der Menschen mit pflanzlichen Erzeugnissen die Ernten weit besser ausgenützt werden, wie wenn sie erst über den Viehmagen „veredelt“ werden. So liefern die auf einem Hektar wachsenden Erdäpfel dem Menschen beim direkten Verbrauch etwa 15,2, auf dem Umweg über das Schwein aber nur 2,3 Millionen Kalorien! Der Vegetarier verbraucht täglich 1,2 Kilogramm Getreide, der Fleischesser aber in mannigfach veredelter Form 6,6 Kilogramm! Durch Ersatz der Zugtiere durch Motoren werden große Flächen, die heute Futtermittel hervorbringen, für die Erzeugung von menschlichen Nahrungsmitteln frei, und große Mengen von wertvollstem Gut bleiben erhalten, 'wenn die Verluste, die heute durch Feuer, Verfaulen und Vergären (vor allem bei der Brotherstellung) verursacht werden, durch einwandfreie Lagerung, richtige Haltbarmachung, bessere Verteilung der örtlichen und zeitlichen Uberschüsse und neuartige Verfahren verhindert werden. Von Wichtigkeit ist noch

7. die möglichst richtige Verwendung tler Lebensmittel in der menschlichen Ernährung, det Ersatz der Masse durch die Güte, verbunden mit dem Kampf gegen Zahnfäule, Magenleiden, Pellagra usw. Endlich sei noch

8. an den Wohl Unerschöpflichen Vorrat an Nährwerten erinnert, den unsere Meere beherbergen. Man nimmt an, daß ein Kubikmeter Meerwasser 1,5 Gramm Eiweiß und 3,9 Gramm Kohlehydrate enthält, alle Meere zusammengenommen — nach August Krogh — den Nährwert von 20.000 Getreideernten. Mit de,r Ausnützung dieser Vorräte hat man kaum begonnen. Wohl verarbeitete Deutschland bereits 1938/39 242.000 Tonnen Walöl auf Margarine und deckte damit ein Fünftel des Gesamtverbrauchs, und Island führte zu gleicher Zeit für 70 Millionen Kronen Heringöl aus. Aber all dies sind nur lächerlich geringe Mengen im Vergleich zu den noch ungehobenen Schätzen!

Es bestehen jedenfalls Gründe genug für eine zuversichtliche Auffassung der Frage der Ernährung def Menschheit, doch nur dann, wenn die Vorfrage gelöst werden kann: Wird es immer gelingen, die Wasserversorgung der Menschen, Tiere und Kulturpflanzen sicherzustellen?

Die fortschreitende Ausdehnung aller Wüstengebiete und — was für uns rtöch viel naheliegender ist — die Absenkung aller Grundwasserstände (nur zu gut sichtbar auch In der Lobau Uhd im Wiener Prater), vor allem eine Folge der Verwüstung und des Schwindens vieler Wälder, die ja die Mütter der Quellen sind, läßt es leider nicht zu, diese für alle Zukunft entscheidende Frage mit einem unbedingten Ja zu beantworten!

Wenn wir also unseren Nachfahren gegenüber nicht schuldig werden wollen, müssen wir alles tun, um die Wälder zu erhalten, und damit auch das Wasser und so — auf weiteste Sicht — die Voraussetzung für die Sicherung des mensch-l'chen Lebens.

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