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Des Zauberlehrlings Besen

Zu den fragwürdigsten Schlagworten unserer Zeit gehört die Phrase von der friedlichen Verwertung der Atomenergie. Es vergeht kein Tag, andern uns nicht von irgendeinem Politiker versichert wird, daß er sich für den Bau von Atomwerken einsetzen werde, sieht man doch in ihnen geradezu Symbole künftigen Wohlstandes und den endgültigen Triumph der Menschheit über die Schöpfung.

Inzwischen hat es sich aber doch schon herumgesprochen, daß mit diesen Errungenschaften nicht zu spaßen ist und der einfache Mann begann sich die naheliegende Frage zu stellen, ob die überdimensionalen Experimente innerhalb unserer Erdatmosphäre nicht nur ihrem Ziele nach als Vernichtungsmittel größten Ausmaßes ungerechtfertigt, sondern im Hinblick auf klimatische und biologische Gesichtspunkte nicht auch unvorhergesehene Folgen auslösen können. In diesem Sinne hat die Atomenergie für die Menschheit dieselbe Bedeutung wie alle Besen für den Zauberlehrling: Die wir riefen, die Geister, werden wir nicht mehr los.

Gewiß hat es abnormales Wetter und Unwetterkatastrophen zu allen Zeiten gegeben, doch blieben aber diese Fälle immer nur auf verhältnismäßig kleinere Gebiete beschränkt. Schließlich errechnete aber auch das englische meteorologische Institut von Greenwich auf Grund gemeldeter Regenmessungen von über hundert Wetterstationen der Erde, daß die Weltregenmenge im vergangenen Jahre sich fast verdoppelt hat. Weiter haben die durch dieses Institut durchgeführten Messungen eine starke Zunahme der höheren Luftschichten an atomarem Wasserstoff ergeben. Wenn uns nun auf internationalen Tagungen beruhigend versichert wird, daß beispielsweise die amerikanische Atomenergiekommission festgestellt habe, daß die über Nordamerika durch Atombombenexplosionen verursachten Strahlungen auf den einzelnen Menschen „noch“ keinen größeren Einfluß haben als eine Röntgendurchleuchtung, so verschlägt es einem über eine derartige'Bericht-erstattung einfach den Atem. Gewiß, eine einmalige Brustkqrbdurchleuchtung ist ungefährlich — aber jede Röntgenschwester weiß, warum sie die schwere Bleischürze tragen muß. wenn sie im Bereiche auch nur geringer Strahlungsfelder tätig ist. Hören wir aber auch noch die Meinung des Franzosen Louis de Broglie, eines der bedeutendsten europäischen Atomforscher, der durch seine Arbeiten über die Wellennatur der Elektronen seit 1929 Nobelpreisträger ist und der zu diesen Fragen vor der französischen Akademie der Wissenschaft erklärt hat, daß die gewaltigen, radioaktiven Staubwolken, die durch diese Versuche entstehen, wohl imstande sind, sintflutartige Regengüsse, Verminderung der Sonnenstrahlung und abnormale Temperaturen herbeizuführen.

Wie liegen nun die Dinge bei den Atomkraftwerken? Wie wir wissen, werden beim Zerfall radioaktiver Elemente enorme Strahlungsenergien frei, die dann über den Weg von Wärmekraftmaschinen nutzbringender Verwendung dienen können. Diese Strahlungen, das heißt der Zerfall radioaktiver Substanzen unterliegt unumstößlichen Gesetzen, die durch keinerlei menschliche Eingriffe zu beeinflussen sind. Die Zeitdauer, die vergehen muß, bis sich das betreffende Element auf die Hälfte seiner Menge verringert hat, bezeichnet man mit „Halbwertszeit“, und sie erstreckt sich je nach Atomart von Bruchteilen einer Sekunde bis zu Jahrtausenden und wurde beispielsweise für Kohlenstoff 11 C auf zwanzig Minuten, für Kohlenstoff 14 C auf fünf bis zehntausend Jahre und für Uran I auf 4,5 Milliarden Jahre berechnet. Wir ersehen daraus die schwerwiegende Tatsache, daß ein einmal begangener Denkfehler in der Unterschätzung der Strahlenverseuchung in Verbindung mit den schädlichen Auswirkungen ein nie aus der Welt zu schaffendes Unheil bedeutet.

Worin bestehen nun die für die gesamte Menschheit so schwerwiegenden Gefahren der Atomwerke? Vorerst sind es bei den Trennungsprozessen von Uran und einer Anzahl radioaktiver Isotopen frei werdendes flüchtiges Jod und Krypton, die durch hohe Werksschlote ununterbrochen in die Luft geblasen werden. Kein Geringerer als der englische Gelehrte Professor Frederik Soddy, der im Jahre 1921 den Nobelpreis über „Die Chemie der radioaktiven Stoffe und die Natur der Isotopen“ erhielt, hat sich bereits sehr eindeutig zu diesen Fragen geäußert, wenn er sagte: „Unsere Forschungszentren ergießen jeden Tag pfundweise radioaktives Material in die Atmosphäre. Man behauptet zwar, daß jedes radioaktive Teilchen, das in den Abzuggasen dieser Werke enthalten ist, vor dem Austritt aus dem Schornstein filtriert wird. Dies zu sagen heißt, sich über die Menschen lustig machen. Wenn diese Abzuggase wirklich unschädlich gemacht werden könnten, warum, zum Teufel, hat man diese gigantisch hohen Schlote gebaut? Niemand weiß heute, welche Gefahren wir heraufbeschwören, wenn der Vermessenheit menschlichen Forschungsdranges nicht ein Ende gesetzt wird.“

Soweit die Stimme einer wissenschaftlichen Kapazität. Mit diesen, das Luftmeer der Erde verseuchenden und langsam Klima und Wetter ändernden Gefahrenquellen ist es aber noch nicht abgetan. Die in den Atomreaktoren entstehenden, unentwegt strahlenden, schlackenartigen Abfallprodukte sind heute bereits das größte Sorgenkind im Bereich der Atomwerke und morgen wahrscheinlich der ganzen Menschheit. Wenn man bedenkt — und es ist kein Druckfehler —, daß bereits gegenwärtig die jährliche Weltmenge dieser Abfallprodukte einer Strahlungskraft von etwa 400 Tonnen Radium gleichkommt und die durch keine menschliche Macht „entschärft“ werden kann, ehe nicht die naturbedingte Zerfallszeit abgelaufen ist, so vermag sich auch der Laie das Dilemma auszumalen, in das wir mit unserer „friedlichen Verwendung der Atomenergie“ hineingeraten sind.

Bei der im Frühjahr veranstalteten Atomausstellung in Wien wurden diese Fragen mit keinem Worte erwähnt. Ich fragte demnach coram publico einen der dort tätigen Experten, was mit den radioaktiven Rückständen, zu denen auch die strahlungsverseuchten Kühlwässer gehören, geschehe, worauf ich zur Antwort bekam, man fülle damit aufgelassene Bergwerke. Auf meine Entgegnung, daß in diesem Falle innerhalb kurzer Zeit das Grundwasser und die ganze Umgebung strahlenverseucht würde, meinte er ausweichend, man trage sich auch mit der Absicht, diese Produkte mit Raketen in den Weltraum zu schießen. Daß darauf die Zuhörer zu lachen begannen, sei nur am Rande vermerkt, es zeigt aber die Unbeschwertheit, mit der sich die Menschheit anschickt, über Tatsachen hinwegzugehen, von deren Auswirkungen sich auch ein Phantasiebegabter kaum eine Vorstellung machen kann. In Wahrheit stellt man aber auch in Amerika, trotz großer unbesiedelter Gebiete, diesen Problemen völlig uneinig gegenüber und es besteht- die Gefahr, durch die täglich anfallenden Massen dieses gefährlichen Materials in Zeitnot zu geraten und zu übereilten Lösungen zu gelangen. So ist man bald dahintergekommen, daß aufgelassene Bergwerke, wie überhaupt „Erdbegräbnisse“ dieser Produkte nur dann halbwegs verantwortbar wären, wenn das feste und flüssige Material in undurchlässigen Tanks zur Einlagerung käme. Bei der Menge dieses Abfalles stellen sich aber dieser Lösung die hohen Kosten entgegen, wie auch die durch die Gefährlichkeit bedingten, enorm hohen Transportspesen, welche die Rentabilität der Atomwerke überhaupt in Frage stellen würden.

Wissenschaftlich gesehen haben die Physiker ihre berufsmäßige Aufgabe gelöst, aber wo bleiben die warnenden Stimmen der Aerzte und Biologen, denen doch bekannt ist, daß auch geringe radioaktive Strahlungsdosen bei genügend langer Einwirkung auf Mensch, Tier, Pflanze und Mikroben Veränderungen der Erbmasse, das heißt Mutationen auszulösen vermögen, die, im großen provoziert, eines Tages alle medizinischen Erkenntnisse über den Haufen werfen können? Vergessen wir auch nicht, daß längst nach dem Bombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki durch Schädigung der Erbmasse jedes siebente Kind anormal und dreißig überhaupt gehirnlos zur Welt kamen. Denken wir an die dreiundzwanzig japanischen Fischer, die, hunderte Kilometer vom Wasserstoffbombenspielplatz entfernt, zu bedauernswerten Opfern dieses Unfugs wurden und jetzt unrettbar einem grauenvollen Ende entgegengehen.

Es ist menschlich begreiflich, daß die europäischen Physiker sich nicht nur allein mit dem Studium ausländischer Fachliteratur auf die Dauer begnügen, sondern sich auch praktisch in den Forschungsgang einschalten wollen. Gegen diese Bestrebungen ist, so weit sie sich im Rahmen labormäßiger Grenzen halten, nichts einzuwenden. Atomwerke jedoch im Herzen eines dichtbesiedelten Europa bedeuten eine Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß. Im Jahre 1946 schrieb ein bekannter österreichischer Physiker den auch heute noch gültigen Satz: „Es liegen nicht die geringsten Anzeichen dafür vor, daß durch'die Entdeckung der Atomenergie die Wasserkräfte entwertet werden können..,“ Sollen zu den heute bereits durch industrielle Abwässer verseuchten Flüssen, zu den durch Raubbau vernichteten Wäldern, sich als abschließende Katastrophe auch noch die Vergiftung der Atmosphäre und der Weltmeere gesellen? Wer gibt einer Handvoll von Ehrgeiz und Rücksichtslosigkeit besessenen Hasardeuren und ihren unwissenden Hintermännern das Recht, die uns gottgegebene Welt als Freiluftlaboratorium und die Menschheit als Versuchskaninchen zu mißbrauchen?

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