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Die Natur wirtschaftlich rechenbar machen

1945 1960 1980 2000 2020

Mit seinem ersten Bericht, „Die Grenzen des Wachstums”, wurde der „Club of Rome” schlagartig weltbekannt, warnte er doch vor dem absehbaren ökologischen Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Wie sieht der Club die Situation heute?

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Mit seinem ersten Bericht, „Die Grenzen des Wachstums”, wurde der „Club of Rome” schlagartig weltbekannt, warnte er doch vor dem absehbaren ökologischen Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Wie sieht der Club die Situation heute?

Mit Wehmut blickt er auf die Jahre seit dem Erscheinen . dieses ersten Berichtes zurück - und mit einem gewissen Erstaunen. Denn eigentlich seien die Aussage von den Grenzen des Wachstums trotz heftiger Kritik nicht widerlegt worden. Und dennoch habe sich nichts Entscheidendes am Verlauf der Dinge geändert. Wie war das möglich?

Die Antwort der Autoren: Die Welt stehe nach wie vor im Banne des Glaubens an ein unbegrenztes Wirtschaftwachstum. Es habe metaphysischen Charakter: „Der Widerstand, auf den Die Grenzen des Wachstums stößt, ist so hartnäckig, daß offensichtlich andere Kräfte als rein wissenschaftliche am Werk sind.” Daher auch die Blindheit gegenüber den negativen Folgen des Wachstums.

Dem halten die Autoren entgegen, daß es keine „Gesetze einer wirtschaftlich unabdingbaren Ordnung gibt,..., daß die Volkswirtschaftslehre eine Sammlung von Theorien und nicht eine Naturwissenschaft ist...”

Und: „Es gibt kein unausweichliches Schicksal, das die Menschheit zu unbegrenztem Freihandel verdammt, zur Übernutzung der Natur und der Arbeitskraft, zur Erschöpfung der natürlichen Bessourcen ...” Wir hätten die Möglichkeit, unsere Wirtschaft anders zu organisieren.

Es müsse doch zu denken geben, daß seit den Anfängen der modernen Ökonomie ein konsequenter Kampf gegen die Knappheit geführt wird und dennoch heute weltweit Situationen akutel” Knappheit auftreten.

Am deutlichsten erkennbar werde die neue, erzeugte Knappheit an der Überbeanspruchung der Umwelt: „Grasland ist überweidet, die Fisch-gründe überfischt... Die Gewässer leiden unter immenser Verschmutzung und Ausbeutung der Beserven ... Das Gleichgewicht der Atmosphäre ist gefährdet ... Die noch nicht kultivierten Waldgebiet - die zur Stabilisierung des Klimas beitragen, W7asservorräte regulieren und die Mehrheit aller Arten auf dem Land beherbergen - werden gezielt gerodet.”

Einige Zahlen illustrieren das:

■ Ackerland: Es umfaßt weltweit ein Fläche von 1,44 Milliarden Hektar. Enorme Flächen werden industriell-urbanen Zwecken geopfert (35 Millionen Hektar allein in China zwischen 1957 und 1990). 550 Millionen (mehr ak ein Drittel) verlieren wegen mangelhafter Anbaumethoden Ackerkrume.

■ Weide- und Grasland: Es erstreckt sich auf rund 3,4 Milliarden Hektar, die 3,3 Milliarden Tiere ernähren. Seit Mitte des Jahrhunderts sei es zu Qualitätseinbußen auf 680 Millionen Hektar (ein Fünftel) durch Übernutzung gekommen.

■ Fischbestände: 1990 wurden weltweit 97 Millionen Tonnen Fische gefangen. Das ist fünfmal mehr als 1950. Die Tendenz der Fangergebnisse ist seit 1989 rückläufig. „Solange die derzeitige Praxis fortgesetzt wird, ist es unwahrscheinlich, daß die Anzahl der Fische wieder zunimmt.”

■ Süßwasser: In 26 Ländern (vor allem Afrika und im Nahen Osten) sind die Wasserreserven nicht mehr ausreichend. Wassermangel beeinträchtige die landwirtschaftliche Produktion, denn ein Drittel der Welternte wächsj; in 16 Prozent bewässerten Agrar gebieten.

■ Wälder und Waldgebiete: Im Vergleich zum Jahr 1700 ist die Wald-fläche um 24 Prozent zurückgegangen: auf 3,4 Milliarden Hektar. Allein zwischen 1980 und 1990 wurden 130 Millionen Hektar abgeholzt.

Darüberhinaus sei folgendes zu bedenken: Es gebe eine „äußere Grenze der Tragfähigkeit” der Erde: die Menge an Sonnenenergie, die durch Photosynthese in biochemische Energie umgewandelt wird. Das waren ursprünglich ungefähr 150 Milliarden Tonnen. Schätzungen zufolge habe die Erde rund zwölf Prozent davon bereits eingebüßt. 27 Prozent würden derzeit genutzt. Damit hat sich die Menschheit die 40 Prozent am leichtesten zugänglichen Kapazitäten angeeignet. Geht man von der weiterhin steigenden Nutzungstendenz aus (einer Verdoppelung in den nächsten 60 Jahren), so erkenne man, daß diese Grenze bald in Beichweite ist.

Das Inlandsprodukt ist das falsche Maß

So wird die Frage immer drängender, wie man dieser bedenklichen Entwicklung gegensteuern könne. Die Forschergruppe um Wouter van Die-ren sieht einen Ansatzpunkt in der Änderung des ökonomischen Meßverfahren. Weil die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGB) entscheidend für alle wirtschaftlichen Überlegungen ist, müsse man hier ansetzen. Dieses Bechensystem erfaßt nur die wichtigsten wirtschaftlichen Transaktionen eines Landes.

Dennoch diene das Bruttoinlandsprodukt (die Summe all dieser Transaktionen) als Maß für den Wohlstand. Politik und Medien messen daran den Gesamtfortschritt. Hier werde die Gesellschaft „mit einem falschen Kompaß geleitet”. Denn sie verbraucht auf dem Weg des Wachsens ihre natürliche und soziale Basis, merke es aber nicht, weil diese Fakten zahlenmäßig nicht erfaßt werden.

Man müsse den richtigen Kompaß entwickeln, also geeignete Fortschrittsindikatoren. Seit längerem

mehren sich nunmehr die Bemühungen, Indikatoren für eine solche Wohlstandsmessung zu konzipieren. UNDP, die Weltentwicklungsbehörde hat einen „Index der menschlichen Entwicklung” erarbeitet, der aus Lebenserwartung, zwei Bildungsindikatoren und dem pro-Kopf-BlP besteht.

Von Herman Daly und John B. Cobb wiederum stammt der „Ind<*x des nachhaltigen wirtschaftlichen Wohlstands”. Er zeigt für die USA und England schon seit längerem an, daß der Wohlstand trotz weiterhin steigendem Bruttoinlandsprodukt fallende Tendenz hat.

Um hier klarer zu sehen, bedürfe es einer konzenrtierten internationalen Anstrengung zur Entwicklung neuer Meßverfahren.

Das von den Vereinten Nationen 1993 veröffentlichte Handbuch zur „Integrierten Volkswirtschaftlichen und Umweltgesamtrechnung” erscheint den Autoren als erster Schritt in diese Richtung. Es sieht eine über die rein wirtschaftlichen Kenngrößen hinausgehende Erfassung auch des nicht-produzierten Naturvermögens (wilde Pflanzen, Bodenschätze, Wasserreserven und Land) vor, „zumindest in dem Maße, in dem diese in Marktwerten ausgedrückt werden können”. Diese Erweiterung der VGR sollten national so rasch wie möglich umgesetzt werden.

Allerdings sei da noch eine Fülle von Vorarbeiten zu leisten, denn nach wie vor sei die konkrete Vorgangsweise im einzelnen umstritten. Hier fordern die Autoren das Beenden des Gelehrtenstreits. Die Zeit dränge nämlich.

Und damit sind wir bei dem zentralen, zum Teil etwas unübersichtlich, aber ausführlich behandelten Anliegen des Buches. Man müsse die Natur rechenbar machen und in unser ökonomisches System einbauen: „Der Club of Rome ruft zu einer Integration von Werten der ökonomischen Umweltnutzungen in das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen auf. Die gegenwärtige Vorgehensweise, Ressourcen aufzubrauchen und diesen Verbrauch als „Einkommen” bzw. „Wachstum” zu bewerten, darf nicht länger fortgeführt werden.”

Solange hier keine Änderung stattfindet, würden weiterhin die Weichen falsch gestellt. Das gelte vor allern für die technische Entwicklung. Ihre Ausrichtung: „Beschäftigung überflüssig zu machen, da dies der Schlüssel zur Steigerung der Arbeitsproduktivität sei. Gleichzeitig wird die Expansion des Marktes als einzige Lösung betrachtet, die so entstandene Arbeitslosigkeit aufzufangen...”

Dieser Ansatz habe sich längst als nicht funktionstüchtig erwiesen. In den letzten 20 Jahren ist nämlich die Arbeitslosigkeit in Europa von zwei bis drei Prozent Anfang der siebziger Jahre auf derzeit zehn bis zwölf Prozent gestiegen. Und 20 bis 25 Prozent liegen im Bereich des Möglichen.

Endlich Ökosteuern einführen!

Statt die Arbeitsproduktivität zu erhöhen, gelte es, die Bessourcenpro-duktivität zu steigern. Das sei bisher vernachlässigt worden. So sei die Energie-Effizienz in Japan in den letzten 20 Jahren nur um 20, in Deutschland sogar nur um 10 Prozent gestiegen. Erforderlich aber wäre eine Vervierfachung. Ähnliches könne für Rohstoffe gesagt werden. Die Schlüsselbegriffe sind hier „Langlebigkeit, Wiederverwertung, Wiederverwendung und reduzierte Transportansprüche. Was ganz eindeutig fehlt, ist eine vernünftige Politik, die Stoffströme zu verringern.”

Die Preise müßten endlich die ökologische Wahrheit sprechen. Als Instrumente kämen „Vorschriften, Gesetze zur Eindämmung von Umweltverschmutzung, die Abschaffung von Subventionen, handelbare Emissions-rechte, Steuern und Abgaben” in Frage. Ökosteuern würden langfristig die Weichen der technischen Entwicklung umstellen. Sie dürften allerdings nicht dazu dienen, Budgetlöcher zu stopfen. Vielmehr sollte man die Lohnnebenkosten im Gleichschritt mit der Erhöhung der Ökosteuern senken. Der Club of Borne unterstützt einen Vorschlag Ernst Ulrich von Weizsäckers, die Rohstoffpreise jährlich um fünf Prozent zu verteuern -und das über einen Zeitraum von 40 Jahren hinweg.

Eine internationale Harmonisierung in der Vorgangsweise scheine nicht unbedingt erforderlich, meint Wouter van Dieren, sie wäre der Verwirklichung des Anliegens aber sehr dienlich: „Sollte diese Neuorientierung nicht unbedingt auf die Tagesordnung der G7, der OECD oder der betreffenden UN-Institutionen gesetzt werden?”, fragt er und schließt den jüngsten Bericht des Club of Borne mit der Feststellung: „Unsere erste Botschaft war, alles Wachstum anzuhalten. Wir nehmen diesen Aufruf nicht zurück, wir erweitern ihn vielmehr, indem wir jetzt zu einer Effizienzrevolution aufrufen.”

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