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Eine Milliarde neue Arbeitsplätze

1945 1960 1980 2000 2020

Zum vierten Mal lenkt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen mit dem kürzlich erschienenen neuen Weltentwicklungsbericht die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen auf brennende Probleme unserer Zeit. Im Vordergrund steht diesmal die Forderung: Stellt den Menschen ins Zentrum aller Anstrengungen!

1945 1960 1980 2000 2020

Zum vierten Mal lenkt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen mit dem kürzlich erschienenen neuen Weltentwicklungsbericht die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen auf brennende Probleme unserer Zeit. Im Vordergrund steht diesmal die Forderung: Stellt den Menschen ins Zentrum aller Anstrengungen!

Die Abkehr von der rein wirtschaftlichen Betrachtung des Fortschritts war schon das Hauptanliegen des ersten Berichtes über die Weltentwicklung, veröffentlicht 1990. Internationale Vergleiche hatten sich bis dahin damit begnügt, das Pro-Kopf-Einkommen der Länder als Maßstab für deren Entwicklung heranzuziehen. Dem stellte das Entwicklungsprogramm der UNO mit dem „Human Development Index- (HDI) eine Maßzahl gegenüber, die neben dem Einkommen auch die Lebenserwartung und die Bildung der Bevölkerung einbezog. Dieser etwas umfassendere Indikator bescheinigt im jüngsten Bericht (Daten für 1990) den Japanern den höchsten Entwicklungsstand. Österreich liegt in der HDI-Tabelle an 15. Stelle. Die mit Abstand niedrigsten Werte findet man in Afrika. Die Schlußlichter sind Sierra Leone und Guinea.

Welche gigantische Kluft arm und reich auf dieser Welt trennt, war Schwerpunkt der Untersuchung im Vorjahr (siehe FURCHE 17/ 1992). Dieses unfaßbar große Wohlstandsgefälle wird aber auch heuer wieder herausgestellt: Die reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung verfügen über das 150fache von dem, was den ärmsten 20 Prozent zur Verfügung steht. Und diese Kluft wächst weiter. Besonders benachteiligt seien die Frauen, die Minderheiten, die ländliche Bevölkerung: „Die Menschen in den ländlichen Gebieten der sich entwickelnden Länder haben nach wie vor weniger als die Hälfte der Einkommensmöglichkeiten und Sozialdienste ihrer städtischen Mitmenschen - Und selbst diesen geht es ja meist schlecht genug.

Daher warnt der heurige Bericht wieder vor den schwerwiegenden Folgen dieser Armut.nn" Sie sei die Hauptbedrohung der Jahrhundertwende. Ihre Konsequenzen seien bald nicht mehr kontrollierbar. Machen wir uns eines bewußt: Das Elend der Menschen in den Ländern des Südens und des Ostens stellt eine wachsende Gefahr für die Reichen dar. Es werde „ohne Reisepaß- in Form von Drogen, Krankheiten, Umweltschäden, Wanderungsdruck, Terrorismus und gefährlicher Weitergabe von Atommaterial die Grenzen überschreiten. So der Bericht.

Um diese Armut wirksam zu bekämpfen, sei es erforderlich, die wirtschaftliche Entwicklung neu auszurichten. Denn der Fortschritt der vergangenen Dekade sei durch „Wachstum ohne Arbeit- gekennzeichnet gewesen: Die Zahl der Arbeitskräfte sei viel langsamer gestiegen als die Produktion. Bis Ende der neunziger Jahre müßten daher -wolle man die Arbeitslosigkeit und die Unterbeschäftigung wirksam bekämpfen - eine Milliarde neuer Arbeitsplätze geschaffen werden.

Wer das liest, fragt sich unwillkürlich, ob solche Forderungen auch nur den geringsten Realitätsbezug haben. Was bietet der Bericht diesbezüglich an konkreten Anregungen?

Da ist zunächst der Hinweis auf das Freiwerden von Mitteln, die bisher in die Rüstung

geflossen sind: Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg seien die Rüstungsausgaben gesunken - um beachtliche 2.600 Miliarden Schilling. Zwei Millionen Menschen seien aus den Streitkräften entlassen worden und die Rüstungsindustrie habe ihren Personalstand um ein Viertel verringert. Dieses Potential sei zu nützen. Auch in der Dritten Welt müßten die -weiterhin steigenden - Militärausgaben stabilisiert werden. .

Die Anstrengungen müßten gezielt der Entwicklung auf lokaler Ebene zugute kommen. Dorthin fließen nämlich in der Dritten Welt nur zehn Prozent der Staatsausgaben zu (gegenüber 25 bis 30 in den Industrieländern). Dabei leben weltweit zwei Drittel aller Menschen im ländlichen Raum. Ihnen kommt allerdings nur weniger als ein Viertel der Mittel für Erziehungs- oder Gesundheitsaufgaben zu.

Die technische Hilfe der Industrieländer -sie beträgt weltweit rund 160 Milliarden Schilling - sei neu auszurichten. Immer noch werde viel zu viel für das ausgegeben, was die Reichen leicht entbehren können oder ihren Zwecken dient: Das Gros der Mittel fließt in westliche Ausrüstung, Technologie und Experten.

1,3 Milliarden in absoluter Armut

In dieser Hinsicht müßten die Regierungen der reichen Länder endlich umdenken. Sie dürften sich nicht damit zufrieden geben, daß das Gros der direkten Hilfe für die Menschen von den nichtstaatlichen Organisationen kommt. Diese erbringen heute nämlich Leistungen für beachtliche 250 Millionen Menschen. So eindrucksvoll diese Zahl auch ist, dürfe sie nicht darüber hinwegtäuschen, daß damit nur jedem fünften der rund 1,3 Milliarden in absoluter Armut lebender Menschen geholfen wird.

Weg von den Großstrukturen ist eine der Stoßrichtungen, die der Bericht forcieren möchte. „Menschliche Entwicklung ist die Entwicklung der Menschen für die Menschen durch die Menschen-, wird festgehalten.

Man müsse die Gründung von kleinen, auch

arbeitsintensiven Unternehmen fördern: „Kleinere Unternehmen und die informelle Beschäftigung unterstützen, vorwiegend durch Reformen des Kreditsystems und durch steuerliche Anreize-; „zu arbeitsintensiven Technologien ermutigen, insbesondere durch steuerliche Anreize-; „das Konzept der Arbeit und das Maß der wöchentlichen Arbeitszeit einer neuen Betrachtung unterziehen, und zwar mit Blick darauf, die existierenden Arbeitsmöglichkeiten zu teilen.-

Landreform überfällig

Ansatzpunkt müsse der ländliche Raum sein: Landreform sei ein Schlüssel. Das habe die Entwicklung der wirtschaftlich erfolgreichen ostasiatischen Länder gezeigt. Der explodierenden Verstädterung müsse endlich Einhalt geboten werden. Sie führe zu unlösbaren Problemen. Welches Ausmaß sie erreicht hat, wird am Beispiel Brasiliens illustriert: Innerhalb der letzten 30 Jahre ist der Anteil der städtischen Bevölkerung von 45 auf 75 Prozent gestiegen. Das bedeutet Heere entwurzelter Menschen in Slums, zerbrochene Familien, vagabundierende Kinder - nicht nur in Brasilien. Allein in Neu-Delhi, Bombay und Kalkutta dürfte es jeweils 100.000 Straßenkinder geben, Kinder ohne Zukunftsaussichten, die für Kriminalität anfällig sind.

Die Sanierung dieser Zustände lasse sich nicht vom Schreibtisch aus erledigen. Daher müsse die Einzelinitiative gefördert werden, insbesondere auch der informelle Sektor, die Klein- und Kleinstunternehmen. Dort würden auch die meisten Arbeitsplätze geschaffen: „In Schwarzafrika ist der informelle Sektor in den Jahren zwischen 1980 und 1989 um 6,7 Prozent jährlich, also erheblich rascher als der moderne Sektor, gewachsen.- Er beschäftigt übrigens 60 Prozent der städtischen Arbeitskraft.

So ist der neueste Weltentwicklungsbericht eine fundierte Kritik am heutigen Wirtschaftssystem, die nachdenklich stimmen sollte. In weiten Passagen liest er sich eher wie eine Sozialenzyklika. Die Mächtigen der Welt sollten diese Zeichen der Zeit erkennen.

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