Die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich

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Wer den am 12. Juli veröffentlichten jüngsten Weltentwicklungsbericht zur Hand nimmt, muß feststellen, daß die Mahnungen und Vorschläge seiner Vorgänger offenbar weitgehend unberücksichtigt geblieben sind. So beklagte etwa der Bericht 1993, die achtziger Jahre seien eine Dekade von "Wachstum ohne Arbeit gewesen" und plädierte für die Schaffung von einer Milliarde neuer Arbeitsplätze, insbesondere durch Förderung kleiner, arbeitsintensiver Unternehmen.

1994 wiederum wurde die Einführung einer "Welteinkommensteuer" gefordert: Die Industrieländer sollten 0,1 Prozent ihres Volkseinkommens an die ärmsten Länder zahlen, um die ärgste, weltweit bestehende Ungleichheit im Wohlstand zu verringern.

Was aus diesen Forderungen geworden ist? Nicht viel, wie der Bericht 1999 zeigt. "Die Arbeitslosenquote stagniert in Europa um elf Prozent - trotz eines zehnjährigen Wirtschaftswachstums," heißt es auch heuer wieder.

Vermögen verdoppelt Und was die Kluft zwischen Arm und Reich anbelangt, haben gab es auch keine Wandlung zum Besseren: Verfügten 1960 die 20 Prozent der Weltbevölkerung, die in den reichsten Ländern lebten, über ein 30mal so hohes Einkommen wie die ärmsten 20 Prozent, so erweiterte sich diese Kluft bis 1997 auf den Faktor 74! Ein ungebrochener Trend also. In einer Reihe von Ländern (vor allem in Afrika liegt das Pro-Kopf-Einkommen heute sogar unter dem von 1970.

Nicht nur international wächst die Kluft, innerhalb der Länder. Am deutlichsten ausgeprägt ist der Trend in Osteuropa sowie in Schweden, England und in den USA. Die Anhäufung von Reichtum erreicht unfaßbare Ausmaße: Die 200 reichsten Personen der Welt haben in nur vier Jahren bis 1998 ihr Vermögen auf zwölf Billionen Schilling mehr als verdoppelt, schätzt der Bericht. Und das Vermögen der drei reichsten Personen sei größer als das aufaddierte Nationalprodukt der ärmsten 48 Länder.

So gesehen sei es im Zuge der beschleunigten Globalisierung zu einer "Rückwärtsentwicklung der erzielten Fortschritte" und zu einer "sozialen Fragmentierung"gekommen, wird registriert. Vor allem habe die Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit abgenommen. Das äußert sich zum Beispiel darin, daß die "Zahl der Arbeitsverhältnisse ohne langfristige Bindung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer" steigt - besonders ausgeprägt in Lateinamerika. So müssen sich mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer in Argentinien, Peru und Kolumbien mit ungesicherten Verträgen abfinden. Und in Belgien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien wurde die Kündigungsschutz entschärft. Insgesamt eine äußerst ernüchternde Bilanz der vielgepriesenen wirtschaftlichen Fortschritts.

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