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Der Fremde als Nutzbringer

Der UN-Development Report 2009 untersucht die weltweiten Migrationsströme und entkräftet dabei manches Vorurteil. Die UN-Vorschläge: Die Lockerung der Migrations-Gesetzgebung und eine bessere Behandlung der Fremden. Österreich ist in Sachen Integration übrigens laut Bericht Schlusslicht unter 22 Industrienationen.

Es ist ein ehrgeiziges Ziel, das sich die Autoren des „Human Development Report“ der UNO gesetzt haben: Die Achtung des Menschenrechts, sich frei bewegen zu können. Dieses Recht nehmen aus zumeist wirtschaftlichen Gründen derzeit 954 Millionen Menschen weltweit in Anspruch. Unter welchen Umständen und Zwängen sie das tun und welche Konsequenzen das für sie selbst, für ihre Heimat- und ihre Zielländer hat, haben die UN-Experten wissenschaftlich untersucht. Sie kommen dabei zu Ergebnissen, die politischen und individuellen Vorurteilen hierzulande widersprechen. Die Furche hat dem UN-Bericht die Antworten auf die gängigsten Stereotypen entnommen (siehe auch das FURCHE-Dossier zum Thema, ab S. 21).

Antworten auf Vorurteile

Vorurteil 1: „Migration passiert vornehmlich zwischen Nationen.“ Falsch: Nur 214 Millionen Menschen verlassen ihr Land, 740 Millionen suchen innerhalb ihres Staates nach einer neuen Heimat.

Vorurteil 2: „Migration passiert vor allem in ärmeren Ländern.“ Das ist laut UN-Report nicht richtig: Nationen, die weniger entwickelt sind, verzeichnen eine Migrationsrate von vier Prozent, bei den hoch entwickelten Staaten sind es acht Prozent.

Vorurteil 3: „Die Migrationsströme wachsen beständig.“ Das ist nur in absoluten Zahlen richtig. Der Prozentsatz der Migranten an der Weltbevölkerung hingegen liegt weltweit seit den 60er Jahren stabil bei drei Prozent.

Fallende Transportkosten und moderne Kommunikationstechnologien erleichtern den Transfer in Richtung der hoch enwickelten Länder. Allerdings entscheiden sich nur 37 Prozent der grenzüberschreitenden Migranten aus Entwicklungsländern für eine Übersiedelung in Industriestaaten. Dort bilden sie einen unterschiedlich großen Teil der Gesellschaft. In Australien, Neuseeland und Nordamerika sind es 13 Prozent. In Europa acht Prozent. Einige Golfanrainerstaaten verzeichnen gar einen Anteil von 63 Prozent (Katar).

Die bevorzugten Regionen wechseln allerdings. So ist der Anteil der Migranten in Südamerikas rückläufig. Dagegen ist die Zahl der Immigranten in Europa gewachsen. Länder wie Spanien und Italien verzeichneten zuletzt einen Zuwachs von Migranten von fünf auf zwölf Prozent.

Vorurteil 4: „Bevölkerungsreiche Staaten sind besonders migrationsanfällig.“ Das Gegenteil scheint wahr zu sein: Unter den Bürgern jener 48 Staaten, die unter 1,5 Millionen Einwohner zählen, ist die Bereitschaft, die Heimat zu verlassen, wesentlich größer als im Durchschnitt. 18,5 Prozent entschließen sich zur Ausreise. Gleich 40 Prozent des Karibikstaates St. Kitts und Nevis arbeiten beispielsweise im Ausland. Die führenden 13 Emigrationsnationen sind Kleinstaaten.

Vorurteil 5: „Die Emigration schädigt die Herkunftsländer wegen der Abwanderung von gut ausgebildeten Arbeitskräften.“ Dieses Argument nimmt keine Rücksicht auf die substanzielle Geldquelle, die die Emigranten für ihre Heimatländer bedeuten. Nicht nur kehren viele von ihnen mit einer besseren Ausbildung zurück, die finanziellen Transferleistungen während des Auslandsaufenthalts bewegen sich im Milliarden-Dollar-Bereich. Der Report weist das anhand zweier wissenschaftlicher Untersuchungen nach: Albaniens Bevölkerung, die in den 90er Jahren von einer Massenabwanderung Richtung Griechenland betroffen war, konnte mit Hilfe der finanziellen Unterstützung durch die Auswanderer mittelständische Unternehmen und Gewerbe in den Städten gründen. Ähnliche Ergebnisse ergaben Untersuchungen im indischen Bundesstaat Kerala.

Vorurteil 6: „Immigration verschärft das Kriminalitätsproblem.“ Untersuchungen in den USA zeigen ein fünfmal höheres Risiko für „Inländer“, eine Gefängnisstrafe absitzen zu müssen, als für Migranten der ersten Generation. In Europa ist das Bild weniger homogen und hängt stark vom Integrationsquotienten der Migranten ab.

Vorurteil 7: „Die aktuelle Krise in Europa schreckt Migranten ab.“ Untersuchungen in Spanien und Italien zeigen, dass die Zahl der ankommenden legalen und illegalen Einwanderer leicht gestiegen ist.

Vorurteil 8: „Immigration ist der Schlüssel zur Erhaltung des Pensionssystems.“ Hier sind die UN-Experten skeptisch: „Die steuerlichen Konsequenzen der Migration sollten nicht überbewertet werden.“ Eine entsprechende Studie für Europa geht von einer möglichen Änderung der Gesamtwirtschaftsleistung durch Immigration von plus/minus ein Prozent des BIP aus. Langfristig könnte allerdings eine moderate Zuwanderung die Alterspyramide bis 2050 um bis zu sieben Prozent zugunsten der erwerbstätigen Bevölkerung verschieben.

Österreich Schlusslicht

Vorurteil 9: „Migranten geht es in Österreich besonders gut.“ Zumindest was die Integration betrifft, ist das Gegenteil der Fall: Lauf UN und OECD sind die Integrationsmöglichkeiten für in Österreich lebende Migranten im Vergleich zu anderen 22 Industriestaaten, darunter Irland, Ungarn, Deutschland oder Kanada, am geringsten. Österreich erreicht den Wert 40, das an erster Stelle liegende Schweden dagegen die Indexzahl 87.

Vorurteil 10: „Migranten nehmen Inländern die Arbeitsplätze weg.“ Es ist dies die am häufigsten geäußerte Sorge in Umfragen unter der eingesessenen Bevölkerung. Laut UN-Studie wurden dazu mehrere Untersuchungen in Großbritannien und den USA angestellt. Gemeinsamer Nenner: „Die Migration hatte wenige bis keine Auswirkungen auf die Löhne.“

Vorurteil 11: „Die Politiker sind wegen zu starker Migration besorgt.“ Das sind sie gar nicht: Eine Umfrage unter den für Immigration zuständigen Politikern aus 195 Staaten im Jahr 2007 ergab, dass nur fünf Prozent eine Verschärfung der Gesetzgebung für nötig halten, 76 Prozent hielten die Gesetzeslage für ausreichend. Warum – auch in Österreich – die Gesetze dann trotzdem laufend verschärft werden? Vielleicht liegt es an Schlagzeilen wie jener der Dienstag-Krone: „Das sollte Faymann und Häupl zu denken geben: SPÖ Wähler für strenge Asylpolitik!“

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