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Südeuropas Jugend im Exodus

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Ein lange befürchtetes Krisen-Szenario wird nun Realität. Die Länder Südeuropas verlieren Hunderttausende gut ausgebildete Arbeitskräfte an die reichen Länder Europas und an die Schwellenländer Südamerikas.

Dynamisch ist Europa zu allen Zeiten - wenn es nach der Wunschvorstellung seiner Werbe-Strategen geht: "Europa in Bewegung“ - so titelte die EU-Kommission ihre Umfrage unter mehr als 1.000 jungen Europäern. Mehr als ein Drittel der Befragten wollte demnach im Ausland arbeiten oder studieren. Die EU-Kommission fand das einen ermutigenden Trend und ein Zeichen für das Zusammenwachsen der Völker in Europa.

Rita Costa ist eine der mit soviel positiver europäischer Energie Aufgeladenen. Sie hat Architektur studiert und wird nun von einem Team des portugiesischen Fernsehens beim Kofferpacken in Lissabon gefilmt. Sie lacht nicht viel. Aber eigentlich müsste sie das. Sie war ein Jahr arbeitslos und nun hat sie einen Job gefunden - die Architektin wird Aupair in Deutschland. "Mehr war derzeit nicht drin.“ Costa zuckt die Schultern. "Es muss ja irgendwie weitergehen.“

Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise 2008 hat sich vor allem in Europas südeuropäischen Ländern der Druck auf die Generation der 25- bis 35-Jährigen drastisch erhöht, ins Ausland zu emigrieren, um sich dort eine Existenz aufzubauen. Allein die Zahl der Spanier und Portugiesen, die über das europäische Jobportal Eures einen Job suchen, hat sich im Vergleich zu 2007 verdreifacht. Nach vorsichtigern Schätzungen der portugiesischen Regierung haben allein 2011 über 100.000 Portugiesen ihr Land verlassen. Das größte europaweite Internetjobforum Eures verzeichnete in der selben Zeit eine Verdoppelung bis Verdreifachung der Suchenden aus Spanien, Portugal, Italien und Griechenland - aber auch aus Litauen.

Hunderttausende auf der Suche

Die Zahl der Auslandsportugiesen stieg dementsprechend zwischen 2008 und 2012 um 324.000 Personen an. Bevorzugte Destinantion: Deutschland, Skandinavien, Großbritannien - aber auch Argentinien, Brasilien und Chile, die über 100.000 Aussiedler aus Südeuropa aufgenommen haben.

Da die meisten Emigranten gut ausgebildet sind, hat das zum Teil dramatische Folgen in ihren Herkunftsländern. Die Zahl der Akademiker, die Spanien seit Beginn der Krise verlassen haben, beträgt nach Angaben des spanischen Arbeitsministeriums zwischen 100.000 und 400.000. Litauen allein hat seit 2004 über 250.000 seiner insgesamt 3,5 Millionen Einwohner verloren.

In Italien prägt die Rede von den "Cervelli in Fuga“, den "Gehirnen auf der Flucht“ bereits die Debatte um den Arbeitsmarkt. Der Begriff wird Monat für Monat mit neuen Zahlen unterfüttert. Nach einer Studie der Universität Padua aus der Vorwoche haben 40.000 Italiener im Jahr 2010 ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Zusätzliche 13.000 haben sich offiziell vorübergehend in Deutschland oder Großbritannien angesiedelt. Nach einer Umfrage, die in derselben Studie enthalten ist, wollen 76 Prozent der Auslandsitaliener nicht mehr nach Hause zurückkehren.

Längst haben sich im Internet-Netzwerke der Ausreisewilligen gebildet. Unter "Goodbye Mamma“ haben sich italienische Emigranten zusammengetan, um anderen Krisenflüchtlingen bei der Ausreise und der Wahl des richtigen Ziellandes behilflich zu sein. Ähnlich ist die Situation in Griechenland, wo zwei Drittel der Studenten planen, im Ausland auf Jobsuche zu gehen. Auf der anderen Seite haben die Zielländer die Chance erkannt, billig zu qualifizierten Arbeitskräftern zu kommen. So unternimmt die deutsche Bundesagentur für Arbeit seit einigen Monaten "Recruitment-Touren“ in Griechenland und Spanien. Gesucht: Ärzte, Techniker, Schweißer

Doch es gibt nicht nur den Exodus der gut ausgebildeten. In Bern in der Schweiz fahren jede Woche einige Busse vor dem portugiesischen Konsulat vor und setzten arbeitssuchende portugiesische Maurer und Hilfsarbeiter ab. Im Winter mussten städtische Bahnhöfe als Quartier für die Zuwanderer geöffnet werden, die bei Temperaturen von minus 20 Grad mittellos auf der Straße standen. In Bergen in Norwegen haben Helfer der Caritas seit Kurzem nicht nur mit afghanischen oder afrikanischen Flüchtlingen zu tun, sondern auch mit einer wachsenden Zahl junger Spanier, die Tag für Tag um Suppe bitten. Sie kamen nach Norwegen in der Annahme, dass das reichste Land Europas Bauarbeiter brauche, scheiterten aber an ihren mangelnden Norwegisch- und Englischkenntnissen. Nun aber, so vertrauten sie Reportern an, wollten sie in ein Land weiterziehen, in dem spanische Maurer noch zu Hunderten gesucht werden: Auf nach Polen!