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Junge Wege aus der JOB-MISERE

1945 1960 1980 2000 2020

In Brüssel trafen sich junge Gewerkschafter aus ganz Europa, um über die Krise auf dem Arbeitsmarkt zu beraten. Rezepte dagegen gäbe es, aber sind sie auch wirksam?

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In Brüssel trafen sich junge Gewerkschafter aus ganz Europa, um über die Krise auf dem Arbeitsmarkt zu beraten. Rezepte dagegen gäbe es, aber sind sie auch wirksam?

Mehrere Dutzend vorwiegend junge Menschen laufen über den Kunstberg in der Brüsseler Innenstadt und bleiben auf ein Pfeifen hin wie versteinert stehen. In ihren Händen halten sie kleine Täfelchen: "Jung, prekär, arbeitslos". "Jeune, precaire sans emploi", "Young, precarious, unemployed", "Joven, precario, desocupado". Die Botschaft gibt es auch auf Portugiesisch, Niederländisch, Tschechisch, Griechisch und in weiteren europäischen Sprachen. Dann betritt eine Frau mit Megaphon den Platz und gibt die Parole aus: "Genug von deren Krise - zurück in unsere Zukunft". Der Flashmob, diese spontane Demonstration im Schatten des prächtigen Museums der Schönen Künste, soll aufmerksam machen, dass Arbeitslosigkeit und prekäre Dienstverhältnisse Europas Jugend nicht nur ökonomisch, sondern auch psychisch belasten.

Arbeitslosigkeit, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit, war eines der zentralen Themen des EU-Wahlkampfs. 5,34 Millionen Personen unter 25 Jahren - beinahe jeder vierte Jugendliche - sind in den 28 EU-Ländern arbeitslos - mit enormen regionalen Unterschieden: So ist in Griechenland mehr als die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos: 56,8 Prozent, in Spanien sind es 53,9 Prozent und in Kroatien 49 Prozent. Dem stehen andere Länder wie Deutschland und Österreich mit sehr niedrigen Quoten (7,8 Prozent beziehungsweise 9,5 Prozent) gegenüber.

Wege aus der Krise

Die Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit sind umstritten. Das zeigte sich auch bei der Fernseh-Konfrontation der europäischen Spitzenkandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten am 15. Mai. Während der Sozialdemokrat Martin Schulz für mehr aktive Arbeitsmarktpolitik und Investitionen in die Wirtschaft plädierte, beharrte der Konservative Jean-Claude Juncker auf der Richtigkeit der Spar- und Sanierungspolitik als Voraussetzung für wirtschaftliche Gesundung.

Die Zukunft der Jugend in Europa war das zentrale Thema der Otto-Brenner-Konferenz, die im April in der belgischen Hauptstadt stattfand. Etwa hundert Junggewerkschafter aus ganz Europa machten mit szenischen Aufführungen, Videobeiträgen und musikalischen Einlagen auf die Probleme ihrer Generation aufmerksam. Aina Vidal etwa, eine Delegierte der katalanischen Comisiones Obreras, klagt über die unternehmerfreundliche Gesetzgebung Spaniens, zum Nachteil der Arbeitnehmer: "Es liegt an den Wirtschaftsreformen, die es den Unternehmen erlauben, leichter zu kündigen und Stipendiaten oder Praktikanten einzustellen, die nichts kosten und keine Beiträge ins Sozialsystem zahlen".

Polens Brain-Drain

Polen verliert seine qualifizierten Arbeitskräfte an die USA oder andere EU-Staaten. "Zwei Millionen leben nicht mehr in Polen, das ist als würde man ganz Warschau ausradieren", seufzt Dominika Pyzowska von der polnischen Gewerkschaftsjugend. Feste Stellen gebe es praktisch keine mehr. Die meisten Arbeitsverhältnisse seien prekär und befristet. Pyzowska: "Man kann seine Zukunft nicht mehr planen. Es gibt keinerlei Sicherheit".

In der Analyse der Misere ist man sich schnell einig. Aber welche Lösungen werden angeboten?

Der SPD--Spitzenkandidat bei den EU-Wahlen Martin Schulz setzt auf die Instrumentarien der Europäischen Union: "Wir sollten die Jugendgarantie, die von den Staats- und Regierungschefs bereits auf mehreren Gipfeln beschlossen wurde, in die Tat umsetzen: Jede junge Frau/jeder junge Mann, die/der die Schule verlässt, sollte die Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen. Notfalls auch mit finanzieller Hilfe durch die EU". Wer eine Ausbildung abgeschlossen hat, sollte zumindest den Einstieg in den Arbeitsmarkt bekommen. Und wer eine Ausbildung abgeschlossen hat, sollte binnen vier Monaten einen Arbeitsplatz angeboten bekommen.

Aber dass das beschlossen ist, heißt noch nicht, dass es auch funktioniert. Zumindest nicht in Polen, wie Dominika Pyzowska klagt. Auch in Spanien kann davon keine Rede sein.

Bildung statt Bankenrettung

Weg von der Bankenrettung, hin zu Investitionen in Bildung und Arbeit, heißt das Rezept des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB. DGB-Präsident Reiner Hoffmann, hat keinen Zweifel daran, dass die gut ausgebildeten jungen Menschen auch gebraucht werden, "wenn Europa nicht mehr in Finanzplatzrettung investiert, sondern in Arbeitsplätze".

Der DGB und der Europäische Gewerkschaftsbund haben letztes Jahr einen umfassenden Plan vorgelegt, den sie nach dem Wiederaufbauprogramm für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg Marshall-Plan getauft haben. Reiner Hoffmann: "Geld ist ja keine Mangelware. Wir haben über 25 Billionen vagabundierendes Kapital. Die Frage ist, wie bekommen wir dieses Geld weg von den spekulativen Finanzmärkten hin in die Ökonomie? Dafür haben wir einen europäischen Fonds vorgeschlagen, mit dem solche Investitionen über einen Zeitraum von zehn Jahren finanziert werden könnten. Wir brauchen endlich vernünftige Spielregeln an den Finanzmärkten, damit diesen Spekulationen endgültig ein Ende gesetzt wird".

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