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Die unerträgliche Armut Osteuropas

1945 1960 1980 2000 2020

Hilflos stehen Menschen in (Süd)Osteuropa vor gäh- nend leeren Geschäften. Ein halbes Jahr „Kapitalismus" hat den ehemaligen Ost- blockstaaten vorerst nur große Ängste beschert.

1945 1960 1980 2000 2020

Hilflos stehen Menschen in (Süd)Osteuropa vor gäh- nend leeren Geschäften. Ein halbes Jahr „Kapitalismus" hat den ehemaligen Ost- blockstaaten vorerst nur große Ängste beschert.

In den Zeiten als der rote Mon- arch Nicolae Ceausescu in Rumä- nien das diktatorische Sagen hatte, erzählte man sich einen Witz: „Weißt du schon, weshalb es keine Zigaretten mehr zu kaufen gibt? Nein. Na ganz einfach, sein neues Dekret lautet: Auf leeren Magen sollst du nicht rauchen." Bittere Ironie bewirkte einen leichten Seufzer der Befreiung. Und heute?

Ein halbes Jahr ist vergangen seit dem Sturz des Tyrannen. Genug Zeit möchte man meinen, um das anzukurbeln, was der Ceausescu- Clan in seiner jahrzehntelangen Herrschaftsperiode von Grund auf zerstörte: die alltägliche Versorgung mit Lebensmitteln. Weit verfehlt. Es mangelt an allem, vom täglichen Brot bis zur Milch - und das Do- naudelta ist wegen Cholera ge- sperrt. Krankheiten machen sich breit, Unterernährung, Vitamin- mangel - Hunger. Schlagworte, die die neuen Herrschenden in Buka- rest nicht in den Mund zu nehmen wagen.

Und doch ist der Ekel allgegen- wärtig. Menschen reißen sich wie- der um Fleisch, um Eier und Frisch- gemüse, bestechen und stehlen, „kämpfen" um das Überleben. Es sind Bilder wie aus Zeiten der Diktatur; als der Tyrann einem ganzen Volk den Krieg erklärte. Aber heute herrscht „Krieg", ohne daß jemand weiß, wer ihn führt.

Aber wer meint, das sei eine Ausnahme, der wandere doch ein- mal über den Bug nach Osten oder über die Donau nach Süden. Die Kornkammer der UdSSR, die Ukraine, ist keine Kammer mehr. In der Tiefebene auf bulgarischer Seite der Donau liegen verdorrte Felder. Hungerkatastrophen zeich- nen sich ab - vor der Haustür Mit- teleuropas.

Davon flimmern keine Fernseh- bilder nach Wien. Und dennoch sprechen die Bilder für sich, die jeder Besucher in Südjugoslawien, Bulgarien, in der Ukraine und in Polen ganz nebenbei einfangen kann. Da drehen sich alte Männer in Kiew Zigaretten aus Moos, da bieten in Lemberg Kinder gehäute- te Vögel zum Kauf an, da servieren Kellner in Kronstadt (Brasov) alte Sardellenkonserven als Mittagsme- nü, da öffnen Restaurants erst gleich gar nicht in Sofia oder Skopje. Selbst unter dem Ladentisch gibt es nichts mehr.

Wer in Sofia nicht um sechs Uhr früh ansteht, bekommt kein Brot mehr wenn die Bäckerei um acht Uhr öffnet. Aber wenn sich einer anstellt, kommt er zu spät zur Arbeit; und kommt er dann zur Arbeit, dann hört er vielleicht von den Kollegen, Fleisch sei in einem Vorort angekommen; also rennt er sofort hin und mit ihm alle ande- ren. Findet man tatsächlich Fleisch in Mengen, gibt man seinen ganzen Lohn auf der Stelle aus. Dann geht man aber nicht zurück zur Arbeit, sondern auf den Schwarzmarkt, um „die Beute" teurer zu verkaufen oder dafür andere Mangelwaren einzuhandeln.

Hat man dabei wieder Glück und ersteht in größeren Mengen Seife oder gar Waschmittel - ein Glück, das einem nur selten beschert wird - reist man auf der Stelle ins Aus- land, nach Jugoslawien oder Un- garn. Versucht dort, alles zu verhö- kern für einen Taschenrechner oder nur für ein Pornoheftl. Ein erfun- denes Szenario? Nein, nachzulesen in jeder beliebigen bulgarischen Zeitung.

Weniger offen gibt man sich dazu in den anderen Armutsregionen Osteuropas. In Kosovo oder Maze- donien wird die neue Armut in den Medien'verschwiegen, während in Rumänien Sündenböcke ausge- macht werden: Roma-Zigeuner und Ungarn. Beide Minderheiten hät- ten den Schwarzmarkt derart un- ter Kontrolle, daß man als Rumäne gar nicht mehr zum Zuge käme und Hunger leide. Durst sowieso. Seit Monaten gibt es keinerlei Art von Getränken mehr südlich der Kar- paten.

Die DDR liefert weder Dünge- mittel, Saatgut noch Bier und Limonade, wie vertraglich zugesi- chert, mokiert sich in diesen Tagen die polnische und ungarische Pres- se. Und alle stimmen ein in den Chor: Die deutsche Einheit komme den COMECON-Staaten teuer zu stehen. Erstens storniere die DDR jede Art von Verträgen, die somit die wirtschaftliche Produktions- steigerung in den ehemals soziali- stischen Staaten durcheinander- wirble, zum anderen halte die Westöffnung Ostberlins ausländi- sche Investoren davon ab, in ande- ren COMECON-Staaten zu inve- stieren.

Ein weiterer Schuldiger ist auch gleich zur Hand: die UdSSR, die ihre Öl- und Gaslieferungen ein- friere oder nur noch zu überhöhten Preisen abtrete.

Die Angst geht um in Osteuropa, die Angst vor dem „Kolonialge- spenst". Nach den großen Umwäl- zungen im letzten Jahr zeigt sich eines: Den einst realsozialistischen Staaten ist es noch nicht gelungen, ihre sozialen und ökonomischen Strukturen den Notwendigkeiten einer modernen Wirtschaft anzu- passen. Die Technologie, die in der „ersten Welt" erarbeitet wurde, paßt nicht auf die „zweite" des Ostens - trotz gemeinsamer euro- päischer Geschichte. Und man bemerkt verärgert, daß sich West- europa aus der Verantwortung stiehlt. Die westlichen Firmen se- hen die neuen Reformländer nur als sekundäre Absatzmärkte für Pro- dukte minderer Qualität, ohne selbst neue Produktionsstätten aufzubauen oder den Reformlän- dern mit einem Marshallplan unter die Arme zu greifen (siehe DDR- Beitrag Seite 3).

Beklagen dies die Politiker noch in Budapest und Prag und bemü- hen sie sich vehement um Kontak- te, Kredite und EG-Hilfen, vei»- schließen sich die Regierungen in den anderen Staaten, igeln sich und ihre eigene Bevölkerung ein. Mos- kau läßt seine Bürger seit kurzem nicht mehr so frei reisen wie bisher, Bukarest führt wöchentlich neue Zollbeschränkungen ein, und Sofia verweigert mehr und mehr Bürgern Reisepässe.

Zwar werden schlaue Abhand- lungen geschrieben, wie schnell man sogar eine Millionen-Bevölkerung von Bauern in Kolchosen „zusam- menfassen" und enteignen kann, wie es nach dem Kriege geschah, und daß es mit der Wiederbegrün- dung einer effizienten Landwirt- schaft nicht vorangehen kann in einem Land, in dem es keine tradi- tionellen Bauern mehr gibt; aber wie man einen neuen Bauernstand zum Leben erwecken könnte, dazu reicht die Phantasie nicht mehr.

Flucht ist da für viele Menschen das neue Schlagwort. Vertrieb Bulgariens Todor Schiwkoff 1989 noch fast eine halbe Million tür- kischstämmiger Bulgaren in die Türkei, sind es seit seinem Sturz fast ebensoviele Menschen, die ih- rer Heimat aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken kehrten, meist hochqualifizierte Fachkräfte. Das gleiche Bild kennt man aus Rumä- nien. Polen und Jugoslawen „flüch- ten" nicht, sie verdingen sich als „Gastarbeiter" oder „Kleinhänd- ler" in den Metropolen Westeuro- pas.

Auch sie kehren nicht zurück mit Ideen oder Kapital. Wer es in der Fremde geschafft hat, der bleibt gleich dort und kümmert sich höch- stens noch um einen Alterssitz in seiner alten Heimat. Solidarität mit den Zurückgebliebenen wird nicht groß geschrieben. Nicht bloß aus „Unmenschlichkeit", sondern aus dem Wissen heraus, daß jede Hilfe bloß wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt. Die Regierenden ver- suchen keine Experimente, sondern suchen nur Schuldige, wehrlose Randgruppen, Minderheiten oder die „bösen Nachbarn".

Nannte man sie vor Jahren pejo- rativ „Polenmärkte" und bekam Polen als erstes Land die Folgen der Entwicklung zu einer „nach- kommunistischen Gesellschaft" zu spüren, so gehört dies jetzt zum Alltag des Ostens von Riga bis Constanza. Mafiaähnliche Banden sprießen wie Pilze aus dem Boden, gehen einher mit zunehmender Arbeitslosigkeit und Verelendung. Nur noch machtloser als in Sizilien werden die Politiker mit dem neuen Phänomen von Gewalt und Gau- nerwillkür konfrontiert.

Entmachtete rote Parteibonzen fanden schnell Zugang zu interna- tionalen Banden und halfen ihnen in dem Neuland Fuß zu fassen. Hunger und Seide prägt die neue Hilflosigkeit des Ostens. Seide in Form von grenzenlosem Reichtum in der Hand weniger. Die Menschen, schon immer daran gewöhnt, daß einige wie die Orwellschen Schweinchen besser lebten als das Volk, nehmen es jetzt als „gottge- geben" hin, daß sie nach Nahrung Ausschau halten wie Schiffbrüchi- ge, während andere in ihren neuen Luxuslimousinen in die Hinterein- gänge der Geschäfte vorfahren und auswählen, was ihr Gaumen be- gehrt.

Beobachter glauben, daß die neugewonnenen Freiräume Span- nungen ungewohnten Ausmaßes schon in Kürze auslösen könnten. Denn weder die Sowjetunion noch die unstabilen Regierungen in den einzelnen Ländern sind in der Lage, selbst auf niedrigstem Niveau ein würdevolles Leben zu garantieren. Noch schieben sie die Misere ihren Vorgängern in die Schuhe, es zeige sich erst jetzt, wie die Fünf-Jahres- Pläne manipuliert worden seien und weit weniger produziert worden sei als angegeben.

Argumente, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Denn ob- wohl nun alles freier und kapitali- stischer angepackt wird, gesteht man überall ein, daß die Industrie- produktion in den ersten sechs Monaten dieses Jahres rapid gefal- len sei. In Polen um 25 Prozent, in der Ukraine um etwa 20, in Rumä- nien um 40, in Jugoslawien nun an die 30 Prozent. Konkrete Zahlen klammert man geflissentlich aus, Wenn es um landwirtschaftliche Erzeugnisse geht.

Aber die Betroffenen brauchen sie auch nicht. Hilflos sehen sie die gähnend leeren Geschäfte und fra- gen sich, wie es nur dazu kommen konnte, daß sie nun weit weniger haben als in diktatorischen Zei- ten. Gibt Europa, die EG, auch Österreich, darauf eine Antwort?

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