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Die „Schneeschmelze“ hält weiter an

Auch dem, der allen Nachrichten über Wandlungen in den Volksdemokratien mit Zweifel gegenübersteht, muß es nun klar werden, daß sich in Polen eine gewaltige Umwälzung vollzieht Mit Nachdruck ist jedoch davor zu warnen, deren Umfang falsch einzuschätzen. An drei Eckpfeilern des Warschauer Regimes kann in der gegenwärtigen Weltlage nicht gerüttelt werden: an der militärisch und wirtschaftlich gesicherten Abhängigkeit von der Sowjetunion, an der sozialistischen Wirtschaftsordnung und, in ursächlichem Zusammenhang mit diesen beiden Gegebenheiten, an den jämmerlichen Daseinsbedingungen, unter denen die gesamte Bevölkerung, mit Ausnahme einiger sehr weniger Bevorzugter, ihre Existenz, ihren grauen Alltag fristet. Veränderungen, eine auf vielen Gebieten beträchtliche Besserung, sind dagegen dort eingetreten, wo die Machthaber im Kreml den Polen — vorläufig? — freie Hand gewähren und wo wesentlich der bisherige geistige und politische Druck zu mildern sind. Der Kampf gegen beides, das würgende Elend und die Unfreiheit, hat in den letzten Monaten einander sehr ungleiche Bundesgenossen vereint. Das Tragischste an der Situation beruht aber darauf, daß man zwar die Einen, an Zahl weit geringeren, doch an Qualität hoch überlegenen, einigermaßen beschwichtigen mag, schon dadurch, daß ihnen unbehinderte Kritik an Zuständen und Verantwortlichen gestattet wird; daß jedoch die breiten Massen auf keine spürbare Erleichterung ihrer Not zu rechnen haben. Man hat sie längere Zeit durch schöne Worte von ihrer führenden Rolle als „Hausherren“ Volkspolens zu trösten versucht; man hat ihnen immer wieder Versprechungen gemacht. Wie oft bekamen sie nicht zu hören, es ergehe „coraz to lepiej“, „immer besser“! Und es ist noch schlechter, zumindest nicht besser geworden. Wenn jetzt den Arbeitern, dem Heer der kleiden Angestellten, den Bauern wiederum eine günstigere Zukunft verheißen wird, die der neue, revidierte Fünfjahresplan 1956 bis 1960 bescheren soll, dann findet die amtliche Propaganda geringen Glauben. Ja, die offiziellen Zusagen tragen den Keim zu künftigen Ereignissen nach Posener Muster in sich, sobald die Unzufriedenen begriffen haben werden, daß auch diesmal das Wirtschaftswunder ausgeblieben ist.

Anders steht es mit der sogenannten Intelligenz. Für sie, deren materielle Lebensbedingungen je nachdem schlecht oder erträglich, in nicht wenigen Fällen leidlich gut sind, eröffnen sich Ausblicke, die von jeher das Herz aller gebildeten Polen erfreut haben. Der Hang zum „sejmikowahie“, zu endlosen Redeschlachten und zu langwierigen Federkriegen wird wieder befriedigt, seit die Zensur gelockert oder aufgehoben ist, und zwar für alles, was nicht offen an den zwei heiligen Prinzipien, der Gefolgschaft an die UdSSR und an den Marxismus-Leninismus, rüttelt. Den Abgeordneten zum Reichstag (Sejm) sind seit Monaten die Zungen gelöst und jetzt, wo dem noch unter den Auspizien Stalins gewählten Parlament die letzte Stunde schlägt — es wird Ende Oktober seine letzte Tagung halten; am 16. Dezember findet der nächste Urnengang statt —, machen sie von ihrem zur Pflicht gewordenen Recht der Kritik reichen Gebrauch. Den Volksvertretern den Rang abzulaufen, dünkt Schriftstellern -und Zeitungsleuten eine herrliche Aufgabe. In den literarischen Wochenblättern, wie dem rasch zur Berühmtheit gelangten Studentenorgan „Po prostu“, der noch vor wenigen Jahreri so stramm und stur stalinistischen „Nowa Kultura“, im „Przegl^d Kulturalny“ und in dem, allerdings schon seiner Krakauer Umwelt wegen verdächtig liberalisierenden, „Zycie Literackie“ tobt es und brandet es, als Vorspiel zum Anfang November drohenden Schriftstellerkongreß, dessen angekündigte Winterstürme von keinem Wonnemond der Umarmung mit der Parteiorthodoxie gefolgt sein werden. Die Journalisten bereiten sich auf ihre Tagung von Ende Oktober vor. In der gesamten Presse, vom Sprachrohr der Intelligenz „Zycie Warszawy“ bis zum kommunistischen Parteimoniteur „Trybuna Ludu“, jagen einander Enqueten und die Artikel über „das, was Unrecht ist in dieser (polnischen) Welt“.

Den Hochschulen ist eilig ein Teil ihrer alten Autonomie wiedergegeben worden. Wer Verwandte oder sonstige Gönner im Ausland besitzt, bekommt im schleunigsten Tempo einen Paß, oft „schon“ nach drei, vier Monaten; freilich keine Devisen, denn da griffe die geistige Freiheit auf das Gebiet der wirtschaftlichen Be-■“Irrwnis über. Und nicht nur fremde Gäste -

sogar der schwärzeste Couleur ist willkommen —, sondern sogar polnische Emigranten, denen noch vor zwei, drei Jahren der Strick oder mindestens lebenslange Haft sicher gewesen wären, hätten sie die Heimat aufgesucht, erhalten regelrechte Visen. Sie werden freundlich empfangen, inoffiziell enthusiastisch gefeiert und zuletzt von der sie umgebenden Atmosphäre angesteckt, daß sie segnend — und allerdings froh, wieder in den faulen Westen zurückzukehren — abreisen, selbst wenn sie beabsichtigt hatten, zu fluchen. Wer hätte gedacht, daß Melchior Warikowicz, der mutige katholische Publizist und rassige Reiseschriftsteller, daß Smogorzewski, der Berliner journalistische Wortführer Pilsudskis und hernach der schärfste Gegner der Sowjetunion, wie ihrer polnischen Klienten, friedlich durch die Straßen Warschaus spazieren werden — nebenbei drei Wochen, nachdem er im Londoner „Tablet“ einen seiner meisterlichen antikommunistischen Artikel veröffentlicht hatte!

Und die Krönung des Ganzen: in Posen sah man Schauprozesse in einer bisher ungewohnten guten Bedeutung dieses verrufenen Wortes. Sie hätten — sprechen wir es ruhig aus — in keiner westlichen Demokratie anständiger geführt werden können. Was fremde Journalisten, mehrere durch die Warschauer Regierung eingeladene unvoreingenommene Rechtsgelehrte und, worüber man nur wenig sprach, Vertreter der amerikanischen, britischen, französischen und kanadischen Botschaft bzw. Gesandtschaft bestätigen durften, die den Verhandlungen beiwohnten.

Doch in demselben Saale 117 des Posener Gerichts, wo die Teilnehmer am Sturm aufs Gefängnis und auf einen Polizeiposten gar glimpflich, mit Strafen von eineinhalb bis sechs Jahren, davonkamen, vernahmen die aufmerksamen Zuhörer auch rauhe Töne, die nicht zum Bild der „Schneeschmelze“ im intellektuellen Sektor paßten. Da schrie ein Angeklagter dem Vorsitzenden des Tribünais ins Gesicht: „Wieder richtet ein Reicher über den Armen“ — was soviel heißt, Wie: „Auch ihr angeblichen Kommunisten habt eine Klassenjustiz zum Schaden der Enterbten“ — und der „Reiche“, lumlich der

Richter, verfügt über ein Monatseinkommen, das, zum wahren Wert des Zloty berechnet, rund 60 Dollar, zum Warschauer schwarzen Kurs 25 Dollar beträgt! An dieser unbeabsichtigten Stichprobe sei ermessen, welche materiellen Verhältnisse in Polen herrschen, wenn derlei Hungerlohn als beneidenswerter Ueberfluß bewertet wird. Man erfuhr ferner, wie zwar die gebildeten Juristen, die aus „klassenfremden“ Reisen stammen, fair mit den sie hassenden proletarischen Regimefeinden verfahren, daß dagegen die „Bürgermiliz“ (Polizei) mit den verhafteten Klassengenossen sehr unsanft umgesprungen ist; daß sich die Aufrührer ausschließlich aus der Schicht der Handarbeiter rekrutierten, von zwei Arbeitersöhnen abgesehen, die eine fachlich höhere Schule absolvierten. Es war eine Breughelsche Höllenlandschaft, die sich vor den Augen Unbefangener entrollte.

Es stimmt nun höchst bedenklich, daß — wie wir schon sagten — die wirtschaftliche Lage Polens die Möglichkeit weiterer und noch ärgerer Erneuten voraussehen läßt. Man fragt sich, wie man, an der Schwelle eines harten Winters, dem Uebel vorbeugen soll. Der Ernst der Wirtschaftslage ist durch den Appell an die UdSSR bezeigt, der eine Kredithilfe von 100 Millionen Rubel ausgelöst, doch damit zugleich die hoffnungslose Abhängigkeit des heutigen Polens von der Sowjetunion dargetan hat. Wer wird die nötige Autorität und die Geschicklichkeit haben, um einerseits Moskau vor verhängnisvollem Eingreifen zugunsten eines scharfen Kurses abzuhalten und anderseits im Innern die Intelligenz durch Fortsetzung der „Demokratisierung“ zu beschwichtigen, die Massen von Verzweiflungstaten abzubringen, den Zorn und die Intrigen der um ihr Amt, ja um ihre Haut zitternden Stalinianer zu dämpfen und endlich mit der kompakten Mehrheit der Nation, nämlich den noch nicht vermassten Bauern, Kleinbürgern, qualifizierten Arbeitern, Halbintellektuellen, und nicht zuletzt mit der als ruhendem Fels inmitten der Wogen verharrenden Kirche auszukommen?

Aleksander Zawadzki, Ministerpräsident Cyrankiewicz, Rapacki, Gierek im Politbüro, mit ihrem Anhang ehemaliger Sozialisten, Liberaler und Agrarier mögen gewandt sein; keiner von ihnen hat das Format des einzigen Mannes,-dessen Namen auf aller Lippe ist: Wiadyslaw, Gomulka. Doch dei ist körperlich durch Jahre der Haft arg mitgenommen. Überwindet er die Schwäche seiner Gesundheit, dann kann er. r--den vermutlich die.nächste Sitzung des Zentral^ komitees der PZPR ins Politbüro zurückrufen wird, nach den Neuwahlen zum Sejm, Ende Dezember, die Leitung der Regierung als Ministerpräsident oder nominell als Stellvertreter Cyrankiewicz' übernehmen. Er hat die stärkste Hand und die größte Popularität. Seine gefährlichsten. Widersacher sind beseitigt: Bierut starb sehr geiegen. Berman und' nunmehr. Mine mußten gehen, gleich dem verhaßten Polizeiminister Radkiewicz. Zambrowski wird kaum lange widerstehen. Öchab, der als Verlegenheitskandidat auserkorene Erste Parteisekretär, scheint sich mit Gomulka geeinigt zu haben. Verbleiben als starke Widersacher Marschall Rokossowski — persönlich und soweit, solange der Kreml gegen den polnischen Tito Einspruch erhebt — und der Vizeministerpräsident Zenon Nowak. Um diese beiden aus dem Politbüro, dann um ihren Kollegen Mazur und um den politischen Leiter des Verteidigungsministeriums Witaszew-ski, dessen Einzug in den obersten Partei-Areopag Cyrankiewicz verhinderte, sammeln sich die Stalinianer von gestern.

Nun wäre es irrig, bei dem derzeitigen Ringen um die Vormacht innerhalb der polnischen PZPR (Arbeiterpartei/Kommunisten) und Regierung in vereinfachender Form die Ex-Stalinianer als Linke, die Anhänger der „Demokratisierung“ als Rechte zu bezeichnen. Die Dinge sind ziemlich verwickelt. So betreiben die Anhänger von Rokossowski und Nowak unverhüllten Antisemitismus; Cyrankiewicz hat die gesamte jüdische Intelligenz hinter sich, die unter kommunistischer Oberfläche liberal geblieben ist. Der Ministerpräsident findet (und sucht) kein rechtes Verhältnis zur Kirche; Mazur bemüht sich um Kontakt wenigstens mit den kollaborierenden Katholiken. Zweierlei aber ist sicher: nur die Richtung Zenon Nowak-Mazur ist hundertprozentig sowjetfreundlich, während die überschäumende Liebe zur UdSSR bei den anderen Lippenbekenntnis zu sein scheint; sodann, die Stalinianer sind im Herzen Feinde der Intellektuellen, denen einer der Führer der „Hundertprozentigen“, der Gewerkschaftsvorsitzende Klosiewicz völlige Nivellierung mit den Handarbeitern ankündigte, während die Gruppe Cyrankiewicz-Rapacki, schon ihrer Herkunft und Erziehung halber, hinter der geheuchelten Ehrfurcht vor den schwieligen Fäusten den echten Stolz auf glatte Umgangsformen und feingebildeten Verstand bewahrt. Daß sich die Intellektuellen behutsam wieder an die Spitze eines Staates schieben, in dem sie sich lange mit der Rolle eines wenig geachteten Dritten und Letzten im Bunde mit Arbeitern und Bauern begnügen mußten, das ist eines der wesentlichen — und von niemand einbekannten — Symptome des Umbruchs, der in Polen derzeit vor sich geht; der seine Wirkung zeigen wird, wenn er nicht vorher durch Eingriff von außen her oder durch einen neuen Aufstand der großstädtischen Massen abgestoppt wird. Ueber ein zweites Hauptmerkmal — die nach jugoslawischem Muster erwogene Erschütterung des reinen Staatskapitalismus durch Selbständigkeit der Betriebe und durch das Gewähren materieller Anreize an Beamte und Arbeiter, um den Ertrag der Einzelunternehmen zu steigern — kann in der uns auferlegten Kürze nicht ausreichend geschrieben werden. Gesellte sich dieser wirtschaftliche dem eben erwähnten sozialen (Rück-) Umschwung, dann, aber nur dann, wäre es denkbar, die Nöte der breiten Massen ernsthaft zu bekämpfen und in Polen eine wirkliche, dauernde Besserung zu erzielen.

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