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An den Round geschrieben

IN VERTRAUTEM KLIMA. Nicht alle Politiker des Staates spannen aus. Der Bundeskanzler etwa, der sich für einige Zeit nach Salzburg zurückgezogen hat, steuert von dort aus das Staatsschift durch die sommerliche Flaute. Im vertrauten Klima der Hauptstadt jenes Bundeslandes, dessen Oberhaupt Dr. Klaus lange Jahre war, nahm nun der Bundeskanzer zu offenen Fragen der Innenpolitik Stellung. Seinen offen zur Schau getragenen, schon bald sprichwörtlichen Optimismus begründete der Kanzler mit den fruchtbaren Gesprächen, die in fachlichen Gremien geführt werden, und wies besonders auf die Erfolge des Wirtschaffs- und Sozialbeirates hin, der erst kürzlich die Budgetgrundsätze des Finanzministers gebilligt habe. Die durch den Beirat empfohlenen Maßnahmen hätten dazu geführt, dafj der Preisauftrieb in Österreich — auch bei Fleisch — immerhin unter dem europäischen Durchschnitt liege. Sichtlich gut gelaunt und erholt nahm der Kanzler dann zu Fragen der Pressevertreter Stellung, Fragen, deren Themen das Budget 1965, die Rentenreform, die Habsburg-Frage — abgespielter politischer Schlager vergangener Sommer —, die europäische Integration und Südfirol waren. Seinen „Arbeitsurlaub" bezeichnete Dr. Klaus als sehr fruchtbar, da er ihm einen innigeren Kontakt mit Land und Leuten als seine Tätigkeit in Wien ermögliche. Er beabsichtige daher, in Zukunft solche Arbeitsurlaube auch in anderen Bundesländern zu verbringen. Nächstes Ziel: Sein Geburtsland Kärnten. Ein wenig erinnert er ja. an die Kaiserpfalzen des deutschen Mittelalters, dieser „Arbeitsurlaub’, dem Föderalismus aber — um dessen Erfüllung sich die Bundesländer stets ein weniq geprellt fühlen — mag er sicher kräftigen Atem einhauchen.

WEDER VERWANDT NOCH IDENTISCH. „Bekessy-Blättchen" nannte das sozialistische Zentralorgan eine kleinformatige Boulevardzeitung, die dieser Tage über Antrag des Gewerkschaftsbundpräsidenten gerichtlich beschlognahmt wurde, weil sie im Zusammenhang mit der Verhaftung eines polizeibekannten Gewalttäters den Präsidenten der Intervention zugunsten des — überdies noch namensgleichen — Missetäters bezichtigt hatte. „Hinaus aus Wien mit diesem Schuft" hafte Karl Kraus ausgerufen, und die ganze Stadt verfolgte mit Erleichterung den Kampf des federgewaltigen „Fackel-Kraus" mit dem Herausgeber der „Stunde". Und heute? Vier Jahrzehnte später? Die Zeit ist anders, ganz anders. Nach der scheinbaren, trügerischen

Waffenruhe zwischen den verfeindeten Gruppen der Sozialistischen Partei, deren Strategen man an friedlichen Urlaubsorten mit friedlichen Dingen beschäftigt glaubte, löste nun dieser spektakuläre Feuerschlag um so größere Überraschung aus. Der so plötzlich weggezogene Vorhang zeigt der interessierten Öffentlichkeit — sofern sie sich nicht lieber unbeschwerteren Bade- und Wanderfreuden hingibt — eifrig grabende Parteistrategen, an Heinzelmännchen oder Schatzgräber erinnernd. Was so eifrig gesucht wird? Der Abstammungsnachweis natürlich, der — wie man sich zu erinnern glaubt — doch sicherlich irgendwo aufgehoben wurde. Nach den Methoden, die der politische Kleinkrieg anzunehmen scheint, müßte man ihn bald täglich in der Brieftasche mit sich tragen. Man könnte ihn wieder brauchen.

KAMPF UMS SONNTAGSSCHNITZEL.

Mitten in der Festspielzeit findet in Salzburg ein Streik statt, der imstande ist, den Trubel in der Mozartstadt für einige Zeit gänzlich zu ersticken. Es streiken jedoch keineswegs Bühnenarbeiter oder Verkehrspolizisten. Die Fahrer der städtischen Busse geben durch diese drastische Maßnahme ihren Unmut über den bereits merkbar in die Höhe getriebenen Preis der Leberkässemmel Ausdruck. Aber auch die Hausfrau merkt seufzend, dafj das Wirtschaftsgeld wieder einmal knapper geworden ist. „Der Konsument ist selbst schuld", meint die Fleischhauerinnung. Die Salzburger Arbeiterkammer hatte, mehr als beunruhigt durch die schwindelnde Höhe, die der Fleischpreis vor allem in Salzburg erreicht hatte, Anzeige nach dem Preistreiber- gesefz erstattet. Die Erhebungen über diesen einigermaßen schwierigen Tatbestand sind allerdings noch nicht abgeschlossen. Dafj der Konsument selbst schuld ist, weil er daran denkt, des Sonn- oder Feiertags ein Schnitzel zu essen, ist freilich ein etwas seltsamer Standpunkt. Doch die Antwort auf die Frage, wer denn eigentlich an den hohen Fleischpreisen schuld sei, ist gar nicht so leicht zu finden. Bauern, Fleischhauer und Konsumentenvertretungen suchen einander eifrig den Schwarzen Peter zuzuspielen. Gute Ratschläge, wie den hohen Preisen begegnet werden könnte, gibt es allerorten. Und umsonst. Freilich erinnern diese Ratschläge fatal an Zeiten, in denen Rezepte für eine bekömmliche Suppe aus Wursthäuten angepriesen wurden. ‘

POLENS NEUES STAATSOBERHAUPT.

Auch die „gewöhnlich gutinformierten Kreise’ haben nicht immer recht. So irrten jene politischen Kommentatoren, die den polnischen Ministerpräsidenten Cyrankiewicz schon auf dem Sessel des Staatsratsvorsitzenden wissen wollten. In einer außerordentlichen Sitzung des Sejm wurde der bisherige Stellvertretende Vorsitzende des Staatsrates, der 58jäh- rige Edward Ochab, durch Akklamation zum Nachfolger des verstorbenen Staatsoberhauptes, Zawadski, gewählt. Ochab vertrat den verstorbenen Präsidenten schon seit geraumer Zeit, als dieser durch seine schwere Krankheit an der Ausübung seines Amtes gehindert war. Auf dem Boden des alten Österreich gewachsen, kam Ochab 1906 als Sohn eines k. u. k. Polizeibeamten in Krakau zur Welt. Zunächst zum Offizier bestimmt, wurde der junge Mann aus der Heeresschule wegen linksextremistischer Neigung ausgestoßen. Dies bestimmte seinen künftigen Lebensweg. Nach gründlicher Arbeit im Parteiapparat Vorkriegspolens und der Teilnahme an der Verteidigung Warschaus im Herbst 1939 flüchtete Ochab in die Sowjetunion und rückte als Kommandant eine rotpolnischen Division 1944 wieder in Polen ein. Der verdiente Altkommunist Ochab kletterte weiter die Leiter der Karriere in Staat und Partei empor. Im stürmischen Oktober 1956 übergab er das Amt eines Parteichefs der polnischen KP an Gomulka und beschäftigte sich mit Fragen der Landwirtschaft. Seltsames Mitteleuropa — der Sohn eines k. u. k. Polizeibeamten als Staatsoberhaupt des kommunistischen Polen.

MOSKAU SPIELT MIT. Auf Zypern ist immer was los — ein etwas makabrer, fremdenverkehrfördernder

Spruch, gewiß. Doch hat es den Anschein, daß eine halbwegs friedliche und annehmbare Lösung dieser „heißen" Frage, die täglich mehr Opfer fordert, noch in weiter Ferne liege. War es zunächst die Erkrankung des UNO-Vermittlers Tuomioja, die eine Fortführung der Verhandlungen zunächst für einige Zeit unmöglich machte, so bedeutete der Wechsel Moskaus von der Kiebitzin die Spielerrolle eine neuerliche schwere Verschärfung der Krise: Die unmißverständliche drohende Sprache, die Warnung, an die Adresse der Türkei gerichtet, vor der Wiederaufnahme der Luftangriffe, dies alles bringt einen Akzent mit sich, der dif in Athen, Ankara und Nikosia sitzenden Spieler ausschaltet und nun Moskau, London und Washington deutlicher und direkter als je zuvor, ins Spiel um Krieg und Frieden im Mittelmeer einbezieht. Die britische Reaktion kam prompt: Mit Verachtung wurden die Unterstellungen Moskaus zurückgewiesen, die Türkei zu den Luftangriffen angesfiftet zu haben. Auch Athen reagierte rasch: Dorf begrüßte man mit Jubel das Angebot sowjetischer Waffenhilfe und sieht darin einen „wichtigen Beitrag zur Erhaltung des Friedens . Fehlgelel- teter Nationalismus? Oder Anzeichen des Absprungs Griechenlands aus dem atlantischen Bündnis? Diplomatische Gefechte jedenfalls. Auf höherer Ebene. Den Türken auf der Insel allerdings droht der Hunger. Und dies scheint man über allen Drohungen und Freudenkundqebun- gen fast schon vergessen zu haben.

UNGUTES KLIMA. Nicht gerade ein Erholungsklima dürfte die russische Luft für westliche KP-Prominenz sein, liegt doch — nach dem Tod Maurice Thorez’ — der Generalsekretär der italienischen kommunistischen Partei, Palmiro Togliatti, in besorgniserregendem Zustand In einem Spital in Jalta. Er war am vergangenen Sonntag nach Moskau gekommen, um, wie angenommen wird, mit den sowjetischen Führern über Fragen der geplanten Interkommunistischen Konferenzen zu verhandeln. Beim Besuch eines Pionierlagers auf der Krim wurde Togliaffi von plötzlichem Unwohlsein befallen, kurz darauf verlor er das Bewußtsein. Das ärztliche Bulletin spricht von einer Gehirnblutung. Selbst wenn Togliatti — heute 73 Jahre alt — den schweren Gehirnschlog überlebt, wird er doch kaum mehr Italiens Kommunisten zu führen in der Lage sein. Und damit wird das Problem des Nachfolgers brennend akut, eines Nachfolgers, der einen Mann ersetzen soll, der ein Menschenalfer — seit 1930 — an der Spitze der Partei gestanden ist.

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