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An den Rand geschiliben

BLENDLATERNEN GEGEN LICHTSCHEUE. Auch das offizielle Österreich kann nichf mehr umhin, zu den immer wieder und immer dreister aufflackernden Aktionen alter und neuer Rechtsextremisten Stellung zu nehmen. Lang genug hat es gedauert. Und der eine oder andere tut dies auch heute noch sehr zögernd, mit vielen Wenn und Aber. Der steirische Landeshauptmann nahm einen Vortrag vor dem Wiener Gewerbeverein zum Anlaß, über Koalition urvd Gleichgewicht zu philosophieren und lat dabei die Radikalisten als allgemeine Zeiterscheinung ab, von der man nicht zuviel Aufhebens machen solle. Etwas schärfer war da immerhin der Vizekanzler bei seiner Rund- funkanspraohe zum Wochenende. Es war gerade der Hinweis auf die gemeinsame Front jener Männer der Koalition, die nicht nur das Jahr 1945, sondern auch gewisse Jahre zuvor in Erinnerung behalten haben, eine Front, die sich durch beide Regierungsparteien zieht, die seinen Worten das ernste Gewicht einer Warnung gab, hinter der nicht nur einseitiges Parteiinteresse steht. Auch die Gesetzesvorschläge des Justizministers, die klare Stellungnahme des Buradesjugendrings, die deutliche Distanzierung des Bundessportrats von Vereinigungen, die die Leibesübungen nur als politischen Vorwand betrachten: das alles sind Symptome dafür, daß die österreichische Öffentlichkeit nun mit jener Taktik des wohlwollenden Schweigens und Weg- schauens Schluß gemacht wissen will. Ohne, daf sie dazu kommunistische Belehrungen benötigt.

DIE KOALITION BREMST. Mit seltener Einmütigkeit betonten führende Politiker der Koalitionsparteien am letzten Wochende ihren festen Willen, die finanzielle und wirtschaftliche Situation Österreichs in beschleunigtem Maße zu stabilisieren. Der Generalsekretär der Volkspartei sagte, die Volkspartei sei entschlossen, mit Jahresbeginn „einen Schlußstrich unter die Lohn- und Preisentwicklung" zu ziehen. Vizekanzler Pittermann forderte alle Interessengruppen, ferner auch die privaten Haushalte auf, Disziplin zu üben; der Staat wolle nun kl seiner künftigen Ausgabenpoljtiki ..mit gotetraoBröpiel vorgrvgehen. Generalsekretär.; Doktor Withalm wies noch, daß der Steigerung der Verbraucherpreise im letzten Jahr um 4,8 Prozent eine mehr als 10 prozentige Erhöhung der Brutto- Wochenlöhne in der selben Zeitspanne gegenüberstand. Dennoch seien breite Schichten der Bevölkerung, vor ollem die Ärmsten, die kinderreichen Familien, durch diese Entwicklung absolut benachteiligt. Eine Fachzeitschrift rechnete sich indessen aus, daß Österreich Woche für Woche näher an eine „ungemein kritische Kreuz weg situation” heranrückt; der bevorstehende Konjunktur- rückschlag fällt zeitlich mit einem Höhepunkt des Preisauftriebs zusammen. Mit Überredungskünsten wird daher die Lage kaum zu meistern sein; verschärfte zollpolitische Maßnahmen, Behebung des Arbeitskräftemangels und andere, längst fällige Schritte sind notwendig, um die Konjunkturentwicklung in letzter Stunde noch in gutem Sinne zu beeinflussen.

MIT BLAUEN AUGEN. Wer Ohren hatte, um zu hören, und Augen, um zu sehen, konnte in den letzten Jahren eine steigende Propaganda gegen jene Österreicher wahrnehmen, die es ehrlich mit unserem Volke meinen: ehrlich, ohne Kornblume, ohne Hakenkreuz — auch ohne Sowjetstern. In der Stellungnahme für die neonazistischen Terroristen überschlägt sich nun eine gewisse Presse, nachdem auch manchem „Prominenten” der Mund überlief Ein Montagblatt verteidigt die jugendlichen Idealisten, die sich, „aufgeputscht durch unsere widerlich lendenlahme Südtirolpolitik, zu allerdings sinnlosen Terrorakten hinreifjen ließen", und singt bei diesem gegebenen Anlaß ein Hohes Lied auf die deutschen Burschenschaften als „das festeste Bollwerk gegen den Bolschewismus . Wir schätzen die Burschenschaft von 1817 und 1822 und 1848 und einige Burschenschafter von heute: Wir lehnen es aber strikt ab, den deutschen Burschenschaften in Österreich dasselbe Prädikat zuzuerkennen, das in einem Dutzend Jahren die NSDAP und das Dritte Reich für sich beanspruchten: eben „das einzige verläßliche Bollwerk gegen den Weltkommunismus zu sein". Wer in derselben Nummer des besagten Blattes noch den Aufsatz „Jugend ist das Gewissen" liest, findet fast das gesamte Vokabular der nazistischen Presse und ihrer kornblumenblauen Vorläufer in Österreich vorgestellt

— in einem Angriff gegen unsere

Regierung, der genau dasselbe vorgeworfen wurde wie einst den „Systemregierungen im Deutschland Brunnings” und den nichtnationalsozialistischen Kabinetten in Österreich.

VOR FREILASSUNG KARDINAL MIND- SZENTYSI Ungarische Regierungskreise gaben in diesen Tagen vor westlichen Journalisten in Budapest bekannt, daß sie sich bemühen würden, die Beziehungen ihres Landes zu den westlichen Ländern, so vor allem zu den Vereinigten Staaten, aber auch zum benachbarten, neutralen Österreich, zu verbessern. Als einer der Testfälle gilt bekanntlich seit zehn Jahren beinahe in allen Fragen, die das Verhältnis Ungarns zum Westen betreffen, das Schicksal Kardinal Mindszentys. Die Regierung in Budapest wäre angeblich jetzt bereit, darüber zu verhandeln. Es ist dies eine eminent politische Frage; sie wurde von den damaligen und heutigen Verantwortlichen in Ungarn von Anfang an als eine solche hochgespielt und stets auch einzig und allein unter diesem Gesichtspunkt behandelt. Für den Westen, vor allem für die Katholiken im Westen, ist der „Fall Mindszenty” jedoch mehr als ein Politikum, und man meint, er wird auch nicht allein als ein solcher „zu lösen” sein. Im Bereich der Kirche in Ungarn ist die sonstige Stagnation gerade wieder in den letzten Monaten unterbrochen; einige der betont regimetreuen Wortführer im katholischen Klerus erlangten hohe Positionen in der Diö- zesanführung und auch im Staat. (Der exkommunizierte Prälat Beresz- toczy wurde vor kurzem Vizepräsident der Nationalversammlung.) Die Frage über das weitere Schicksal Kardinal Mindszentys, der bekanntlich seit der Niederschlagung der Revolution 1956 unter dem Schutz der amerikanischen Vertretung in Budapest lebt, dürfte weder hüben noch drüben isoliert betrachtet werden.

EUROPA 1830, INDIEN 1961. Sehr reserviert haben die Repräsentanten Indiens und Indiens Volk die drifte Weltkirchenkonferenz in Delhi aufgenommen. Mißtrauen gegen eine erneuerte Missionsoffensive weißer Männer mag dab į , mifypiejgn.: In diesem Sinne mag die Verschmelzung des ökumenischen Rates der Kirchen mit dem Internationalen Missionsrat, vielleicht eine der wichtigsten Früchte dieser Tagung des Weltprotestantismus und der nicht römisch-katholi- schen Kirchen, von Asiaten und Afrikanern verstanden werden. Japanische und indische Sprecher verkündeten nämlich hier, unter riesigem Beifall genau das, was eine europäische Avantgarde in Frankreich um Lacor- daire und Lamennois bereits um 1830 dann wieder um 1848 gepredigt und gefordert hatte: „Aufgabe der Kirche ist es, sich den konkreten Gegebenheiten der Umwelt anzupassen”. So der Japaner Takenaka hier 1961, so Lamennais im Jahre 1830. Der Inder Devanadam fordert hier 19611 für die E i n wurzelung des Christentums ist es notwendig, philosophische und religiöse Begriffe der nichtchristlichen Glaubensformen zu verwenden. Dasselbe taten Paulus und die griechischen Väter der Kirche vor Jahrtausenden — ihre Nachfolger im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Europa wurden jedoch fast gesteinigt. Diese Rekapitulation alter europäischer Bitten, Wünsche, Programme und Forderungen des zu unrecht als überholt erachteten 19. Jahrhunderts hier durch den Mund von Asiaten sollte uns ernster Anlaß zur Selbstbesinnung sein: nicht zuletzt für

Katholiken vor dem Konzil von 1962.

SPRÜNGE — VOR ODER ZURÜCK!

Die westliche Phalanx scheint sich zur Zeit nach Art der Echfernacher Sprungprozession zu bewegen. Drei Vorwärtsschritten folgt mit Sicherheit mindestens ein Rückwärtsschritt. Eine Konferenz löst die andere ab, sehr wichtige Aussprachen drängen sich in den nächsten Wochen zusammen. Die- Kommuniques sind fast immer gleichlautend: einmütig, entschlossen, verhandlungsbereit. Wenige Stunden nach Sitzungsende gehen dann die ganz anders lautenden Kommentare um die Welt: ernste Differenzen.

Mehr als ein defensives Minimalprogramm für kommende Ost-West- Verhandlungen wird man wohl auch bei der vorweihnachtlichen NATO- Tagung nicht entwickeln. Man darf aber nicht vergessen,, daß auch die Kommunisten den Eohternacher Springvers kennen. Lenin hat ihn in veränderter Form zum Titel einer Kampfbroschüre gemacht. Und die sehr entschiedene Formulierung Go- mulkas, daß die Ostblockstaaten im Falle weiterer westlicher Unentschlossenheit wieder zu ihrer Ausgangsposition, also zum Berlin- Ultimatum, zurückkehren würden, war deutlich genug.

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