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Die Heimkehr des verlorenen Bruder

Als sich am 20. Oktober in Warschau die Sowjetgewaltigen von den polnischen Genossen kühl verabschiedeten, da hatte man das Gefühl, erzürnte Eltern seien enttäuscht und erbittert von einem Besuch beim verlorenen Sohn, der in schlechte Gesellschaft geraten sei. Und man erwartete, auf den Blitzbesuch werde Kanonendonner folgen.

Als sich am 18. November, bei schneidender Kälte, die polnischen Genossen von den Sowjetgewaltigen in Moskau mit warmer Herzlichkeit verabschiedeten, da bemerkte man zunächst einen kleinen genealogischen Irrtum. Es waren nicht etwa gestrenge Eltern, die über einen unbotmäßigen Sohn ihre patriarchalische Autorität ausübten, sondern Geschwister sprachen mit dem Bruder; man hatte sich, wie das so vorkommt, eine Weile lang gestritten, und nun war wieder alles eitel Freude, Liebe, Zärtlichkeit. Auf d i e-s e n sorgsam und umständlich vorbereiteten Besuch soll kein Ausbruch entfesselter Elemente folgen, sondern ein rührendes Familienmelodram gegenseitiger Hilfe und musterhafter Einigkeit. So ungefähr stellte sich das Bild auf Grund der offiziellen Mitteilungen dar.

Wie aber zeigt es sich dem tiefer blickenden Beschauer?

Ein paar Tatsachen, die das polnisch-russische Verhältnis bestimmen, sind in diesen vier schicksalhaften Wochen; mit voller Klarheit bestätigt worden: der durch keine weltanschauliche Gemeinschaft der Machthaber, durch keine Angleichung der innenpolitischen und sozialwirtschaftlichen Ordnung zu überwindende nationale Gegensatz beider Völker; der opferbereite Patriotismus und die Solidarität der Polen in jeder ernsten Krise; der Freiheitswille aus der Anhänglichkeit an die christlich-abendländisch geprägten Ueberlieferungen, der in allen Schichten dieser Nation lebt; anderseits die Unmöglichkeit, zu den Zuständen vor 1939 zurückzukehren, und die wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle, die bei den Polen die Oder-Neiße-Grenze spielt. Die Sorge um die Gebiete, die man als „ziemie odzyskane“, als „wiedergewonnene Gebiete“, betrachtet, macht auch die am meisten antikommunistisch, antisowjetisch gesinnten Polen geneigt, ein außenpolitisch-militärisches Bündnis mit der UdSSR hinzunehmen, soferne es nicht — wie bisher — dem Lande unerträgliche Lasten auferlegt. Zu diesen, keinen Kenner der Situation erstaunenden Fakten tritt indessen noch etwas hinzu, das gerade die mit der polnischen Psyche Wohlvertrauten überrascht. Ein Volk, das im Laufe seiner tragischen Geschichte nur zu oft durch seinen romantischen Tatendrang zu. unbedachtem, aussichtslosem Heldentum hingerissen wurde, hat in gefährlichster, aufgeregter Zeit Ruhe, Maß und Disziplin bewahrt. Dazu aber haben gleichermaßen beigetragen: das Vorhandensein bedeutender, geschickter Führer, in erster Linie Gomulkas und Kardinal Wyszyri-skis; die Vertagung aller weltanschaulichen und politischen Auseinandersetzungen auf später; ein durch schmerzliche Erfahrungen genährter Realismus des Denkens, der vor Täuschungen über wirksame militärische oder auch nur diplomatische Hilfe der westlichen Großmächte bewahrte.

Die große Wendung war bereits am 23. Oktober eingetreten, als Chruschtschow, ebenso unerwartet und plötzlich wie sein Erscheinen in Warschau gewesen war, an Gomulka telepho-nierte, ihm das prinzipielle Einverständnis mit dessen Ansichten bekanntgab und den neuen Ersten Sekretär der PZPR nach Moskau zu weiteren Besprechungen einlud- Der nun trachtete den Besuch möglichst hinauszuschieben, um inzwischen in Polen eine Reihe von vollzogenen Tatsachen zu schaffen, die zu dulden er das Führerkollektiv im Kreml durch wiederholtes nachdrückliches Bekenntnis zur Sowjetallianz zu bewegen hoffte Er nützte dabei auch geschickt die ungarischen Verlegenheiten der UdSSR und die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Moskau und Belgrad aus. Im Eiltempo geschahen umstürzende Veränderungen. Zunächst Um-besetzungen leitender Posten. Rokossowski wurde auf Urlaub geschickt, dann seiner Aemter als Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber enthöben, in denen ihm Gomulkas intimster Freund Spychalski ftachfolgte. Ein zweiter aus dem Kreis Gomulkas, der bedeutende Publizist und Direktor der Nationalbibliothek, Bierir kowski, wurde Unterrichtsminister. Außerdem errichtete man ein eigenes Kultusministerium, das dem ebenso wie Bieiikowski dem Zusammenwirken mit der Kirche und der katholischen Intelligenz sehr geneigten Sztachelski zufiel. Beinahe sämtliche oberen Kommandostellen des Heeres bekamen neue Inhaber. Die sowjetischen Generale und Spezialisten wurden — in allen Ehren und bei Verleihung hoher Orden — entlassen. An ihrer Statt erschienen auch Offiziere, die unter der Aera Bieruts als unzuverlässig in Pension geschickt worden waren. Insbesondere der Generalstab und die Luftwaffe waren Gegenstand eindringlicher Säuberung. Neben Spychalski wurde als Vizeminister der einstige Jugendführer und während kurzer Zeit Präsident von Warschau General Zarzycki ins Verteidigungsressort berufen. Der reinigende Sturm erfaßte die Magistratur und die Verwaltung, nicht zuletzt den gesamten Parteiapparat.

Wohl am wichtigsten aber war die erfreulich schnell sich abwickelnde Aussöhnung mit der Kirche. Gomulka begnügte sich nicht damit, ein' Häuflein Kollaboranten hinter dem Triumphzug der PZPR einherschleichen zu lassen. Er begehrte eine direkte Verständigung mit deni; Episkopat und mit den Massen der Gläubigen; Binnen einer Spanne von zehn Tagen empfing' er die Vertreter der ,,Pax“-Gruppe,“die von den Ereignissen Schwer erschüttert würde, gab allen internierten oder konfinietten Bischöfen die; Freiheit wieder, gestattete ihnen die Wiederauf- i nähme ihrer Tätigkeit als Oberhirten und besprach mit einer auf breitester Grundlage gebildeten Organisation der keines1 Kokettierens • mit dem Marxismus verdächtigen Katholikin die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit im Rahmen einer wirklich allgemeinen Nationalen Front. Schon liegt die doppelte prinzipielle Zusage vor, den Religionsunterricht an den Schulen wieder einzuführen und das konfiszierte Kircheneigentum zurückzuerstatten. Eine gemischte Kommission — zwei Bischöfe und je ein Bevollmächtigter des Staates und der PZPR — verhandelt über Einzelheiten. Die Wiederanknüpfung diplomatischer Beziehungen zum. Vatikan liegt im Bereich der Möglichkeiten; An dem im Triumph nach Warschau zurückgekehrten Primas Kardinal Wyszynski hat das Gesamtwerk des Religionsfriedens einen warmen Anwalt, den das an ihm drei Jahre lang verübte Unrecht weder rachedürstig noch um jeden Preis kompromißlustig gemacht hat.

Nach innen rückenfrei, vom einmütigen Ver-r trauen der Nation getragen, durfte Gomulka, rückenstark nach Moskau reisen. Am 15. November, um 12.45 Uhr dortiger Zeit, trafen er und seine Begleiter ein. Ganz großer Bahnhof, und schon drei Stunden später die ersten Verhandlungen.

Die Wirtschaftsprobleme wurden relativ . schnell und glatt erledigt. Polen wird 1,400.000 Tonnen Getreide erhalten, für seine Lieferungen . künftig die Weltpreise bekommen, dank einem langfristigen Kredit sowjetische Waren kaufen, aufgelaufene Schulden durch sowjetische Nachzahlung auf die Preise der seit 1946 exportierten Kohle decken. Von den politischen Forderungen bewilligt die UdSSR ebenfalls sofort die nach Souveränität, Gleichberechtigung, wahrer Unabhängigkeit. Hier dreht es sich ja nur um Worte, deren Inhalt erst durch die tatsächliche Entwicklung bestimmt wird. Aehnliches gilt'für das Versprechen, die noch in der UdSSR gefangenen oder sonst zurückgehaltenen Polen freizugeben. Am schwierigsten war die Einigung über die Sowjetstreitkräfte in der Rzeczpospolita Ludowa. Darüber muß noch weiter diskutiert werden. Vorläufig ist nur verabredet, daß die russischen Garnisonen nur an der Westgrenze liegen sollen, daß ihr Ort und ihre Zahl fixiert werden und daß ihre Bewegungen nur nach vorheriger Zustimmung der polnischen Regierung erfolgen dürfen. Dies entnimmt man dem amtlichen Schlußkommunique vom 18. Norember. Was darüber hinaus abgemacht wurüe, da wird man kaum bald erfahren. Feststeht Jedenfalls, daß Gomulka formell alles erreicht hat, was er wollte, und daß er dafür, durch das Bewahren der Sowjetallianz und die Anwesenheit sowjetischer Einheiten auf polnischem Boden, nur einen Preis gezahlt hat, den er von vornherein entschlossen war, zu gewähren. Im anderen Fall wäre der offene Konflikt mit der UdSSR nicht zu vermeiden gewesen. Und die Mehrheit der Nation betrachtet dieses Abkommen ohnedies nur alseine Etappe auf,,dem. W e g 21 völliger Handlungsfreiheit, zu einem demokratischen Mehrparteiensystem eigenen Stils und vor allem zum ungestörten „Polish way of life“. Das Tor nach Westen ist fortan weit geöffnet, vor allem auf dem geistig-kulturellen Sektor; doch auch sonst. Wie sehr unterscheidet sich der Ton, In dem Polen sich ans nichtkommunistische Ausland wendet oder die ungarischen Geschehnisse beurteilt, von dem in der Sowjetunion!

Wie anders klingt auch die zurückhaltend artige Sprache Gomulkas an die Adresse der Sowjetführer neben der überschäumenden Rhetorik, deren sich Chruschtschow gegenüber den Polen befleißigt! Auf dem Bankett im Kreml am 17. November sagte Gomulka in seinem Toast, nachdem er auch seiner Genugtuung Ausdruck verliehen hatte, den diplomatischen Vertretern aller Länder (beileibe nicht nur der volksdemokratischen oder neutralktischen) zu begegnen: „Unsere LInterredungen verlaufen in einer freundschaftlichen Atmosphäre, die gekennzeichnet ist durch gegenseitiges Verständnis und aufrichtiges Wohlwollen. Sie slnÜ durchtränkt

vom Geist sozialistischer Gleichberechtigung beider Partner. Die bisherigen ... Gespräche werden nach unserer Ueberzeugung günstige Ergebnisse für beide Seiten zeitigen und einen dauerhaften Beitrag zur Stärkung und Verengung der brüderlichen Zusammenarbeit unserer Nationen bilden. Das wird auch weiterhin Vorteile für das gesamte sozialistische Lager bringen und ebenso für die allgemein' menschliche Friedensidee, die Prüfstein der auswärtigen Politik aller Staaten sein soll.“ , - • .

Und Chruschtschow? In seiner viermal längeren Rede wimmelte es von Imperialisten und deren Wut, von Banditenüberfällen (Englands, Frankreichs und Israels), reaktionären Kräften, faschistischen Banden, blutigem Terror gegenrevolutionärer Banden. Die „Bestialität der Bourgeoisie“, das „eiserne Halsband der Bourgeoisie“ waren Perlen im Kranze derartiger oratorischer Edelsteine. Am bemerkenswertesten aber dünkt uns der Schlußsatz im Speech des so vornehm-beredten Sowjetstaatsmanns. „Davon, wie unsere Freundschaft wachsen und sich entwickeln wird, hängt in hohem Grade die Integrität und die Sicherheit unserer Staaten, der die polnischen Volksrepublik ab. Bekanntlich träumt der deutsche Militarismus von Revanche, verlangt er eine Revision der polnischen Grenzen an Oder und Neiße. Dagegen müssen wir“ — so endete Chruschtschow, zugleich lockend und drohend — „zusammenhalten.“

Womit wir, zum Kern der Frage des sowjetisch-polnischen Verhältnisses zurückgekehrt, die Heimkehr des verlorenen Bruders aus ihren tiefsten Urgründen erklärt haben.

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