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Polen, Ungarn und das Weltgewicht Europas

Die Völker Polens und Ungarns haben begonnen, sich die Selbstbestimmung in einem Augenblick zu erkämpfen, in dem die führenden Länder Europas und die führenden Mächte der Welt selbst in inneren und äußeren Krisen und in gewissen Umschichtungen begriffen sind. Diese Tatsache bestimmt die Chance und die Gefahr des zunächst polnischen und ungarischen Versuches, ein hohes Maß ' nationaler Freiheit im Rahmen des osteuropäischen politischen Ge-füges zu erringen. Die auf den ersten Blick so bestürzende Sprachlosigkeit westlicher Führungskreise im Angesicht der Katastrophen und positiven Möglichkeiten, die da für uns alle gegeben sind, erklärt sich nicht einzig und allein aus der Tatsache, daß man sich dort im Nebel der pro- und antibolschewistischen Kampagnen der letzten Jahre so weit verloren hatte, daß man die konkreten Möglichkeiten konstruktiver Politik in Osteuropa und im Donauraum einfach nicht wahrnahm, weil man der Gefangene falscher Entweder-Oder-Alternativen war. Das geflissentliche Hinwegsehen beziehungsweise Bagatellisieren der politischen Bewegungen der letzten Jahre in Polen, Ungarn und nicht zuletzt in der Sowjetunion entstammt 'derselben Angst vor der eigenen Verpflichtung zu europäischer, ja weltweiter Politik in Osteuropa — jenseits falscher Appeasements und jenseits kalter Kriege. Wenn auch in dieser Stunde wenig zur Ehre des Westens gesagt werden kann, so darf doch einiges zum Verständnis zunächst seiner großen eigenen Schwierigkeiten und damit seines augenblicklichen, Versagens im Angesicht der polnischen und ungarischen Vorgänge vermerkt werden:

England und Frankreich stecken Hals über Kopf, militärisch und wirtschaftlich überbelastet, in der afrikanischen Krise, die im letzten eine Frucht des Zornes ist; die Völker in Algerien und Marokko, in Aegypten und im Nahen Osten lassen die unglücklichen Erben des kolonialen Herrentums entgelten, was die Vorväter an ihnen gesündigt haben. Italien macht seinerseits eine eigentümliche Wachstumskrise mit, in der sich die Auseinandersetzungen zwischen „rechts“ und „links“ in allen Großgruppen und Parteien, also bei den Democristiani, Saragat- und Nenni-Sozialisten ebenso wie im Schoß der Togliatti-Kommunisten, abspielen. Spanien, äußerlich weit vom Schuß (vom Schießen in Polen und Ungarn) entfernt, steht, wie am Vorabend des Bürgerkrieges vor 20 Jahren, an einem Scheidewege, wie kürzlich der aufsehenerregende Hirtenbrief der spanischen Bischöfe gezeigt hat: Wenn es nicht gelingt, eine Sozialreform durchzuführen und das unterdrückte große Potential des spanischen Volkes zu erschließen, wird das Land weiterhin in Kümmerformen dahinsiechen. Westdeutschland geht soeben daran, sein bisher negatives Verhältnis zu Osteuropa gründlich und vorsichtig zu überprüfen, wie der letzte Notenwechsel zwischen Bonn und Moskau gezeigt hat.

Hinter den schwankenden Gestalten in Europa steht der schwankende Riese, unbeholfen, wie nicht selten, angesichts plötzlicher Aenderungen in anderen Ländern, die aber lange genug vorauszusehen waren: Amerika. Die letzten Tage des Wahlkampfes erklären einen Teil der hilflosen Worte, die da den Völkern Polens und Ungarns entgegenstammeln; sie machen auch verständlich, daß die USA in dieser weltgeschichtlichen Stunde nicht das zu tun wagen, wozu sie verpflichtet sind: nicht nur zu einem Parlieren mit englischen und französischen Staatsmännern, nicht auch zu wortreichen Sympathieerklärungen, auch nicht zu Anträgen an Sicherheitsrat und UNO, sondern zu etwas ganz anderem: zu schnellem entschiedenem Verhandeln mit der Sowjetunion. Dieses Verhandeln allein kann den gequälten Völkern des Donauraumes weitere schwerste Blutverluste ersparen und dem verlegenen Riesen im Osten ermöglichen, sich so gut wie möglich aus der Affäre zu ziehen. Dieses Verhandeln der USA und des Westens mit Rußland müßte zwei

Hauptpunkte haben: 1. Abzug der russischen Truppen aus Polen und Ungarn; 2. Vorbereitung eines Vertragssystems, das Rußland ermöglicht, sein Gesicht zu wahren, die Früchte seines Sieges im letzten Weltkrieg nicht ganz zu verlieren: eine Garantie also, daß Osteuropa in keinem Falle zu einem Aufmarschgebiet gegen Rußland wird. Das aber bedeutet: die Zusicherung an Rußland, daß ihm eine gewisse Mitsprache an der politischen Gestaltung Zwischeneuropas erhalten bleibt. Weltpolitik im Atomzeitalter bedeutet für die Weltmächte die Verpflichtung, ihre Stärken und Schwächen gegenseitig zu behüten und nie der Versuchung zu erliegen, aus beiden über das Maß Kapital schlagen zu wollen. Wenn die USA im gegenwärtigen Moment ihre Verpflichtung, den Russen aus ihrer schwierigen Situation, in die sie der Ueberschwang des Sieges, der Terror Stalins und die Angst vor dem Westen gebracht haben, herauszuhelfen, nicht begreifen, tragen sie Mitverantwortung für das Chaos und das Vakuum, das aus der gegenwärtigen Situation entstehen kann. Gerade Oesterreich hat eine Pflicht, dies unseren Freunden im Westen deutlich und klar zu sagen, weil die gerade auch im Westen lange Zeit angezweifelte positive Bedeutung unseres Staatsvertrages heute für jeden, der die Augen zu öffnen wagt, klar zu erkennen ist. Bundeskanzler Raab hat bereits in Bonn darauf verwiesen, daß die ungarischen, aber auch polnischen Ereignisse unter anderem auch eine Folge der Freigabe Oesterreichs sind; sie wären vor dieser undenkbar!

In voller Erkenntnis der Sachlage hat die österreichische Bundesregierung als erste Regierung der Welt sich direkt an die Sowjetunion gewandt und sie ersucht, dem Blutvergießen in Ungarn Einhalt zu gebieten. Sie hat sich dabei zu Recht auf die Menschenrechte berufen. Oesterreich hat damit seine Mitverantwortung für den Donauraum einbekannt und sich eben deshalb an jenen großen Partner gewandt, ohne den kein wahrer Friede hier geschaffen werden kann.

Im gegenwärtigen Moment stehen der Riese im Westen und der Riese im Osten, beide bestürzt und verlegen, einer einzigartigen Situation in Polen und Ungarn gegenüber. Die Erhebungen in diesen beiden Ländern werden primär — darüber sollten sich gerade unsere Phra-seure und Politiseure im Westen keiner Zweifel hingeben — von aktiven, dynamischen Gruppen und einzelnen getragen, die dem revolutionären Sozialismus, dem Kommunismus und der freischwebenden Linken angehören. Nicht das verständliche Mitmachen anderer Kreise ist das Wichtigste: seit der Erhebung der Arbeiter in Posen am 28. Juni dieses Jahres sind in Polen und Ungarn Intellektuelle, Studenten, Arbeiter die treibenden Kräfte, die ihren Staat erobern wollen. Ihren Staat, das heißt: die Verfügung über die Bodenschätze, Fabriken, über die reichen wirtschaftlichen Potenzen ihrer Völker. Die Arbeiter von Posen im Juni und die Arbeiter von Miskolcz heute wollen weder die Sozialisierung der Großindustrien und Grundstoffe rückgängig machen noch auch eine Rückkehr zu dem schöngeistigen und korrupten Scheinhumanismus einer überzüchteten Oberschicht, die sich nach dem Westen abgesetzt hat. Sie wollen ihren nationalen Sozialismus und wollen sich innerhalb ihrer, wenn man will, „titoistischer“ Strukturen, die aber in Polen und Ungarn ganz anders beschaffen sein werden als auf dem Balkan, eine gewisse Freiheit erkämpfen. Die Intellektuellen und die ganze dynamische Intelligenz dieser Länder möchte Offenheit dem Westen und Osten zu, will aber nicht, (faß ihre Länder ein Besatzungsregime der Russen oder, ein VersuchsIaboratorium des Westens werden.

Hier, in der Anerkennung dieser politischen, gesellschaftlichen und geistigen Tatsache, daß nämlich in Osteuropa eine in Leid und Verfolgung gestählte, ja erzogene revolutionäre Intel-

,]igenz und Arbeiterschaft entstanden ist, liegt die Chance einer Absprache zwischen West und Ost. USA, England und Frankreich einerseits und Rußland anderseits über das künftige Schicksal Zwischeneuropas. Der Westen hat sich falscher Hoffnungen, der Osten falscher Aengste zu entschlagen. Beider Selbstenttäuschung ist eine heikle und schwere Aufgabe, die aber zu lösen ist.

Die Schwierigkeiten des Westens sind geringer, obwohl der Druck gewisser Emigrantenorganisationen und der ewig ungeduldigen Ideologen und Weltverbesserer in ihm nicht gering ist. Die Schwierigkeiten Rußlands sind größer. Die unentwegten Stalinisten vom Typ Molo-tows und die ewiggestrigen Militärs, die immer noch fetischistisch „Sicherheit“ mit dem Kilometermaß messen — im Atomzeitalter! — und ängstlich dort sitzenbleiben wollen, wohin der letzte Krieg sie führte, drängen die jüngere, beweglichere politische, wirtschaftliche und technische Intelligenz der Sowjetunion, die sich um Chruschtschow geschart hat und die Kooperation mit den anderen Ländern wünscht, in eine gefährliche Enge. Hier hat, und zwar sehr bald, der Westen einzugreifen: nicht durch Interventionen in Poleil und'Ungarn, wohl aber durch eine politische Absprache mit Moskau. Wenn nämlich dort ein steifer Kurs siegen würde, würde die Konsolidierung Ungarns und Polens äußerst erschwert werden.

Der Westen soll dabei nicht vergessen: die vielen tausend Toten in Ungarn, aber auch die Opfer in Polen sind, wenn wir sie richtig verstehen, für uns alle gefallen: für uns Menschen im Westen, die wir oft dumpf und' unmutig unsere innere Freiheit zu verspielen drohen, weil wir lahm geworden sind im Ringen um wirtschaftliche .Demokratie, Realisierung der Menschenrechte, um politische Charakterbildung und Selbsterziehung zu freien Bürgern, die sich die Freiheit der, Welt etwas kosten lassen. Für die Menschen im Osten, vor ;allem auch in der Sowjetunion, die heute eben daran sind, sich eine gewisse Freiheit und Selbstgestaltung., im Rahmen ihrer östlichen Möglichkeiten zu erringen. D e r Sieg der Freiheit in Warschau und Budapest ist gebunden an das Wachstum der Freiheit in Moskau und Leningrad. Es besteht eine tiefe Schicksalsgemeinschaft zwischen den Völkern Zwischeneuropas und Rußlands; wer das nicht sehen will, verträumt sich in gefährlichen Illusionen. Wohl besteht auch noch die alte Schicksalsgemeinschaft mit den Völkern des Westens: ihre große politische Stunde ist aber durch die Schuld des Westens im ersten Weltkrieg bereits einmal vertan und im zweiten Weltkrieg durch Hitler besiegelt worden. Die Träger und Gestalter des Freiheitskampfes in Polen und Ungarn sind geistig die Kinder der westeuropäischen Aufklärung und der Französischen Revolution, sie sind in Fleisch und Blut, als Arbeiter-, Bauern- und Kleiribürgersöhne, Kinder ihrer Völker, die nichts mehr gemein haben mit jenen schmalen feudalen und bour-geoisen Gruppen, die im 19. und 20. Jahrhundert — bis 1945 — ihre Unfähigkeit, besser, ihren Unwillen zur politischen, gesellschaftlichen und geistigen Neugestaltung ihrer Länder unter Beweis gestellt haben. Eben hier ergibt sich eine große Chance für Europa, für die Welt von morgen: diese Völker sind berufen, vom Osten her Mittler zwischen Ost und West zu werden, und damit eine Aufgabe zu erfüllen, die, vom Westen her. Oesterreich zu erfüllen hat.

Das Polen Gomulkas. das neue Ungarn und die Tschechoslowakei der nächsten Regierung-können ein Zwischenglied zwischen Ost und West bilden, das Europa wieder ein Weltgewicht schaffen kann — nicht durch eine falsche Einheit und Einigung, wohl aber als ein Zusanimen-spiel sehr verschiedenartiger Systeme und Kräfte: ein Potential, das die Beachtung alier erzwingt. Heute ist es bereits hochbeachtlich, zu sehen: als fast unsichtbare Schirmherren über den Entwicklungen in Zwischeneuropa walten nicht die LISA und nicht die UdSSR, wohl aber China. Indien und Tito. Drei Mächte, die sich oft genug in den letzten Jahren zu Absprachen getroffen haben.

Seltsamer, unverhoffter Trost in dieser schweren Stunde: Europa ist nicht allein in dieser großen Krise - weil es seltsame, eigentümliche Freunde in der Welt hat und weil es, wie diese Stunde zeigt, eigene große Kräfte besitzt, die aber erst richtig betreut, geführt, verstanden werden wollen: in Moskau und Washington und auch bei uns in Oesterreich, wo heute, im Donnerruf der Geschütze von der nahen Grenze her, Kräfte erwachen, die sich auf die alte, ewige Aufgabe Oesterreichs im Donauraum besinnen.

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