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Ungarn und Europa am Tage Null

Der Aufruf, den der Ungarische Schriftstellerverband am letzten Sonntag kurz vor acht Uhr durch das Budapester Radio an „alle Schriftsteller, Wissenschaftler, Schriftstellerverbände, Akademien, wissenschaftliche Verbände der Welt, an alle führenden Persönlichkeiten des internationalen Geisteslebens“ richtete, hatte folgenden Wortlaut: „Wir haben wenig Zeit. Die Tatsachen sind bekannt. Helft Ungarn, dem ungarischen Volk, den Schriftstellern, Wissenschaftlern, Arbeitern, Bauern, Geistesarbeitern! Helft! Helft! Helft!“

Das waren die letzten Worte, die der erst wenige Tage alte „Freie Sender Kossuth“ aus Budapest übertrug. Es folgte eine Schallplatte und mitten in der Musik die plötzlich eintretende Stille. Die heranrollenden russischen Panzer warteten nicht, bis das klassische Musikstück zu Ende gespielt werden würde. Die Schriftsteller iedoch konnten noch einige Minuten vorher ihren Hilferuf den „Schriftstellern und Wissenschaftlern der Welt“ ungehindert zur Kenntnis bringen ist an diesen, den Hilferuf der ungarischen Kollegen richtig zu verstehen und in Erinnerung zu behalten.

Verweilen wir noch kurz bei dieser Botschaft der letzten Stunde. Mit ihr kehrte die Revolution von Budapest nach einem kurzen, aber ruhmvollen Weg und einigen Irrwegen zu ihrem Ausgangspunkt zurück und vollendete damit zugleich in höchst bedeutungsvoller Weise ihre historische Aufgabe, indem sie noch zur Stunde des zeitweiligen Unterganges den Blick der Kämpfenden und Sterbenden von der wohl ungeheuerlichen Vision eines bewaffneten Eingriffs seitens der westlichen Großmächte abzulenken versuchte und dem Geist, dem Denken und dem Wort den Primat bei der Fortsetzung des Freiheitskampfes zubilligte. Die Schriftsteller und die Denker des Westens können für diese Geste ihrer ungarischen Kollegen dankbar sein und ihrerseits versuchen, über das W i e der ihnen aufgebürdeten Pflicht des Helfens ernstlich nachzudenken. Die Zeit ist reif dazu.

Indessen ist nicht alles, was zwischeSi dem Anfang und dem vorläufigen Ende in Ungarn geschah, klar und bis auf die Gerüchte durchleuchtbar. Von den zwölf Tagen der Revolution trug fast ein jeder Tag ein anderes Gesicht. Aus den Begeisterungsstürmen des ersten Tages, aus dem neuen, echten Erleben großer patriotischer Szenen aus der Petöfi-Zeit ist die kluge Besinnung auf die nächsten, dringendsten Aufgaben bei den einen, der unendlich wagemutige, große Opfer an Menschenleben fordernde Kampf um jedes Haustor und jedes Fenster bei den anderen geworden. Es wäre sinnwidrig, zu behaupten, daß die jungen Studenten und Studentinnen, die in breiten Reihen Arm in Arm auf den Straßen von Budapest entlangmarschierten, ihren Sprechern, welche die in siebzehn Punkte gefaßten Forderungen der Universitätsjugend vorlasen, zujubelten und am 23. Oktober abends die Theatervorstellungen unterbrachen, indem sie, Schauspieler und Publikum überrumpelnd, auf die Bühne stiegen und von dort nach der Freiheit des Geistes riefen: daß also diese Nachgestalter der großen revolutionären Szenen des frühen neunzehnten Jahrhunderts immer und überall dieselben waren, die in den nächsten Tagen den nunmehr bewaffneten Aufstand fortsetzten, und zwar selbst dann noch, als es bereits offensichtlich wurde, daß die Regierung des Ministerpräsidenten Imre Nagy allen Wünschen der Freiheitskämpfer und der Revolutionsräte nachzukommen bereit war. Eine Verschiebung der Akzente war hier durch die immanente Schwerkraft der revolutionären Geschehnisse, durch den ungeheuren Zulauf, den die anfangs bloß studentische Demonstration innerhalb von Stunden erhielt, wohl unvermeidlich. Dabei forderte die offen zutage tretende Schwäche der Regierungsorgane zu fortgesetztem Hinaufschrauben der Forderungen geradezu heraus. Die führenden Männer der Regierung und der Kommunisten erkannten ihrerseits, daß sie ernste Zugeständnisse machen müssen, falls sie sich aus einer für sie total verfahrenen Lage, die durch den auf Ersuchen der Regierung erfolgten Eingriff der sowjetischen Truppen entstanden ist, retten wollen. Was halfen aber Zugeständnisse dort, wo der Freiheitsdrang der breiten Massen keine praktische Begrenztheit der Freiheit anerkennen wollte und wo überdies die Meinung vorherrschte, daß diesen „Kommunisten und Kollaborateuren“ unter keinen Umständen zu trauen ist! So wurde die Regierung infolge der panikartigen Selbstauflösung der Polizei und angesichts der überall meuternden militärischen Einheiten ihrer Machtmittel beraubt, immer schwächer, und der emotionell gefärbte Freiheitsdrang der Menschen immer stärker. ..Es wurde bei uns so viel gelogen, immer wieder gelogen - man kann dafür kein nüchterneres Wort finden“, sagte ein Führer des Revolutionsrates von Györ dem ihn „nach seinen Motiven“ fragenden österreichischen Reporter. .Jetzt glauben wir keinem mehr, sondern wir wollen die Freiheit. Nach außen die Unabhängigkeit und innen die Freiheit. Ich bin Revolutionär und das ist auch für mich eine Ueber-raschung. Ich habe vier Kinder zu Hause, bin Ingenieur, und noch vor zehn Tagen interessierte ich mich ausschließlich für Fußball. Jetzt glaube ich, wir müssen zunächst Männer wählen, denen wir vertrauen können, die Parteien können nachher kommen. Das Beispiel der Französischen Revolution sagt uns vieles, wir sollen nicht so schüchtern sein, sondern von diesem Beispiel Gebrauch machen.“ Der Mann, der dies im Parlamentsgebäude in gebrochenem Deutsch sagte, gehörte zu jener Abordnung, deren Maschinenpistolen an den Wänden des Konferenzsaales auf den Kleiderhaken hingen. Sie glaubten zu wissen, warum.

Dieser aus echter Not entstandenen Verwirrung der Gefühle stand das tiefe Nachdenken der geistigen Initiatoren gegenüber, die, als die Revolution sie bereits vergaß, über Ursachen und Folgen nachgrübelten. Der Schriftsteller Aron T a m a s i erkannte, daß die Schuld und die Verantwortung für alles kommende Unglück bei den Männern des Geistes liegt, die bereits seit Jahrzehnten sich vor der auf ihnen lastenden Verantwortung für die ganze Nation drückten, anstatt daß sie längst ihre „Revolution“ gemacht hätten. Der Schriftsteller Läszlö Ne-meth warnte vor dem Ueberschwang der Gefühle und vor den nach Macht Strebenden, welche die Revolution in die entgegengesetzte Richtung abbiegen könnten. Was halfen aber da schon Worte! Die Schriftsteller waren die ersten, über welche die brandenden Wogen der Revolution hinwegspülten.

Es war ein führerloser Aufstand: das war seine Größe und Schwäche Nach den ersten Tagen, in der nunmehr eintretenden Kampfpause, erschienen allein in Budapest einundzwanzig Zeitungen. Die politischen Parteien konstituierten sich eine nach der anderen. Bei aller Hochachtung vor der demokratischen, tief humanistischen Gesinnung solcher Parteiführer wie Bela Kovacs oder Anna K e t h 1 y mußte die Lebensberechtigung dieser Parteien in einem so frühen Zeitpunkt bezweifelt werden. Sie trugen zum immer mehr um sich greifenden Chaos noch bei, anstatt es zu bändigen. Es ist auch kein Wunder, daß gerade Bela Kovacs und Anna Kethly ihrem tiefen Pessimismus auch Ausdruck gaben, einem Pessimismus, der in vielen von den großen Gestalten der ungarischen Geschichte der hervorstechendste Charakterzug war.

Der soeben noch von Offizieren der Revolutionsarmee aus der Verbannung befreite Kardinal Mindszenty schien zunächst diesen Pessimismus nicht zu teilen. Er entwickelte in einem „Appell an die Nation und an die Völker der Welt“ im Budapester Rundfunk am Vorabend des letzten Angriffs der sowjetischen Panzerverbände, die damals den Kreis um die Kätiptstadt und um alle strategischen Punkte des Landes bereits geschlossen hatten, ein Staatsprogramm, das von dem Wunsch, die alten Rechtsverhältnisse in Ungarn, insbesondere die der Kirche und das „Privateigentum“ lückenlos wiederherzustellen, getragen war. Er nahm scharf gegen die Regierung des Ministerpräsidenten Imre Nagy Stellung, zu einem Zeitpunkt, als diese verzweifelte Anstrengungen unternahm, die Vereinten Nationen angesichts der bedrohlichen Lage, die durch das Einströmen neuer sowjetischer Divisionen von Stunde zu Stunde sich verschärfte, für Ungarn zu mobilisieren. Einige Stunden später flüchtete der Kardinal in das amerikanische Gesandtschaftsgebäude.

Die Re'de Mindszentys war nur der letzte Beweis dafür, daß die in den Jahrzehnten der Unterdrückung entstandene, in Ungarn früher nie gekannte nationale Einheit unter dem Hochdruck des revolutionären Impetus bereits wieder rasch abzubröckeln begann. Von den Randschichten lösten sich verbrecherische Elemente und von kleinbürgerlichem Rassenwahn Verblendete ab, die neben den Freiheitskämpfern, ja gegen ihren Willen einen mörderischen Privatkrieg, besser gesagt eine fortgesetzte Menschenjagd entfachten, die von Exzessen nicht frei war. Bilder davon erschienen in westlichen Zeitungen, allerdings nur in jenen Boulevardblättern, welche die Grenze zwischen Freiheitskampf und Menschenjagd nicht erkennen wollten. In einem Aufruf des Internationalen Roten Kreuzes, der von den schweizerischen Radiostationen aus in den letzten Tagen vor dem Einsetzen des sowjetischen Wiedereroberungs-feldzuges in verschiedenen Sprachen verbreitet worden war, wurde die Mahnung ausgesprochen, • keinen Unterschied zwischen den Verwundeten des Gegners und der eigenen Verwundeten zu machen. Ebenda wurde vor Strafvollziehung ohne Gerichtsurteile gewarnt. Es war umsonst, weil die Regierung in Budapest längst nicht mehr Herr der Lage war.

Es wäre töricht, zu glauben, daß das überhandnehmende Chaos sich nur auf Ungarn beschränkte. Dem Chaos der wilden Streiks und der Exzesse in Ungarn entsprach die plötzliche Lähmung der politischen Gehirne in den Staatsämtern und den Moskauer Parteibüros und die hier und dort aufbrechende Anarchie der Meinungen angesichts der Weltlage. Die Enge und die durch Angst genährte Hysterie in den Lagern der Verantwortlichen ließ das breite Niemandsland, das für kühne diplomatische Vorstöße nach wie vor offen gestanden wäre, unbeachtet und verschanzte sich hinter dem eigenen Stacheldraht. Die Sowjetführer ließen ihre eigene Konzeption von der Koexistenz verschiedener Systeme und der „verschiedenen Wege zum Sozialismus“ im Stich und verfügten über Ungarn die Diktatur der Panzerkanonen und der Bajonette, was ihnen noch ungeheuerlichen Schaden auf der ganzen Welt einbringen wird. Die scharfe Reaktion des bisher allen Schritten Moskaus gegenüber allzu verständnisvollen indischen Premierministers Nehru ist das erste Anzeichen dafür. Diesem durch Hilflosigkeit und Versagen verursachten Zusammenbruch der sowjetischen Politik der letzten Jahre kann, gemessen an der tragischen Bedeutung für die ganze Welt, nur die Ohnmacht des Westens gleichwertig danebengestellt werden. Und zur Vollendung des Bildes: Bereits an jenem letzten Sonntag tauchten in Wiener Kaffeehäusern Meinungen auf, wonach es sich bei diesen Dingen um die bekannte jüdisch-kommunistische Weltverschwörung handle ...

Damit ist wohl nicht nur Ungarn, sondern zugleich auch die Sowjetunion und der Westen auf dem Tiefstand eines Tages Null angelangt. Diese Lage birgt aber auch die große Chance in sich, es noch einmal, und zwar im Sinne des eingangs erwähnten Aufrufes der ungarischen Schriftsteller, von vorne zu versuchen. Für Oesterreich und für die Ungarn selbst bedeutet das den Neubeginn eines unendlich langwierigen Prozesses der inneren Befreiung von dem Haß und den Vorurteilen, die den letzten äußeren Sieg der Revolution der ungarischen Jugend diesmal noch mit verhinderten. Was kann Oesterreich, was können die Llngarn hierfür tun? Die Ungarn können nach dem schließlich doch zu erwartenden Abklang der fremden Militärdiktatur ihre vor Monaten begonnene Arbeit der .Selbstbesinnung und Selbsterziehung wieder aufnehmen, nach den großen Vorbildern des ungarischen Reformzeitalters vor 1848, deren Männer ihr Werk ebenfalls auch nach der Katastrophe von Vilagos unbeirrt fortgesetzt und den späteren Generationen vermacht hatten Das politisch neutrale, aber seiner geistigen Kräfte bewußte Oesterreich kann dabei tätig mithelfen, indem es seinen wunderbaren, vom Gefühl der Verbundenheit getragenen Kräfteeinsatz bei der Verschickung von Medikamenten und sonstiger Soforthilfe auch auf andere Gebiete erstreckt: nämlich auf das Gebiet der geistigen Kommunikation, mit klugem Verständnis für die Bedürfnisse der anderen, und bereits bei der ersten sich bietenden Gelegenheit. Ungarn, insbesondere die ungarische lugend, braucht erst jetzt die Hilfe der Brüder vom Westen. Oesterreich soll mithelfen, damit diese Jugend sich von der Schlacke des Hasses und der Lethargie so rasch wie möglich befreit und in geduldiger Kleinarbeit wieder neue Sphären der Freiheit für sich gewinnt. Der Tag der blutigen Niederwerfung Ungarns führte die Großmächte des Westens wie des Ostens in eine Sackgasse Tetzt ist an den noch unverbrauchten, weil bisher zu wenig genützten Kräften Europas die Reihe, sich zu sammeln und die Befreiung der Menschen ohne Blutvergießen und Gewaltanwendung Schritt für Schritt zu verwirklichen - nicht zuletzt im Interesse jener Ordnungsmächte selbst!

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