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Paul VI. und der Osten

Schon auf dem Konklave, das im Juni 1963 80 Kardinäle zur Wahl des Nachfolgers Johannes' XXIII. vereinte, cheint die Frage der Fortsetzung des vom dahingeschiedenen Papst mit so sichtbarem Erfolg begonnenen und mühseligen Werkes einer Entspannung des Verhältnisses zum kommunistisch regierten Osten von erheblichem Belang gewesen zu sein. Mit großer Spannung wartete, man kann wohl sagen, der gesamte Erdkreis auf die ersten Anzeichen, die aus dem Vatikan und aus Moskau über die künftige Entwicklung unter dem neuen Pontifikat zu erblicken sein würden.

Sehr bald wurde zweierlei sichtbar. Das eine war jedermann selbstverständlich, wurde aber der konkreten Bekundung wegen durch die beiden Partner mit größter Aufmerksamkeit beobachtet: Paul VI., dessen Individualität von der seines Vorgängers schon äußerlich abwich, übernahm nicht dessen persönlichen Stil, noch manches von den an die Persönlichkeit gebundenen Methoden Johannes' XXIII. Demgemäß herrschte in Moskau und bei dessen Satelliten vorsichtige Zurückhaltung, Jä — wenn man näher zusah — mißtrauisches Abwarten oder gar, bei einzelnen mit dem von Chruschtschow eingeschlagenen Kurs gegenüber dem Heiligen Stuhl im Herzen gar nicht einverstandenen Führerkreisen mancher Satelliten, Neigung zur Wiederaufnahme scharf antikirchlicher Haltung.

Zum zweiten: Paul VI. ließ keinen Zweifel darin obwalten, daß er im Kern die Ansichten Johannes' XXIII. über Nützlichkeit, ja Notwendigkeit einer Symbiose von Kirche und Staat in einer ihrerseits sich wandelnden kommunistischen Staatengemeinschaft teilte und daß er die darauf hinzielenden Bemühungen fortzusetzen gewillt war. Daraufhin sind von den maßgebenden östlichen Gesprächspartnern, ihrerseits mit Behutsamkeit und ohne spektakuläre Gebärden, die unterbrochenen Kontakte wieder aufgenommen worden. Wir haben allen Grund, zu vermuten, daß der Heilige Vater bei seinem Zusammentreffen mit Präsident Kennedy dessen Beifall zu den nunmehr fortgesetzten Ostbegegnungen erfahren hat und daß diese sich, weltpolitisch betrachtet, aufs beste in ein Gesamtbild einfügen, in das sie neben den Moskauer Dreier-Pourparlers und den sowjetisch-chinesischen Konflikt durchaus hineingehören. Nicht umsonst haben die Pekinger Machthaber von Anfang an über Chruschtschows vatikanische Sondierungen höhnisch und gehässig gespottet.

In einigen europäischen Volksdemokratien hätten gewisse Kommunistenführer, wie wir schon berichteten, gar zu gerne eine ähnliche Stellung bezogen, wenigstens gegenüber dem neuen Pontifikat. Mit dem Hinweis auf diese „unentwegten“ Feinde jeder Religion und jeder Berührung mit der Kirche sei eine kurze Übersicht begonnen: über die Situation auf dem noch immer unsicheren und zum Ausgleiten wie geschaffenen Begegnungsfeld zwischen Kirche und kommunistisch beherrschtem Osteuropa.

Auch da wird Polen als Prüfstein dienen, wie stets, wenn vom Experiment eines Nebeneinanders von katholischer Kirche und Kommunismus zu melden ist. In den letzten Wochen Johannes' XXIII. verhüllten die nie entwaffneten Kirchenfeinde ihre eigentlichen Ziele hinter Angriffen, die gegen Kardinal Wyszynski und den polnischen Episkopat gerichtet wurden; man beschuldigte die Hierarchie, sich in Gegensatz zur friedlichen und fortschrittlichen Gesinnung des Papstes zu setzen. Dieser orchestrierte Feldzug fand seinen Niederschlag in Artikeln der maßgebenden Parteiwochenschrift „Polityka“, der kommunistischen Haupttageszeitung „Trybuna Ludu“, aber auch im als parteilos geltenden Organ der Intelligenz, dem „Zycie Warszawy“. Nach dem Tod Johannes' XXIII. brach sich die zurückgedämmte antichristliche Strömung aus zwei miteinander an sich wenig harmonierenden Quellen Bahn. Gomulka, der Ende April nach seinem Siebenstundengespräch mit Kardinal Wyszynski im Einklang mit Moskauer Wünschen und im Hinblick auf die Person des verstorbenen Papstes den bereits hochgespielten Kampf gegen Episkopat und Kirche wieder abgeblasen hatte, erneuerte ihn jetzt in einer Rede vor dem Parteiplenum, und er weckte selbstverständlich sofort das Echo bei allen Linientreuen. Anderseits entwickelten die „liberalen“ Intellektuellen, auf die der Erste Parteisekretär sonst nicht gut zu sprechen ist, eine lebhafte Tätigkeit hinter den Kulissen, um die „Gefahr“ einer Fortsetzung der Versöhnungspolitik gegenüber der Kirche 2u verhindern.

Eine Art von echter Koexistenz zwischen Kirche und Staat-Partei im kommunistischen Osten ist, nach unserer Ansicht, unvermeidbar; das mag einem gefallen oder nicht. Sie wird bald oder in einer noch nicht nahen Zukunft erfolgen; sie wird stets prekär und unaufrichtig sein. Doch sie wird kommen. Daran wird weder der Ingrimm beschränkter oder übergescheiter Kommunisten etwas ändern, noch der Unmut der sogenannten integristischen katholischen Kreise. Gewiß hat der „Osservatore Romano“ recht, wenn er auf die eben geschilderte Sachlage in Polen hinweist, dazu zwei Artikel aus der Propagandazeitschrift „Perspectives Polonaises“ zitiert (von denen der eine vorher in der kommunistischen Parteimonatsschrift „Nowe Drogi“ erschienen war), und wenn er die unbezweifel-bare Absicht des Regimes unterstreicht, auch durch einen Modus vivendi als Fernziel nur das Erlöschen jeder Religion anzustreben. Doch Erstreben und Verwirklichen sind nicht dasselbe.

Wenn es in Polen, wovon wir überzeugt sind, zuletzt doch zu einem Abkommen und vielleicht sogar zu regulären diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan gedeihen wird, dann dürften zwar dem Regime daraus mancherlei Vorteile nach innen und außen beschieden sein, doch die Kirche wird in ihrer Herrschaft über die Seelen der erdrückenden Mehrheit der polnischen Nation konsolidiert werden und niemand wird sie aus dieser Stellung verdrängen.

Am klarsten ist dieser doppelte Aspekt des Verhältnisses zwischen Kirche und kommunistischem Staat in Ungarn erkannt worden. Beim dortigen Partei-und Staatslenker Kädär ist der Wille vorhanden, mit dem Vatikan und mit der ungarischen Kirche zu einem Modus vivendi zu gelangen. Auf dem ungarischen Sektor ist auch der erste formelle Friedensschluß zwischen dem Heiligen Stuhl und einer Volksdemokratie zu erwarten. Die unter Johannes XXIII. weit fortgeschrittenen Verhandlungen, bei denen eigentlich nur das Problem Mindszenty Schwierigkeiten bot, sind unter Paul VI. sofort wiederbegonnen worden.

Einigung scheint darüber zu obwalten, daß Kardinal Mindszenty in würdiger Form Ungarn verläßt, sobald eine allgemeine Gesprächsbasis zwischen dem Vatikan und Budapest gesichert ist; ferner über die Besetzung der verwaisten Bischofssitze, über Aufnahme vorläufig inoffizieller Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Ungarn, über Finanzprobleme und über die sogenannten „Friedenspriester“. Das Klima wird am besten durch ein Zitat aus dem Sprachrohr Kädärs, dem „Nep Szabadsäg“ beleuchtet: „Wir werden fortfahren, uns zu jeder Tat des katholischen Pontifex zu beglückwünschen, die einer Fortsetzung des Kampfes um den Weltfrieden dient. Die Persönlichkeit des einstigen Kardinals Montini trägt in sich den Geist der Verständigung und er ist ob seiner liberalen Haltung bekannt.“

Weniger fortgeschritten sind die Dinge in der Tschechoslowakei. Verhandlungen waren auch dort schon seit einem Jahr vor dem Tod Johannes' XXIII. angebahnt. Nunmehr hält man bei der Freilassung der meisten interniert gewesenen Bischöfe. Vier, darunter der Prager Oberhirt Erzbischof Beran, sind noch konfiniert oder (einer wegen angeblicher Verbrechen zu neun Jahren verurteilt) in Haft. Doch Präsident Novotny hat als einer der ersten Paul VI. zu dessen Wahl beglückwünscht. Der Papst hat, aus Anlaß der 1100-Jahr-Feier der Slawenapostel Zyrill und Method, an das „edle tschechoslowakische Volk“ eine herzliche Botschaft gerichtet, in der er, mit feinem Takt, an dessen christliche Vergangenheit erinnert.

Ein ähnliches hat der Heilige Vater auch in der Antwortdepesche auf Chruschtschows Gratulation getan. „Ihre Botschaft“, heißt es in diesem Telegramm, „weckt in Unserer Seele die Erinnerung an das russische Volk, an die Jahrhunderte seiner christlichen Geschichte. Wir beten zu Gott für das Gedeihen dieses Volkes, und daß es in einer wohlgefügten sozialen Ordnung einen reichen Beitrag zum wahren Fortschritt der Menschheit und zugunsten der Sache eines gerechten Friedens in der gesamten Welt leiste.“ Wie sein erhabener Vorgänger hat Paul VI. hier klar ausgedrückt, daß er auch den kommunistischen Osten in eine Welt einschließe, die den Frieden und die Wohlfahrt, eine wohlgefügte Ordnung sucht oder schon verwirklicht; daß aber als selbstverständliche Bedingung dieses Friedens und dieser Ordnung die Wahrung des christlichen Erbes anzuerkennen ist.

Der Papst hat seither eine beträchtliche Anzahl Kundgebungen erlassen, die in Moskau — wie in der westlichen Welt — Anklang wecken mußten. Daß sich Russen und Polen angenehm berührt fühlten, als der Pontifex an seinem Krönungstag diese beiden Völker in deren eigener Sprache begrüßte; daß zumal der Bericht Kardinal Wyszyn-skis über die besonders herzliche Anteilnahme Pauls VI. für die „Polonia fidelissima, Semper fidelis“ große Begeisterung weckte; daß man sich des Aufenthalts des jungen Diplomaten Montini als Attache bei der Nuntiatur in Warschau (1923) gerne wieder erinnerte, mag ins Gebiet der Anekdote fallen. - Nebenbei: Msgr. Montini war in Warschau nicht, wie die Zeitungen berichteten, unter dem Nuntius Ratti, dem späteren Pius XL, sondern unter dem künftigen Kardinal Lauri. — Wichtig und wesentlich sind aber:

• die Erklärung des Heiligen Vaters zugunsten des Teststopps,

• ein Brief an die französische „Se-maines sociales“, worin aufs entschiedenste die Demokratie als die der heutigen Kirche am meisten gemäße taatsform bezeichnet wird. Und

• die denkwürdige Mission Bischof Charrieres und des P. Christophe Du-mont OP. nach Moskau, Mitte Juli dieses Jahres.

Anlaß — wir möchten nicht unartig setzen: Vorwand — zu dieser Reise eines Kirchenfürsten, der als Beobachter aller Genfer Tagungen und als einstiger Chefredakteur einer großen katholischen Tageszeitung höchste diplomatische und politische Erfahrung besitzt, und eines anerkannten Ostspezialisten, wie das der Leiter der Pariser „Istina“ ist, bot das goldene Bischof sjubiläum des Moskauer Patriarchen Aleksij. Die vom Heiligen Stuhl offiziell beglaubigte Mission hatte ersichtlich einen doppelten Zweck: Verengung der während des Konzils gut fortgeschrittenen Kontakte zur russischen Kirche und, nun nennen wir es, Umschau in Moskau. (P. Dumont spricht vollendet Russisch und kennt die Verhältnisse in der UdSSR in- und auswendig.) Charrieres Rede bei der Feier in Zagorsk liegt im Text vor. Man beachte den geschickt dem sowjetischen Stolz schmeichelnden Hinweis auf die Weltraumflieger. An deren Beispiel solle man lernen, kühn einen weiten Horizont zu überschauen, keine Kirchturmpolitik zu betreiben und, über kleine Unterschiede hinwegsehend, zu-einanderfinden. Nach Jahrhunderten der Trennung hebt eine neue Ära der brüderlichen Gemeinschaft der Kirchen an. Das, was Msgr. Willebrand und der pravoslave Bischof Kotlarskij in aller Stille vorbereitet hatten, trug jetzt greifbare Früchte.

Was wird wohl P. Dumont mit ungenannten nichtgeistlichen sowjetischen Gesprächspartnern zustande gebracht haben? Die Antwort werden wir nicht so bald erfahren. Doch sie wird wichtig und in vielem entscheidend sein. Denn gerade in diesem Augenblick, da Chruschtschow aus taktischen Gründen dem Westen zulächelt und China — ob für immer? — den Rücken kehrt, wäre er vermutlich am ehesten bereit, mit dem Heiligen Stuhl in nützliche Verhandlungen einzutreten. Auf ihn aber, und nur auf ihn und seinen engsten Moskauer Kreis, kommt es auch in diesen Dingen an; nicht aber auf maulende Satelliten.

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