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Ein Papst für das Jahr 2000?

1945 1960 1980 2000 2020

Er hat wohl mehr als jeder andere zur Wende in Osteuropa beigetragen: Papst Johannes Paul IL, der am 18. Mai das 75. Lebensjahr vollendet.

1945 1960 1980 2000 2020

Er hat wohl mehr als jeder andere zur Wende in Osteuropa beigetragen: Papst Johannes Paul IL, der am 18. Mai das 75. Lebensjahr vollendet.

Der 75jährige kommt mit der heutigen Jugend erstaunlich gut zurecht. Manche Großeltern tun sich da schwerer. Doch er ist ja kein leiblicher, auch kein „entrückter Großpapa”, sondern geistlicher Vater aller, insbesondere der Jugendlichen, die ja die Zukunft der Kirche bilden, wie er immer wieder betont. Und er bleibt bei aller Begeisterungsfähigkeit immer „cool”, wie das heute heißt. Auf deutsch wohl immernoch „besonnen”. Und noch ist er kein „Oldi” oder „Grufti”, weder frustriert noch stressig, um heutige Modeworte zu gebrauchen.

Als 59jähriger, gerade ein Jahr im Amt des Petrusnachfolgers, inszenierte er am 3. Oktober 1979 in den New Yorker Madison Square Gardens, Europäern vorwiegend als Stätte famoser Boxkämpfe und Popkonzerte ein Begriff, mit Zehntausenden Halbwüchsigen eine Art phonetischen Boxkampf gegen Musicbands, Songs, Slogans, Pfiffe, Klatschen,'Geschrei, Geheul. „Huh”, tönte er ins Mikrophon, eher leise. Dann nochmals: „Huuuh”, schon ein bißchen lauter. Einige horchten auf. Schließlich: „Huh. huuh. huuuh”. Jetzt begriffen alle und der Dialog begann: Zehn Minuten lang „huh, huh, huh”. Allerheiligenlitanei heutiger Jugend.

„Ihr werdet das Jahr 2000 erleben, ob ich es erlebe, das weiß ich nicht”

Der Papst machte die Anrufung: „Huh, huh, huh”, die Zehntausenden antworteten: „Huh, huh, huh”. Der Rhythmus steigerte sich. Die Lautstärke auch. Schließlich summte der Papst „mm - m”. Und die Antwort lautet: „mm - m”. Wie ja auch gegen Ende der Litanei die Anrufungen und Antworten sich ändern. Und dann wird es langsam leiser, bis zu einem langgedehnten „mmmm”. Das heißt „Amen”. Dann kann der Papst endlich reden. „Teil der christlichen Erziehung ist” - und im „Boxpalast” ist es plötzlich ganz still , „die Nöte der Mitmenschen zu sehen, den Mut zu haben, das auch zu tun, was man glaubt ... Wenn ihr mit euch selbst nicht zurecht kommt, schaut auf Christus! Er gibt eurem lieben Sinn.”

1 )as haben wohl auch die vier Mil honen erkannt, die Mitte Jänner dieses Jahres das Weltjugendtreffen in Manila (Philippinen) mit dem Papst erlebten. Und auch die Hunderttausend, die kürzlich, am 30. April, vor allem aus Südtirol, Österreich und der Schweiz nach Trient strömten und dort - Anlaß der 120. inneritalienischen Papstreise war die 450-Jahrfeier der Eröffnung des Reformkonzils -nach des Papstes eigenen Worten „geradezu südländisch jubelten”. Der Papst aus Polen, der erste slawische, gab das von anderen vorbereitete Redemanuskript seinem Sekretär zurück und begann einen freien Dialog mit den unter strömendem Regnen stehenden Jugendlichen, denen er wünschte, sich nicht zu erkälten (gerade deswegen lese er nicht den vorbereiteten Text vor; „aber ihr alle habt gesehen, daß ich ihn in der Hand hatte”).

„Ihr werdet”, sagte er, den wegen seiner Hüftgelenk-Operation notwendigen Gehstock schwingend, „das Jahr 2000 erleben. Ob ich es erlebe, das weiß ich nicht. Wir werden sehen.”

Bei der Wiedereröffnung der Six-tinischen Kapelle, nach der von einer japanischen TV-Anstalt gesponserten Restauration, in der er am 16. Oktober 1978 als erster Nichtitaliener nach 456 Jahren zum Papst gewählt wurde, bekannte er, sein „Mentor”, der polnische „Fels”, Kardinal Wyszynski, der in Wirklichkeit selbst Papst werden wollte, habe ihm gesagt: „Du mußt die Kirche ins dritte Jahrtausend führen - also wenn sie dich wählen, dann nimm an!”

Dieser auf die Jahrtausendwende ausgerichtete Auftrag bestimmt ihn, kehrt in letzter Zeit an Ansprachen und Dokumenten immer wieder, wobei natürlich seine „Vorschreiber” offenbar und in der Meinung, es sei in seinem Sinne, das Datum 2000 etwas überreizen.

Weitgehend aus seiner eigenen Feder war jedoch die jüngste Enzyklika „Evangelium vitae” (25. März 1995) über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens - ein echter Hymnus auf das Leben, von der Empfängnis bis zum natürlichen Erlöschen.

Auch das Apostolische Schreiben „Tertio Millennio Adveniente” (10. November 1994) zur Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000 trägt seine Handschrift. Vor allem mit dem Satz: „Es fiele einem schwer, nicht hervorzuheben, daß das Marianische Jahr (1987/88) den Ereignissen des Jahres 1989 unmittelbar vorausgegangen ist.”

Um die „Wende”, den Sturz der kommunistischen Regime im Osten herbeizuführen, war der Pole Karol Wojtyla zum Papst gewählt worden. Und die Wende kam denn auch nicht zuletzt dank seines Einsatzes. Doch vorbereitet wurde sie durch die Weitschau Pauls VI. und dessen „Osthändler” Agostino Casaroli, den Johannes Paul II. erst nach einwöchiger „Begutachtung” durch Kardinal Stefan Wyszynski während einer Polenreise im Ajjril 1979 zu seinem Kardinalstaatssekretär erhob.

Doch dann begann die offene Unterstützung der Polnischen Arbeiterbewegung Solidarnosc, die den sozialpolitischen Keim der Umwälzung legte. Der Papst gelassen: „Das Jahr 1989 hat eine friedliche Lösung mit sich gebracht, die gleichsam eine organische Entwicklung war.” Doch immer wieder die Warnung vor gefährlichen neuen Entwicklungen im Balkan, in der Ex-Sowjetunion, in Afrika und in vielen anderen Ländern der Welt: „Krieg bringt nie eine Lösung!”

Ein Schritt zur Wiederherstellung der Einheit mit den Orthodoxen Die Entwicklung im Osten und Süden, in China und Asien ist noch längst nicht zu Ende. Und auf sie sucht der Papst aus Polen weiterhin Einfluß zu nehmen. Dabei nimmt für ihn die Wiedervereinigung der gespaltenen Christenheit eine Vorrangstellung ein. Mit seinem jüngsten Apostolischen Schreiben „Orientale Lumen” (2. Mai 1995) würdigte er die Tradition und Christustreue der Ostkirchen - und dies auch in Vorbereitung der Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartolomeios im kommenden Juni in Rom.

Ein vielversprechendes Ereignis auf dem Weg der vorausgegangenen Bemühungen und möglicherweise ein endgültiger Schritt zur Wiederherstellung der seit dem Jahr 1054 eher aus formalen, denn aus Glaubensgründen gebrochenen Einheit mit den Orthodoxen. Bartolomeios hat ja im vergangenen Jahr die Texte für den päpstlichen Kreuzweg am Kolosseum geschrieben (in diesem Jahr eine niederländische lutheranische Ordensfrau).

Seine erste Pflicht als Petrusnachfolger und Bischof von Rom sieht Karol Wojtyla in der „Stärkung der Brüder” des eigenen Glaubensbekenntnisses. Neuer Stil sind die Besuche der Ortskirchen. Das hat nichts mit einem „reisenden” oder „eiligen” Heiligen Vater zu tun. Sondern mit wirklichem Eingehen auf die jeweiligen Probleme vor Ort und entsprechender „Rück-schaltung” nach Rom. Schon vor Jahren bekannte er im Flugzeug auf der Rückreise von einem Pastoralbesuch: „Ich habe viel dazugelernt.”

Das hat wohl noch kaum ein Papst so klar gesagt.

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