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Die unbändige Kraft des greisen Mannes

1945 1960 1980 2000 2020

Vielleicht ist seine Rolle beim Fall des Kommunismus geringer als angenommen. Die beiden gewaltigen Symbolakte, mit denen Johannes Paul II. anno 2000 sein Pontifikat krönte, können hingegen nicht überschätzt werden.

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Vielleicht ist seine Rolle beim Fall des Kommunismus geringer als angenommen. Die beiden gewaltigen Symbolakte, mit denen Johannes Paul II. anno 2000 sein Pontifikat krönte, können hingegen nicht überschätzt werden.

Wenigen Menschen gelingt es, mit 80 Jahren ihrer Biographie noch einmal eine entscheidende Wende zu geben. Charlie Chaplin und Saul Bellow fanden es für gut, jenseits dieser Schwelle Kinder in die Welt zu setzen, Giuseppe Verdi schreib seinen "Falstaff" und Richard Strauss "Vier letzte Lieder". Adenauer führte das Nachkriegsdeutschland aus dem Nationalsozialismus und Deng Hsiao Ping öffnete sein Land für kapitalistische Wirtschaftsmethoden - Schwanengesänge allemal.

Johannes Paul II. hat im 21. Jahr seines Pontifikats und im 80. seines Lebens Handlungen gesetzt, die in der Kirche tiefe Spuren hinterlassen werden. Verglichen mit den gewaltigen Symbolakten dieses letzten Jahres verbleichen nicht nur die dunklen Aspekte des Pontifikats. Selbst was bisher als Höhepunkt empfunden wurde, relativiert sich im Rückblick. Der Beitrag des Papstes zum Fall des Kommunismus wird sich auf lange Sicht vielleicht als geringfügiger erweisen als von manchen Biographen angenommen, seine jüngsten Eingriffe in das Selbstverständnis der Kirche können hingegen kaum überschätzt werden.

Bilder sagen mehr Wie immer bei diesem Papst sagen die Bilder mehr als alle Worte, zwei Bilder insbesondere. Die zitternde Hand Johannes Pauls II., die einen Zettel in die Nische der Klagemauer legt mit der Bitte um Vergebung für all das, was Christen Juden in zwei Jahrtausenden angetan haben. Es war dieselbe Bitte, die ein paar Wochen zuvor im großen Bußgottesdienst am Ende des Jahrtausends durch den Petersdom gehallt war.

Aus diesem Gottesdienst blieb das zweite Bild haften: das bleiche Gesicht des Präfekten der Glaubenskongregation, der um Vergebung bittet für die Anwendung von Gewalt bei der Verbreitung der Wahrheit. Kardinal Joseph Ratzinger, der Nachfolger der Inquisitoren, sprach vor dem Papst aus, was zwar eine Banalität ist, großen Teilen der Kurie bis dahin dennoch unaussprechlich schien: dass die Kirche Schuld auf sich geladen hat im Namen Jesu.

Beide Zeichen sind von höchster Originalität, beide sind der religiös-dramaturgischen Phantasie Karol Wojtylas entsprungen und beide besiegeln eine Trendwende, hinter die kein Papst mehr zurückkehren kann.

Leiden unter der Kurie Bisher habe er geglaubt, dieser Papst werde die Kurie in Trümmern hinterlassen, schrieb der 86jährige italienische Journalist Indro Montanelli nach dem "Großen Mea Culpa" im vergangenen März. Nun glaube er, die Kirche wie wir sie bisher gekannt haben, als autoritär strukturierte Glaubensgemeinschaft nämlich, werde diesen neuen Schlag nicht überstehen. Was der Agnostiker Montanelli begrüßt, sollte Katholiken umso mehr freuen. In weltlichen Organisationen könnten Schuldbekenntnisse als Zeichen von Schwäche ausgelegt werden, für eine Gemeinschaft, die an Erbsünde, Vergebung und Erlösung glaubt müssen sie Kitt sein.

Die Beobachtung Montanellis lenkt den Blick auf einen erklärungsbedürftigen Widerspruch im Wirken dieses Papstes. Johannes Paul II. gilt als Zentralist, der nach den Aufbrüchen des Zweiten Vatikanischen Konzils die ausfransenden Fäden der Weltkirche wieder in Rom zu bündeln versuchte.

Kaum ein Vorgänger hat das Bild der Kirche so sehr auf sich selbst zugespitzt, durch seine Reisen, seine Medienpräsenz und Ausstrahlung. Und nun soll es ausgerechnet Johannes Paul II. sein, der die Aufweichung der Strukturen betreibt und die autoritäre Zentralmacht in Frage stellt?

Kardinal Franz König hat den Widerspruch durch eine Umverteilung der Verantwortung zu erklären versucht. Während der Papst mit kontinentalen Synoden in Rom daran arbeitete, die Weltkirche stärker in Entscheidungsprozesse einzubinden, habe parallel dazu die Kurie ihre Macht ausgebaut. Vieles, was dort geschehe, sei nicht im Sinne dieses Papstes, meinte der Kardinal kürzlich. König geht davon aus, dass Johannes Paul II. unter den Zuständen, die während seiner Amtszeit an der Kurie entstanden sind, leidet.

Ganz gegen die Vorstellungen des Papstes kann nun aber auch eine Kurie nicht regieren. Tatsächlich hat der polnische Priester Karol Wojtyla in Jahrzehnten der Kirchenverfolgung, erst unter den Nazis dann unter den Kommunisten, widerstandskräftige Strukturen und klar definierte Identitäten schätzen gelernt. Für einen Geistlichen hinter dem Eisernen Vorhang war die starke übernationale Zentralgewalt der katholischen Kirche mehr Hilfe als Bedrohung. Die Angst, die das kommunistische China gegenüber der römischen Kirche hegt, bestätigt diese Einschätzung.

Folgerichtig waren es denn auch die Kirchen in reichen, pluralistisch verfassten Staaten und Gesellschaften, die diesen Papst als Freiheitsbedrohung, ja als illiberalen Anachronismus empfanden. Die Kritik an marxistisch orientierten Gesellschaftstheorien später gar das Verbot der Befreiungstheologie und Arbeitsverbote für Geistliche, die sich nicht an die ausgetretenen Pfade halten wollten, bestätigten ihre Sicht der Dinge.

Die massiven Einwände, die Johannes Paul II. gegen Auswüchse der kapitalistischen Gesellschaften formulierte, gingen daneben zunächst unter. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer, die einen dramatischen Verfall des Kurswerts des Marxismus auch im Westen nach sich zog, schien die Wahrnehmung der anderen Facetten dieses Papstes zu ermöglichen. Seine Marxismuskritik galt hinfort als Gemeingut, seine Einreden gegen den Kapitalismus wurden geradezu modisch.

Einsame Rufe Einsam blieb Johannes Paul nur, wenn er von Sexualmoral sprach. Seine Idealvorstellung von Liebe, Ehe und Familie, geprägt im bäuerlichen Süd-Polen der Zwischenkriegszeit, war immer weniger in Einklang zu bringen mit der heutigen Realität. Johannes Paul II. hat Widerstand nie etwas ausgemacht, ja er scheint ihn geradezu als Gütesiegel für eine am Evangelium orientierte Haltung zu verstehen. Prophetische Existenzen neigen zur Schwerhörigkeit. Wie Odysseus verschließen sie die Ohren vor den verführerischen Sirenen und überhören dabei auch wichtige Einreden. Kühnheit und Weltfremdheit liegen nahe beieinander.

Der zweite Aspekt der Persönlichkeit des Jubilars, der in westlichen Gesellschaften auf Befremden stößt, ist seine geradezu südländische Marienfrömmigkeit, die dieser Tage in Fatima wieder ihren Ausdruck fand. Mystizismen aller Art erfreuen sich zwar in weiten Kreisen großer Beliebtheit, die einst tief verwurzelte Marienverehrung in unseren Breiten wiederzubeleben ist dem Papst aber dennoch nicht gelungen. In südlichen Ländern hingegen ist das Element der Heiligenverehrung, allen voran der Marienkult, tragende Achse der unmittelbaren emotionalen Kommunikation Johannes Pauls mit den Gläubigen.

Gelebte Gebrechlichkeit Der nicht selten rüde Ton der Konfrontation zwischen Katholiken westlicher Länder und ihrem Papst ist in den letzten Lebensjahren Johannes Pauls II. auffallend leiser geworden. Der Grund für diese Mäßigung liegt vermutlich in der physischen Hinfälligkeit des einst so kraftvollen, sportlichen Mannes. Alter und Krankheit haben aus dem vitalen Dynamiker ein wandelndes Zeichen jener Kraft gemacht, der auch sein hinfälliger Körper noch gehorchen muss. Einem schwachen Menschen glaubt man leichter, dass er sein Amt als Dienst und nicht als Herrschaft versteht. Demutsgesten wie jene im Holocaust-Memorial oder an der Klagemauer hätte ein robuster, junger Wojtyla kaum so glaubwürdig setzen können wie der Greis gleichen Namens. Jeder Schritt ist ein Zeugnis, das deutlicher spricht als die 15 Millionen Worte, die der Papst bis zu seinem 20. Regierungsjubiläum angeblich geredet hatte.

Angesichts der gebeugten Gestalt Mannes wirkt die Debatte um seinen Rücktritt unverständlich, ja absurd. Wer könnte besser die Botschaft des Respekts vor dem Leben in allen Stadien verkörpern, wer von der Kraft des Geistes glaubwürdiger reden als ein von Parkinson und Alter geplagter Mann? Die Gebrechlichkeit ist vielleicht die beste Antwort auf die von Johannes Paul immer wieder gestellte Frage: "Wie soll ich mein Amt ausüben?"

Der Autor ist Rom-Korrespondent der "Kleinen Zeitung" und Mitherausgeber eines Buches über Johannes Paul II. (siehe unten).

BUCHTIPP Johannes Paul II. - Der Wasserträger Gottes. Hg. von Michael Fleischhacker und Thomas Götz. Verlag Styria (Edition Kleine Zeitung), Graz 1998. 168 Seiten, geb., ös 218,-/e 14,77

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