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Symbol des Christentums und historische Gestalt

Am 2. April 2005 ist Johannes Paul II. verstorben. Sechs Jahre später spricht ihn Nachfolger Benedikt XVI. selig. Zuspruch und Widerspruch prägten die Ära des Wojtyla-Papstes.

Die Transparente an jenem 8. April 2005 waren unübersehbar: "Santo subito“ - "Sofort heilig“. Abermillionenfach war dieser Wunsch auf den TV-Schirmen zu sehen, als Johannes Paul II. nach 27-jährigem Pontifikat zu Grabe getragen wurde. Kaum 14 Tage vorher waren die fromme Menge am Petersplatz und die Fernsehzuschauer Zeugen einer beinah gespenstischen Szene gewesen: Am Ende des Ostergottesdienstes, dem der damalige Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano vorgestanden war, erschien der Todkranke noch einmal am Fenster des Apostolischen Palastes, versuchte zu sprechen - doch die Stimme versagte, und mit einer Segensgeste verabschiedete sich Karol Wojtyla von seinen Gläubigen für immer.

Ein Pontifikat der Superlative war zu Ende. Seine Dauer wurde nur von jener Pius’ IX. übertroffen - und die Statistiker des Vatikans zählen penibel auf: 1338 Selige wurden von Johannes Paul II. gekürt sowie 482 Heilige - eine Zahl, die bei anderen Päpsten nicht im Ansatz erreicht wurde.

Pontifikat der Superlative

104-mal reiste dieser Papst ins Ausland, der bisherige Spitzenreiter, Vorgänger Paul VI., war keine zehnmal außerhalb Italiens gewesen. 17,6 Millionen Pilger hätten die 1160 wöchentlichen Generalaudienzen dieses Papstes besucht, lautet der ultimative statistische Superlativ.

Die Zahlen mögen wenig über den Geist dieses Pontifikats sagen, aber sie weisen auf die enorme, ja historische Bedeutung hin, die Johannes Paul II. zukommt. Sechs Jahre musste seine Anhängerschar warten, aber nach römischen Zeitdimensionen war es dann doch "Santo subito“: Noch nie hatte ein Verfahren zur Seligsprechung so kurz gedauert wie jenes, mit dem dieser Pontifex zur Ehre der Altäre erhoben wird. Nachfolger Benedikt XVI., 24 Jahre lang als Präfekt der Glaubenskongregation einer der engsten Mitarbeiter von Johannes Paul II., musste und wollte vieles langsamer angehen als der "eilige Vater“ (so einer der Spitznamen Karol Wojtylas als Papst); und auch dem Prozess der Seligsprechung ließ er mehr Zeit, als es glühenden Anhängern lieb war. Doch nun, am diesjährigen, von Johannes Paul II. eingeführten nachösterlichen "Sonntag der Barmherzigkeit“ erwartet Rom den größten Pilgeransturm seit Jahren.

Zuspruch und Widerspruch wie kaum zuvor markierten die Ära Wojtyla in Rom. Ob als Symbol, ob als "praktischer“ Politiker: Johannes Pauls II. Beitrag an der Implosion des realen Sozialismus scheint mittlerweile unbestritten. Seine Soziallehre, die den Kollektivismus wie den Kapitalismus brandmarkte, wurde weithin als prophetische Idee verstanden. Auch sein Zugehen aufs Judentum - die von ihm als unter der NS-Herrschaft in Polen lebendem Christen als authentische Absage an den Antijudaismus, die Achillesferse des Christentums, verstanden wurde, war ein Meilenstein, nicht minder die interreligiösen Initiativen wie das von Friedensgebet in Assisi: Es sind diese Aktivitäten, welche die Lefebvrianer ihm heute noch als "Häresie“ ankreiden.

Der marienfromme Pole konnte und machte aber auch aus seiner theologisch konservativen Kirchensicht nie ein Hehl. Konlikte mit zu reformerischen Ortskirchen - von Lateinamerika über die Niederlande bis nach Österreich - prägten dieses Pontifikat ebenso wie moralischer Rigorismus nicht zuletzt in der Sexualmoral. Es ist immer noch wenig bekannt, dass der damalige Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla eine treibende Kraft hinter dem Verbot der "künstlichen“ Empfängnisverhütung durch Paul VI. 1968 war - im Übrigen gegen die Meinung der Mehrheit des Weltepiskopats.

Historisch, aber nicht unumstritten

Die Besetzung einflussreicher Posten mit stramm konservativen Persönlichkeiten gehört ebenfalls zu den umstrittenen Zügen: Österreichs katholische Kirche leidet bis heute an den Folgen der Ernennung von Hans Hermann Groër zum Wiener Erzbischof und der konsequenten Verweigerung Roms und des Wojtyla-Papstes, sich nach 1995 mit den Vorwürfen gegen den Wiener Kardinal auseinanderzusetzen. Und die Affäre um den Gründer der einflussreichen Legionäre Christi, Marcial Maciel, der ein enger Freund Johannes Pauls II. war und mittlerweile als Vater mehrerer Kinder und sexueller Missbrauchstäter offenbar wurde, musste Benedikt XVI. zu bereinigen suchen.

Ebendieser Papst wird nun seinen Vorgänger seligsprechen. Ein Akt, der - so die katholische Lehre - ja nicht bedeutet, dass der zur Ehre der Altäre Erhobene ohne Fehl geblieben wäre. Aber der einer ist, zu dem Menschen aufschauen können, der - profan gesprochen - eine Leitfigur des Christentums katholischer Prägung an der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert war. Dieses Verdienst werden Johannes Paul II. vermutlich auch kritische Gemüter zubilligen.

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