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Glaubenswerber, kein Krisenmanager

Aller Anfang war leicht: Als Joseph Ratzinger am 19. April 2005 zu Benedikt XVI. gewählt wurde, konnte er bei vielen Zeitgenossen punkten. Fünf Jahre und einige Krisen später haben ihn die ungelösten Auseinandersetzungen in seiner Kirche eingeholt.

N atürlich funktioniert die katholische Kirchenspitze nicht so wie eine Weltregierung oder ein Weltkonzern. Natürlich war das, was der Vorsitzende des Kardinalskollegiums an jenem 18. April im Petersdom den Kardinälen ins Stammbuch schrieb, keine Wahlrede. Natürlich darf man ihm glauben, dass er, soeben 78 geworden, lieber als bücherschreibender Kardinal, Glaubenswächter und Professor im Ruhestand seine letzten Denk-Projekte zu Papier gebracht haben wollte.

Aber das, was Joseph Ratzinger da zum letzten Mal als Kardinal predigte, sprach den anderen Elektoren dieses Konklaves aus dem Herzen. Die Barmherzigkeit Christi sei keine „billig zu habende Gnade“, ließ der Kardinaldekan da verlauten, sie dürfe nicht als „Banalisierung des Bösen“ missverstanden werden. Und wenige Minuten später fiel der vielzitierte Satz von der „Diktatur“ des Relativismus, welcher als einzige zeitgemäße Haltung erscheine. Nur vier Wahlgänge brauchten die Kardinäle danach, um Benedikt XVI. zu küren. All diese Indikatoren zeigen, dass Joseph Ratzinger für das Kardinals-Wahlvolk der Mann der Stunde war. Ob er es auch für die Kirche insgesamt ist, wird – derzeitigen Kritiken zum Trotz – erst die Geschichte weisen.

Ein Mann der Stunde

Man konnte wissen, wohin Benedikt XVI. die Kirche führen wollte – eben wider das Schreckgespenst Relativismus und zurück in eine Zeit, in der der Rauch der Moderne (ein Amtsvorgänger des Ratzinger-Papstes hatte gar „Rauch des Satans“ gesagt) noch nicht in die Kirche eingedrungen war.

Interessant, dass zu Beginn des Pontifikates das liberale Kirchenlager nur klammheimlich unter Schock stand: Denn in der ersten Euphorie („Wir sind Papst“ jubelte bekanntlich die deutsche Bild-Zeitung) schien auch der im Gegensatz zu Johannes Paul II. nicht mediengewandte Joseph Ratzinger zur sympathischen Weltgestalt für seine Kirche zu werden. Und im Gegensatz zum Kulturpessimismus seiner Konklave-Rede entpuppte sich der freundliche alte Herr als leiser, aber positiv verstärkender Werber für seine Sicht des Glaubens. Der Besuch des Weltjugendtags in Köln im Wahljahr 2005 schien paradigmatisch dafür, was liberale wie rechte Kommentatoren zu orten glaubten: Joseph Ratzinger, der Nachfahre der Großinquisitoren, war ein anderer als Benedikt XVI., obwohl ja die beredte Klage über den Relativismus erst einige Wochen her war.

Vielleicht hat die rundum positive Aufnahme, im deutschen Sprachraum auch im sonst eher agnostischen Feuilleton, diesen Papst in seinen ersten Amtsjahren beflügelt: Während Johannes Paul II., der große Vorangegangene, schon mit erhobenem Zeigefinger die päpstlichen Moralvorstellungen einmahnen konnte, blendete Benedikt das Moralisieren fast gänzlich aus. Bis zur ersten Enzyklika „Deus caritas est“, da war er noch kein Jahr im Amt, ging dieser päpstliche Honeymoon auch mit der Welt, die er doch so in Modernismus-Verdacht hatte. Aber schon sein zweites Rundschreiben („Spe salvi“) über die Hoffnung beinhaltete – neben immer noch werbenden Zügen – eine stark defensive Zeitdiagnose: Vom Hochmittelalter an wird der geistige und spirituelle Abbruch geortet, der Aufklärung gilt alle Skepsis, und wer es da noch nicht begriffen hatte: Das II. Vatikanum, immerhin das epochalste Kirchenereignis der letzten 50 Jahre, kam nicht einmal in einer Fußnote vor – und das in einer Enzyklika über die Hoffnung, wo doch ein zentraler Text des Konzils mit „Gaudium et Spes“ – „Freude und Hoffnung“ übertitelt war.

Das Konzil: nicht einmal Fußnote

„Spe salvi“ datierte vom Advent 2007, und da waren längst die ersten großen Konflikte dieses Pontifikats offenbar: Am 12. September 2006 hatte sich Benedikt XVI. in seiner Regensburger Vorlesung mit dem Verhältnis von Glauben und Vernunft auseinandergesetzt, aber nicht das (und sein dabei erneut eindringliches Eintreten für die Brille griechischen Denkens, durch die das Christentum zu lesen sei), sondern ein Zitat eines byzantinischen Kaisers über den Propheten Muhammad machte Furore – und brachte die islamische Welt gegen den Pontifex auf. Der Papst besuchte wenige Wochen später die Blaue Moschee in Istanbul und übte sich in Schadensbegrenzung. Dieser Zug – weltweite Empörung und danach Aufklauben und neues Zusammensetzen der Scherben – wurde zu einem Charakteristikum dieses Pontifikates.

Im Juli 2007 ärgerten sich die Evangelischen über ein Dokument der Glaubenskongregation, das den reformatorischen Kirchen das Kirchesein abspricht (das Schriftstück wiederholte hier nur das von Joseph Ratzinger anno 2000 herausgebrachte Lehrdokument „Dominus Iesus“). Zeitgleich fiel der liberale Kirchenflügel aus allen Wolken, weil Benedikt XVI. den vorkonziliaren Messritus in den Stand einer „außerordentlichen Form“ der katholischen Liturgiefeier erhob. Im Licht der späteren Entwicklungen um die Pius-Brüder, die ja eine Rückkehr zur vorkonziliaren Liturgie fordern, scheint dieser Vorgang durchaus plausibel.

Allerdings handelte sich die Kirche damit wieder arg antijüdische Texte ein, die etwa in der vorkonziliaren Karfreitagsliturgie zu finden sind. Benedikt XVI. sorgte daher 2008 für eine Neuformulierung der Karfreitagsbitte für die Juden, die von den darin angesprochenen aber als Aufforderung zur Judenmission verstanden wurde, was wieder römische Nachweise nötig machte, dass es keinswegs um eine Geringschätzung des Judentums gehe.

Der Super-GAU fand am 21. Jänner 2009 statt, als Rom die Exkommunikation von vier Lefebvrianer-Bischöfen ohne „Gegenleistung“ aufhob. Diese Tatsache empörte den katholischen Mainstream. Dass unter den vier Begnadigten aber auch ein notorischer Schoa-Leugner war, brachte den Papst in eine – zumindest seit den Vorgängen um die „Pillen-Enzyklika“ Pauls VI. (1968) – unbekannte öffentliche Bedrängnis. Einmal musste sich Benedikt XVI. erklären, ohne damit die öffentliche Reputation seines Anfangsjahrs wiederzuerlangen.

Spätestens hier wurde offenbar, dass das mediale Krisenmanagement, aber auch das Zueinander der Institutionen im Vatikan ein großes Problem dieses Pontifikats darstellen. Ein Jahr später bietet sich ein entsprechendes Bild: Rom und auch der Papst sind von den Vertuschungsvorwürfen rund um Missbrauchsfälle längst eingeholt, gleichfalls ohne erkennbare Strategie in der Öffentlichkeitsarbeit.

Keine „Hidden Agenda“

Die Euphorie des Anfangs ist einem medial negativen Bild der katholischen Kirchenspitze gewichen. Solches Bild ist dennoch nicht deckungsgleich mit der Wirklichkeit dieses Pontifikats: Wenn der Papst auf Reisen geht – dieser Tage etwa nach Malta –, fliegen ihm weiterhin die Herzen zu. Und: Benedikt XVI. ist niemals einer „Hidden Agenda“ gefolgt, er hat nie damit hinter dem Berg gehalten, worum es ihm geht.

Auch von daher liegen schon in seiner vorverlegten „Antrittsrede“ zu Beginn des Konklaves am 18. April 2005 die Karten auf dem Tisch. John Allen, US-Vatikankorrespondent und Ratzinger-Biograf, hat dies im kleinen Büchlein „Worum es dem Papst geht“ (Herder 2007) in zehn Leitgedanken auf den Punkt gebracht. Ein zentrales Motiv dabei ist das Zueinander von Freiheit und Wahrheit – die eine ist ohne die andere nicht zu haben, so Benedikts XVI. innerste Überzeugung. In diesem Sinn ist, so John Allen, auch die Klage über die „Diktatur des Relativismus“ einzuordnen: „Wahrheit ist für Benedikt XVI. die Tür, durch die wir hindurch gehen müssen, um in der ganzen Fülle des Wortsinns ‚frei‘ zu sein.“

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