Papst Franziskus - © Foto: picturedesk.com / Spaziani,Stefano / Action Press
Religion

Konservative gegen den Papst: Kampf um Visionen – und Macht

1945 1960 1980 2000 2020

Der Vatikanist Marco Politi zeichnet in seinem neuen Buch „Das Franziskus-Komplott“ ein düsteres Bild der konservativen Ränke wider den gegenwärtigen Papst. Seine These: Vor allem soll die Wahl von Franziskus’ Nachfolger beeinflusst werden.

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Der Vatikanist Marco Politi zeichnet in seinem neuen Buch „Das Franziskus-Komplott“ ein düsteres Bild der konservativen Ränke wider den gegenwärtigen Papst. Seine These: Vor allem soll die Wahl von Franziskus’ Nachfolger beeinflusst werden.

In der Kirche tobt eine politische Schlacht. Ich denke, es ist ein Kampf um die Vision von Kirche, wie das Konzil sie sich erträumt hat […] ein Kampf um die Macht: Das sagt Arturo Sosa, Generaloberer der Jesuiten in Marco Politis „Das Franziskus-Komplott“. Und der Papst stammt aus diesem Orden. Die Angriffe richten sich nicht nur gegen Franziskus, so Sosa weiter, sie wissen, dass er seine Meinung nicht ändern wird, sie wissen, dass er nicht mehr der Jüngste ist und dass sein Pontifikat daher nicht das längste der Geschichte sein wird.

Diese und viele weitere Einschätzungen versammelt und analysiert das Buch – eine wahre Phalanx von Stimmungen, Ahnungen und Prognosen. Man wähnt sich inmitten einer Schlacht: Franziskus fühlt sich umzingelt. Das Vokabular von Marco Politi ist durchzogen von martialischen Ausdrücken. Er spricht von einem heimlichen Bürgerkrieg und systematischem Sperrfeuer in der Kirche, nennt den Widerstand in Kardinalsreihen gegen das Schreiben „Amoris laetitia“ eine Kriegserklärung, beklagt pausenloses Bombardement auf Webseiten.

In der Tat: Es steht viel auf dem Spiel – nicht nur bei der Aufarbeitung und Bekämpfung von sexuellem Missbrauch, dem „9/11“ dieses Pontifikats. Kein Wunder, dass dieses Kapitel (IX) das umfangreichste ist – eine veritable Chronique scandaleuse: von Chile, Pennsylvania, Irland bis zu Kardinal Theodore E. McCarrick und Erzbischof Carlo Maria Viganò, der seit August 2018 hartnäckig den Rücktritt des Papstes fordert. Viganòs Memorandum ist ein vergifteter Köder. Es mischt Wahrheiten und falsche Behauptungen, doch die Wirkung ist durchschlagend.

Bestens vernetzter Vatikanjournalist

Marco Politi, italienisch-deutscher, bes­tens vernetzter Vatikanjournalist hat lange für die Tageszeitung La Repubblica gearbeitet, dann kam er als Kolumnist zu Il Fatto Quotidiano. Hierzulande ist er mit seinen Kommentaren in der Zeit und FAZ bekannt geworden, er hat auch einige Zeit in München gelebt. Mit „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (2012) hat sich Politi keine Freunde gemacht. Für den amtierenden Papst schwärmt er (immer noch). Bereits in „Franziskus unter Wölfen“ (2015) trug er Sabotageakte zusammen. Seine Diagnose von damals gilt noch: Der heimtückischste Feind von Franziskus’ Reformpolitik lauert im vatikanischen Unterholz. Denn: Die Feinde von Papst Franziskus agieren und reden im Verborgenen. Sie applaudieren mit den anderen, heucheln Papsttreue und mögen es gar nicht, wenn man sie als Gegner des argentinischen Pontifex bezeichnet. Schließlich, so sagen sie, wollen sie doch nur verhindern, dass er Fehler macht. Doch wenn sie unter sich sind, wetzen sie ihre Messer.

In der Kirche tobt eine politische Schlacht. Ich denke, es ist ein Kampf um die Vision von Kirche, wie das Konzil sie sich erträumt hat […] ein Kampf um die Macht: Das sagt Arturo Sosa, Generaloberer der Jesuiten in Marco Politis „Das Franziskus-Komplott“. Und der Papst stammt aus diesem Orden. Die Angriffe richten sich nicht nur gegen Franziskus, so Sosa weiter, sie wissen, dass er seine Meinung nicht ändern wird, sie wissen, dass er nicht mehr der Jüngste ist und dass sein Pontifikat daher nicht das längste der Geschichte sein wird.

Diese und viele weitere Einschätzungen versammelt und analysiert das Buch – eine wahre Phalanx von Stimmungen, Ahnungen und Prognosen. Man wähnt sich inmitten einer Schlacht: Franziskus fühlt sich umzingelt. Das Vokabular von Marco Politi ist durchzogen von martialischen Ausdrücken. Er spricht von einem heimlichen Bürgerkrieg und systematischem Sperrfeuer in der Kirche, nennt den Widerstand in Kardinalsreihen gegen das Schreiben „Amoris laetitia“ eine Kriegserklärung, beklagt pausenloses Bombardement auf Webseiten.

In der Tat: Es steht viel auf dem Spiel – nicht nur bei der Aufarbeitung und Bekämpfung von sexuellem Missbrauch, dem „9/11“ dieses Pontifikats. Kein Wunder, dass dieses Kapitel (IX) das umfangreichste ist – eine veritable Chronique scandaleuse: von Chile, Pennsylvania, Irland bis zu Kardinal Theodore E. McCarrick und Erzbischof Carlo Maria Viganò, der seit August 2018 hartnäckig den Rücktritt des Papstes fordert. Viganòs Memorandum ist ein vergifteter Köder. Es mischt Wahrheiten und falsche Behauptungen, doch die Wirkung ist durchschlagend.

Bestens vernetzter Vatikanjournalist

Marco Politi, italienisch-deutscher, bes­tens vernetzter Vatikanjournalist hat lange für die Tageszeitung La Repubblica gearbeitet, dann kam er als Kolumnist zu Il Fatto Quotidiano. Hierzulande ist er mit seinen Kommentaren in der Zeit und FAZ bekannt geworden, er hat auch einige Zeit in München gelebt. Mit „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (2012) hat sich Politi keine Freunde gemacht. Für den amtierenden Papst schwärmt er (immer noch). Bereits in „Franziskus unter Wölfen“ (2015) trug er Sabotageakte zusammen. Seine Diagnose von damals gilt noch: Der heimtückischste Feind von Franziskus’ Reformpolitik lauert im vatikanischen Unterholz. Denn: Die Feinde von Papst Franziskus agieren und reden im Verborgenen. Sie applaudieren mit den anderen, heucheln Papsttreue und mögen es gar nicht, wenn man sie als Gegner des argentinischen Pontifex bezeichnet. Schließlich, so sagen sie, wollen sie doch nur verhindern, dass er Fehler macht. Doch wenn sie unter sich sind, wetzen sie ihre Messer.

Es ist eine Delegitimierung, die systematisch zur Eskalation gebracht werden soll. Das Vorgehen erinnert an die Techniken der Tea-Party-Bewegung in den USA gegen Obama.

Franziskus kämpft an mehreren Fronten, innerhalb wie außerhalb der Kirche – aber auch gegen sich selbst, wie verunglückte, saloppe Sager und Metaphern offenbaren. Auf der politischen Bühne hat sich, nicht nur in Italien, eine Anti-Franziskus-Front gebildet. Lega-Chef Matteo Salvini („Mein Papst ist Benedikt“) setzt dabei auf Allianzen mit dem ehemaligen Trump-Strategen Steve Bannon. Anhänger findet der nationalpopulistische Extremismus des Ex-Innenministers auch im Klerus. Selbst der frühere Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, mischte sich ein: Man müsse mit Salvini und fremdenfeindlichen Parteien den Dialog suchen.

Aber das Nationalismus-Revival zeigt sich auch in Ungarn, Polen oder Österreich. Für Franziskus bedeutet das: Die identitär-souveränistische Welle drängt seine Botschaft an den Rand. Jenseits des Atlantiks hat der Papst-Vertraute Antonio Spadaro SJ mit dem in der Civiltà Cattolica erschienenen, zusammen mit dem presbyterianischen Pas­tor Marcelo Figueroa verfassten Artikel „Freikirchlicher Fundamentalismus und katholischer Integralismus“ im Juli 2017 bei Trumps Wählerschaft angeeckt. Franziskus – ein (verkannter) Prophet im globalen Chaos!

Innerkirchlich schwächt der Widerstand gegen Franziskus – Intrigen und Skandale ebenso wie die Taktik der feinen Nadelstiche – seine Glaubwürdigkeit massiv: Die Exis­tenz eines harten Kerns aus Purpurträgern, deren Denken und Tun sich ganz unverhohlen gegen päpstliche Reformbestrebungen richtet […] nimmt dem Wandel den Schwung und trübt die Begeisterung, die ein konzertiertes Vorgehen kennzeichnen müsste. Der Apparat, die Römische Kurie, den Franziskus oft mit harten oder launigen Worten kritisiert, lebt in einer Parallelwelt. Und lässt diesen Papst oft „kalt sterben“: Wenn er uns nicht informiert […], dann muss er sehen, wie er klarkommt! Franziskus – ein Häretiker? Einer, der ein Schisma in Kauf nimmt? Allein, dass über ein unwahrscheinliches Impeachment des Pontifex nachgedacht wird, ist ein Skandal! Es gibt nicht nur den offenen Widerstand der Kardinäle Sarah, Burke, Müller, Brandmüller, Cordes oder de Pao­lis. Auch loyale Bischöfe haben Probleme mit dem pastoralen Kurs des Papstes.

Zwar hat Franziskus die Anzahl Päpstlicher Räte verringert und in zwei neuen Dikasterien untergebracht (und dabei ganz nebenbei die Anzahl der Kardinäle von sechs auf zwei reduziert). Aber Fortschritte und Rückschritte halten sich die Waage: bei der Sisyphus-Aufgabe Kurienreform ebenso wie bei den Vatikan-Finanzen. Kritiker sagen: Das Pontifikat beruht auf brutaler Machtausübung. Franziskus Wohlwollende meinen: Es wird Jahre dauern, bis diese Öffnungen gängige Praxis sind, doch die ersten Schritte auf dem Weg der Dezentralisierung sind getan. Ins Abseits geraten schnell andere Reformleistungen: etwa im Katechismus in der Frage der Todesstrafe.

„Müssen Franziskus die Stange halten“

„Bestechung und Omertà sind Scheiße“, rutscht Franziskus bei einer Begegnung mit Pädophilie-Opfern heraus. Tatsache ist aber auch, dass prominente (Opfer-)Mitglieder der päpstlichen Kinderschutzkommission das Handtuch geworfen haben, weil sie ihre Arbeit behindert sahen.

Die Gesten sind das Fleisch und Blut des Bergoglio-Pontifikats: Stimmt, ja. Aber: Die Sprache des Papstes muss sich ändern! Und Einstellungen, die einen Macho verraten. Wehmütig las ich das Kapitel „Die Flucht der Frauen“. Ein subkutaner paternalistischer (Rede-)Stil ist nicht nur taktisch unklug. Das ist einfach widersprüchlich – und schlicht überholt. Hier besteht päpstlicher Lernbedarf! In Korea wendet sich Franziskus den lange tot geschwiegenen Comfort girls (Trostfrauen) zu, die in japanischen Kriegsbordellen zwangsprostituiert wurden. Andererseits unterstellt er Frauen, die abgetrieben haben, pauschal Völkermord mit weißen Handschuhen. Oder ortet schlagartig Klerikalismus, wenn Frauen Weiheämter anstreben.

Das Buch endet mit Hans Küng, der demnächst 92 wird: Wir müssen Franziskus die Stange halten. Seitdem dieser in dem postsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“, das vier wunderbare Visionen enthält, das Votum von zwei Drittel der stimmberechtigten Bischöfe, den Zölibat zu lockern und über andere Leitungsmodelle nachzudenken, übergangen hat, ja nicht einmal erwähnte, dürfte das auch Franziskus-Unterstützern erheblich schwerer fallen.

Ich teile Marco Politis Generaleindruck über dieses Pontifikat: Es ist eine Delegitimierung, die systematisch zur Eskalation gebracht werden soll. Das Vorgehen erinnert an die Techniken, die die Tea-Party-Bewegung in den USA seinerzeit gegen Barack ­Obama anwandte. Die Strategie ist klar: durch konstanten Druck die Wahl von Franziskus’ Nachfolger zu beeinflussen.

Totgesagte leben bekanntlich länger. Das gilt auch für den Reformwillen, die Reformkraft und das Reformpotenzial­ dieses Papstes. Daran glaube ich – naiv oder blind? – nach wie vor. Apropos: Ein ­Namensregister hätte dem Band gut getan!

Der Autor ist Jesuit und Publizist. Er lebt in München.