#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Feuilleton

Es ist nie genug!

1945 1960 1980 2000 2020

Von 21. bis 25. Februar kommen in Rom die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt zusammen, um das Missbrauchsthema zu beraten. Für die Kirche ein schwieriger Lernprozess.

1945 1960 1980 2000 2020

Von 21. bis 25. Februar kommen in Rom die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt zusammen, um das Missbrauchsthema zu beraten. Für die Kirche ein schwieriger Lernprozess.

"Genug!" "Ich habe genug davon gelesen, genug davon gehört, genug gesehen ": Wer so (denkt und) redet, tut -bewusst oder unbewusst -den Opfern ein weiteres Mal Unrecht. Ihrem unvorstellbaren Leid. Ihrem zerstörten oder massiv ins Wanken geratenen Gottesbild. Ihrer Enttäuschung über die Kirche. Die Opfer müssen im Mittelpunkt des Interesses stehen. Eines echten Interesses, das nicht als "lästig", als "überflüssig" empfindet, was ansteht. Nicht die von manchen unverhohlen bekundete Sättigung mit einem Thema, das nicht "die Medien" erfunden haben (auch wenn sie mit unterschiedlicher Qualität und unterschiedlichen Interessen davon berichten), darf Oberhand gewinnen. Ich kenne diese Versuchung: Man kann kaum eine Zeitung oder ein Magazin aufschlagen, ohne dem Thema zu begegnen: sexueller Missbrauch Minderjähriger und Schutzbefohlener. Mir gefiel seinerzeit die Aussage eines Provinzials nicht: Wir sind alle Mitglieder einer Tätergemeinschaft! Aber Tatsache ist, dass "solche Sachen" auch bei Jesuiten vorkamen -nicht nur bei anderen Orden, wie wir uns selbst lange glauben machen wollten.

Dass sich jahrzehntelang Priester und Ordensleute an Kindern und Jugendlichen "vergangen" haben, konnte man anfangs - als Klaus Mertes SJ im Jänner 2010 an die Öffentlichkeit ging - kaum glauben. Zu hoch war das Ansehen der Kirche, zu ungeheuerlich die Vorwürfe. Der zweite Schock: Es wurde geleugnet, bagatellisiert, vertuscht, verschleppt. Systematisch. Bischöfe, Generalvikare, Personalchefs: Viele haben so oder so versagt, Täter einfach versetzt, ohne darüber zu informieren warum. Das Erschrecken darüber hält an. Aber Bekundungen von Wut, Scham oder Trauer reichen längst nicht mehr aus. Betroffene, Angehörige, Kirchenmitglieder fragen zu Recht: Was wurde daraus gelernt? Wo steht es mit der Prävention? Was ist systembedingt? Welche Faktoren begünstigen vielleicht, welche fördern gar Missbrauch? Die zölibatäre Lebensform? Unreife Sexualität? Eine Veranlagung? Eine Persönlichkeitsstörung? Oder schlicht kriminelle Energie?

Doris Wagner als "Kirchenlehrerin"!

Die Lektüre von Doris Wagners Buch "Spiritueller Missbrauch in der Kirche" hat mich mitgenommen (FURCHE 5/2019). Sie ist "davongekommen". Mit "Nicht mehr ich"(2014) hatte sie versucht, Erlebtes aufzuarbeiten. Mit ihrem neuen Buch regt sie jetzt eine theologische Debatte an. Könnte ich, würde ich ihr sofort einen Dr. honoris causa verleihen. Kardinal Reinhard Marx und Kardinal Christoph Schönborn sollten sie in ihre Bischofskonferenzen holen: Bewusstseinsbildung! Doris Wagner verdient das Prädikat "Kirchenlehrerin". Sie gibt denen eine Stimme, die ihre Stimme verloren haben, die aufgrund ihrer Leidensgeschichte verstummt sind - manchmal durch Suizid für immer. Ja, Männer - Priester, Bischöfe, Kardinäle - können etwas lernen von ihr.

Theologische Tiefenbohrungen zur Thematik findet man in dem zeitgleich erschienenen Sammelband "Unheilige Theologie!" von Magnus Striet und Rita Werden. Neben Beiträgen der beiden Herausgeber finden sich hier Analysen von Georg Essen, Stephan Goertz, Gunda Werner und Hubertus Lutterbach. Theologische Denkfiguren und Vorstellungen werden daraufhin befragt, ob sie "missbrauchsbegünstigend" wirken und "ein Gefahrenpotenzial" darstellen.

"Genug!" "Ich habe genug davon gelesen, genug davon gehört, genug gesehen ": Wer so (denkt und) redet, tut -bewusst oder unbewusst -den Opfern ein weiteres Mal Unrecht. Ihrem unvorstellbaren Leid. Ihrem zerstörten oder massiv ins Wanken geratenen Gottesbild. Ihrer Enttäuschung über die Kirche. Die Opfer müssen im Mittelpunkt des Interesses stehen. Eines echten Interesses, das nicht als "lästig", als "überflüssig" empfindet, was ansteht. Nicht die von manchen unverhohlen bekundete Sättigung mit einem Thema, das nicht "die Medien" erfunden haben (auch wenn sie mit unterschiedlicher Qualität und unterschiedlichen Interessen davon berichten), darf Oberhand gewinnen. Ich kenne diese Versuchung: Man kann kaum eine Zeitung oder ein Magazin aufschlagen, ohne dem Thema zu begegnen: sexueller Missbrauch Minderjähriger und Schutzbefohlener. Mir gefiel seinerzeit die Aussage eines Provinzials nicht: Wir sind alle Mitglieder einer Tätergemeinschaft! Aber Tatsache ist, dass "solche Sachen" auch bei Jesuiten vorkamen -nicht nur bei anderen Orden, wie wir uns selbst lange glauben machen wollten.

Dass sich jahrzehntelang Priester und Ordensleute an Kindern und Jugendlichen "vergangen" haben, konnte man anfangs - als Klaus Mertes SJ im Jänner 2010 an die Öffentlichkeit ging - kaum glauben. Zu hoch war das Ansehen der Kirche, zu ungeheuerlich die Vorwürfe. Der zweite Schock: Es wurde geleugnet, bagatellisiert, vertuscht, verschleppt. Systematisch. Bischöfe, Generalvikare, Personalchefs: Viele haben so oder so versagt, Täter einfach versetzt, ohne darüber zu informieren warum. Das Erschrecken darüber hält an. Aber Bekundungen von Wut, Scham oder Trauer reichen längst nicht mehr aus. Betroffene, Angehörige, Kirchenmitglieder fragen zu Recht: Was wurde daraus gelernt? Wo steht es mit der Prävention? Was ist systembedingt? Welche Faktoren begünstigen vielleicht, welche fördern gar Missbrauch? Die zölibatäre Lebensform? Unreife Sexualität? Eine Veranlagung? Eine Persönlichkeitsstörung? Oder schlicht kriminelle Energie?

Doris Wagner als "Kirchenlehrerin"!

Die Lektüre von Doris Wagners Buch "Spiritueller Missbrauch in der Kirche" hat mich mitgenommen (FURCHE 5/2019). Sie ist "davongekommen". Mit "Nicht mehr ich"(2014) hatte sie versucht, Erlebtes aufzuarbeiten. Mit ihrem neuen Buch regt sie jetzt eine theologische Debatte an. Könnte ich, würde ich ihr sofort einen Dr. honoris causa verleihen. Kardinal Reinhard Marx und Kardinal Christoph Schönborn sollten sie in ihre Bischofskonferenzen holen: Bewusstseinsbildung! Doris Wagner verdient das Prädikat "Kirchenlehrerin". Sie gibt denen eine Stimme, die ihre Stimme verloren haben, die aufgrund ihrer Leidensgeschichte verstummt sind - manchmal durch Suizid für immer. Ja, Männer - Priester, Bischöfe, Kardinäle - können etwas lernen von ihr.

Theologische Tiefenbohrungen zur Thematik findet man in dem zeitgleich erschienenen Sammelband "Unheilige Theologie!" von Magnus Striet und Rita Werden. Neben Beiträgen der beiden Herausgeber finden sich hier Analysen von Georg Essen, Stephan Goertz, Gunda Werner und Hubertus Lutterbach. Theologische Denkfiguren und Vorstellungen werden daraufhin befragt, ob sie "missbrauchsbegünstigend" wirken und "ein Gefahrenpotenzial" darstellen.

Dass sich jahrzehntelang Priester und Ordensleute an Kindern und Jugendlichen "vergangen" haben, konnte man anfangs - als Klaus Mertes SJ im Jänner 2010 an die Öffentlichkeit ging - kaum glauben. Zu hoch war das Ansehen der Kirche, zu ungeheuerlich die Vorwürfe. Der zweite Schock: Es wurde geleugnet, bagatellisiert, vertuscht, verschleppt.

Es ist nicht gerade ermutigend, dass nicht nur Papst Franziskus (auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Panama), sondern auch Kardinal Schönborn Erwartungen bereits im Voraus gedämpft haben: Vom Gipfel im Vatikan, zu dem vom 21. bis 24. Februar sämtliche Vorsitzende der Bischofskonferenzen weltweit, Kurienchefs und Spitzenvertreter der Orden zusammenkommen, um mit dem Papst zu beraten, dürfe man "keine Wunder erwarten". Schönborn im Stern-Interview: "Es wird ein schmerzlicher und langer Prozess." Immerhin: Außer Streit steht -alternativlos - die Opferperspektive: "Die Ehre eines Kardinals", so der Wiener Erzbischof, "darf nie über dem Schutz der Betroffenen stehen. Das muss die Leitlinie sein." Zuerst die Institution Kirche zu "schützen"(wie seinerzeit bei Kardinal Groër), sei "ein großer Fehler" gewesen.

Ein Zeichen, das der Papst setzt

Das Treffen im Vatikan ist zwar keine Synode. Aber ein Zeichen, das der Papst setzt. Dass sich trotzdem viele Menschen von der Kirche abwenden, ist eine Tragik. Sie trauen ihr keine Selbstreinigung mehr zu. Die Frage bleibt deswegen: Lernen Bischöfe daraus -wirklich und wirksam?

Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, machte in seiner Silvesteransprache zum Jahreswechsel 2018/19 klar, dass es "eine Vertiefung und Weiterentwicklung der Lehre der Kirche" geben muss, "die immer wieder neu in einer konkreten Situation zur Sprache gebracht werden muss". Er hat dabei Themenfelder aufgezeigt: "Es geht um die Rolle und Gestalt des priesterlichen und bischöflichen Dienstes, und zwar in Gemeinschaft mit dem ganzen Gottesvolk. Es wird gehen um eine noch stärkere Synodalität, eine Kultur der Beteiligung, der Mitverantwortung, des Ernstnehmens aller Christinnen und Christen." Das wäre eine Agenda, die es anzugehen und abzuarbeiten gilt!

Eine Kultur der Beteiligung und der Mitverantwortung: Das ist das Ende von klerikaler Überheblichkeit, von Besserwisserei und Gängelung. Ähnlich hatte es der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer in einem Interview formuliert: "Alle Selbstherrlichkeit, alles Anspruchsdenken muss fallen. Wir Bischöfe sitzen nach meinem Empfinden immer noch zu sehr auf dem hohen Ross. Wir müssen davon herunterkommen: nicht mehr von oben herab, von oben nach unten, sondern auf Augenhöhe mit den Menschen. Und selbst das ist mir noch zu wenig. ,Face to Face' reicht nicht. Es braucht ein ,Side by Side'. Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist". Der ehemalige Generalobere der Herz-Jesu-Priester betonte: "Wir tun immer noch so, () als hätten wir Bischöfe das Recht auf das Label katholisch. Falsch! Wir sind nicht die katholische Stiftung Warentest. Wir müssen Empfänger sein, Hörende, Lernende im Gespräch mit den Katholikinnen und Katholiken, aber auch mit Christen anderer Konfessionen und den Nichtglaubenden."

Auch der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf erteilte allen Stimmen (diesseits wie jenseits der Alpen) eine Absage, die meinen, Bischöfe seinen "von Natur aus" über jede Kritik erhaben: "Im Kern geht es auch um die Frage, ob wir eigenständige Gewissensentscheidungen von Menschen unterstützen und damit den Menschen zugestehen, mit Hilfe des Wortes Gottes und auch mit Hilfe seelsorglicher Begleitung zu eigenen Entscheidungen zu kommen -oder ob wir im letzten die Deutungshoheit beanspruchen, der sich die anderen Menschen dann einfügen."

Kohlgraf und Wilmer gehören zu einer neuen Generation von Bischöfen. Man merkt ihnen an, ebenso wie den Kardinälen Marx oder Schönborn, dass Papst Franziskus sie prägt. Solche Bischöfe sind jedoch nach wie vor in der Minderheit. Kardinal Gerhard Müller etwa spricht genau das dem "einfachen Volk Gottes" ab, was Marx, Wilmer oder Kohlgraf betonen. Das ist Ordination als Subordination! Der Apostolische Nuntius in Deutschland meinte, einem Frankfurter Theologieprofessor, der monatelang auf seine vatikanische Bestätigung als gewählter Hochschulrektor warten musste, empfehlen zu müssen, sich in Sachen Homosexualität im Katechismus schlau zu machen. Oder, ebenso tragisch wie ironisch: Der emeritierte Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, vormals Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sagte in einem Video, in dem er eigene Fehler bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen (zuerst als Personalreferent, dann als Erzbischof) halbherzig einräumte, allen Ernstes: "Ich bin nun 80 Jahre alt geworden im August und ich habe nur noch meinem Gewissen und vor Gott die Verantwortung."

Es sind konkrete Personen, die versagen

Wo es jahrzehntelang (fast blindes) Vertrauen gab, herrscht jetzt ein "Misstrauensvorschuss" gegenüber Amtsträgern. Ein Generalverdacht macht sich breit. Das belastet: Priester und diejenigen, die auf dem Weg zum Priestertum sind. Es ist wichtig, dass Bischöfe "ich" sagen. Denn es sind konkrete Personen, die versagen, vertuschen, schönreden. Darunter sind nicht nur Kapläne und Pfarrer gewesen. Sondern auch Bischöfe und Kardinäle, wie der ehemalige Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, zeigt. Papst Franziskus steht als zahnloser Reformer da, dem der Apparat nicht folgt. Manche vergleichen ihn bereits mit Papst Hadrian VI., der in seinem einzigen Amtsjahr 1522/23 an seinen Kardinälen scheiterte, die ihn auflaufen ließen.

Einzelne Bischöfe haben dazugelernt. Andere sitzen die größte Krise der katholischen Kirche seit der Reformation aus. Sie hoffen, dass "der Sturm vorüberzieht". Der Jesuit Ansgar Wucherpfennig meint: "Wir sind in einer Wendezeit: Eine Zeit, in der man im Rückblick merkt, dass es so jetzt nicht mehr weitergehen kann, ein Point of no Return." Wucherpfennig gehört zu den neun Unterzeichnern eines Offenen Briefes, die Kardinal Marx zu mutigen Reformen in der Kirche aufgefordert haben.

Unheilige Theologie - © Foto: Herder
© Foto: Herder
Buch

Unheilige Theologie!

Hg. von Magnus Striet und Rita Werden Herder
2019, 200 Seiten, kart.€ 20,-

Andreas R.Batlogg ist Theologe, Publizist und Seelsorger an der Münchener Jesuitenkirche.

Andreas R.Batlogg ist Theologe, Publizist und Seelsorger an der Münchener Jesuitenkirche.