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Diese unfehlbare Kirche

Ein „Fehltritt“ führte zum spektakulären Rücktritt der obersten Protestantin Deutschlands. Die affärengebeutelte katholische Schwesterkirche findet dagegen kein Rezept, mit ihren Problemen öffentlich adäquat umzugehen.

Als gelerntem Katholiken blieb einem der Mund offen: Da nahm die evangelische Bischöfin und oberste Protestantin Deutschlands, Margot Käßmann also, ihren Hut – nur einen Tag nachdem ruchbar geworden war, dass sie betrunken Auto gefahren war. Solch schnörkellose Klarheit im Übernehmen von Verantwortung ist außergewöhnlich.

Der evangelische Rücktritt ist auch deswegen ein so vorbildliches Signal, weil sich die andere Weltkirche, die katholische, mit ihren Missbrauchsskandalen in eine Jahrhundertkrise manövriert hat, aber bis heute keine adäquaten öffentlichen Zeichen von Verantwortlichkeit und Reue gefunden hat.

Fehler liegen im System

In der Sache selbst ist Differenzierung angesagt: Man kann nicht unterstellen, katholische Amtsträger und Mitarbeiter/innen seien von Haus aus latente Missbrauchstäter (vgl. „Thema der Woche“ und Leitartikel in der letzten FURCHE). Aber seit Jahren ist der kirchliche Umgang mit der Krise inferior und lässt eine Auseinandersetzung mit Systemfehlern vermissen: Ja, die katholische Kirche steht – leider zu Recht – unter Ideologieverdacht, wenn sie die Vorgänge auf das Fehlverhalten einzelner zurückführt, weil sie als „heilige Institution“ nicht fehlen kann. Man sollte es unverblümt aussprechen: Marxisten, die sich rechtfertigten, indem sie den realen Sozialismus oder den Stalinismus als bloßen „Missbrauch“ einer an sich guten Weltanschauung verharmlosten, waren und wären in einer redlichen Auseinandersetzung nicht satisfaktionsfähig. Kann man es Kritikern der katholischen Kirche da verdenken, angesichts des Verhaltens der Kirchenleitung in Sachen Missbrauch ähnlich zu argumentieren?

Die Krise hat ja längst monströse Ausmaße angenommen: Am 27. März ist der 15. Jahrestag, dass das profil die „Affäre Groër“ öffentlich gemacht hat. 1998 hatten vier Bischöfe – darunter Kardinal Schönborn und Bischof Kapellari – ihre „moralische Gewissheit“ erklärt, dass die Vorwürfe gegen Kardinal Groër „im Wesentlichen zutreffen“. Selbst diese Feststellung führte zu keiner innerkirchlichen Untersuchung und Aufarbeitung. Im Gegenteil: An Groërs Grab (2003) stellte Kardinal Meisner, heute noch amtierender Erzbischof von Köln, das Schicksal Groërs in eine Reihe mit der Passion Christi.

Natürlich hat die katholische Kirche in den letzten Jahren gelernt, dass sie sich mit den Opfern auseinandersetzen muss und die Täter nicht länger schützen darf. Aber in den USA, Australien, Irland, Deutschland oder auch bei großen Aufbruchsbewegungen wie den aus Mexiko stammenden Legionären Christi, deren Gründer sich als Missbrauchstäter entpuppte, ist die katholische Kirche moralisch desavouiert, ohne dass ihr der dringend nötige Befreiungsschlag gelingt. Auch in Österreich sitzen die Bischöfe – wieder einmal – zum Thema zusammen, und man wartet nüchtern auf die Ergebnisse. Nicht einmal auf österreichweit einheitliche Regelungen für den Umgang mit Missbrauch konnten sich die heimischen Hirten in den letzten 15 Jahren verständigen, merkte Helmut Schüller, erster kirchlicher Ombudsmann für sexuellen Missbrauch, dieser Tage kritisch an.

Sehen, Urteilen, Handeln

Rom laviert ebenso wie die Ortskirchen, weil System- und Strukturfragen nicht thematisiert werden, das Problem also auf die Sündhaftigkeit einzelner, aber nicht der Institution abgewälzt wird.

Dabei gäbe es ja katholische Methoden der Herangehensweise. Joseph Cardijn (1882–1967), legendärer Gründer der Katholischen Arbeiterjugend und späterer Kardinal, hat da den Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln entwickelt. Das hieße 1. das Missbrauchsproblem und dessen Dimension zu identifizieren, 2. die Gründe dafür zu suchen und daraus 3. die Konsequenzen fürs Handeln der Kirche zu ziehen. Diese Methode führt aber nur dann weiter, wenn es keine Denkverbote gibt. Das heißt, das „System“ katholische Kirche gehört mit auf die Tagesordnung. Leider ist die derzeitige Kirchenleitung nicht bereit, das Thema so radikal, wie es nötig wäre, zu diskutieren.

* otto.friedrich@furche.at

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