Schönborn - © APA / EXPA / Michael Gruber
Religion

Christoph Schönborn: Der letzte Kardinal

1945 1960 1980 2000 2020

Am 22. Jänner begeht Kardinal Christoph Schönborn den 75. Geburtstag. Heuer jährt sich auch seine Ernennung zu Wiens Erzbischof zum 25. Mal. Versuch der Würdigung einer turbulenten Ära.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 22. Jänner begeht Kardinal Christoph Schönborn den 75. Geburtstag. Heuer jährt sich auch seine Ernennung zu Wiens Erzbischof zum 25. Mal. Versuch der Würdigung einer turbulenten Ära.


Als am 29. September 1991 der damalige Redaktionssekretär des Weltkatechismus zum Wiener Weihbischof geweiht wurde, galt er als leise Hoffnung in spannungsgeladener Kirchenzeit: Mit den Bischofsernennungen von Hans Hermann Groër (Wien 1986), Kurt Krenn (Wien 1987), Georg Eder (Salzburg 1989), Klaus Küng (Feldkirch 1989) und Andreas Laun (Salzburg 1995) war Österreichs Episkopat von Rom in eine markant (ultra)konservative Richtung umgepolt worden.

Die Ernennung von Christoph Schönborn, dem der Ruf eines moderaten, weltläufigen Konservativen vorauseilte, wurde von vielen als Atempause in der päpstlichen Straf­expedition wider den von Johannes Paul II. offenkundig als zu liberal identifizierten österreichischen Katholizismus empfunden.

Vier Jahre später fand sich Weihbischof Schönborn dann mitten in die schwerste Kirchenkrise Österreichs hineingeworfen: Als vor Ostern 1995 die (Missbrauchs-)Affäre Groër begann, wurde Schönborn zum Koadjutor des in höchster Bedrängnis befindlichen Erzbischofs ernannt. Am 14. September desselben Jahres löste Schönborn Groër an der Spitze der Erzdiözese Wien ab.

Noch 56 Prozent Katholiken

2020 begeht Christoph Schönborn somit nicht nur seinen 75. Geburtstag, sondern auch das 25-jährige Amtsjubiläum als Erzbischof. Die Ära Schönborn begann also mit der österreichischen Missbrauchskrise, und sie findet sich 25 Jahre später in der weltkirchlichen Missbrauchs­krise, die Kommentatoren als die größte Kirchenanfechtung seit der Reformation sehen, wieder.

Eine Ära der Herkulesaufgaben für den aus böhmischem Adel stammenden Erzbischof, der seit 1998 auch Kardinal ist, und dessen Amtszeit zusätzlich von den Herausforderungen der Säkularisierung geprägt ist: Wies die Kirchenstatistik 1995 österreichweit noch knapp über sechs Millionen Katholiken in Österreich auf (76 Prozent der Gesamtbevölkerung), so wurde 2019 erstmals die Fünf-Millionen-Marke (56 Prozent) unterschritten.

Aber eine (Zwischen-)Bilanz der Ära Schönborn lässt sich nicht nur auf die nackten, wie anderswo in Europa auch: ernüchternden Zahlen reduzieren. Denn der Umgang mit der durch die oben erwähnten Bischofsernennungen völlig polarisierten Kirche Österreichs war eine der gro­ßen Herausforderungen für den Mann an der Spitze der Kirche des Landes (seit 1998 steht Schönborn auch der Österreichischen Bischofskonferenz vor). In dieser Hinsicht ist ihm zu konzedieren, dass er seine Ortskirche jedenfalls in ruhige Fahrwasser führen konnte. Dabei fällt auf, dass es nicht ganz einfach ist, eine klar zu benennende Linie in seinen Positionierungen zu entdecken: Man findet viele Beispiele des „sehr konservativen“ Kardinals Schönborn und gleichzeitig markante Manifestationen des „liberalen“.


Als am 29. September 1991 der damalige Redaktionssekretär des Weltkatechismus zum Wiener Weihbischof geweiht wurde, galt er als leise Hoffnung in spannungsgeladener Kirchenzeit: Mit den Bischofsernennungen von Hans Hermann Groër (Wien 1986), Kurt Krenn (Wien 1987), Georg Eder (Salzburg 1989), Klaus Küng (Feldkirch 1989) und Andreas Laun (Salzburg 1995) war Österreichs Episkopat von Rom in eine markant (ultra)konservative Richtung umgepolt worden.

Die Ernennung von Christoph Schönborn, dem der Ruf eines moderaten, weltläufigen Konservativen vorauseilte, wurde von vielen als Atempause in der päpstlichen Straf­expedition wider den von Johannes Paul II. offenkundig als zu liberal identifizierten österreichischen Katholizismus empfunden.

Vier Jahre später fand sich Weihbischof Schönborn dann mitten in die schwerste Kirchenkrise Österreichs hineingeworfen: Als vor Ostern 1995 die (Missbrauchs-)Affäre Groër begann, wurde Schönborn zum Koadjutor des in höchster Bedrängnis befindlichen Erzbischofs ernannt. Am 14. September desselben Jahres löste Schönborn Groër an der Spitze der Erzdiözese Wien ab.

Noch 56 Prozent Katholiken

2020 begeht Christoph Schönborn somit nicht nur seinen 75. Geburtstag, sondern auch das 25-jährige Amtsjubiläum als Erzbischof. Die Ära Schönborn begann also mit der österreichischen Missbrauchskrise, und sie findet sich 25 Jahre später in der weltkirchlichen Missbrauchs­krise, die Kommentatoren als die größte Kirchenanfechtung seit der Reformation sehen, wieder.

Eine Ära der Herkulesaufgaben für den aus böhmischem Adel stammenden Erzbischof, der seit 1998 auch Kardinal ist, und dessen Amtszeit zusätzlich von den Herausforderungen der Säkularisierung geprägt ist: Wies die Kirchenstatistik 1995 österreichweit noch knapp über sechs Millionen Katholiken in Österreich auf (76 Prozent der Gesamtbevölkerung), so wurde 2019 erstmals die Fünf-Millionen-Marke (56 Prozent) unterschritten.

Aber eine (Zwischen-)Bilanz der Ära Schönborn lässt sich nicht nur auf die nackten, wie anderswo in Europa auch: ernüchternden Zahlen reduzieren. Denn der Umgang mit der durch die oben erwähnten Bischofsernennungen völlig polarisierten Kirche Österreichs war eine der gro­ßen Herausforderungen für den Mann an der Spitze der Kirche des Landes (seit 1998 steht Schönborn auch der Österreichischen Bischofskonferenz vor). In dieser Hinsicht ist ihm zu konzedieren, dass er seine Ortskirche jedenfalls in ruhige Fahrwasser führen konnte. Dabei fällt auf, dass es nicht ganz einfach ist, eine klar zu benennende Linie in seinen Positionierungen zu entdecken: Man findet viele Beispiele des „sehr konservativen“ Kardinals Schönborn und gleichzeitig markante Manifestationen des „liberalen“.

Man findet viele Beispiele des ‚sehr konservativen‘ Kardinals Schönborn und gleichzeitig markante Manifestationen des ‚liberalen‘.

Als er 1995 Helmut Schüller zu seinem Generalvikar machte, galt dies als „weltoffenes“ Zeichen, dessen von medialem Getöse im Februar 1999 begleitete Abberufung schien in die entgegengesetzte Richtung zu weisen. Anfang 1998 war Schönborn federführend an der Erklärung von vier Bischöfen beteiligt, sie seien zur „moralischen Gewissheit“ gelangt, dass die (Missbrauchs-)Vorwürfe gegen Kardinal Groër stimmen. Kirchenrechtlich konnte Schönborn gegen seinen Vorgänger natürlich nichts ausrichten, weil Johannes Paul II. – anders als der heutige Papst – keine rechtlichen Maßnahmen setzte.

Aufsehen und Aufregung

Den zur Beruhigung der kirchlichen Gemüter im Herbst 1998 veranstalteten „Dialog für Öster­reich“, den bislang letzten gesamt­österreichischen Versuch, eine moderate Reformagenda in der katholischen Kirche zu diskutieren, ließ Schönborn – nicht zuletzt mangels Erfolgsaussichten – auslaufen. Als Widerpart des mittlerweile zum Bischof von St. Pölten aufgestiegenen Kurt Krenn galt Schönborn hingegen wieder als einer, der die Brücken zur Konzilsgeneration nicht abbrach.

Gleichzeitig förderte er – nicht nur in seiner Diözese – prononciert konservative Institutionen wie das Internationale Theo­logische Institut, das heute in Trumau/NÖ eine kirchliche Hochschule betreibt. Auch die Förderung von charismatischen Gemeinschaften gehörte ebenso zu seiner Agenda wie die „Ökumene“ mit freikirchlich-evangelikalen Gemeinschaften. Zuletzt erregte Schönborn diesbezüglich 2019 durch seine Teilnahme am „Awakening Europe“-Event in der Wiener Stadthalle Aufsehen.

Aufregung löste im Sommer 2005 ein Gastkommentar Schönborns in der New York Times aus, der als Annäherung an den Krea­tionismus oder zumindest ans Konzept eines „Intelligent Design“ verstanden wurde, wobei sich Schönborn in späterer Folge von derartiger Interpretation distanzierte. Innerkirchlichen Wirbel löste drei Jahre später eine Predigt Schönborns in Jerusalem aus, in der er Euro­pa und seine Bischöfe anklagte, ein dreifaches Nein zum Leben gesagt zu haben – und zwar durch die Ablehnung des Empfängnisverhütungsverbots der Enzyklika „Humanae vitae“, durch die Nichtverhinderung von gesetzlichen Abtreibungsfreigaben sowie durch das Nämliche in Bezug auf die Gleichstellung von Ehe und gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

Weltkirchliche „Lichtgestalt“

Dem entgegen machte sich der Kardinal einen Namen durch großes Fingerspitzengefühl beim direkten Umgang mit Homo­sexuellen. Zuletzt kreideten ihm – nun wieder als „liberaler“ Schönborn – konservative Gruppierungen die Teilnahme an einer Aids-Benefizveranstaltung im Stephansdom mit den Promis der heimischen Schwulenbewegung an.

Auch sein schnelles Reagieren auf die neue kirchliche Missbrauchskrise in Österreich 2010 durch die Einsetzung der so genannten „Klasnic-Kommission“ wird ihm – trotz kritischer Stimmen – weithin angerechnet. Und als er sich im Vorjahr mit der von Missbrauch betroffenen Ex-Ordensfrau Doris Wagner öffentlich zu einem einfühlsamen und verstehenden Gespräch traf, konnte Schönborn auch medial punkten.

Im Pontifikat von Franziskus stieg Schönborn gar zu einer weltkirchlichen „Lichtgestalt“ auf: Sein Versuch auf der Familiensynode 2014/15, mit dem Konzept der Gradualität Brücken zwischen den „Progressiven“ und den Bewahrern althergebrachter katholischer Ehemoral zu bauen, brachte ihm die große Achtung des Papstes ein, weniger diejenigeder konservativen Parteiungen.

Angesichts seines 75. Geburtstags am 22. Jänner hat Chris­toph Schönborn beim Papst den Rücktritt eingereicht. Wann Franziskus diesen annimmt, ist zurzeit nicht bekannt. Nach der schweren Erkrankung kurz vor Weihnachten, von der sich der Kardinal zurzeit erholt, ist aber davon auszugehen, dass Schönborn in naher Zukunft den Hirtenstab seiner Diözese weiterreichen wird. Und wenn die Politik von Papst Franziskus, der auf „traditionellen“ Bischofsstühlen kaum Kardinäle ernennt, Bestand hat, so ist zu erwarten, das Christoph Schönborn zumindest auf absehbare Zeit der letzte Purpurträger Österreichs bleibt.