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Skepsis und Erwartungen

Bereits vor drei Jahren wurde Papst Johannes Paul II. zu einem Seelsorgebesuch in der Schweiz erwartet. Das Attentat vom 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz vereitelte diese Reisepläne jäh. Das Programm der nun vom 12. bis 17. Juni nachgeholten 22. Pilgerreise des Papstes führt nach Lugano, Genf, Freiburg und Bern, in den Marienwallfahrtsort Einsiedeln, zur größten Veranstaltung, einer Eucharistiefeier im Freien in Luzern und nach Sion im Wallis.

Im Mittelpunkt stehen Begegnungen mit dem ökumenischen Rat der Kirchen in Genf, mit der 1971 gegründeten Arbeitsgemein-' schaft christlicher Kirchen der Schweiz, mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und der Landesregierung. Geplant ist auch der Besuch der katholischen Universität Freiburg, des Grabes des Landesheiligen Nikiaus von Flüe, und im Kloster Einsiedeln werden vor allem Begegnungen mit Vertretern des Schweizer Katholizismus und mit der Jugend des Landes stattfinden.

Die Schweizer Bischofskonferenz als Gastgeber will die Visite des Papstes ausdrücklich als „Seelsorgebesuch" und als geistliches Ereignis verstanden wissen. Der streitbare, in Tübingen lehrende Schweizer Theologe Hans Küng spricht dagegen angesichts der gewaltigen Vorbereitungsarbeiten und der Kosten von rund 16 Millionen Schilling von einem zunehmenden Unbehagen vieler Katholiken und Protestanten, daß hier „eine aufwendig triumphale Selbstdarstellung des römischen Katholizismus vor-konziliaren Stiles in einer beispiellosen TV-Show" drohe.

Daß der Besuch eine Reihe delikater Probleme aufwirft, ist verständlich, kommt doch der Papst in ein Land, das konfessionell stark gemischt ist, in dem der antirömische Effekt noch heute recht virulent ist und wo — wie sich in den letzten Wochen zeigte — offensichtlich viele Menschen dem Oberhaupt der katholischen Kirche wenig Sympathie oder sogar Abneigung entgegenbringen. Auch im katholischen Lager gibt es viele, die dem Besuch gerade dieses, als Inkarnation des kirchlichen Konservativismus empfundenen Papstes mit Zurückhaltung begegnen.

So hat sich etwa an der Opportunität des Papstempfanges durch alle sieben Mitglieder des Bundesrates eine heftige Kontroverse entwickelt. Eine „Aktion gegen religiöse Machtpolitik" kritisiert diesen Empfang aus Gründen der Rechtsgleichheit und der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Aber auch der Präsident des Evangelischen Kirchenbundes übte mit dem Hinweis auf den „laizistischen Charakter unseres Staatswesens" Kritik. Beim Bundesrat und der Bischofskonferenz verweist man auf die diplomatischen Gepflogenheiten, daß nämlich die Schweiz damit ein Staatsoberhaupt ehre, auch wenn dieses auf Einladung der Vertreter einer Konfession im Lande sei.

Viele Katholiken und mit ihnen die Bischöfe freuen sich ganz einfach auf diesen Besuch des „Bruder in Christus", von dem man weiß, daß er mit seinem Charisma und seiner Kontaktfähigkeit Glaube und Zuversicht der Gläubigen nachhaltig stärken kann. Rechts und links der Kirchentreuen Position werden allerdings unterschiedliche Stimmen laut. So können es die dem suspendierten Erzbischof Lefebvre nahestehenden Traditionalisten nicht verstehen, daß der Papst zwar Christen anderer Konfessionen empfängt, nicht aber ihre Vertreter, die auf ein Ende der Aussperrung hoffen.

Andererseits wird der Papst auch mit Eingaben eines modern eingestellten Schweizer Katholizismus konfrontiert, so mit einem Aufsehen erregenden offenen Brief einer Luzerner Pfarrei, in dem die Priesterweihe für Frauen und das Zölibat zur Diskussion gestellt werden. Auch 34 Jugendvertreter, die sich in Einsiedeln hinter geschlossenen Türen und ohne Medien mit dem Papst an einen Tisch setzen, werden dem Papst unbequeme Fragen stellen.

Theologieprofessor Hans Küng hat den Bischöfen („die Anliegen vieler Menschen aufgreifend") in harter Formulierung sieben „Bitten" vorgetragen. So sollen sie dafür sorgen, daß in den Medien un-zensiert auch die „große Zahl der Kritiker des gegenwärtigen römischen Kurses zu Worte kommen". Sie sollen den Papst auch darauf aufmerksam machen, daß viele Schweizer Katholiken eine Revision der Enzyklika „Humanae vi-tae" über die Empfängnisverhütung erwarten. Sie sollen dem römischen Oberhirten bewußt machen, daß die kirchliche Diskriminierung der Frau auch in der Schweiz viele weibliche Katholiken aus der Kirche hinaustreibe, daß der Zölibat für den dramatischen Priestermangel verantwortlich sei usw.

Die Vertreter der evangelischen Kirche werden dem Papst dagegen kritische Fragen zur Ökumene stellen. Denn die ökumenischen Bestrebungen mit der katholischen Kirche seien nun an einen Punkt gelangt, der nur unter Mithilfe des Papstes überschritten werden könne, weil es um Grundfragen der katholischen Glaubenslehre gehe: so die gegenseitige Anerkennung der Kirchen, das gegenseitige Gastrecht beim Abendmahl, die Anerkennung der kirchlichen Ämter, das Mischeherecht (bischöflicher Dispens für den katholischen Partner) usw. Die Kirchenbund-vertreter wollen dem Papst unter anderem diese Punkte vortragen, in der Hoffnung, daß der Papst neue ökumenische Impulse gibt.

Gegenüber solchen Erwartungen wird aber auch viel Skepsis laut. Der Präsident des Evangelischen Kirchenbundes bezeichnete in einem Interview den Papst selbst als „größtes Hindernis" im gegenwärtigen Ökumenismus. Das habe sich augenfällig beim Besuch Pauls VI. beim ökumenischen Rat der Kirchen in Genf 1968 gezeigt, dem er sich mit den Worten „Ich bin Petrus" vorstellte.

Papst Johannes Paul II. erwartet eine strapaziöse und heikle Pilgerreise. Aber es ist ja nicht seine erste unter 'diesen Vorzeichen.

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