Knapp 300 katholische Bischöfe der USA suchten in Dallas Auswege aus den Sex-Skandalen. Die beschlossenen Maßnahmen sind Opfervertretern nicht hart genug.

Noch nie, hatte eine Frühjahrstagung der US-amerikanischen Bischöfe derartige öffentliche Aufmerksamkeit erregt wie die heurige Zusammenkunft, die vom 12. bis 14. Juni im texanischen Dallas stattfand.

Und noch nie war die katholische Kirche in den USA so gedemütigt wie in der ersten Jahreshälfte 2002, in denen sich die größte Konfession im Lande mit den massiven Vorwürfen rund um sexuellen Missbrauch durch Priester und die Untätigkeit der Kirchenleitung dabei auseinandersetzen musste. Nur 47 Prozent der Amerikaner, so eine Umfrage des Senders ABC knapp vor dem Bischofstreffen, haben von der katholischen Kirche eine "gute Meinung" (im Februar waren es noch 63 Prozent ...).

Auch wenn zu solchen Umfragen immer zu hören ist, die Kirche dürfe ihr Fähnlein nicht nach dem Wind der öffentlichen Meinung richten, so bleibt unleugbare Tatsache, dass die katholischen Kirche der USA in den Grundfesten erschüttert ist (vgl. die Berichte in furche 21 und 22). Untrüglicher Indikator dafür ist auch das Geld, das die Kirche in den USA vielfach durch Spenden aufbringen muss: Kirchenleute bangen, dass bei den derzeit laufenden Spendenkampagnen zur Finanzierung der Kirche große Einbrüche zu verzeichnen sein werden. Auch wenn die Bischöfe versichern, dass keine Spendengelder für die - in einzelnen Diözesen horrenden - Abfindungen für die Missbrauchsopfer katholischer Priester fließen, könnte genau diese Befürchtung viele vom Spenden abhalten.

Empörung riefen im Vorfeld der Bischofsversammlung auch zwei Stimmen von außen hervor. So bezeichnete der honduranische Kardinal Oscar Rodríguez Maradiaga in einem Interview mit der vatikannahen konservativen Wochenzeitung 30 Giorni/30 Tage die Berichterstattung über die Missbrauchsfälle in CNN, New York Times, Washington Post und Boston Globe als "Kirchenverfolgung", die ihn an Hitler und Stalin erinnere. Die Ausfälle Rodríguez Maradiagas, der auch als Papstkandidat genannt wird, erregtenAufsehen, weil er die renommiertesten Zeitungen der USA abqualifizierte. Ähnlich wie der Purpurträger aus Honduras äußerte sich die Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica, deren Artikel im vatikanischen Staatssekretariat gegengelesen werden: Die Missbrauchs-Berichterstattung in den US-Medien sei, so hieß es dort in der Juni-Ausgabe, von "viel krankhafter Neugierde und Skandalsucht" begleitet. Civiltà Cattolica ortete "antikatholische, antirömische und antipäpstliche" Haltungen in dieser Berichterstattung.

Trotz dieser Stimmen setzten sich die US-Bischöfe offensiver als bisher mit den Missbrauchs-Affären und -Vorwürfen auseinander. Bei der Zusammenkunft der knapp 300 Hirten gab es auch ein Treffen mit Missbrauchsopfern. Und vier Missbrauchsopfer - drei Männer und eine Frau - sprachen am 13. Juni vor dem Plenum der Bischofskonferenz über ihre körperlichen und seelischen Qualen. Einer davon war David Clohessy, Vorsitzender von SNAP, dem "Survivors Network of those Abused by Priests" ("Netzwerk der den Missbrauch durch Priester Überlebenden"). Seit beinahe zehn Jahren versucht Clohessy, bei den Bischöfen Gehör zu finden. Nun appellierte er zum Handeln: "Es reicht nicht, wenn Sie uns versprechen, in Zukunft besser zu agieren ..." Was damit gemeint ist, sprach ein anderes Opfer, Paula Gonzales Rohrbacher, aus: "Ich fordere Sie auf, gegenüber den Tätern eine ,Zero-tolerance'-Politik einzuschlagen, egal, ob ein Kind oder Jugendlicher missbraucht wurde oder viele, egal, ob vergangen, gegenwärtig oder zukünftig."

"Zero tolerance", die Entfernung jedes Priesters aus seinen Funktionen, der je eines Missbrauchs überführt wurde, war das geflügelte Wort, das über den Diskussionen der Bischöfe schwebte. Zu Beginn der Beratungen ließ Wilton Gregory, der Präsident der Bischofskonferenz, mit einem "Schuldbekenntnis" aufhorchen: "Wir sind diejenigen, die durch Unwissenheit, fehlende Wachsamkeit oder - Gott behüte! - Mitwissen erlaubt haben", dass priesterliche Missbrauchstäter weiter im Amt geblieben oder bloß versetzt wurden. Gregory bekannte klar, dass die Bischöfe die Fälle nicht den Behörden gemeldet hätten, und dass sie größere Angst vor Skandalen gehabt hätten als das Interesse, den Opfern zu helfen und weiteren Missbrauch zu verhindern.

Neben Bischof Gregory und den Opfern sprachen zu Beginn der Beratungen auch der Historiker Scott Appleby, der die "Sünde des Klerikalismus" als Ursache der Skandale benannte (siehe "Im Wortlaut", rechts) und die prominente Katholikin Margaret Steinfels, Chefredakteurin des Commonweal Magazine, die davor warnte zu glauben, die Krise sei "schnell und endgültig durch ein entschlossenes Handeln der Bischöfe zu beenden". Das Vertrauen in die Kirche, war Steinfels überzeugt, könne nur dann wiedererlangt werden, wenn die Kirchenleitung beginne "der Kirche, das heißt den 99 Prozent Laien in der Kirche" zu vertrauen. Beinharte Kost waren solche Aussagen zweifellos für die versammelten Hirten. Tom Roberts, Chefredakteur des liberalen National Catholic Reporter zitierte einen ungenannten Bischof gar mit: "Es war die Hölle."

Nach einigem Ringen beschlossen die Bischöfe mit 239 gegen 13 Stimmen landesweite Normen für den Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Priester. Die - von Rom noch zu approbierenden - Bestimmungen sehen vor, dass alle Priester, die eines Falles von Missbrauch überführt sind, aus ihrem Amt entfernt werden. Auch vergangene Fälle, die im ersten Entwurf von den Maßnahmen ausgenommen werden sollten, werden nun doch geahndet.

In bestimmten Fällen sollen die Überführten Priester bleiben können, aber nicht mehr in der Seelsorge arbeiten dürfen; sie sollen ein "Leben des Gebets und des Buße" führen - und jedenfalls nicht mehr mit Kindern in Kontakt kommen. Daneben wurden diözesane und landesweite Maßnahmen zur Prävention und Anlaufstellen für Missbrauchsopfer beschlossen; die Bischöfe wollen bei Missbrauch mit den staatlichen Instanzen voll kooperieren. Konferenzvorsitzender Gregory entschuldigte sich auch zum Schluss der Konferenz bei allen, "die so tragisch durch die Sünden, Verbrechen und Unterlassungen seitens jener, die im Namen der Kirche handelten, betroffen sind".

Die Maßnahmen der US-Bischöfe sind einschneidend, und es handelt - wie etwa die Aktivisten von SNAP forderten - auch um den Versuch, eine landesweite Vorgangsweise zu etablieren. Dennoch kritisieren Opfervertreter immer noch, dass nicht alle Täter ihr Priesteramt vollständig verlieren. An diesen Protesten - und erst recht an den juristischen wie finanziellen Folgen - wird die katholische Kirche der USA noch lange tragen.

"Im Wortlaut Klerikalismus-Sünde"

"... dass Katholiken auf der Rechten, der Linken und in der Mitte über die Gründe des Skandals einig sind: ein Vertrauensbruch, der durch die Arroganz unkontrollierter Macht passiert ... Das geschieht, wenn ein Bischof, Erzbischof, Kardinal sich still und leise anmaßt, niemandem außer Gott oder dem Heiligen Vater Rechenschaft schuldig zu sein, denn er, als Nachfolger der Apostel, wisse am besten, was für die Kirche gut ist. Dies ist eine empörende Anmaßung ..."

Scott Appleby, Historiker an der University of Notre Dame vor den US-Bischöfen am 13. Juni.

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