#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Religion

Kirche en marche?

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist das Ende der kirchlichen Sakralmacht, das sich in der Entscheidung des Papstes im Fall Barbarin abzeichnet; präziser: aktuell vollzieht.

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist das Ende der kirchlichen Sakralmacht, das sich in der Entscheidung des Papstes im Fall Barbarin abzeichnet; präziser: aktuell vollzieht.

Der Missbrauchsgipfel der katholischen Kirche liegt inzwischen einen Monat zurück. Zeit durchzuschnaufen? Im Gegenteil. Immer neue Schreckensmeldungen führen die Kirche nicht nur an den Rand ihrer Belastbarkeit, sondern jeder Vertrauenswürdigkeit. Während aus Indien Berichte über den sexuellen Missbrauch von Nonnen durch Kleriker erschüttern, wurde der Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, wegen der Vertuschung von Missbrauchsfällen in erster Instanz zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Sein Rücktrittsgesuch lehnte der Papst ab.

Die Begründung ist rechtlich wie menschlich nachvollziehbar, aber als Signal fatal. Barbarin hat Berufung eingelegt. Formaljuristisch ist er bis zu einem endgültigen Urteil als unschuldig anzusehen. Angesichts der Tatsache, dass sich das Gericht auch über das Votum des Staatsanwalts hinweggesetzt hat, der für unschuldig plädierte, muss der Ausgang des Verfahrens als offen betrachtet werden. Der Papst wollte mit der Annahme des angebotenen Rücktritts kein Präjudiz schaffen. Aber er hat auch nicht die Aussetzung des kirchlichen Vorgangs verordnet. Der Kardinal zieht sich bis Prozessende auf eigenen Willen zurück.

Korrupte Eigendynamik

Für die betroffenen Missbrauchsopfer ist dieser Vorgang der folgerichtige Ausdruck eines kirchlichen Schutzsystems, in dem nach wie vor die Sorge für die Täter und Vertuscher vor den Rechten der Opfer rangiert. Ist am Ende aber auch Kardinal Barbarin ein Opfer falschen Verdachts, wenn er frei gesprochen werden sollte? Die Frage macht das systemische Problem des katholischen Missbrauchs deutlich. Die korrupte Eigendynamik der kirchlichen Sakralmacht zersetzt alles, weil auch ihr sakramentaler Code alles betrifft. Es geht darin um die Heiligung des Lebens. In den Sakramenten vermittelt sich zeichenhaft die unbegrenzte schöpferische Lebensmacht Gottes, die Menschen gerade in der Verletzbarkeit, Brüchigkeit, Endlichkeit ihrer Existenz gilt. Was sich tödlich auswirkt, wird im Licht des Evangeliums auf neue Lebensoptionen umgestellt. Was Jesus von Nazaret gelebt und verkündet hat, nimmt in den sakramentalen Handlungen der Kirche und in ihrer priesterlichen Vermittlung eine konkrete Erfahrungsform an. Was das Allerheiligste förmlich repräsentiert, zieht eine Macht und eine sakrale Aura an, die Vertrauen ermöglicht und ihren Missbrauch umso leichter und durchschlagender macht.

Es ist der Kollaps des Vertrauens, der sich in der Enttäuschung über die misslungene Rede von Franziskus zum Abschluss der römischen Beratungen und im Entsetzen der Missbrauchsopfer über die Entscheidung des Papstes im Fall Barbarin spiegelt. Es ist das Ende der kirchlichen Sakralmacht, das sich hier abzeichnet; präziser: aktuell vollzieht. Der Vertrauensverlust funktioniert dabei mit derselben systemischen Konsequenz, mit der die Selbstsakralisierung von Klerikern als Kaste und im Habitus selbstverständlicher Amtsvollmachten betrieben wurde. Was über Römerkragen und Talar die Erkennbarkeit nach außen anzeigen soll, wirkt als privilegierte Uniformierung eines Standes, der sich nicht im, sondern vom Volk Gottes abhebt -als Stand mit Sonderrechten. Entsprechend ist das Schlimmste, was priesterlichen Tätern wie Mr. McCarrick droht -die Laisierung. Auch wenn das Kirchenrecht diese Rückversetzung anders formuliert, in der Sache und in der allgemeinen Auffassung wird hier ein kirchlicher Vorgang objektiv.

Der Missbrauchsgipfel der katholischen Kirche liegt inzwischen einen Monat zurück. Zeit durchzuschnaufen? Im Gegenteil. Immer neue Schreckensmeldungen führen die Kirche nicht nur an den Rand ihrer Belastbarkeit, sondern jeder Vertrauenswürdigkeit. Während aus Indien Berichte über den sexuellen Missbrauch von Nonnen durch Kleriker erschüttern, wurde der Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, wegen der Vertuschung von Missbrauchsfällen in erster Instanz zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Sein Rücktrittsgesuch lehnte der Papst ab.

Die Begründung ist rechtlich wie menschlich nachvollziehbar, aber als Signal fatal. Barbarin hat Berufung eingelegt. Formaljuristisch ist er bis zu einem endgültigen Urteil als unschuldig anzusehen. Angesichts der Tatsache, dass sich das Gericht auch über das Votum des Staatsanwalts hinweggesetzt hat, der für unschuldig plädierte, muss der Ausgang des Verfahrens als offen betrachtet werden. Der Papst wollte mit der Annahme des angebotenen Rücktritts kein Präjudiz schaffen. Aber er hat auch nicht die Aussetzung des kirchlichen Vorgangs verordnet. Der Kardinal zieht sich bis Prozessende auf eigenen Willen zurück.

Korrupte Eigendynamik

Für die betroffenen Missbrauchsopfer ist dieser Vorgang der folgerichtige Ausdruck eines kirchlichen Schutzsystems, in dem nach wie vor die Sorge für die Täter und Vertuscher vor den Rechten der Opfer rangiert. Ist am Ende aber auch Kardinal Barbarin ein Opfer falschen Verdachts, wenn er frei gesprochen werden sollte? Die Frage macht das systemische Problem des katholischen Missbrauchs deutlich. Die korrupte Eigendynamik der kirchlichen Sakralmacht zersetzt alles, weil auch ihr sakramentaler Code alles betrifft. Es geht darin um die Heiligung des Lebens. In den Sakramenten vermittelt sich zeichenhaft die unbegrenzte schöpferische Lebensmacht Gottes, die Menschen gerade in der Verletzbarkeit, Brüchigkeit, Endlichkeit ihrer Existenz gilt. Was sich tödlich auswirkt, wird im Licht des Evangeliums auf neue Lebensoptionen umgestellt. Was Jesus von Nazaret gelebt und verkündet hat, nimmt in den sakramentalen Handlungen der Kirche und in ihrer priesterlichen Vermittlung eine konkrete Erfahrungsform an. Was das Allerheiligste förmlich repräsentiert, zieht eine Macht und eine sakrale Aura an, die Vertrauen ermöglicht und ihren Missbrauch umso leichter und durchschlagender macht.

Es ist der Kollaps des Vertrauens, der sich in der Enttäuschung über die misslungene Rede von Franziskus zum Abschluss der römischen Beratungen und im Entsetzen der Missbrauchsopfer über die Entscheidung des Papstes im Fall Barbarin spiegelt. Es ist das Ende der kirchlichen Sakralmacht, das sich hier abzeichnet; präziser: aktuell vollzieht. Der Vertrauensverlust funktioniert dabei mit derselben systemischen Konsequenz, mit der die Selbstsakralisierung von Klerikern als Kaste und im Habitus selbstverständlicher Amtsvollmachten betrieben wurde. Was über Römerkragen und Talar die Erkennbarkeit nach außen anzeigen soll, wirkt als privilegierte Uniformierung eines Standes, der sich nicht im, sondern vom Volk Gottes abhebt -als Stand mit Sonderrechten. Entsprechend ist das Schlimmste, was priesterlichen Tätern wie Mr. McCarrick droht -die Laisierung. Auch wenn das Kirchenrecht diese Rückversetzung anders formuliert, in der Sache und in der allgemeinen Auffassung wird hier ein kirchlicher Vorgang objektiv.

Es ist der Kollaps des Vertrauens, der sich in der Enttäuschung über die misslungene Rede von Franziskus zum Abschluss der römischen Beratungen und im Entsetzen der Missbrauchsopfer über die Entscheidung des Papstes im Fall Barbarin spiegelt. Es ist das Ende der kirchlichen Sakralmacht, das sich hier abzeichnet; präziser: aktuell vollzieht.

Deshalb bedarf es einer Umstellung der katholischen Sexualethik, die sich auf dem Stand humanwissenschaftlicher Erkenntnisse bewegt. Deswegen muss der homosexuelle Verbotscode durchbrochen werden, der sich in verschämter Klerikersexualität nicht anders ambivalente Lebensräume schaffen kann.

Zölibat "freischalten" etc.

Die Logik kirchlicher Ausschließungen, die sich vollzieht, muss sich in einem anderen Code und dann auch in einem anderen Zugangsensemble zum kirchlichen Amt aufheben. Die Freischaltung zölibatärer Regelungen, die einem offen und gut gelebten freiwilligen Zölibat von Priestern ja gerade eine neue Anziehungskraft und Ausstrahlung verleihen könnte, ist dabei die katholisch leichteste der Übungen, die anstehen. Aber man wird auch nicht an einer konsequenten, also wirkliche Konsequenzen einschließenden Debatte über den Ort der Frauen in der Kirche vorbeikommen, die sich auf dem Boden exegetischer und kirchenhistorischer Einsichten bewegt. Tradition wird an dieser Stelle zu einem schwachen Argument, wenn es traditionalistisch verdreht wird, vor allem aber die Unterdrückungs-und Schuldgeschichten kirchlicher Tradition gegen Fragen übergeht. Dass sie mit dem Missbrauch von Priestern an Ordensschwestern gerade jetzt virulent wird, stellt keinen zeitlichen Zufall dar, sondern eine theologische Konstellation her.

Was die deutschen Bischöfe in Lingen am Ende ihrer Beratungen entschieden haben, macht Hoffnung. Man konnte in den theologischen Diskussionen des Plenums und in den sich anschließenden Arbeitsgruppen, aber auch in den Predigten und den vielen Gesprächen am Rande eine tiefe Ernsthaftigkeit und ehrlichen Reformwillen spüren. Der synodale Prozess, den Kardinal Marx schließlich als einstimmigen Willen der Bischöfe ankündigen konnte, ist bereits Aspekt und Ausdruck jener Gewaltenteilung und verbindlichen Machtpartizipation, die nicht von oben nach unten delegiert wird, sondern sich performativ durchsetzt.

Das gelang, weil es zugleich ein spirituelles Momentum einschloss. Auf dieser Basis ist trotz durchaus berechtigter Sorgen und auch zum Teil nachvollziehbarer Skepsis aufgrund bisheriger Erfahrungen entschlossene Hoffnung berechtigt. Nicht nur, weil man sonst vorab nichts als den eigenen Glauben an die Irreformabilität der katholischen Kirche bezeugte. Sondern weil man die Dynamik unterschätzt, die eine "Synode auf dem Weg"(Marx) freisetzen kann. Lingen war mehr als nur ein Versprechen, Lingen ist der erste Schritt. Für eine Kirche en marche, die im Kollaps ihres Vertrauens wirklich aufbricht, bedarf es weiterer.

Vor diesem Hintergrund macht es ratlos, dass sich die Österreichische Bischofskonferenz auf ihrer Vollversammlung in der vergangenen Woche zu nichts Vergleichbarem entschließen konnte. So bleibt es bei einer Rhetorik der technischen Korrektur in Sachen Missbrauch, aber auch bei einer Semantik des Systemerhalts. Das wird auf Dauer nicht reichen. Weil man verlorenes Vertrauen so nicht zurückgewinnt.

Die Zeiten einer selbstverfügten klerikalen Glaubwürdigkeit sind endgültig vorbei. Die Macht der Bischöfe gilt noch ihren engsten Mitarbeitern. Denen kann, nach erbetener Meinungsäußerung zu einem Pastoralplan und dann missliebig aufgenommener Kritik, ein Bischof noch zurufen, dass er nicht wisse, ob er unter diesen Bedingungen mit ihnen Eucharistie feiern wolle. Inzwischen scheint es aber eher so zu sein, dass selbst unter den zutiefst Verbundenen, unter den lebenslang aktiven Katholik(inn)en der Spieß umgedreht wird. Angestellte stehen unter ökonomischem Druck; hier lässt sich noch aus dem letzten Reservat klerikalisierter Sakralmacht kündigen, wen man für nicht systemtragend hält. Jenseits davon löst sich jedoch in rapider und dramatischer Weise jenes Vertrauen auf, an dem die Autorität des Glaubens hängt, die für die Kommunikation des Evangeliums entscheidend ist.

Die Missbrauchskrise als Zäsur

Das ist der Grund, warum sich die deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen am 13. März einen Studientag mit dem sperrigen Titel "Die Frage nach der Zäsur -zu übergreifenden Fragen, die sich gegenwärtig stellen" verordnet hat. Tatsächlich handelt es sich beim katholischen Missbrauch um eine Zäsur. Der weit überwiegenden Mehrheit der deutschen Bischöfe ist klar: Es geht so nicht mehr weiter. Und das gilt nicht nur für den Umgang mit der Aufklärung von Missbrauchsszenarien und die Durchbrechung jener Strukturen, die sie ermöglichten, trugen, verdeckten. Betroffen ist mehr -die theologische Auffassung und systemische Anlage kirchlicher Macht. Ihre hehre theologische Idee koppelt sie an Ohnmacht. Verweist auf Jesus Christus. Aufs Dienen. Und scheint sich rein zu machen, wo das Ideal noch für seine pädophile Entstellung aufkommt. Indes ist längst klar: Aus der Utopie des Gedankens wird in kirchlicher Regie allzu leicht die Realität ihrer Korruption, die noch angesichts unheiliger Sexualgewalt an die Heiligkeit des Priesterkörpers zu glauben vermag.

Gregor Maria Hoff ist Prof. für Fundamentaltheologie an der Universität Salzburg. Er sprach auf der Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Lingen zum Thema "Sakralisierung der Macht".

Gregor Maria Hoff ist Prof. für Fundamentaltheologie an der Universität Salzburg. Er sprach auf der Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Lingen zum Thema "Sakralisierung der Macht".