#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

GelobtSeiGott_Filmstill_10 - Schweigen gebrochen<br />
FranÇois Ozon gelingt es in seinem Film, die Tragödien des Missbrauchs erfahrbar zu machen. - © thimfilm
Religion

Sie wussten, was sie taten …

1945 1960 1980 2000 2020

François Ozons Spielfilm „Gelobt sei Gott – Grâce à Dieu“ ist ein beklemmendes wie authentisches Zeugnis über den Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch. Eine nötige Katharsis.

1945 1960 1980 2000 2020

François Ozons Spielfilm „Gelobt sei Gott – Grâce à Dieu“ ist ein beklemmendes wie authentisches Zeugnis über den Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch. Eine nötige Katharsis.

Grâce à Dieu – Gott sei Dank“ – dieser Ausspruch entschlüpfte dem Lyoner Kardinal Philippe Barbarin 2016 bei einer Pressekonferenz über seinen und seiner Vorgänger Umgang mit priesterlichen Missbrauchstätern. Der unbedachte Stoßseufzer von Eminenz bezog sich auf die Tatsache, dass die meis­ten der Fälle schon verjährt waren. In Frankreich wurde dieses unpassende „Gott sei Dank“ zum geflügelten Wort für die Verheerungen des Umgangs der katholischen Kirchemit sexuellem Missbrauch in ihren Reihen.

„Grâce à Dieu“ (auf Deutsch leider nicht in wörtlicher Übersetzung, sondern: „Gelobt sei Gott“) ist auch der Titel des jüngsten Films von François Ozon, in dem der französische Regisseur die Ereignisse in der Erzdiözese Lyon zum Ausgangspunkt eines gut recherchierten, durch und durch beklemmenden Opus nimmt. Ein Spielfilm mit bitter realem Hintergrund: Es geht um den Fall des Priesters Bernard Preynat, dem 72 Missbrauchsfälle zur Last gelegt werden und von Kardinal Barbarin, der den Fall von seinem Vorgänger „geerbt“ hat, der aber, so die Anklage auch des Films, Preynat nicht am Umgang mit Kindern gehindert hat.

„Grâce à Dieu“ zeichnet das Aufwachen und das Empowerment von Missbrauchsopfern, die sich in der Vereinigung „La parole libérée – Das gebrochene Schweigen“ zusammengeschlossen haben. Es beginnt mit dem Mut des Einzelnen: Alexandre, guter Katholik und wohlbestallter Bürger Lyons, nimmt sich ein Herz und schreibt Kardinal Barbarin über seine Missbrauchserfahrungen als Pfadfinder mit Preynat und verlangt dessen Suspendierung. Der Kardinal schickt Alexandre zu seiner Missbrauchsbeauftragten, es kommt gar zu einer Begegnung von Alexandre mit Preynat, bei der der Täter aber nicht die Worte findet, die nötig wären.

Drei exemplarische Schicksale

Je mehr Alexandre für sich erkennt, wie wichtig die Aufarbeitung des Missbrauchsgeschehens ist, und wie lausig die Reaktion der kirchlichen Hierarchie auf die Verbrechen ausfällt, umso mehr zeigt der Film, dass er nicht allein ist. Ozon verwebt die Geschichte von Alexandre mit der des Atheis­ten François, der gleichfalls Pfadfinder-„Erfahrungen“ mit Preynat hat. Als Dritter im Bunde firmiert Emmanuel, der Epileptiker ist und an den durch Preynat verschuldeten Traumata zu zerbrechen droht.

„Grâce à Dieu“ ist keine cineastische Großtat, aber ein authentisches Plädoyer für die Ermächtigung von Opfern gegen eine etablierte, geachtete und mächtige Institution. Was der Film zeigt, ist zwar fiktional, beruht aber auf den wahren Begebenheiten. Die Namen sind echt – was dazu führte, dass etwa der Täter Preynat versuchte, das Aufführen des Films juristisch zu unterbinden. Gott sei Dank – Grâce à Dieu! – erfolglos.

Dabei musste Filmemacher Ozon nach Belgien und in die Niederlande ausweichen, um in kirchlichen Räumen filmen zu dürfen – in Frankreich war das nicht möglich: Die Katharsis der Kirche hat erst begonnen, und der Weg dahin scheint weiterhin weit.

Grâce à Dieu – Gott sei Dank“ – dieser Ausspruch entschlüpfte dem Lyoner Kardinal Philippe Barbarin 2016 bei einer Pressekonferenz über seinen und seiner Vorgänger Umgang mit priesterlichen Missbrauchstätern. Der unbedachte Stoßseufzer von Eminenz bezog sich auf die Tatsache, dass die meis­ten der Fälle schon verjährt waren. In Frankreich wurde dieses unpassende „Gott sei Dank“ zum geflügelten Wort für die Verheerungen des Umgangs der katholischen Kirchemit sexuellem Missbrauch in ihren Reihen.

„Grâce à Dieu“ (auf Deutsch leider nicht in wörtlicher Übersetzung, sondern: „Gelobt sei Gott“) ist auch der Titel des jüngsten Films von François Ozon, in dem der französische Regisseur die Ereignisse in der Erzdiözese Lyon zum Ausgangspunkt eines gut recherchierten, durch und durch beklemmenden Opus nimmt. Ein Spielfilm mit bitter realem Hintergrund: Es geht um den Fall des Priesters Bernard Preynat, dem 72 Missbrauchsfälle zur Last gelegt werden und von Kardinal Barbarin, der den Fall von seinem Vorgänger „geerbt“ hat, der aber, so die Anklage auch des Films, Preynat nicht am Umgang mit Kindern gehindert hat.

„Grâce à Dieu“ zeichnet das Aufwachen und das Empowerment von Missbrauchsopfern, die sich in der Vereinigung „La parole libérée – Das gebrochene Schweigen“ zusammengeschlossen haben. Es beginnt mit dem Mut des Einzelnen: Alexandre, guter Katholik und wohlbestallter Bürger Lyons, nimmt sich ein Herz und schreibt Kardinal Barbarin über seine Missbrauchserfahrungen als Pfadfinder mit Preynat und verlangt dessen Suspendierung. Der Kardinal schickt Alexandre zu seiner Missbrauchsbeauftragten, es kommt gar zu einer Begegnung von Alexandre mit Preynat, bei der der Täter aber nicht die Worte findet, die nötig wären.

Drei exemplarische Schicksale

Je mehr Alexandre für sich erkennt, wie wichtig die Aufarbeitung des Missbrauchsgeschehens ist, und wie lausig die Reaktion der kirchlichen Hierarchie auf die Verbrechen ausfällt, umso mehr zeigt der Film, dass er nicht allein ist. Ozon verwebt die Geschichte von Alexandre mit der des Atheis­ten François, der gleichfalls Pfadfinder-„Erfahrungen“ mit Preynat hat. Als Dritter im Bunde firmiert Emmanuel, der Epileptiker ist und an den durch Preynat verschuldeten Traumata zu zerbrechen droht.

„Grâce à Dieu“ ist keine cineastische Großtat, aber ein authentisches Plädoyer für die Ermächtigung von Opfern gegen eine etablierte, geachtete und mächtige Institution. Was der Film zeigt, ist zwar fiktional, beruht aber auf den wahren Begebenheiten. Die Namen sind echt – was dazu führte, dass etwa der Täter Preynat versuchte, das Aufführen des Films juristisch zu unterbinden. Gott sei Dank – Grâce à Dieu! – erfolglos.

Dabei musste Filmemacher Ozon nach Belgien und in die Niederlande ausweichen, um in kirchlichen Räumen filmen zu dürfen – in Frankreich war das nicht möglich: Die Katharsis der Kirche hat erst begonnen, und der Weg dahin scheint weiterhin weit.

‚Grâce à Dieu‘ ist keine cineastische Großtat, aber ein authentisches Plädoyer für die Ermächtigung von Opfern gegen eine etablierte, geachtete und mächtige Institution.

Dabei verkneift sich Ozon in „Grâce à Dieu“­ jedweder platter Kirchenkritik. Das ist auch nicht nötig, denn die Vorgänge und Versäumnisse sind himmelschreiend, und es reicht, sie filmisch ebenso darzustellen wie die Konflikte der Opfer, die durch Père Preynats Umtriebe ihr Leben lang gezeichnet sind. Von daher sind die zweieinviertel Stunden Film nicht nur der Länge wegen eine Zumutung. Aber eine notwendige.

Ob einer wie Alexandre an der Kirche irre wird? Das Verhalten aller Amtsträger böte allen Anlass dazu. Das ist nur einer der Stränge, die der Film aufgreift: Dass all diese Stränge, die Zeitebenen und die Persönlichkeiten, denen sich „Grâce à Dieu“ widmet, nicht auseinanderfallen, sondern ein großes Ganzes bleiben, das ist die Kunst, die Ozon in diesem Opus zuzubilligen ist.

Der Film hat längst ein reales Nachspiel. Denn die Verjährungsfrist für Missbrauchsverbrechen, deretwegen viele Verfahren nicht mehr eingeleitet werden konnten, wurde in Frankreich mittlerweile von 20 auf 30 Jahre erhöht.

Und Kardinal Barbarin wurde im März 2019 wegen Vertuschung und Nichtanzeige der Taten von Pater Preynat zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Barbarin wollte daraufhin als Erzbischof von Lyon zurücktreten – aber Papst Franziskus ließ ihn nicht: Barbarin müsse die Berufung abwarten, so der römische Pontifex, der bislang einer Nulltoleranzpolitik das Wort geredet hat. Der Kardinal lebt zurzeit zurückgezogen, seine Amtsgeschäfte nimmt mittlerweile ein Apostolischer Administrator wahr. Aber Barbarin muss formal weiter im Amt bleiben. Ob diese Vorgangsweise der Kirche noch zu verstehen ist?

Gelobt sei Gott Filmplakat - © Thimfilm
© Thimfilm
Film

Gelobt sei Gott – Grâce à Dieu

F 2018.

Regie: François Ozon.

Mit Denis Ménochet, Melvil Poupaud, Swann Arlaud, Éric Caravaca.

Thimfilm. 237 Min.

Ab 18.10. im Kino .

Veranstaltung

Filmpremiere in Kooperation mit der FURCHE

Dienstag, 15.10., 20 Uhr, Votiv Kino, 1090 Wien.
Im Anschluss an den Film spricht FURCHE-Religions- und Filmressortleiter Otto Friedrich mit dem Wiener Theologen Wolfgang Treitler, der sich mit dem Missbrauchsthema auseinandergesetzt hat.
www.votivkino.at