#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Gesellschaft

Sexueller Missbrauch: "Mediales Bedauern reicht nicht"

1945 1960 1980 2000 2020

Wieder muss sich die Kirche mit schweren Fällen von sexuellem Missbrauch in ihren eigenen Reihen beschäftigen. Und wieder hat die Öffentlichkeit den Eindruck, dass verschwiegen und verharmlost wurde, obwohl viele davon wussten. Dazu die Psychotherapeutin, Sexualforscherin und Juristin Rotraud A. Perner.

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Wieder muss sich die Kirche mit schweren Fällen von sexuellem Missbrauch in ihren eigenen Reihen beschäftigen. Und wieder hat die Öffentlichkeit den Eindruck, dass verschwiegen und verharmlost wurde, obwohl viele davon wussten. Dazu die Psychotherapeutin, Sexualforscherin und Juristin Rotraud A. Perner.

DIE FURCHE: Warum tut sich die Kirche so schwer mit einem für die Öffentlichkeit nachvollziehbaren Krisenmanagement, wenn wieder Fälle bekannt werden so wie jetzt im südlichen Niederösterreich? Ein Pfarrer und ein Ministrantenführer werden verdächtigt, rund 30 Kinder missbraucht zu haben.
Rotraud A. Perner:
Zuerst möchte ich deutlich unterscheiden zwischen Krisenmanagement, Krisen-PR und echten Problemlösungen. Verschweigen oder Vertuschen zählt zu keiner der drei "Techniken". Krisenmanagement heißt, auf eine Krise vorbereitet zu sein und wenn sie dann eintritt, wird der Krisenplan durchgeführt. Das heißt aber auch, dass man wissen muss, was das Ziel eines solchen Planes ist.

DIE FURCHE: Haben Sie das Gefühl, es gibt so einen Krisenplan?
Perner:
Nein, obwohl die Kirche eigentlich schon seit langem mit solchen Ereignissen rechnen muss. Ich weiß aus meinen zahlreichen Kontakten mit Vertretern der Kirche, dass solche Vorkommnisse zwar sehr ernst genommen werden, und dass es auch viele Gespräche mit den Betroffenen gibt. Aber zwischen Dulden und Strafen gäbe es einfach noch sehr viele Möglichkeiten, die aber nicht aufgegriffen werden. Es wäre sehr hilfreich, wenn jene Person, die eine Verfehlung begangen hat, zu jedem einzelnen der Geschädigten gehen und sagen würde "Es tut mir leid!" Eine Entschuldigung allein ist natürlich zuwenig. Es muss auch die Reue da sein. Aber einen Menschen in den Zustand echter Reue zu bringen, ist wahnsinnig schwer. Da unterstelle ich allerdings der Kirche, dass sie das im Bereich der Beichte ohnehin tut.

DIE FURCHE: Warum tut sich die Kirche so schwer mit einem für die Öffentlichkeit nachvollziehbaren Krisenmanagement, wenn wieder Fälle bekannt werden so wie jetzt im südlichen Niederösterreich? Ein Pfarrer und ein Ministrantenführer werden verdächtigt, rund 30 Kinder missbraucht zu haben.
Rotraud A. Perner:
Zuerst möchte ich deutlich unterscheiden zwischen Krisenmanagement, Krisen-PR und echten Problemlösungen. Verschweigen oder Vertuschen zählt zu keiner der drei "Techniken". Krisenmanagement heißt, auf eine Krise vorbereitet zu sein und wenn sie dann eintritt, wird der Krisenplan durchgeführt. Das heißt aber auch, dass man wissen muss, was das Ziel eines solchen Planes ist.

DIE FURCHE: Haben Sie das Gefühl, es gibt so einen Krisenplan?
Perner:
Nein, obwohl die Kirche eigentlich schon seit langem mit solchen Ereignissen rechnen muss. Ich weiß aus meinen zahlreichen Kontakten mit Vertretern der Kirche, dass solche Vorkommnisse zwar sehr ernst genommen werden, und dass es auch viele Gespräche mit den Betroffenen gibt. Aber zwischen Dulden und Strafen gäbe es einfach noch sehr viele Möglichkeiten, die aber nicht aufgegriffen werden. Es wäre sehr hilfreich, wenn jene Person, die eine Verfehlung begangen hat, zu jedem einzelnen der Geschädigten gehen und sagen würde "Es tut mir leid!" Eine Entschuldigung allein ist natürlich zuwenig. Es muss auch die Reue da sein. Aber einen Menschen in den Zustand echter Reue zu bringen, ist wahnsinnig schwer. Da unterstelle ich allerdings der Kirche, dass sie das im Bereich der Beichte ohnehin tut.

Es ist noch nie passiert, dass die Kirche der Öffentlichkeit erklärt, wie sie mit diesem Problem umgeht.

DIE FURCHE: Kardinal Schönborn hat öffentlich sein "tiefes Mitgefühl" mit den Opfern ausgedrückt. Reicht das?
Perner:
Publiziertes Bedauern und Mitgefühl sind fehl am Platz, vor allem, wenn sie von "Stellvertretern" öffentlich ausgedrückt werden. Öffentliches Bedauern hilft niemanden. Das sind nicht mehr als "No na!"-Aktionen. Was soll denn sonst gesagt werden? Etwa: "Wir freuen uns!?" Wenn der Papst niederkniet und um Entschuldigung bittet für die Leiden, die die Kirche den Menschen angetan hat, dann ist das eine glaubwürdige Geste des Respektes. Aber im privaten Bereich ist so etwas nicht hilfreich.

DIE FURCHE: Was fühlen Eltern, wenn sie mit den Taten konfrontiert werden?
Perner:
Also was ich von meinen Klienten und Klientinnen kenne, ist ein Gemisch von Wut und Ohnmacht, Sprachlosigkeit, Rachebedürfnissen. Das wechselt oft blitzschnell. Krisenbewältigung geschieht ja immer in den Phasen Schock, Lähmung, Nicht-wahrhaben-wollen, Depression, Rache, Integration in die Biographie – nur die Zeitdauer variiert. Das trifft natürlich auch für die Kirchenleute zu, die zur Reaktion verpflichtet sind. Da hilft es, jemand zu haben, mit dem man klären kann: sich selbst klar werden, was man als echte Problemlösung zu tun gedenkt, und diese ankündigen, aber auch durchführen. Und ich sage ganz deutlich: das ist ein Ausbildungsproblem. Nur thematisieren, sensibilisieren oder gar moralisieren hilft nicht. Man muss die Umgangsform erarbeiten und einüben.

DIE FURCHE: Sie pflegen enge Kontakte zu Kirchenvertretern und sind viel in Pfarren unterwegs. Hat die Kirche nicht generell ein ganz anderes Denksystem beim Umgang mit Problemen?
Perner:
Ja, dort ist Gott derjenige, der die Last von einem Menschen nimmt, sowohl vom Täter als auch dem Opfer. Das heißt, es wird versucht, Menschen zu Gott zu führen, damit sie mit ihm ihre Reinigung erleben. Das ist aber nicht unbedingt das, was einem Opfer in der aktuellen Situation hilft. Die Opfer müssen einen Heilungsprozess durchmachen, während die Täter zu einer Schuldeinsicht kommen und die auch zeigen müssen. Diese Erfordernisse sind nicht synchron und das Problem ist, die theologische und die psychotherapeutische Sprache zusammenzubringen.

DIE FURCHE: Mit ihrem Verhalten bringt sich die Kirche immer wieder um eine glaubwürdige Position in Fragen der Homosexualität.
Perner:
Natürlich sind solche Vorkommnisse Wasser auf die Mühlen derjenigen, die vor Übergriffen wesentlich älterer Männer auf männliche Kinder und Jugendliche warnen. Zu echten Problemlösungen kommen wir aber nur, wenn wir offen unsere unterschiedlichen Sichtweisen aussprechen – unsere Ängste, Befürchtungen – ohne einander rhetorisch zu bekämpfen.

Ich war zum Beispiel vor zwei Wochen bei Weihbischof Andreas Laun zur Jause eingeladen, und er wollte mich für seine Sicht der sexuellen Selbstbestimmung und Lebensplanung schwuler Männer gewinnen. Aber ich bin gar nicht zum Nachsinnen gekommen, weil er so feurig für seine Position gekämpft hat, dass Homosexualität nicht gottgefällig sein kann. Ich meine: mir gefällt ja sein Feuereifer. Aber ich selbst möchte kühlen Kopf bewahren können – und nicht für meine Nachdenkpausen kämpfen müssen. Das habe ich ihm auch gesagt.

Und genau das meine ich: auf den Kampf verzichten, auf die "Reibung", die "Erregung" – denn das ist ja oft eine Art Ersatzbefriedigung für Nähe, Verstehen, Einigung. Die ist so gefährlich, weil wir so wenig Erfahrung haben, wie wir in unserer hypersexualisierten Welt den rechten Weg zwischen unabsichtlicher "Ansteckung" mit unerwünschter Sexualität, Abenteuerlust und echter, krisentauglicher Liebe finden. Viele wollen ihn ja gar nicht finden, die wollen nur Spaß haben – oder ihrer larvierten Depression davonlaufen.

DIE FURCHE: Wiegt Missbrauch, begangen von einem Kirchenmann, juristisch gesehen schwerer?
Perner:
Was die "triviale" sexuelle Gewalt psychotherapeutisch – nicht juristisch, da wird nicht differenziert – von der "qualifizierten" unterscheidet, sind nicht nur Details der Begehungsform, sondern vor allem Eigenschaften in der Täterperson. Personen, zu denen ein besonderes Vertrauensverhältnis besteht, besondere Autoritäten, schädigen nicht nur die leiblich-seelisch-geistige Integrität und Gesundheit, sondern vor allem das Gewissen: das Gespür für Gut oder Böse wird vernebelt, die sexuell ausgebeutete Person übernimmt sozusagen "das Böse" und "opfert" sich unbewusst und ungewollt für das scheinbare Seelenheil der anderen. Am gravierendsten findet diese "Identifikation mit dem Aggressor" statt, wenn dieser ein "Stellvertreter Gottes" ist.

DIE FURCHE: Sind Priester somit ganz besondere Täter?
Perner:
Es wäre falsch, sie aus der Gruppe der Täter besonders hervorzuheben – obwohl das für die Medien besonderen News-Wert hat: Sex and Crime – wie aufregend! Alle, die sich als "Elternersatz" anbieten, sind besonders gefährdet – und kaum ausgebildet, wie sie mit ihrer wie auch fremder Sexualenergie umgehen sollen. Psychotherapeut/innen übrigens auch nicht. Dabei gibt es die Techniken. Ich werde das übrigens alles in mein neues Buch hineinschreiben.

DIE FURCHE: Hätte Monsignore Helmut Schüller, Leiter der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs, mehr tun müssen?
Perner:
Schüller hat natürlich recht, wenn er auffordert, sich in der Ombudsstelle zu melden. Das gibt zumindest die Möglichkeit, einerseits als kirchliche Organisation Überblick zu bekommen, wo wer welche Hilfe braucht – von den Mitarbeitern wie von denjenigen, die sich fehlverhalten, andererseits durch kostenlose psychotherapeutische Dienstleistung Schadensgutmachung anzubieten.

Gerade Schüller, der zwar konservativ, aber immer offen für Gespräche ist, denkt sehr intensiv über diese Probleme nach. Ich verstehe natürlich schon, dass man solche Fälle intern klären möchte, um noch mehr Verletzungen zu vermeiden beziehungsweise um fehlerhaften Menschen eine Chance zur Sühne zu geben. Aber das wird nicht nach außen kommuniziert. Das ist mein Vorwurf an Schüller, dessen Blickwinkel sicherlich weiter ist als der der meisten anderen Vertreter der Kirche, aber noch nicht weit genug. Es ist noch nie passiert, dass die Kirche der Öffentlichkeit erklärt, wie sie mit diesem Problem umgeht. Auch jetzt nicht.