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"Kaufen und Backen bringt KEINE HARMONIE"

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Weihnachten bedeutet für viele Menschen Stress. Die Psychoanalytikerin und evangelische Theologin Rotraud Perner über einen konstruktiven Umgang mit Klischees und Erwartungen.

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Weihnachten bedeutet für viele Menschen Stress. Die Psychoanalytikerin und evangelische Theologin Rotraud Perner über einen konstruktiven Umgang mit Klischees und Erwartungen.

Warum meldet sich zur Adventzeit unser Bedürfnis nach einer heilen Welt? Wie können Patchwork-Familien die Weihnachtstage konfliktfrei gestalten? Was hilft Menschen, die alleine sind oder finanzielle Probleme haben, diese Zeit nicht als besonders bitter zu erleben? Die renommierte Psychoanalytikerin Rotraud Perner im FURCHE-Gespräch.

DIE FURCHE: Weihnachten wird als Fest der Familie dargestellt. Friedlich und fröhlich soll es sein, obendrein besinnlich. Inwiefern steht dieser hohe Anspruch im Widerspruch zur heutigen Lebensrealität?

Rotraud Perner: Ich finde es problematisch, Weihnachten als Fest der Familie zu bewerben. Das ist ein Hohn für alle, die keine Familie (mehr) haben oder für die Familie kein Wert ist. Je nach ideologischer Ausrichtung kann man Weihnachten als Geburt Christi feiern oder als Fest der Wintersonnenwende. Die Symbolik ist ja die Hoffnung auf das neue Jahr: Wenn das Alte stirbt und die Natur schläft, besteht gleichzeitig das Wissen um die bevorstehende Wiederauferstehung, in der Natur und in uns selbst. Zu Jahresende sollten wir darüber nachdenken, was wir sterben lassen wollen im alten Jahr und welche Entwicklungen wir im neuen Jahr fördern wollen.

DIE FURCHE: Was projizieren wir in die Advents- und Weihnachtszeit, wenn wir gerade dann soviel Wert auf Harmonie legen?

Perner: Diese Weihnachts-Idylle ist ein Lock-Klischee. Damit werden die Leute gelockt, zu glauben, wenn sie bestimmte Dinge kaufen oder tun, wäre Harmonie herstellbar. Aber für eine echte Harmonie müsste man eine gemeinsame Melodie finden wie bei einem Konzert. Wenn aber jeder sein eigenes Spiel spielt, gibt es nur belastende und Druck erzeugende Forderungen. Vor allem kleine Kinder spüren, dass sich das Klima anspannt, alle hektischer werden. Männer, die sich abgrenzen wollen, gehen dann gerne ins Wirtshaus oder zu Freunden, während den Frauen daheim die Arbeit bleibt.

DIE FURCHE: Viele Frauen setzen sich in der Weihnachtszeit selbst unter Druck, haben hohe Ansprüche, was Dekoration, Backen, Geschenke etc. betrifft. Warum?

Perner: Diese Konkurrenz um die perfekte Inszenierung herrscht vor allem unter den Müttern kleiner Kinder, aber auch zwischen (Schwieger)Müttern und Töchtern. Die Enkeltochter-Generation der NS-sozialisierten Frauen will diesen Mangel an Hausfrauen-Qualitäten ausgleichen, den sie bei ihrer Muttergeneration erlebt hat. Dabei können berufstätige Frauen den häuslichen Ansprüchen früherer Hausfrauen-Generationen nicht mehr entsprechen. Für dieses Bilderbuch-Klischee sind Frauen sehr anfällig, vor allem wenn sich Schwiegermütter und eigene Mütter einmischen und der Mann sich auf die Seite der Mütter stellt.

DIE FURCHE: Für Patchwork-Paare mit Kindern stellt sich die Frage: Bei welcher Familie feiern wir zuerst? Oder bei größeren Distanzen: Bei welcher Familie feiern wir heuer? Wie kann man mit diesem Konflikt konstruktiv umgehen?

Perner: Die Familien-Konstellation kann sich nun mal von Jahr zu Jahr ändern. Es sollte immer zuerst die gegenwärtige Hauptfamilie zum Zug kommen. Wenn man vergangene oder gar parallele Familien hat, gerät der Mann von allen Seiten unter Druck, teils aus reiner Boshaftigkeit und Rachegelüsten. Mein eigener Ehemann, der zwei uneheliche Kinder zeugte, ist zu Weihnachten immer unter einem irrsinnigen Druck gestanden. Viele Männer glauben dann, einsame Entscheidungen treffen zu müssen, anstatt mit ihrer aktuellen Partnerin eine gemeinsame Lösung zu finden. Man sollte sich nicht in eine Konkurrenz mit den anderen Familien-Strängen begeben, das ist respektlos gegenüber der Biografie des Partners.

DIE FURCHE: Wenn getrennt lebende Eltern neue Partner haben, kann es zu Weihnachten noch komplizierter werden. Oft heißt es dann: "Wir haben zwar keine Lust, aber machen das alles den Kindern zuliebe."

Perner: Die Frage ist, ob alle Beteiligten gemeinsam eine kreative Lösung finden wollen oder daraus ein Machtspiel machen. Da muss man klare Grenzen ziehen, vor allem, wenn das Argument kommt: "Die Kinder wollen das aber." Ab zehn, zwölf Jahren ist Kindern die weihnachtliche Familien-Inszenierung wurscht, da geht es nur mehr um Wunsch-Tyrannei - und diese trifft auch die "Spender": Sie glauben, sie müssten ... Wer Macht ausüben will, will seine Umgebung in ein bestimmtes Modell zwingen: "Weihnachten muss so sein, wie ich es gewohnt bin!" Man sollte sich nicht darauf fixieren, bei der Bescherung am Heiligen Abend dabei sein zu müssen. Bescheren kann man immer und überall. Für kleine Kinder ist es belastend, wenn ihnen Erwachsene Sehnsuchtsgefühle machen und einreden, das Christkind müsse am 24. Dezember um Punkt 17 Uhr beim Fenster reinschweben.

DIE FURCHE: Für jene, die nicht religiös sind, bedeutet Weihnachten vor allem ein Fest inklusive Essen, Geschenke, eventuell Schiurlaub.

Perner: Viele können sich nicht einmal ein Festessen leisten. Auch Leute, bei denen man das aufgrund ihres Berufes nicht vermuten würde. Für sie bedeutet es einen unheimlichen Stress, wenn überall dieses Weihnachts-und Kaufgedudel ertönt, man die Leute rundherum im Kaufrausch sieht und selber jeden Cent umdrehen muss. Nachdem Weihnachten am Ende des Monats ist, ist das besonders bitter. Es erfordert viel Kreativität, damit die Kinder etwas Positives erzählen können, wenn sie in der Volksschule gefragt werden: "War das Christikind brav?" Diese Fragen führen wiederum zu Konkurrenz. DIE FURCHE: Statistiken belegen, dass Scheidungsanwälte nach Weihnachten besonders gefragt sind. Kann eine Eskalation zu Weihnachten auch reinigende Wirkung haben? Perner: Naja, reinigende Gewitter sind das meiner Erfahrung nach nie. Dadurch, dass die Büros an den Weihnachtstagen geschlossen sind und es wenige Fluchtmöglichkeiten gibt, pickt man fast wie eingesperrt aufeinander. Die Mediatoren arbeiten alle zu Weihnachten, die Telefonseelsorge läuft auf Hochtouren. Man sollte Diskussionen besser nach den Feiertagen mit professioneller Hilfe angehen. Während der Feiertage sollte man sich besinnen, also mit den Altlasten des Jahres auseinander setzen und versuchen, alles Negative erst nach den Feiertagen zu bearbeiten, aber auch alles Postive in Dankbarkeit mitzuteilen.

DIE FURCHE: Am Punschstand oder bei Weihnachtsfeiern wird auch gerne zu tief ins Glas geschaut.

Perner: Für Alkohlabhängige ist diese Zeit ein willkommener Anlass, im permanenten Weihnachtsrausch dahinzuschweben. Um nicht so angreifbar zu sein, wollen sie andere zum Mittrinken animieren. Aber für jene, die keine Affinität zum Alkohol haben, entsteht in der Vorweihnachtszeit ein immenser Druck, zu trinken. Es braucht viel Kraft, zu widerstehen.

DIE FURCHE: In Ihrem Buch "Der einsame Mensch" schreiben Sie, dass Stress einsam und aggressiv macht. Wie also mit dem Vorweihnachts-Stress umgehen?

Perner: Man sollte sich überlegen: Bei wie vielen Weihnachtsfeiern will ich wirklich mittun? Diese Unsitte, in den Betrieben Weihnachten zu feiern, ist meist als Jahresabschluss gedacht, bei dem sich eine Nähe herstellen soll, die für das nächste Jahr hält. Das ist ein Irrglaube. Wenn man nicht schon ein gut eingespieltes Team ist - durch eine Feier oder gar ein Besäufnis wird man es nicht - ganz im Gegenteil. Man muss sich nicht überall auf Kosten des Einladenden anfressen und ansaufen. Weil es schwierig ist, sich der Weihnachtsfeier einfach zu entziehen, sollte man konstruktive Vorschläge machen, etwa die Feier auf ein Frühstück oder Mittagessen verlegen. Die Verantwortung sollte nicht beim Chef allein liegen, der seine Mitarbeiter zwangsbeglückt.

DIE FURCHE: Bis zum 21. Dezember werden die Tage kürzer und dunkler, das wirkt sich bei vielen negativ auf die Stimmung aus.

Perner: In den nordischen Ländern sind die Aktivitäten zur Winterszeit traditionell eingeschränkt. Auch in unseren Breiten sollte man im Winter mehr Erholungsphasen einlegen. In den lichteren Monaten sind wir eindeutig energiegeladener und leistungsfähiger. Energie kriegt man aber auch, wenn man einander gut behandelt, anlächelt, lobt, anstatt sich mit schlechter Laune gegenseitig anzustecken. Wenn Leute zur saisonal bedingten Depression neigen, sollten sie sich eine Lichtlampe zulegen.

DIE FURCHE: Einsam sind gerade ältere Menschen, denen die gleichaltrigen Freunde nach der Reihe wegsterben.

Perner: Leider gibt es für sie zu wenige Angebote. Die Vertreter der Arbeitnehmer vergessen mit ihrer Forderung, die Angestellten sollten Weihnachten bei den Familien verbringen dürfen, dass es auch Leute gibt, die keine Familie (mehr) haben. Für diese Menschen braucht es Kulturangebote, die aber keine Massenangebote sind, weil sich Menschen dadurch abgestoßen fühlen. Es ist ein Fehler, erst kurzfristig auf die Idee zu kommen, dass man eigentlich Gemeinschaft brauchen würde. Man sollte sich früh überlegen, wie man sich diese Tage zu Feiertagen machen kann: Etwa, indem man ein Musikprogramm erstellt, Fotoalben klebt, Briefe mit der Hand schreibt, auch an bereits Verstorbene, oder in die Natur geht.

DIE FURCHE: Der Zeitgeist scheint in Richtung eines neuen Biedermeiers zu weisen: Auch viele junge, urbane Menschen basteln, dekorieren, kochen, backen, ziehen sich in die Häuslichkeit zurück. Magazine wie Landlust oder Servus boomen. Was steckt hinter dieser Sehnsucht nach dem Heimeligen?

Perner: Das zeigt, dass es einen unglaublichen Mangel an Geborgenheit gibt. Eigentlich sind das die Bedürfnisse von vorpubertären Kindern. Wichtig wäre es zu lernen, die Werbung mit ihren suggestiven Bildern und Botschaften zu durchschauen, sich von diesen sozialen Normen abzugrenzen. Ob man sein Heim auf Kindergarten-Festivität hin gestalten soll? Darf man, wenn man Lust hat, aber das Leben hängt nicht davon ab, ob man Kekse bäckt oder bastelt. Das wird mit den Kleinen ohnehin im Kindergarten oder in der Pfarre gemacht.

Der einsame Mensch.

Von Rotraud A. Perner,

Amalthea Signum Verlag 2014.

248 Seiten, gebunden, € 22,95

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