6941331-1983_28_08.jpg
Digital In Arbeit

Mit der Jugend leben

1945 1960 1980 2000 2020

Das 1982 eröffnete Jugendhaus der Wiener Caritas will heimatlosen Jugendlichen den Weg ins ,,normale“ Leben finden helfen. Dieses Experiment leitet der Jesuit Georg Sporschill, viele Jahre hindurch erfolgreicher Jugendseelsorger in der Pfarre Wien-Lainz.

1945 1960 1980 2000 2020

Das 1982 eröffnete Jugendhaus der Wiener Caritas will heimatlosen Jugendlichen den Weg ins ,,normale“ Leben finden helfen. Dieses Experiment leitet der Jesuit Georg Sporschill, viele Jahre hindurch erfolgreicher Jugendseelsorger in der Pfarre Wien-Lainz.

FURCHE: Welchen Zugang zur Kirche gibt es Ihrer Meinung nach für eine desinteressierte Jugend, oder gar für Jugendliche, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen?

SPORSCHILL: Besonders auch von kirchlichen Stellen wird heute gerne gesagt, von der Jugend müsse man etwas fordern, sie wäre dadurch zu gewinnen, daß man Forderungen an sie stellt. Der Satz stimmt, und ist zugleich für mich sehr ärgerlich und abstoßend. Er stimmt nämlich nur dann, wenn etwas viel Wichtigeres und Entscheidenderes da ist: daß vorher mit dieser Jugend eine Beziehung aufgenommen wurde. Beziehungen aufnehmen heißt aber, mit ihr das Leben teilen, das heißt, alle ihre Fragen hören, all ihr Leid annehmen, nicht gleich zu urteilen, mit ihnen gemeinsam unterwegs sein, mit ihnen leben. Das ist ein endloses, mühsames, spannendes Abenteuer.

FURCHE: Häufig haben weder Eltern noch kirchliche Hierarchie eine wirkliche Beziehung zu den Jugendlichen — könnte dies dann nicht die Erklärung dafür sein, daß die Jugend an sie gestellte Forderungen nicht erfüllt?

SPORSCHILL: Ja, jede Forderung setzt eigentlich sehr viel an Beziehung voraus. Mir fällt zur Jugendarbeit sowohl in schwierigen sozialen Verhältnissen wie auch in den Pfarren in einem Wohlstandsgebiet keine andere Lösung ein, als die einer Lebensgemeinschaft, zumindest der partiellen Lebensgemeinschaft. Ich will mit den Jugendlichen, mit denen ich arbeite, auch leben. Dort wo Familien vorhanden sind, ist es selbstverständlich nicht notwendig, diese zu ersetzen. Dort ist eben vielleicht der Freizeitbereich gemeinsam oder der Bereich des gemeindlichen und religiösen Lebens. Aus diesem Teilen des Lebens, das hier im Hause beispielsweise beim Putzen des Heimes beginnt und bis zum Gestalten des Gottesdienstes geht, vom Biertrinken bis zum Teilen der Sorgen im persönlichen Bereich, erwachsen dann auch alle Fragen nach Religion, Sinn des Lebens, nach der Bibel. Wenn man diese anspruchsvolle Methode ernst nimmt, dann weiß man, daß sie von keinem ,.Beamten“, und nicht ‘in 40 Wochenstunden angewendet werden kann. Sozialarbeiter, Jugendleiter usw. müssen daran scheitern, ohne deren Schuld.

So wie Jesus seine Jünger erzogen hat — er hat mit ihnen das Leben geteilt, sie durften Tag und Nacht bei ihm sein, sie erlebten ihn in allen Situationen — so müssen auch wir in ein Milieu hineingehen (wie dies beispielsweise die Kleinen Schwestern und Brüder tun).

FURCHE: Bedarf es da aber nicht besonderer persönlicher Voraussetzungen? Ist nicht die Vorbereitung der Priester während ihrer Ausbildung zu wenig auf solche Fähigkeiten ausgerich- tet ?

SPORSCHILL: Dies gilt heute nicht mehr. Aber ich glaube, daß es nicht ohne eine Kommunität, eine Gemeinschaft, geht. Bei uns im Haus sind zum Beispiel rund 50 bis 60 junge Männer, die schwierige Voraussetzungen mitbringen,

keine F amilie, kgine Religion, keine Arbeit und keine Ausbildung haben, oft sogar aus dem Gefängnis kommen. Wir zehn Mitarbeiter, die das Haus tragen, feiern jeden Tag miteinander Messe und jeder von uns weiß — ohne daß darüber geredet wird —, daß es ohne diese Gemeinschaft nicht geht.

Wir tauschen uns oft noch nach Mitternacht über alles aus, auch über sehr persönliche Dinge, denn jeder von uns ist ja sehr belastet durch den Betrieb im Jugendhaus — ohne dies wäre es nur schwer auszuhalten. An dieser Gemeinschaft haben auch die Anteil, die wir betreuen. Sie nehmen oft auch selbst daran teil, ihre Fähigkeiten werden entdeckt, kommen zum Vorschein.

Ich träume immer von einem sehr flexiblen „Orden auf Zeit“. Auf bestimmte Zeit haben einige Leute die Kraft und die Fähigkeit, diesen einfachen Lebensstil zu teilen, miteinander Erfahrungen auszutauschen, mitzubeten und sich in den Dienst der anderen zu stellen. Da ist ein geheilter Alkoholiker genauso darunter wie ein Seminarist in seiner Praxiszeit, auch Mädchen — eine Theologiestudentin betreut beispielsweise für uns alle die Wäsche.

FURCHE: Kann dann also herkömmliche Jugendarbeit gar nicht zielführend sein?

SPORSCHILL: Nein, das kann man nicht sagen. Zweifellos sind Fachwissen und Unterstützung der „Beamteten“ notwendig, nur ohne Voraussetzung eines gemeinsamen Lebens- und Wohn- raumes werden sie nicht sehr wirksam.

FURCHE: Kann normales pfarrliches Leben so gestaltet werden, daß es auch für die Jugend anziehend ist? Welche Aspekte scheinen dabei am wichtigsten?

SPORSCHILL: Ich habe in meiner Tätigkeit immer gewußt, daß ich auf die Jugend angewiesen bin, daß ich die Mithilfe der Jugendlichen brauche. Wenn die Jugendlichen wissen, daß es von ihnen abhängt, daß sich die Leute im Gottesdienst angesprochen fühlen, daß sie beten lernen, daß sie nicht einsam sind; wenn die Jugend einmal versteht, daß sie Kirche ist, sie gemeinsam mit den anderen, dann führt das weiter. Letztlich ist jeder Mensch ein

Idealist, sicher jeder Jugendliche. Die Jugendlichen spüren, ob man sie nur als Arbeitstherapie oder als Trick einspannt, oder ob man sie wirklich braucht. Die Kirche müßte die Jugend zu Hilfe nehmen, um die Jugend zu gewinnen.

FURCHE: Bischof Egon Kapel- lari hat vor kurzem gesagt, die Kirche, die Bischöfe wünschten einen neuen Typ von Jugendlichen, der Spiritualität und soziales Engagement in sich vereine. Wie sehen Sie das?

SPORSCHILL: Für mich können religiöses und soziales Engagement nicht auseinanderfallen, ich kann mir das eine ohne das andere einfach nicht vor stellen. Es wäre eine echte Verführung der Jugendlichen, sie das eine ohne das andere leben zu lassen. Mir ist wichtig, sich einzugestehen, daß es heute kein Rezept gibt.

FURCHE: Würden Sie meinen, daß auch für Eltern gilt, daß das Zeugnis-Geben das wichtigste ist — diese Beziehung ist doch etwas andersgeartet?

SPORSCHILL: Wenn Eltern den Mut haben, ihre eigene Ratlosigkeit und ihre eigene Suche auch anzuvertrauen, dann könnten gerade im Religiösen die Eltern heute sehr viel von ihren

Kindern profitieren. Ihre Kinder sind oft weiter, sie haben mehr ausdrückliche Sehnsucht, mehr Fähigkeit, auch darüber zu reden.

FURCHE: Religiöses Leben in der Familie sollte beispielsweise also gemeinsam oder überhaupt von den Jugendlichen allein gestaltet werden?

SPORSCHILL: Ich würde vielen Jugendlichen Zutrauen, einen schönen Hausgottesdienst, oder die häusliche Weihnachtsfeier zu gestalten. Auch die Erwachsenen können sicįj das zugestehen. Jugendliche haben oft Hemmungen, den Eltern ihre religiösen Sehnsüchte und Erfahrungen zu vermitteln, aber auch dies gilt auch umgekehrt, nur erleichtert es der Jugend ihre Ungeniertheit. Es ist letztlich auch eine Frage von Ehrfurcht vor dem anderen.

Ich würde meine Kinder drängen, Aufgaben zu übernehmen, in die Pfarre, in einem Heim. Die Eltern sollen außerhäusliche Engagements unterstützen und ihre Kinder dabei begleiten. Wichtig ist auch das Gebet der Eltern für die Kinder. Ich bin nicht sicher, ob das Eltern genügend beachten. Ich weiß aber umgekehrt von vielen Kindern, die wirklich für ihre Eltern beten, und die sich nicht vorstellen können, dies ihren Eltern zu sagen, weil sie Angst haben, daß die Eltern dies nicht wollen.

FURCHE: Sie würden also nicht sagen, daß die heutige Jugend „schlechter“ ist als frühere ? Ist es so, daß der Idealismus genauso groß ist wie in früheren Zeiten, daß er nur auf eine distanziertere Weise aktiviert werden muß?

SPORSCHILL: Das ist ganz sicher so. Diese ernsthafte Aktivierung ist gleichzeitig auch eine Gewissensprüfung für die Erwachsenen. Es geht nicht mit Tricks. Man soll die Jugend durchaus auch mit der Not konfrontieren, ihr dabei Aufgaben stellen, sie begleiten. Sie soll nicht von all dem Negativen entlastet werden, das soziale Engagement soll als notwendig erlebt werden, begleitet von den Eltern.

Das Gespräch mit P. Georg Sporschill SJ führte Leonore Rambosek

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau