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GlaubensverkUndigung in der Gegenwart

Man spürt haute in allen Ländern Kräfte am Werk, die aus den Tiefen des Glaubens den Weg zum Menschen suchen. Gewiß ist manches davon noch unklar, hat noch keine endgültige Form gefunden, aber alle diese Versuche kommen aus einem heißen Herzen und der, brennenden Sehnsucht, einen persönlichen Anteil dafür zu leisten. Die Propaganda hat viele Ohren taub gemacht und den Zugang zum Nebenmenschen über das Wort erschwert. Der gläubige Mensch ist auch nicht auf den leichten und oberflächlichen Erfolg des Augenblicks eingestellt. Er weiß, daß noch viele Methoden und äußere Formen ein Problem bedeuten und steht in bewußtem Gegensatz zur Propaganda, weil er, wie auf einem kürzlich in Bordeaux abgehaltenen Kongreß Bruno de Solages erklärte, die Freiheit der menschlichen Person respektiert und deren Vernunft und Willen mehr als das Empfindungsvermögen angesprochen werden muß. Der Mensch soll eben nicht durch die Mittel der Technik, der Psychologie oder durch andere ihn bedrängende Umstände zur Annahme einer Meinung gezwungen werden. Um den freien Menschen muß geworben werden, der selbst zu wählen und zu entscheiden hat. Aus diesen Gedanken kam der Kongreß, der unter dem Motto „Evangelisation 1947“ abgehalten wurde, zu der Schlußfolgerung: „Das Evangelium zu verkünden bedeutet nicht, Einzelwesen für eine machtvolle Organisation anzuwerben, sondern die Persönlichkeiten müssen in ihrem innersten Gewissen erreicht werden.“

Der Westen mag in seiner Besorgnis vor der Vermassung des Denkens viel hellhöriger sein und viel empfindlicher auf eine solche Gefahr reagieren. Deshalb sind auch die Methoden und Formen scheinbar sehr auf kleine Aktionen und Versuche abgestimmt. Vielleicht liegt aber doch darin eine besondere Bedeutung für das Denken unserer Zeit und Gegenwart. Fachleute für Städtebau und Architekten haben heute wieder entdeckt, daß eine gewisse Gruppierung der Menschen notwendig ist Sie sprechen von „Wohneinheiten“ und bezeidinen sie als „Nachbarschafts- oder Wohnviertelgemein-schaft“. Die Arbeiten des französischen Städtebauers Gaston Bardet stellen eine Stufenleiter von „Gemeinschaften“ auf, die von einer Fünf- oder Sechs-Familien-Gruppe bis zur Stadt von fünfzig- oder hundert-fünfzigtausend Einwobnern reicht. In dieser Sache pflichteten ihm auch sowjetische Soziologen bei, welche die Personenzahl berechneten, die eine gesellschaftliche Grundgruppe enthalten soll.

Aus diesen Gründen erhält jene Art der Missionierung, die seit Jahren in Frankreich versucht und durch die „Mission de France“ systematisch betrieben wird, eine tiefere soziologische Bedeutung. Es handelt sich darum, einen christlichen Kern inmitten von einigen Familien wieder zu schaffen. Durch das Zusammenleben und das persönliche Kennenlernen soll durch den Priester ein Zusammengehörigkeitsbewußtsein geschaffen werden, wie es der Dominikaner P. Loew, der seine Tätigkeit in den Elendsquartieren von Marseille entfaltete, neulich in einem Heft von „Economie et Humanisme“ beschrieb: „ Mehrmals habe ich in meinem Zimmer die Messe gefeiert. War ein zu großer Zustrom zu erwarten, so wurden Bett und Ofen in den Hof hinausbefördert, während auf dem Tisch, an dem wir — die Familie Antoine, meine Nachbarn und ich

— gewöhnlich unsere Mahlzeiten einnehmen, das Mahl des Herrn gefeiert wurde. Die emporgehobene Hostie stieß beinahe an die Decke. Doch wie strahlte sie hier in jedes einzelne Herz! Ob man es zugeben will oder nicht: sie fühlten sich alle dem Herrn Jesus des Evangeliums nahe! Es scheint, daß in der Vorstellung vieler die Ehrfurcht vor Gott und den heiligen Dingen ihrer Entfernung

— dem Abstand in Metern, der sie von den Gläubigen trennt — proportional ist. Als ob es einst mehr Wert gehabt hätte, Christus von ferne zu sehen, als den Saum seines Gewandes zu berühren! Weshalb sollte denn hier weniger Ehrfurcht und weniger Sammlung vorhanden-sein, wo man dem Meister näher ist.“

Wesentliche Voraussetzung bei diesem Zusammenleben des Priesters mit einer solchen Umgebung ist, daß er nicht in den Verhältnissen aufgeht oder in deren Hoffnungslosigkeit untertaucht. Die Menschen sollen die grundlegenden Lehren nicht nur hören, vielmehr vorgelebt erhalten, jedoch nicht als Beispiel des Unerreichbaren, sondern in der praktischen Verwirklichung. Die Zuhörer dürfen nicht den Eindruck haben, daß der Prediger aus einer fremden Welt zu ihnen spricht und selbst dann, wenn sie den Willen haben, ihre religiösen Pflichten zu erfüllen, einer vollkommen unbekannten Welt gegenüberstehen. Hier soll wieder das Klima und die Umgebung geschaffen werden, wo der Same — um das biblische Gleichnis zu gebrauchen — überhaupt erst seine Keimkraft entwickeln kann.

Es ist bezeichnend, wenn P. Loew dazu erklärt: „Venn meine Nachbarn aus dem einen oder anderen Grund in die Pfarrkirche gehen, finden sie dort einen heiligen Priester (ich sage dieses Wort nicht, um schön zu tun, sondern weil es wahr ist). Doch finden sie dort keine Pfarrgemeinschaft, die sie aufnimmt und sie fühlen sich fremd in def Kirche. Das tiefe Drama ist dabei, daß der Pfarrer genau so abgesondert ist wie sie. Doch alle diese christlichen Einsamkeiten gelangen zu keiner Wiedervereinigung. Feiere ich eine Messe in meiner Wohnung oder in einer besonderen Kapelle, so fühlen sich meine Nachbarn wohlw Gehen sie aber bei den großen Anlässen ihres Lebens in die Pfarrkirche, so befinden sie sich einer Versammlung gegenüber, selbst wenn es sich um den Sakramentsempfang handelt.“

Die Schwierigkeit der Glaubensverkündigung liegt nach diesen- Worten vielfach in der Form und Methode, wie die Glaubenslehre an den Menschen herangebracht wird und weniger in der bewußten Ablehnung. ' Der geistige Urheber dieser Arbeitermissionen, P. Godin, hat in einer Aussprache selbst einen Einwand gegen die von ihm geübte Form erhoben, indem er einmal die Frage auf warf: „In ihrem Winkel kommen sie an hundert Personen oder Familien heran. Aber all die anderen? — Wie viele Priester wären für dreihundert- oder fünfhunderttausend Menschen nötig, wenn wir unter solchen Bedingungen leben wollten?“ Aus dem Munde von Abbi Godin werden diese Worte vielleicht überraschen. Er selbst spürte die Problematik dieser Arbeit. Gewiß sind nach seinem Tod noch viele Priester der „Mission de France“ mitten unter das Volk gegangen, ohne sich zu fragen, wie groß die Zahl der Personen war, die ihr Wirken erfaßte. Er wußte ganz genau, daß ein solches Leben notwendig sei, um mit dem wirklichen Lebensbereich des Volkes zusammenzukommen. Aber aus der Erfahrung war ihm klar geworden, daß dieses nicht dazu hinreiche, um darauf ein geordnetes religiöses und kirchliches Leben aufzubauen.

Bei der schon erwähnten großen Tagung in Bordeaux, an der neben zweitausend Priestern auch viele Laien teilnahmen, wurde diese Frage erörtert und die Pfarre als Ausgangspunkt für die Verkündigung des Glaubens festgehalten. Der Bischof von Bayonne faßte das Ergebnis in einem Hirtenschreiben zusammen, wo er feststellt: „Man hat erkannt, daß die Pfarre der Rahmen der Verkündigung des Evangeliums ist. Doch wurde auch auf die Gefahr hingewiesen, wenn dieser zu starr und zu abgeschlossen wird. Angesichts des Zusammenbruches und des Verfalls einer sehr großen Zahl von Pfarren, die nur mehr dem Namen nach bestehen, erkennt man die Notwendigkeit, diese zu verlebendigen, um den aktuellen Bedürfnissen zu entsprechen. Viel mehr noch als ein Rahmen muß die Pfarre das Heim der Verkündigung des Evangeliums sein, das heißt des evangelischen Lebens, in richtiger und brüderlicher Weise. Die Pfarre muß so eine aktive Vereinigung von Priestern und Laien sein. Neues Leben werden nur die wiedergewinnen, in welchen die Pfarrangehörigen Verantwortung und Initiative auf sich genommen haben. Dadurch sind sie an der Pfarre wirklich beteiligt und ihr eingegliedert.

Damit wird den Gläubigen selbst eine neue aktive Rolle anvertraut. Wie die praktische Gestaltung dieser Arbeit vor sich zu gehen hat, wird noch mancher Überlegung und vieler Versuche bedürfen. Daß sie gemacht werden müssen, daran zweifelt in Frankreich niemand. So schreibt auch P.Loew über die Schwierigkeiten, die noch zu überwinden sind: „Ob man es will oder nicht, die Pfarre bleibt in den Augen aller da. Sinnbild der Kirche. Gelingt es nicht, dieser ihre Jugendfrische, ihre Ereude und ihre Dynamik zurückzugeben, so werden alle anderen Anstrengungen an diesem Mißerfolg -erscheHen.“

Unter welchem Gesichtspunkt man auch immer das gigantische Werk der Glaubensverkündigung betrachtet und welche Anstrengungen in der Erneuerung der Methoden sich als notwendig erweisen würden, sie führen zu der Schlußfolgerung, mit der du erwähnte Hirtenschreiben schließt: „Die Verkündigung des Evangeliums wird in dem Maße vor sich gehen, wie weit die an diesem Unternehmen beteiligten Menschen, sowohl Priester wie Laien, selbst vom Evangelium erfüllt sind.“

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