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Digital In Arbeit

Fragen, die das ganze Leben begleiten

1945 1960 1980 2000 2020

Hier dokumentiert: der leicht gekürzte Text des Schlußvortrages auf der Osterreichischen Pastoraltagung.

1945 1960 1980 2000 2020

Hier dokumentiert: der leicht gekürzte Text des Schlußvortrages auf der Osterreichischen Pastoraltagung.

Dialog ist mehr als eine Methode, die wir gebrauchen. Dialog soll mehr sein als eine isolierte Aktion. Dialog ist eine Haltung, aber mehr als sie, er ist Weg und Inhalt, die einander möglich machen. Deshalb möchte ich über „Felder des Dialogs" sprechen. Von einem Feld zu reden, kann gerade in unserer Zeit hilfreich sein, die aufs neue den Sinn für Wachsen, Pflegen und Wachsenlassen in der Natur entdeckt hat...

Das Evangelium spricht in vielen Zusammenhängen von Feldern: Da haben Leute das Feld bestellt und sollen die sich dennoch nicht einbilden, daß sie es sind, die alles erreichen, vielmehr sagt das Evangelium sehr scharf: „Unnütze Knechte seid ihr", damit ja kein Irrtum entsteht. Aber der Ackersmann kann getrost schlafen gehen, denn die Saat wächst. So kann es auch mit dem Dialog sein: Er ist mehr als eine geschickt eingesetzte Fertigkeit, er ist ein Mitreden mit dem ewigen Gespräch des dreifaltigen Gottes, er läßt Schönheit und Fruchtbarkeit bei uns und für uns wachsen.

Dialog heißt nach den Wörterbüchern ein „aufmerksames Zwiegespräch", hin und her, bei dem man sich versteht und verstehen will. Das ist kein Widerspruch dazu, daß sehr wohl verschiedene Meinungen bestehen bleiben können. Wie mit einem Schlüssel sperrt Ignatius von Loyola diesen scheinbaren Widerspruch auf, indem er Christen mahnt, bestrebt zu sein, das Wort des anderen „zu retten".

Es ist verführerisch, Dialog wie ein Zauberwort zu gebrauchen, das man schnell hervorholt, um mit einer festgefahrenen Situation fertig zu werden. Das ist er aber nicht. Eines aber sollte er sein: konkret. So wie auf dem Feld nicht irgend etwas wächst, sondern eben Korn, Weizen, Lilien und auch Brennesseln. Diese Konkretheit muß gewagt werden. Dazu habe ich mir einiges überlegt, wo Katholiken den Dialog halten können. 1. Dialog der ganzen Kirche Unsere Kirche ist nur als ganze gegeben und nicht bloß Addition vieler Gemeinden. Der geistige, spirituelle, seelsorgliche Beichtum der Weltkirche ist ungeheuer und vielfältig, wir übersehen ihn oft nur. Es bedarf der Anstrengung, wie denn die Vielfalt in der einen Kirche leben kann. Das führt zu schmerzlichen Auseinandersetzungen, die aber auch Geburtsschmerzen einer neuen Gestalt von Kirche sein können, die wir noch nicht kennen.

Vermutlich hat noch nie jemand so viele Menschen aller Kontinente, Rassen und Sprachen auf den Plätzen der Länder versammelt wie Johannes Paul II. Das ist ein Spannungsfeld sondergleichen: die eine Kirche wahren und ihre Vielfalt lieben. Das kann nicht mit harmlosen Dialogveranstaltungen erreicht werden, schon gar nicht mit autoritären Zwangsmaßnahmen. Da bedarf es des Dialogs der Dankbarkeit: daß wir einander so viel geben, voneinander empfangen dürfen, wir Europäer von Südamerikanern und so weiter, daß wir mit der Weltkirche reich im besten Sinn des Wortes sind und uns nicht gekränkt in die Ecke des Mißtrauens zurückziehen, in der kurzsichtigen Meinung, es gäbe nur uns und unsere Probleme, oder aber an die trügerische Hoffnung klammern, nur ein Einheitstyp von Kirche sei unsere Zukunft.

2. Dialog der Lebenswahrheit Ich bin! Ich bin Mann, ich bin Frau. Ich bin alt, ich bin jung. Ich bin getauft. Daher bin ich Laie, oder Priester, oder Ordensfrau, Ordensmann, oder Diakon, oder Bischof. Und du neben mir bist in der Wahrheit deines Lebens und du bist immer anders. Jesus sandte die Seinen zu zweit aus, zwei verschiedene Menschen. Wir reden gern abstrakt: alle sind für die geistlichen Berufe, alle für die Gleichberechtigung der Frau, alle für die Mitsprache der Laien. Aber dann wird es konkret: zwei, die miteinander vom Herrn ausgesandt sind, können einander gar nicht übersehen, sie müssen den Weg teilen, die gepredigte Liebe konkret ausprobieren, was recht mühselig sein kann, weil mir der andere einfach auf die Nerven geht. Und ich wahrscheinlich ihm. Aber dieser Weg Christi heißt immer: „Ich will, daß es dich gibt". Oder wie Friedrich Heer gesagt hat: „Wir brauchen die Freude am Anderssein des anderen." Der beklemmende Mangel etwa an geistlichen Berufen wird sich nur ändern können, wenn Laien Priester wollen, die Priester die Laien und so weiter.

3. Dialog der Wirklichkeit des Lebens Wir können es Erfahrung nennen, oder wie Napoleon es sagte: „Die Tatsachen sind eine unerbittliche Herrin." „So ist halt das Leben" eine österreichische Lebensphilosophie. Und doch scheinen wir Kirchenleute oft ein wenig daran vorbeizuträumen. Aber hier zeigt sich eine Kontur der erneuerten Gestalt der Kirche, wenn wir uns in einen ernsthaften Dialog mit der Wirklichkeit des Lebens der Menschen von heute hineinfallen lassen. Denn wir sind bestimmt, Salz, Licht, Wasser für das wirkliche Menschenleben zu sein und nicht daneben. Wir merken, daß es eine große Zahl von Gremien in unserer Kirche gibt und sich in ihnen oft eine Müdigkeit eingenistet hat. Sie wird größer werden und sie einschlafen lassen, wenn wir uns nur über die Wünsche und Vorwürfe an die Kirche, über unsere Enttäuschungen unterhalten. Bei uns soll es anders sein: Wie sieht dieses Leben wirklich aus, ohne daß wir sofort Hilfen, Batschläge, Abwehr und Belehrung in Gang setzen? Es wächst keine Beform der Kirche, wenn wir das Schild aushängen: „Wegen Innenrenovierung derzeit geschlossen." Vielmehr: um renovieren zu können, sind die Türen weit zu öffnen.

Das gilt auch hin zu den Strukturen des heutigen Lebens: Politik, Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft Es ist Sünde gegen das Evangelium, wenn wir uns hier abmelden, weil Kirchenelend und Kirchenkonzepte unser ganzes Interesse besitzen: Noch einmal möchte ich nachlegen: die Kunst von heute! Es ist besser, öfter über sie zu schweigen und nachdenklich zu werden als kluges Gerede und verkniffenes „Wenn und Aber" zu schnell anzubringen. Ich glaube, jeder sollte - ohne Snobgehabe - mit einem Kunstwerk von heute leben.

4. Dialog mit den „Gegnern" Von einem österreichischen Kaiser wird erzählt, er habe angesichts revoltierender Massen fassungslos ausgerufen: „Ja dürfen sie denn das?"

Ich sehe hier eine weitere Kontur der neuen Gestalt von Kirche: das offene Gespräch ohne Berührungsangst. Offen heißt: Ich bin nicht sicher, ob ich nicht doch etwas lernen könnte dabei. Und ohne Berührungsangst: nicht vor den Themen, nicht vor Andersdenkenden. Vor allem aber: keine Berührungsangst vor dem ganzen Evangelium. Es kennt keine Leichtgewichtsausgabe einer religiösen Flitterwelt, es hat seine Schärfe des Kreuzes und nur so das Licht der Auferstehung.

5. Dialog mit dem Bösen

Der kleine, aber doch so große leise Dialog im Beichtstuhl ist weithin verschwunden. Aber es sind auch neue Bilder des Bösen bewußt geworden: Umweltzerstörung, Unterdrückung, Ausbeutung, Fremdenhaß, historische Schuld und vieles mehr.

Anklage allein verdeckt oft nur das eigene schlechte Gewissen, verordnete Buße für andere verschweigt die Antwort auf die eigenen bohrenden Fragen: „Und ich?" Die Sprache des Evangeliums redet anders zu mir, als daß man sich zufriedengeben könnte, indem ich vornehmlich über „Die" rede, auch vor allem über „die" Kirche. Das Evangelium kennt letztlich nur das „Wir", weil Christus für alle gestorben ist. Hier zeigt sich eine weitere Kontur der erneuerten Kirche: Sie wird wieder Menschen haben, die an die eigene Brust schlagen und bekennen: „Ich habe gesündigt."

Die Apokalypse scheint wirklich eine „geheime" Offenbarung geworden, weil sie kaum gelesen und bedacht wird. Sie ist der große Widerstand gegen das Böse, weil sie es in seinem Schrecken ernstnimmt und seine Überwindung in flammenden Bildern malt. Sie ist das Gegenbuch gegen das heutige Scheinevangelium: „Was ich will und möchte, das muß mir zur Verfügung sein, - jetzt, sofort, alles!" Und dann? Im verborgenen Schweigen darüber enthüllt das Böse sein Gesicht.

6. Dialog an der Kirchengrenze Die Erfahrung von Grenze gehört zum Menschsein. Von dieser kann man nicht einfach wegschauen, wohl aber sie überschreiten. Christus hat uns das Beispiel dafür gegeben, als er die Jünger fragt, nachdem sie ausführlich von den anderen „Leuten" berichtet hatten: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" (Mt 16,15). Dorthin, zu ihm hin ist die Grenze zu überschreiten, für alle Christen, das ist wahre Ökumene. Sich alles Mögliche trauen und Ordnungen zu belächeln, das richtet nur neue Grenzen auf. Vorwürfe, Mahnungen, demonstratives Kopfschütteln sind für wahre Ökumene nicht förderlich. Vielmehr wird halten, wie es ein Pionier des Gesprächs über die Grenzen der Kirche, Kardinal Pignedoli, gesagt hat: Zuerst müssen wir Freunde gewinnen. Der Papst hat mit dem Friedensgebet in Assisi der ganzen Welt ein Beispiel dieser Freundschaft in Ehrfurcht gegeben, und es ist schade, daß gerade sehr konservative Katholiken ihm heute noch deswegen Vorwürfe machen. Sie versäumen damit für sich selbst die Gelegenheit, ihre eigenen, zu früh gezogenen Grenzen zu überschreiten. Dieses Gebet war ein Bingen um den ewigen Gott und das ist etwas anderes, als unverbindliches Schulterklopfen.

Die zweitgrößte Gruppe in Österreich sind jene, von denen es heißt, sie seien „ohne religiöses Bekenntnis". Das wird bei jedem von ihnen einen eigenen Anlaß haben. Wer sie wirklich sind, werden wir nie ganz wissen. Aber wir sollten uns nicht zu gut sein, ihnen die Tür offen zu halten und auch von ihnen zu lernen. Es könnten viele von ihnen bewußt oder unbewußt geneigt sein, neu auf die Entdeckungsreise nach Gott zu gehen, nachdem sie unserer Kirche müde geworden sind.

Und darin sehe ich eine Kontur der erneuerten Kirche: Der Mensch von heute, wie kann er, den lebendigen Gott suchen und mit ihm gehen? Wir sollten nicht warten bis wir uns über Kirchenthemen müde geredet und gestritten haben. Jetzt schon ist neu von dem lebendigen Gott zu reden.

7. Dialog mit der Armut

„Arme werdet ihr immer bei euch haben." Das ist nicht eine bloß melancholische Verheißung Jesu, daß es leider halt so sein wird. Die Gerichtsreden machen offenbar, daß er eine Anwesenheit bei uns gewählt hat und sie liebt - in der Gestalt der Armen. Der „Dialog" mit der Armut gehört zum Wesen der Kirche. Es ist Kontur der Kirche von morgen, daß wir verstehen: Umgang mit Armut ist viel mehr als eine der vielen Tätigkeiten der Kirche, die eventuell in Wohlstandsgegenden vernachlässigt werden kann, sondern es ist ihre Identität. Von der Caritas als Organisation zur Caritas der spontanen, demütigen Hilfe und umgekehrt muß der Weg gehen . Das antike Staunen: „Seht, wie sie einander lieben" braucht heute die Ergänzung „Seht, wie sie mich, wie sie uns lieben - trotz allem, was nicht für uns spricht!"

Vor dem letzten Feld des Dialogs ist nun innezuhalten: Können wir uns tatsächlich „verständlich" machen? Heißt es nicht mit Becht, daß die kirchliche Sprache die Menschen verloren habe?

Ich setze dem meine „Überzeugung" gegenüber. Das heißt also: Ich habe Zeugen erlebt, die mich ermutigen und notfalls umstimmen: die Sprache der Bescheidenheit, die sich aus dem Vertrauen nährt, diese Sprache können alle und jeder verstehen.

Von daher gibt es drei Begeln des gläubigen Dialogs: Dem anderen ins Auge schauen - buchstäblich und im übertragenen Sinn, damit ich sein Leben erkenne. - Ich höre dich und nehme dich ernst, auch wenn ich dir nicht zustimmen kann. Denn ich vertraue, daß du mir vielleicht doch von Gott geschickt bist. - Und schließlich: Wir können es uns leisten, daß wir etwas zu sagen haben, weil wir uns auch etwas sagen lassen. Deshalb steht als Ende und Anfang:

8. Dialog mit der Zuneigung Gottes

Er hat uns das sonderbare Geschenk der Kirche gegeben. Dieses Geschenk gehört von seinen Hüllen befreit. Die Kirche selbst muß immer neu zum großen Gespräch der Seelen, der Zukunft, der Befreiung von Mißmut und Angst werden. Die Kontur der neuen Gestalt von Kirche ist sie selbst, erkennbar als Gespräch Gottes mit den Menschen. Miteinander müssen wir Übungsstunden nehmen, um die Sprache dafür zu erlernen. Das tun wir, wenn wir ernsthaft fragen und nie aufhören zu fragen:

Kirche - woher kommt sie? — wofür ist sie? - wohin geht sie?

Hier möchte ich Ihnen sagen, daß mich diese drei Fragen mein Leben lang begleiten und ich nie zu Ende komme damit. Sie sind nicht Fragen einer Institution, sie sind Fragen meines eigenen Lebens und Sterbens. Ich will Sie nur einladen: Lassen Sie sich drauf ein!

Das Herz des Evangeliums ist ein einfacher Dialog: Der Herr kommt, vernimmt unsere verworrenen Stimmen und sagt: „Fürchtet euch nicht!" Mehr Furchtlosigkeit von ihm her, das ist der wahre Dialog!

Der Autor ist

Uiözesanbischofvon Graz und Vorsitzender der Osterreichischen Bischofskonferenz.

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