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Dialog braucht Regeln

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Weder Bekehrung noch vordergründige Harmonisierung ist das Ziel: Im interreligiösen Dialog reden Retroffene über Gott.

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Weder Bekehrung noch vordergründige Harmonisierung ist das Ziel: Im interreligiösen Dialog reden Retroffene über Gott.

Der Kampf der Religio-nen untereinander und die gegenseitige Verketzerung sind uralt, der interreligiöse Dialog im Gegensatz dazu sehr jung. Er muß erst erlernt werden, man muß sich über bestimmte „Regeln" einigen: Ein wirklicher Dialog darf kein rechthaberisches Streitgespräch sein, darf nicht vordergründig die „Bekehrung" des anderen zum Ziel haben, und verliert seine Spannung und Fruchtbarkeit, wenn allzubald Harmonisierung vorgetäuscht wird.

Der echte Dialog schließt Intoleranz und Indifferentismus aus. Intoleranz verletzt die Freiheit des anderen, Indifferentismus aber würde das, was der andere und man selbst vertritt „gleichgültig" machen. Vorbedingungen für den rechten Dialog sind Achtung vor der Freiheit der Beteiligten und eine gemeinsame Liebe zur Wahrheit.

Konkrete Regeln kür den Dialog

■ Der interreligiöse Dialog ist wesentlich ein Gespräch über das, was Gott entspricht und was ihm widerspricht. Ein Gespräch, wie die Herausforderung, die Gott für die Menschen bedeutet, hier und jetzt „angenommen" und zu leben versucht wird. Es geht also vor allem um die Gottesfrage, nicht aber um die oft belastete Geschichte der Religionen, um ihre Strukturen und Formen möglicher Koexistenz.

■ Weil es um die Gottesfrage unter „Betroffenen " geht, müßten die Gesprächspartner selbst „Ergriffene", „Erfahrene" sein, die sich gegenseitig mit ihrem Zeugnis und mit ihren Fragen helfen wollen, Gottes Wort zu hören und seine Herausforderung anzunehmen. Das setzt voraus, daß jeder Partner einen festen Stand im „Glauben" hat und daß er diesen Glauben auch mit dem Leben, nicht nur durch theologische Argumente zu bezeugen versucht.

■ Im interreligiösen Dialog muß einer den anderen für prinzipiell wahrheitsfähig halten, darf keiner die (Heils-) Wahrheit für sich monopolisieren. Diese offene Haltung ist dem Katholiken eigentlich erst seit dem II. Vatika-num möglich: Die katholische Kirche erhebt nicht mehr den Anspruch „allein seligmachend" zu sein. Das Konzil bekennt sich dazu, daß der Geist Christi auch die getrennten Kirchen „als Mittel des Heiles" gebraucht. Und in den nichtchristlichen Religionen übersieht die Kirche nicht, „was in diesen Religionen wahr und heilig ist".

■ Im Dialog geht es um Gemeinsames und Trennendes. Das Gespräch kann Gemeinsames herausfinden, zu dem beide la sagen. Es kann manches stehen bleiben, das einem nicht paßt, zu dem man aber nicht entschieden Nein sagen muß. Es gibt aber auch Wahrheiten, zu denen auf Grund der eigenen Überzeugung ein Nein notwendig ist. Doch auch solches macht den Dialog insgesamt noch nicht fruchtlos.

■ Der Dialog ist gemeinsames Suchen nach Wahrheit. Man muß den Mitsuchern nicht in allem recht geben. Aber es gilt, sich mit ihnen in gespannt-gelassener Zuversicht auf den Weg zu machen, im Bewußtsein, daß das „Mit-einandersuchen" uns eher der Heils-Wahrheit näherkommen läßt, als das „Gegeneinander-Behaupten".

■ Ob die gemeinsame Suche nach Wahrheit ehrlich ist, zeigt sich an der Bereitschaft, zu hören, zu prüfen und notfalls auch zu lernen. Der interreligiöse Dialog zwingt zu überprüfen, ob die eigene Glaubenssicht richtig verstanden wurde oder verstanden werden kann. Vor allem wird dies das Mysterium der Dreifaltigkeit betreffen, oder das Bekenntnis zu Jesus Christus. Ohne das eigene Glaubensbekenntnis aufzugeben, kann das Gespräch zur eigenen Glaubensvertiefung führen.

Hemmt das Christusrekenntnis den Dialog?

In der Tat erschwert die Rede über Christus zunächst das interreligiöse Gespräch. Jesus Christus, der durch sein Kreuz Juden und Heiden versöhnte, wird nun zum Anlaß theologischen Streites. Manche wollen daher die Rede über Christus in solchen Gesprächen ganz aussparen. Aber für Christen bedeutet doch der in Jesus erschlossene Heilsweg etwas Absolutes. Dies zu verschweigen würde den Dialog unehrlich machen, man würde damit die Rechenschaft über das, was einem letzte Hoffnung gibt, schuldig bleiben.

Wie aber über Jesus Christus reden? Jürgen Werbick, Fundamentaltheologe in Münster, hat einen bedenkenswerten Weg aufgezeigt. Er weist darauf hin, daß in Jesus Christus uns das Absolute - die heilsame Wahrheit Gottes selbst - in Gestalt des Dieners begegnet, als eine „dienstbare Wahrheit". In der Geschichte habe diese Dienstbarkeit „es so manchen Herrn ermöglicht, sich zu Herren dieser Wahrheit zu machen. Aber sie wollte nicht irgendwelchen Herren dienstbar sein, sondern denen, die sie als rettende Wahrheit ergreifen wollten, den Leidenden und Hoffnungslosen. So wurde sie vernehmbar und zur Herausforderung in der Selbsthingabe dessen, in dem sie sich inkarnierte ... Sie stiftet gerechtwerdende Beziehungen zu allen ,Wahrheiten', die den notleidenden und nach ihrem Heil sich ausstreckenden Menschen dienstbar sein können. Als dienstbare Wahrheit ist sie keine Herrenwahrheit, und keine abwertende Wahrheit, sondern eine Wahrheit, die im rechten Licht erscheinen läßt, was ins vielstimmige Gespräch der religiösen Traditionen an authentischen Bezeugungen des Logos eingebracht wird". Das Christusbekenntnis nimmt den christlichen Dialogpartner in die Pflicht, das Gespräch in eben dieser „dienstbaren" Haltung zu führen. Er wird dies umso glaubwürdiger tun können, wenn seine Kirche alles Herrschaftsgehaben vermeidet und allen Anfängen eines religiösen Fanatismus wehrt. '

Der evangelische Theologe Ulrich Körtner (siehe Seite 15) sucht die Lösung in einer „christologisch begründeten Hermeneutik der Anerkennung" des anderen. Der Tod Jesu ist der „Inbegriff und die Verwirklichung der Feindesliebe Gottes". Und Feindesliebe ist die christologisch zugespitzte, ra-dikalisierte Form der Anerkennung des anderen. Diese Anerkennung löst den Widerspruch nicht auf, unterdrückt ihn aber auch nicht, wie oftmals in der Geschichte, sondern „erträgt" ihn. „Solches Erleiden ist eine Gestalt der Nachfolge Christi, dessen Wahrheit sich im Leiden und gerade nicht gewaltsam durchsetzt." Und das dem christlichen Glauben Widersprechende will Körtner „unter die bedingungslose Gnade Gottes und in seine Geschichte des Heils gestellt" sehen.

Das Ziel des Dialogs Es darf weder voreilig Harmonisierung angestrebt, noch „Bekehrung" in „missionarischem Eifer" versucht werden. Nach Werbick sind wir Christen im interreligiösen Dialog gefordert, Rechenschaft zu geben, was uns Jesus Christus als Erlöser bedeutet. Ebenso aber sollen wir uns sagen lassen, „was es für die anderen bedeutet, wenn sie das Gott Entsprechende und Widersprechende in anderen Traditionszusammenhängcn zu identifizieren versuchen". Es könnten aber auch die Dialogregeln, wie sie der Augsburger Pastoraltheologe Hanspeter Heinz aufstellte, Vorgabe sein: „Auf das Geheimnis des anderen hören. - Im Zeugnis sich selbst öffnen. - Im Wagnis den Erfolg offen lassen."

Der Autor ist Weihbischof in Wien und i» der Österreichischen Bischofskonferenz für den interreligiösen Dialog zuständig.

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