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Den Dialog mit allen Menschen suchen

Ein Benediktinerabt interpretiert biblische Texte - und formt daraus christliche Lebenstipps. Drei "Predigtsplitter“ aus dem eben erschienenen Buch "In Gottes Hand geborgen“.

In unserer Kirche menschelt es. Kein Wunder, sie besteht aus oft sehr unvollkommenen Menschen. Viel wird gestritten, über Aussagen des Papstes, Bischofsernennungen, und mit manchen Entscheidungen schadet sich die Kirche tatsächlich selbst.

Aber auch wenn wir Menschen mit Schwächen und Fehlern sind, haben wir einen spezifisch christlichen Auftrag: Wir sollen den Menschen Heilsames und Heilung bringen; wir sollen einander aufrichten und die Dämonen der Niedergeschlagenheit austreiben. Denn wir alle haben für unsere Umgebung eine Botschaft, eine "Message“ würde man heute sagen. Und diese Botschaft lautet: Wir sind alle erlöst. Wir brauchen uns daher vor dem Tod nicht zu fürchten; das Leid, das uns oft bedrückt, ist nicht von Dauer, es geht sicher vorbei, hat aber auch seinen Sinn.

Es wäre doch einmal sehr interessant, in unserer Umgebung nach Möglichkeiten und Anlässen zu suchen, um Erfreuliches und Aufrichtendes zu sagen. Nehmen wir uns an Jesus ein Beispiel. Er vertreibt alle bösen Gefühle und Stimmungen der Abneigung, er entgiftet die Menschen. Und er verkündet die frohe Botschaft, dass das Reich Gottes nahe ist.

Vom Sinn des Karfreitags (Joh 19,16b-30)

Der Karfreitag stellt große Anforderungen an unseren Glauben. Wie kann der Gott der Liebe und des Lebens zulassen, was uns heute vor Augen geführt wird? Eine befriedigende Antwort können wir in diesem Leben auf diese Frage kaum finden. Viele sind an dieser Frage auch schon zerbrochen. […]

Wir alle wissen, dass wir früher oder später sterben müssen. Die Tatsache, dass uns Jesus gleichsam "voraus gestorben ist“, kann uns mit der Hoffnung erfüllen, dass auch in unsere letzte Stunde sein Licht fallen wird. "Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!“ lautete das Bekenntnis des Hauptmannes unter dem Kreuz. Möge auch uns diese Erkenntnis in unserer Todesstunde zuteil werden. Die Tatsache, dass uns Jesus im Tod vorangegangen ist, gibt auch unserem Sterben einen tiefen Sinn, den wir aber nur erahnen können. Wir werden eine neue Schöpfung werden, die uns fähig macht, aus der Freude der göttlichen Nähe leben zu können.

Es ist Gott wohl kaum zuzutrauen, dass er seine Geschöpfe in die Welt gesetzt hat, dass sie nach einem […] abwechslungsreichen oder auch eintönigen Leben von dieser Welt abtreten müssen, ohne dass es irgendein anderes Ziel gäbe. Wir können die Botschaft des Karfreitags so zusammenfassen: Es gibt nichts in unserem Leben, das völlig sinnlos wäre. Alles hat seinen letzten Sinn in Jesus Christus, der uns vorangegangen ist.

Keine Kirche, die sich einigelt (Gal 2,11-20)

Man kann die Anfänge unseres Glaubens gar nicht schwierig genug einschätzen. Was soll aus einer Glaubenslehre werden, die einen Gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn ins Zentrum ihrer Verkündigung stellt? Das war aber noch nicht alles. Viele meinten, man müsse die ganze Last der traditionellen jüdischen Gesetze, der Tora, miteinbeziehen. Dazu gehörten beispielsweise die Beschneidung, die Sabbatgesetze, die vielen Reinheits-, Gebets- und Fastenvorschriften. Auch Petrus gehörte zu diesen Kreisen. Er suchte zu viele Kompromisse mit dem alten Judentum. Und so begann man, die Heiden, die zum Christentum gestoßen waren, auszugrenzen. Doch dann schloss sich Paulus/Saulus aus Tarsus der jungen Gemeinde an. Er war zunächst selbst ein Eiferer für das Gesetz der Väter gewesen, stammte er doch aus einer gläubigen jüdischen Familie. Seit der Stunde vor Damaskus war aus ihm aber ein anderer geworden. Christus hat ihn erfüllt und geprägt. Daher sagt er im Galaterbrief "… nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir!“ (Gal 2, 20) Paulus weiß sich zu den Heiden gesandt und kämpft gegen deren Ausgrenzung. Das starre Festhalten an der Tradition und als Folge die Ausgrenzung sind eine Versuchung, die immer wieder besteht.

Wie viele gab es und gibt es, die sich mit einer Kirche, die das 2. Vatikanische Konzil geprägt hat, nicht abfinden können. "Wie schön war doch früher alles!“ In solchen Worten schwingt viel Sehnsucht, viel Menschliches mit. Doch es wäre fatal, solchen Sehnsüchten zu viel Raum zu geben.

Die Kirche ist immer eine Kirche der Zukunft aus dem Heiligen Geist gewesen. Und das muss sie bleiben. Weder dürfen wir nur Vergangenem nachtrauern, noch dürfen wir uns kleinkariert einigeln. Eine Kirche, die sich einigelt, wird zur Sekte.

Wir müssen den Dialog mit allen Menschen suchen, die guten und manchmal auch weniger guten Willens sind, allein schon deshalb, weil es so wichtig ist, die zahlreichen Missverständnisse, die zu Hass und Feindseligkeiten geführt haben, zu entschärfen. Gerade im Zeitalter der Globalisierung brauchen wir die Weite, den offenen Blick. Es kann nicht sinnvoll sein, Mauern zu errichten. Christus ist gekommen, um Mauern zwischen Völkern und Religionen niederzureißen und um offen zu sein für die Anliegen aller Menschen. Gott ist der Schöpfer aller Menschen, aller Zeiten, aller Kulturen.

In Gottes Hand geborgen

Predigtsplitter

Von Heinrich Ferenczy OSB. Hg. von Gerda Schaffelhofer.

Styria premium 2011, 206 Seiten, geb., € 16,95

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