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Ein dreidimensionaler Gott

Das Bild eines "dreifaltigen Gottes", über den die Christen am kommenden Sonntag besonders nachdenken, ist für Juden oder Muslime schwer zu fassen.

Angesichts der weltpolitischen Situation ist der interreligiöse Dialog ein Gebot der Stunde. Dabei geht es primär um die gemeinsame Suche nach dem Verbindenden ohne die Unterschiede zu verschweigen. Doch schon in der so grundlegenden Gottesfrage tun sich Juden und Muslime mit uns Christen schwer. Unser christliches Bekenntnis zum dreieinen Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist hindert sie daran, unsere Religion als absoluten Ein-Gott-Glauben zu verstehen. Können wir ihnen diesen Zweifel übel nehmen, wenn sie von uns hören, dass es in Gott drei Personen gibt? Müssen wir nicht auch Verständnis für ihre Bedenken haben, wenn in unseren Kirchen Darstellungen Gottes zu finden sind, die einen alten Mann zeigen, der den Kreuzesbalken mit seinem hingerichteten Sohn hält und über denen eine Taube als Symbol des Geistes flattert?

Natürlich wissen wir, dass mit den Personen keine eigenständigen Götter gemeint sind und wir wissen, dass etwa das Allerheiligenbild Albrecht Dürers auch vom Künstler selbst nur als Versuch gedacht ist, das eigentlich nicht Darstellbare in ein Bild zu bringen. Und doch ist es unsere Aufgabe, uns kritisch zu fragen, ob unsere Glaubenspraxis nicht da und dort de facto drei Götter im Blick hat und ob die Worte und Bilder, die wir für Gott verwenden, nicht durch weniger irreführende Beschreibungen ersetzt werden könnten.

Dimensionen statt Personen?

Unsere Begriffe sind natürlich immer begrenzt und einseitig, wenn wir vom letztlich unaussprechlichen Gott in neuen Formulierungen reden. Andererseits können diese helfen, Missverständnisse aus der Welt zu schaffen und auf bisher unbeachtete Aspekte zu verweisen. So sei versucht, statt vom Gott in drei Personen vom Gott in drei Dimensionen zu sprechen:

Dimensionen beschreiben normalerweise die Ausdehnung von Körpern in verschiedene Richtungen. Wir reden von Breite, Höhe und Tiefe. Jede dieser Dimensionen hat ihren Eigenwert, sie kann nicht durch die andere Dimension ersetzt werden und doch bleibt zweifellos der Körper ein einziger trotz seiner unterschiedlichen Dimensionen.

Die drei Dimensionen Gottes sind ganz wesentlich, wenn wir von einem Gott der Liebe sprechen, der in sich selbst Liebe ist, wie dies in der Bibel vorausgesetzt ist (1 Joh 4,8.16). Die drei Dimensionen Gottes sind drei Dimensionen der Liebe. Jede dieser Dimensionen ist unverzichtbar und doch ist es nur ein Gott, an den wir glauben. Welche drei Dimensionen sind es, die in Gott vereinigt sind?

Gott als Ursprung

In jedem von uns steckt die Sehnsucht nach einer Wirklichkeit, die diese Welt überragt. Trotz der Erfahrung von Freundschaft, Angenommen-Sein und dem Staunen über die Vielfalt der Natur stoßen wir an die Grenzen irdischen Glücks. Wir sind - um mit den Worten Augustins zu reden - unruhig und rastlos und sehnen uns nach umfassendem Schalom, ewigem Frieden in lebendigem Austausch mit anderen. Der Glaube an die Erfüllung dieses Lebensdurstes ist durch unseren Glauben an den väterlichen und zugleich mütterlichen Gott ausgedrückt. Er ist die Dimension des geliebten Ursprunges und des bleibenden Rückhaltes. Er ist Gott als Schöpfer und lebendiger Begleiter des Menschen. Er ist kein starrer, unbeweglich ferner Gott, an den wir glauben, sondern einer, der uns in allem nahe ist.

Es ist jener Gott, der uns Menschen als seine Abbilder, seine Repräsentanten in dieser Welt geschaffen hat; jener Gott, für den wir so wichtig sind, dass er an uns denkt (Ps 8,5).

Gott als Du

Doch wenn dieser Vater-Gott Liebe ist, dann muss er schon in sich dialogisch Ich und Du sein. Denn Liebe zielt wesentlich auf ein Du. In der gesunden Eigenliebe tritt der Mensch sich gewissermaßen selbst als Du gegenüber: "Ich liebe mich". Auch in der Bibel Israels gebietet Gott, der Mensch möge den anderen lieben "wie sich selbst" (Lev 19,18). Der Mensch tritt also gewissermaßen sich selbst als Objekt der Liebe entgegen. In einem wunderbaren biblischen Vers heißt es, dass Jonatan seinen Freund David liebt "wie sein eigenes Leben" (1 Sam 18,1).

Dementsprechend besagt das Bekenntnis zu Gott dem Sohn, dass Gott nicht erst zur Liebe wurde, als er uns Menschen als Partner erschuf, sondern dass er schon immer selbst Liebe war. Zur Dimension des liebenden Vater-Gottes, der zugleich auch der ganz andere und unsichtbare ist, kommt mit dem Gott-Sohn die Dimension des für uns konkret erfahrbaren Gottes in dieser Welt hinzu. Gott liebt uns so, dass er uns nicht nur von oben herab in distanzierter Gelassenheit einige fromme Lebenstipps gegeben hat. Er ist vielmehr in seiner Liebe mit uns solidarisch geworden und hat auch die negativen Seiten mit uns geteilt.

Selbst wenn wir die Evangelien sehr kritisch befragen, scheint es doch evident zu sein, dass Jesus die Herrschaft Gottes in dieser Welt mit seinem eigenen Wirken als gekommen sieht (vgl. etwa Lk 11,20: "Wenn ich die Dämonen mit dem Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen."). Er ist nicht nur ein Bote Gottes, sondern in ihm handelt Gott selbst. Seine tiefe Bindung an den Vater findet in seinem intensiven Gebetsleben ihren Ausdruck. Er beansprucht eine geistliche Vollmacht, die für viele Zeitgenossen anstößig war.

Viel eindeutiger als die älteren Evangelien spricht Johannes davon, dass Jesus und der Vater eins sind und dass jeder, der ihn gesehen hat, auch den Vater erblickt hat (14,9).

In den biblischen Schriften gibt es noch keine ausdrückliche Lehre vom dreifaltigen Gott. Dennoch sind wesentliche Schritte dahin getan: Die frühen Gemeinden haben die Bezeichnung "Herr" (Kyrios), die vielfach Gott selbst zukam, unbefangen auf Jesus übertragen.

Gott als Begeisterung

Wir wissen, dass jede Begegnung zwischen Ich und Du erst dann wirklich interessant wird, wenn das Zusammensein tief empfundene Freude schenkt. Jede Begegnung bleibt steril und langweilig, wenn der andere keine Ausstrahlung hat, wenn er oder sie einen nicht anrührt und berührt. Partnerschaft wird erst spannend, wenn sie begeistert. Und genau das ist es, was die kirchliche Tradition mit dem Gott-Geist sagen will. Der Heilige Geist ist - so Augustinus von Hippo - das "vinculum amoris", die fesselnde Liebe zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn. Und nicht nur Vater und Sohn bindet der Geist aneinander, er bewirkt auch in uns, dass wir vor Liebe brennen. "Die Hinführung in die Vertrautheit mit Gott geschieht durch den Heiligen Geist", schreibt der Bischof Basilius von Cäsarea schon im Jahr 375. Der Heilige Geist ist also die Dimension der Vertrautheit, der Begeisterung, der Freude an der Beziehung. Diese Erfahrung ist eine personale. Damit ist gemeint, dass der Gläubige diese Faszination der Freundschaft mit Gott bzw. mit dem geliebten Menschen als ein persönliches Geschenk erfährt, als etwas, das er nicht nur selbst geplant und gewollt hat, sondern als etwas, das als Gabe eines anderen da ist. So nennt der Dogmatiker Bertram Stubenrauch den Heiligen Geist den "verschenkten Gott".

In einem Atemzug

Das Neue Testament ordnet diese Erfahrung Gott zu. Es ist sein Geist, der in Jesus wirkt. Die frühen Gemeinden haben in Kurzformeln Vater, Sohn und Geist in einem Atemzug genannt (vgl. Mt 28,19; 2 Kor 13,13).

Gott als Ich und Du, die durch die Freude am Verschenken dieser in sich lebendigen Liebe geeint sind, das ist Gott in den drei Dimensionen. Es ist eine Dynamik, an die wir nicht bloß glauben dürfen, in die wir vielmehr selbst hinein genommen sind, wenn wir dem Wort der Schrift vertrauen. Im Johannesevangelium betet Jesus: "Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast" (17,21).

Der Autor ist katholischer Pfarrer von Am Schöpfwerk in Wien.

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