Nur ein liebendes Herz kann Gott erfahren

Religiosität ist keine rein kognitive Angelegenheit, der Ort der religiösen Erkenntnis ist das Herz. Glaubensüberzeugungen können nicht bloß argumentativ vermittelt - und dürfen nicht erzwungen werden. Vielmehr geht es dabei stets um ganz persönliche Entscheidungen.

Wenn Religiosität eine rein rationale Angelegenheit wäre, hätte sich längst die Religion behauptet, welche die überzeugendsten Argumente vorbringt. Religionen sprechen jedoch etwas anderes in uns an. Der Ort der Religiosität ist das Herz des Menschen. Religiosität ist an erster Stelle eine emotionale Angelegenheit. Nur das Herz, das bereit ist, Emotionen zu entfalten, ist in der Lage, Religion zu schmecken. Denn Gott leuchtet im Herzen des Menschen. Der Koran spricht das Herz des Menschen an. Das will er läutern, darin sieht er eine Erkenntnisquelle für das Schöne, Menschliche, Emotionale, Empathische, Zuvorkommende, aber auch für das Spirituelle: "Wahrlich, nicht die Augen erblinden, sondern die Herzen in der Brust“ (Koran 22:46).

•Religiöse Erziehung ist Erziehung zur Liebe

Der Prophet Mohammed betont, dass der Ort der Frömmigkeit im Herzen ist. Frommsein heißt in diesem Sinne, dass das Herz für die Liebe empfänglich ist. Und das ist nur das demütige Herz, das keinen Hochmut kennt. Religiöse Erziehung beginnt daher mit der Erziehung des Herzens zu einem für die Liebe empfänglichen Medium. Dies geschieht schon in jüngsten Jahren, indem das Kind durch die Berührungen der Eltern Liebe, Geborgenheit und Vertrauen erfährt. Religiöse Erziehung beginnt mit diesen ersten Erfahrungen. Nur ein Herz, das Liebe erfahren hat, kann Liebe entfalten. Nur ein Herz, das Liebe kennt, kann für Liebe empfänglich sein.

•Nein zu religiöser Erpressung

Ein Student erzählte mir, dass er in der Moschee regelmäßig vom Imam geschlagen und beschimpft wurde, wenn er Fehler bei der Wiedergabe auswendig gelernter Koranverse gemacht hatte. Er sagte ihm: "Wenn du den Koran nicht richtig auswendig kannst, wie willst du, dass Gott dich liebt?“ Der Imam hätte sich fragen sollen, wie ein junger Mensch, der im Namen einer Religion erniedrigt wird, jemals Gott aufrichtig lieben lernen wird. Kinder werden von einigen Erziehern mehr oder weniger mit Mitteln der physischen und emotionalen Gewalt zur Religiosität "gezwungen“ und es wird von ihnen verlangt: "Du sollst Gott mehr als dich selbst lieben!“ Diese Erzieher begehen gleich mehrfach Verbrechen gegen diese jungen Menschen, ja, gegen den Islam selbst. Sie verstümmeln das Bild von Gott in den Köpfen. Gott wird als gewalttätige, angsteinflößende Gestalt wahrgenommen. Wie soll man so eine Gestalt aufrichtig lieben?! Dahinter steht das Verständnis, in der Beziehung zwischen Gott und Mensch gehe es letztlich darum, dass die Menschen die von Gott verkündeten juristischen Maßnahmen befolgen. Dem liegt die Vorstellung von einem restriktiven Richtergott zugrunde, dem es hauptsächlich um sich selbst geht, um die Befolgung seiner Vorschriften als Mittel seiner Verherrlichung, der zornig wird, wenn er das Gefühl hat, er werde nicht zur Genüge verherrlicht.

•Gott hat uns das "Ja-Wort“ gegeben

Es ist ein Unterschied, ob man glaubt, Gott verlange etwas von dem Menschen oder etwas für den Menschen. Ihm geht es keineswegs um sich selbst, sondern um den Menschen. Er freut sich für ihn und mit ihm, wenn es ihm gut geht, und ist in Sorge, wenn es ihm schlecht geht. Er begleitet ihn auf dem Weg seiner Vervollkommnung, denn was er anstrebt, ist die Aufnahme der Menschen in seine Gemeinschaft. Eigentlich hat sich Gott dafür entschieden, alle Menschen in seine Gemeinschaft aufzunehmen. Es obliegt dem Menschen selbst, ob er diese Einladung annimmt oder nicht, ob er "Ja“ zu Gott sagt oder nicht. Gott selbst hat längst schon in der Ewigkeit "Ja“ zum Menschen gesagt. Die göttliche Verkündigung will unser Herz zum Guten gewinnen, zum absolut Guten, zur ewigen Gottesgemeinschaft - wo es eigentlich hingehört. Es gibt mehrere Motive, das Gute zu tun und das Schlechte zu unterlassen: In der heteronomen Ethik geht es um eine Fremdbestimmung von Gut und Böse. Geboten oder verboten ist das, was vorgegeben wird (z. B. für Soldaten). Im Utilitarismus geht es um den Wert der Nützlichkeit einer Sache. Gut ist, was nützlich ist. Im Eudämonismus geht es um die Glückseligkeit des Menschen. Demnach ist gut, was zur Glückseligkeit des Menschen (auch im Jenseits) beiträgt. Was der Islam anstrebt, ist noch etwas anderes. Er will, dass das Streben nach dem Guten eine innere Haltung wird, dass der Mensch das Gute um des Guten willen verrichtet.

•Religiöse Bevormundung versiegelt das Herz

Es ist keineswegs verwerflich, sich über seine Religion zu informieren und die unterschiedlichen Positionen miteinander zu vergleichen. Wichtig ist jedoch, dass die endgültige Entscheidung nicht getroffen wird, weil X oder Y dies oder jenes gesagt hat, sondern weil man davon überzeugt ist. Diese Entscheidung kann nicht an Dritte delegiert werden. Daher sagte der Prophet Mohammed zu einem Mann: "Frag dein Herz, egal, was sie dir an Fatwa mitteilen, egal, was sie dir an Fatwa mitteilen, egal, was sie dir an Fatwa mitteilen!“ Die dreimalige Wiederholung ist ein Appell an jeden Menschen, seine Entscheidungen selbst zu verantworten.

Ich betone bewusst diesen Aspekt der geistigen Befreiung, da sehr vieles von dem Unheil, das wir in der islamischen Welt und unter Muslimen erleben, auf eine geistige Abhängigkeit zurückgeht, die zwischen den Muslimen und sich selbst steht. Wenn sich ein Sunnit in einer schiitischen Moschee im Irak in die Luft sprengt, oder umgekehrt ein Schiit in einer sunnitischen Moschee, und dabei viele Betende mit in den Tod reißt in der Vorstellung, er tue damit Gott einen Gefallen; wenn ein Muslim einem anderen Muslimen seinen Glauben bzw. seine Religiosität abspricht oder diese in Frage stellt; wenn ein Muslim bereit ist, alles, sogar sein Leben, für seinen politischen Verband, seine politische Partei oder seine Gruppierung unhinterfragt zu opfern: dann ist er ein geistiger Sklave, weil er unreflektiert handelt. So entstehen verblendete Loyalitäten, durch die Menschen bereit sind zu töten, zu entwürdigen, zu diskreditieren, ohne zu wissen warum. Man lässt sich von der eigenen Partei, dem eigenen Verband, dem eigenen Lehrer versklaven. Man tut das, was erwartet wird, einfach weil man dazugehört. Der Mensch verschenkt so seinen Geist, er verliert alles und an erster Stelle sich selbst: "Sag [Mohammed]: ‚Sollen Wir euch die kundtun, die Verlierer sind ob ihrer Werke, die, deren Bemühung verfehlt ist im diesseitigen Leben, während sie meinen, sie täten Gutes?‘“ (Koran 18:103).

Wer einfach anderen folgt und unhinterfragt mitmacht, verpasst die Chance, Gott selbst kennen, lieben und ihm vertrauen zu lernen. Niemand kann stellvertretend für einen anderen Menschen Gott lieben und seine Liebe erfahren. Diese Erfahrung muss jeder religiöse Mensch selbst machen. Andernfalls stirbt das Herz ab, der Ort der Liebe, des Vertrauens und der Geborgenheit. Wer seine Religiosität im Folgen eines anderen definiert, lässt sein eigenes Herz auf der Strecke. Gott muss man schmecken, Gott muss im Herzen ankommen, erst dann beginnt Religiosität. Erst wenn das Herz von Liebe erfüllt ist, beginnt Gotteserfahrung. Religiosität ist keineswegs eine rein kognitive Angelegenheit, sie findet ihren Ausdruck im Pulsieren des Herzens, in der Demut des Menschen. Dazu dichtete Rumi:

Blicken auf das Herz, ob’s demutsvoll, / ob das Wort auch frech sei, fehlervoll. / Denn das Herz, das ist ja die Essenz, / und die Erde ist nur Akzidenz. / Der Liebe Reich ist anders als alle Religionen. / Den Liebenden ist Gott ihr Reich und Religionen.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster

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