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Wir haben gelernt

1945 1960 1980 2000 2020

Was unlängst ein katholischer Theologe im „Club 2“ zur Debatte um das Salman-Rushdie- Buch „Satanische Verse“ sagte, schien der FURCHE dokumentierenswert.

1945 1960 1980 2000 2020

Was unlängst ein katholischer Theologe im „Club 2“ zur Debatte um das Salman-Rushdie- Buch „Satanische Verse“ sagte, schien der FURCHE dokumentierenswert.

Ich sitze hier als ein doppelt Betroffener. Ich glaube an den Gott Abrahams, ich glaube an den Gott Jesu, ich glaube an den Gott der Moslems. Ich kann in dieser Situation die Betroffenheit jedwedes Angriffes auf das glaubende Gefühl eines Moslems odei} eines Juden oder eines Christen sehr gut verstehen. Ich bin auch Theologe, ich versuche, Gott zu bedenken und, soweit das einem Menschen möglich ist, zu verstehen. Denselben Gott, an den Sie glauben, an den die Juden glauben, an den ich glaube.

Ich bin ein abendländischer Mensch unserer Denktradition. Ich kenne unsere Geschichte, ich kenne unsere Erfahrungen, ich weiß, was alles auch Religion im Namen Gottes angestellt hat. Jedenfalls bei uns und, soweit ich es verstehe, auch anderswo. Auch glaubende Menschen haben dazu beigetragen, im Bedenken Gottes Lehren zu ziehen aus den Quellen des Glaubens, die zum Teil gemeinsame Quellen sind. Und von hier verstehe ich die tiefe Betrof- .fenheit und teile sie, daß unabweisbar der Eindruck entsteht, daß Leben nicht mehr unantastbar sein soll.

Wir sollen uns hier richtig verstehen, unsere christliche Geschichte hat eine unglaublich große Menge von Vergehen gegen diesen Grundsatz. Sagen wir die Themen: Kreuzzüge, um ein gemeinsam betreffendes zu sagen, sagen wir das Thema Inquisition, sagen wir ein Thema, das zum Teil in den Bereich der Religion gehört, der Hexenwahn, das sind Dinge, die unsere Geschichte belasten. Ich will nicht in der Ge schichte anderer jetzt zu suchen anfangen.

Wir haben lernen müssen, auch wir glaubenden Menschen, daß das offenbar nicht Gott zutraubar ist, daß Gott solches wollte. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Wir Theologen haben versucht, auch nachzudenken, was wir Gott hier in die Schuhe geschoben haben, und ich versuche das einmal auf einen kurzen Nenner zu bringen, das Wort ist schon gefallen. Jedwedes fundamentalistische Verständnis des Wortes Gottes führt zu absurden bis zu widergöttlichen Konsequenzen.

Das haben wir gelernt. Wir Christen in unserer Tradition zum Beispiel aus dem Evangelium, aus der Spur Jesu, der auch für Sie nicht ohne Bedeutung ist. Wir versuchen unsere Schlüsse daraus zu ziehen. Wir sind verantwortlich, daß Menschen bei uns nicht mehr an Gott glauben. Und in der Solidarität mit den Moslems, mit den Juden fühlen wir uns mitbetroffen vom Entsetzen von Menschen, die nicht mehr an Gott glauben, wenn solche Konsequenzen sind.

Ich bin froh, daß Sie uns berichten, daß Khomeini nicht das Kopfgeld ausgesetzt hat, daß der Iran und staatliche Stellen das Kopfgeld nicht ausgesetzt haben. Aber ich muß Ihren Worten entnehmen, daß ein gläubiger Moslem Kopfgeld aussetzt. Das ist für einen Christen meiner Denktradition furchtbar. Wir haben in einer leidvollen Geschichte gelernt, daß

Gott, der Lebendige, Ihr Gott, unser Gott, daß er allein der Herr ist über das Leben.

Man hat in der Geschichte unserer gemeinsamen Religionen aus dem Judentum, unserer gemeinsamen Mutter, aus dem Christentum, der Tochter des Judentums, aus dem Islam, der anderen Tochter des Judentums, wir haben lernen müssen, daß in dieser Geschichte weiterzudenken ist, gerade in dieser Frage. Ich erinnere die Menschen meiner christlichen Tradition an die Geschichte, die von Jesus überliefert wird in einem Fall, in dem eine Jüdin zu steinigen war. Das ist eine Geschichte, die jedem von uns tief unter die Haut geht. Das Gesetz wird nicht bestritten. Es wird gefragt, wer ohne Sünde ist, der möge den Steinigungsakt beginnen. Und dann seien alle fortgegangen. Und Jesus habe weder die Sünde gelobt, noch den Stein geworfen.

Ich frage mich als Christ noch etwas. Ich kann den Gedanken schwer vollziehen, daß es mir als

Geschöpf möglich ist, Gott zu beleidigen. Ich kann sündigen gegen ihn. Von Paulus, einem der Großen unserer ersten Tradition, weiß ich, daß die Strafe der Sünde die Sünde selbst ist, die den Sünder zerstört. Ich frage mich, ob wir in das Gericht des Allbarmherzigen in der Weise eingreifen sollten — ich weiß nicht, ob diese Medienmeldungen stimmen, man müsse einen solchen in die Hölle schik- ken. Das ist, glaube ich, allein die Angelegenheit des Allbarmherzigen.

Ich bitte die Menschen meiner Tradition um wirkliches Verständnis für die Betroffenheit religiöser Menschen, ich bitte Sie anderen, die ich Sie auch als Glaubensbrüder betrachte, um Verständnis für die ganz tiefe Betroffenheit in jenem Fall, auch als Staatsbürger dieses kleinen Landes. Wir haben lange genug darum gekämpft, daß niemand Fremder uns hereinregieren, hereinpfuschen oder hereinmorden darf. Ich möchte das nicht mehr erleben, und ich würde Sie alle sehr, sehr bitten, sich genau dasselbe nicljt gefallen zu lassen, von irgend jemand anderem in Ihr Land hineinwirtschaften zu lassen, geschweige denn in einer solchen Frage.

Solche Sachen geschehen in der Politik, solche Sachen geschehen immer wieder in einer räuberischen Weise, aber um Gottes Willen nicht im Namen des Glaubens.

Der Autor ist Professor für Neutestament- liche Bibelwissenschaft an der Universität Salzburg.

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