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„Mein Gott, warum hast du . mich verlassen?”

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Die Frage nach dem Leid gehört zu den Grundfragen aller Religionen. Welche Antworten werden in Judentum, Islam und Buddhismus gefunden?

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Die Frage nach dem Leid gehört zu den Grundfragen aller Religionen. Welche Antworten werden in Judentum, Islam und Buddhismus gefunden?

Warum muß der gläubige Mensch Leid erdulden? Weshalb müssen Unschuldige oder Kinder - Stichwort sexueller Mißbrauch, Elend in Dritte-Welt-Ländern - leiden? Wie konnte ein liebender Gott Auschwitz zulassen?

Menschliches Dasein ist untrennbar mit Leid verbunden. Und doch versprechen alle Religionen das Heil, die Erlösung vom I .eiden. Aber sie tun es auf verschiedene Weise und genauso unterschiedlich antworten sie auf die Frage nach dem Sinn menschlichen Leidens.

Im Judentum wird besonders seit der Schoa, der Vernichtung von Millionen von Juden unter dem NS-Re-gime, heftig um Antwort gerungen, so Ferdinand Dexinger vom Institut für Judaistik der Universität Wien. Denn sie hat Gläubige ebenso wie Ungläubige getroffen. Gottesglaube und religiöses Leben bewahren also nicht vor der Härte des Schicksals. Das Theodi-zee-Problem - die Frage, wieso ein allmächtiger Gott das Leid zuläßt -wird bereits im Alten Testament und in Talmud und Mischna, den Schriften der mündlichen Tradition, diskutiert. Denn Gott als der Schöpfer der Welt ist verantwortlich für die Folgen, somit auch für das Leid. Das jüdische Verständnis ist in der Ribel vor allem im Ruch Hiob dargelegt. Zur Zeit seiner Abfassung im 4. Jh. v. Chr. war die mögliche Antwort einer Erlösung vom Leid durch die Auferstehung im Jenseits noch nicht vorhanden. Nach dem Verlust von Resitz, Familie und Gesundheit lehnt sich Hiob in seiner Verzweiflung gegen Gott auf und will mit ihm rechten, da er sich für schuldlos hält. In seinem Gefühl der Gottverlassenheit gleicht er dem modernen Menschen. Doch im Streit erkennt er seine Kleinheit und Reschränktheit angesichts der Größe des Kosmos und der universalen Macht des Schöpfergottes: „Ich erkenne, daß du alles vermagst.” Re-scheiden fügt er sich nun in sein Schicksal und wird daraufhin gesegnet. Erst später entstand der Gedanke einer ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits. Im 12. Kapitel des Ruches Daniel heißt es, daß die Toten am Ende der Zeit wiederauferstehen werden und es zur Vergeltung ihrer Taten kommt. In den biblischen Texten finden sich weitere Antworten für den Sinn des Leidens. So der Gedanke, daß das Leid eine Prüfung Gottes sei, die der Läuterung der Gerechten diene. Daß Leid eine Vergeltung für begangene Sünden sei und damit gleichzeitig eine Mahnung zur Vermeidung weiteren Unrechts. Es veranlaßt den Menschen, seine Handlungen zu überprüfen und zur geistigen Umkehr zu gelangen. Leid kann aber auch als eine Revorzugung durch Gott gesehen werden, durch die der Gläubige Zeugnis ablegen kann. Das Leiden Unschuldiger kann als stellvertretende Funktion verstanden werden, um für Verstorbene zu sühnen. Auf die Frage, wo Gott während der Schoa gewesen sei, antworten moderne jüdische Autoren unterschiedlich. Gott habe sein Antlitz verborgen und eine Generation für ihre Sünden bestraft, ist eine Antwort. Der Mensch könne den verborgenen Sinn nicht erkennen. Dieser sei ein Geheimnis der göttlichen Vorsehung und die einzige Antwort daher Schweigen, lautet eine andere. Jn Auschwitz habe Gott wie am Sinai gesprochen. Der Mensch habe dort wie Jakob mit Gott gerungen und so den Dialog mit dem göttlichen Du aufrechterhalten, ist eine dritte Variante. Oder: Gott ist tot, in Auschwitz verbrannt und der Mensch ist nun von Gott verlassen.

In der islamischen Theologie wird Leid als Strafe für begangene üble Taten gesehen: Sie tritt sowohl in diesem Leben als auch nach dem Tod in der kommenden Welt ein. Denn Allah, der vollkommen gerechte Gott, richtet am Tag des Urteils über die Menschen. Da jede Strafe durch die eigenen Fehler verdient ist, frevelt der Gläubige gegen sich selbst, wenn er sündigt. Die größte Sünde ist allerdings der Unglaube, der auch das höchste Leiden nach sich zieht - in Form von Seelenqualen. So lebt der Mensch in Furcht vor der trafe Gottes, aber auch im Vertrauen auf seine Rarmherzigkeit. Denn Allah ist nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig, und diese Eigenschaft genießt nach Meinung muslimischer Theologen Priorität vor seinem Zorn. Wer umkehrt, findet Gnade vor seinen Augen, so daß die Strafe in der Hölle erlassen wird. Leid wird im Islam aber auch als Prüfung, als Glaubensprobe verstanden. Reson-ders die Frommen müssen leiden, wie das Reispiel von Jakob, Hiob und Abraham im Koran zeigt. Durch eine leidvolle Situation prüft Allah den Gehorsam und die Geduld der Gläubigen. Im mystischen Islam, im Su-fismus, ist das Leiden eine Möglichkeit, seine Liebe zu Gott zu verwirklichen. Das Leid wird dann zu einer Quelle der Freude. Denn der Märtyrer wird durch Gott belohnt werden: „Wen ich liebe, den züchtige ich.” So wird das Leiden als „das schnellste Pferd” gesehen, das zur Vollkommenheit führt, weil dadurch die menschliche Seele reift. Im schiitischen Islam wird der Gläubige aufgefordert, das Leid anzunehmen im Gedenken an die Ermordung Husains, Mohammeds Enkel. Durch das eigene Leid nimmt der Gläubige Anteil am Leiden des früheren Propheten. In der Schia wurde jedoch noch eine weitere Idee entwickelt: daß Gott in Form einer kommenden Erlösergestalt, Mahdi genannt, auftauchen und in die Welt eingreifen wird, um das erlittene Unrecht wiedergutzumachen.

Sehr verschieden von den monotheistischen Religionen ist die Erklärung der buddhistischen Lehre. Laut ihr ist die Welt durch Leiden, Dukkha, charakterisiert. Leiden in Form von Krankheiten, dem Alterungsprozeß und Tod prägen das menschliche Leben. Durch das Kar-magesetz - jede Tat zieht eine entsprechende Wirkung nach sich - ist der Mensch im endlosen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt gefangen. Denn durch seine Gier, mit der er an den weltlichen Dingen hängt, kreiert er ständig neues Karma, das eine erneute Wiedergeburt bewirkt. So ist der Mensch auf Dauer dem Leiden in der Welt ausgesetzt, wenn es ihm nicht gelingt, diesen Kreislauf zu durchbrechen und seine Existenz völlig zum Erlöschen zu bringen. Durch das Erreichen dieses Nirvana ist man für immer vom Leid befreit. Das Ziel kann nur durch das Aufgeben aller Anhaftung und Regierden erreicht werden. Der Mensch ist also selbst verantwortlich für das Erreichen eines andauernd leidfreien Zustandes. Genauso wie er für sein Leid selbstverantwortlich ist, da es das Resultat früherer Taten ist.

So sollen Ruddhisten allen Haß überwinden, Geduld und Gleichmut entwickeln und durch richtiges Verhalten entsprechend den ethischen Regeln nach und nach ihr negatives Karma abtragen. Das Ego soll überwunden und ein Zustand der Ichlo-sigkeit erreicht werden. Dieser enthält anhaltenden, inneren Frieden und Glückseligkeit.

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