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Kirche als Hoffhungsort

1945 1960 1980 2000 2020

Für das Wiener Diözesanfo- rum formulierte Paul Zuleh- ner unlängst - ausgehend vom Philipperhymnus (Phil 2,5-11) - viele Fragen, die weit über Wien hinaus Ak- tualität haben.

1945 1960 1980 2000 2020

Für das Wiener Diözesanfo- rum formulierte Paul Zuleh- ner unlängst - ausgehend vom Philipperhymnus (Phil 2,5-11) - viele Fragen, die weit über Wien hinaus Ak- tualität haben.

Es ist leicht behauptet, daß dann, wenn Gott selbst die Mitte der Kirche ist, alle untereinander gott- verwandte Schwestern und Brüder sind. Was aber offenbar in der Kir- che nur schwer gelingt ist die in Gesinnung und Taten gelebte Ge- schwisterlichkeit. .. -Die Kirchenkonstitution „Lumen gentium" (Nr. 32) betont, daß auf- grund der Wiedergeburt in Jesus Christus (also wegen des Ineinan- der von Gott und Mensch) unter allen Gläubigen eine wahre Gleich- heit an Würde besteht. Wie steht es um diese „vera aequitas quoad dignitatem" in unserer Kirche von Wien: zwischen Frauen und Män- nern, zwischen den lebensmäßig Erfolgreichen und den aus Schuld und Tragik Gescheiterten? Welche Personen haben in unserer Kirche kein Ansehen? Haben die Kirchen- mitglieder ein folgenreiches Be- wußtsein ihrer Würde? Sind sie stolz, die „Perle gefunden zu ha- ben" (Mt 13,46)?

- Eng mit der gleichen Würde aller ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Gleichheit an Berufung verbunden (vergleiche CIC cn 208). Damit ist nicht behauptet, daß alle dieselben Aufgaben zu erfüllen haben. Aber deshalb gibt es im Volk Gottes keine Unberufenen. Jede und jeder ist zu etwas gut... Kennen wir alle unsere Begabungen? Wissen wir uns dafür verantwortlich, sie zu entfalten und in der Kirche einzu- bringen? Schaffen wir ausreichend Platz für jene Begabungen, die bis- her wenig zum Zuge kamen: jene der Frauen, die Begabungen der Jugendlichen, die Gaben, die Gei- ster zu unterscheiden, Frieden zu stiften, zurechtzuweisen, ein kri- tisch-prophetisches Wort zu sagen?

- Wenn Gott jedem Kirchenmit- glied eine je eigene Begabung zum Wohl der ganzen Kirche von Wien (und darüber hinaus für die Welt- kirche) gegeben hat, folgt daraus die Pflicht zur Teilnahme, zur Par- tizipation. Wie steht es um diese Bereitschaft bei den Kirchenmit- gliedern? Wie wird diese Pflicht auch ermöglicht? Gibt es ausrei- chende Formen der Mitsprache? Wie wird mit dem Rat von Gremien umgegangen: und das auf allen Ebenen der Kirche von Wien? Können wir dem Grundsatz zustim- men, daß es in der Erzdiözese kei- nen Entscheidungsvorgang ohne Beteiligung der von der Entschei- dung Betroffenen geben darf?

- Geschwisterlichkeit gibt es nicht ohne Verbindlichkeit... Wieviel lebensmäßige Verbindlichkeit folgt für die Kirchenmitglieder aus ihrer gläubigen Verbundenheit? Leiden die Pfarrgemeinden nicht unter einem tragischen Mangel an Ver- bindlichkeit? Wissen wir uns bei- spielsweise dafür verantwortlich, daß die Gemeinde, der mich Gott hinzugefügt hat (vergleiche Apg. 2,47) ohne meine vorhersehbare Anwesenheit auf die Dauer ihre Gottesdienstfähigkeit verliert?

- Ein auch für unser Diözesanfo- rum bedeutsamer Zug am Mitein- ander im Umkreis Jesu ist die Art, wie wir Konflikte austragen. Dabei ist das Übel nicht, daß es Konflikte gibt. Sie können auch Anzeichen von Wachstum sein. Auf Friedhö- fen gibt es keine Konflikte. Aber wie tragen wir unsere Konflikte aus? Halten wir uns an die Regel der Matthäusgemeinde (Mt 18,15-20), daß zunächst die Betroffenen unter vier Augen miteinander reden, sodann Beratung durch Dritte ge- sucht wird. Und erst, wenn das al- les nichts nützt, steht der Weg in die Öffentlichkeit offen. Streiten wir so, daß es keine Verlierer gibt, nie- mand das Gesicht verliert?

- Zum Themenkreis der Geschwi- sterlichkeit gehört auch der Stil der Amts- und Autoritätsausübung. Wird Amt nach den biblischen Leitbildern ausgeübt: in der Art der Fußwaschung (Joh 13), als Dienst an den Tischen (Lk 22,24-27), wie bestellte Hirten, die beim rich- tigen Tor eintreten und zusehen, daß es den einzelnen Schafen mög- lichst gut geht, sie sich also entfal- ten können (Ez 34; Joh 10)?...

- Zum Miteinander zählt die Öku- mene. Welche Bereitschaft gibt es in unserer Kirche, gemeinsam zu beten? Verwirklichen wir die Ein- heit dort, wo sie schon möglich ist?...

- Eine neue Dimension des Mitein- ander hat die wie ein Wunder statt- gefundene „Wende" in Osteuropa erschlossen. Sind die Pfarrgemein- den und Vereinigungen wachsam genug? Kennen sie die Lage der Christen nach vierzig Jahren Ver- folgung der einen und vierzig Jah- ren Opportunismus der anderen? Können wir sie behutsam begleiten auf ihrem Weg in die überraschend gewonnene Freiheit? Sind wir be- reit, auch von ihren oft schmerzli- chen Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten zu lernen? Welches Verhältnis haben wir selbst zur Freiheit?

Im Umkreis Gottes, dort also, wo das Reich Gottes spurenhaf t ange- fangen hat, weil Gott selbst mitten unter uns ist, erhalten wir die Kraft zu einem neuen Füreinander. Ich greife zwei Aspekte dieses Fürein- ander heraus: die Caritas und die Politik. In den Bildern des Gleich- nisses vom barmherzigen Samari- tan: Es gilt, caritativ die Opfer des Unrechts zu versorgen und es gilt ebenso, politisch zu verhindern, daß es morgen immer noch so viele Op- fer des Unrechts gibt.

Vor allem unsere Pfarrgemein- den leiden zur Zeit unter einem Mangel sowohl an caritativem Tun wie an politischer Praxis. Die Cari- tas ist an eine gut arbeitende Orga- nisation ausgelagert, die Politik wiederum wird mit Frömmigkeit und Gemeindeleben kaum in Ver- bindung gebracht.

Die europäische Tradition kann- te über Jahrhunderte hinweg die Lehre von den himmelschreienden Sünden." Zum Himmel schreit das Blut des gemordeten Abel (Gen 4,10, die Verletzung des Gastrechts durch die Sodomiter (Gen 19), die Unter- drückung Israels in Ägypten (Ex 3,7-10), die Ausbeutung der Frem- den, Witwen, der Waisen (Ex 22,20-22) und der Lohnarbeiter (Jak 5,1-6). Gott ist aufmerksam auf ihren Schrei und tritt machtvoll für sie ein. Für den Evangelisten Lukas ist das Wirken Jesu ein Teil an die- ser Leidenschaft Gottes für die Armgemachten (Lk 4,16-20).

Das Einswerden mit diesem Gott Jesu läßt Gottes Leidenschaft für die Armgemachten auf uns über- springen. Daraus ergeben sich an uns wieder weitreichende Fragen:

- Können auch wir sagen, was Gott angesichts des unterdrückten Volks Israel zugeschrieben wurde: „Ich kenne ihr Leid" (Ex 3,7c)? Kennen wir die vielfältigen Leidensge- schichten der Menschen rund um uns? Die Leiden der Scheidungs- waisen und ihrer verlassenen Müt- ter und Väter? Die Leiden derer, die in Altenschließfächern hausen und niemanden haben, der sie aus ihrer Vereinsamung befreit? Kennen wir die Leiden der Arbeitslosen, der vielen Flüchtlinge, der Lehrlinge, der Ungeborenen und ihrer Väter und Mütter, der vergewaltigten Frauen und Kinder? Wissen wir um die Leidensgeschichte der Hungern- den in der Südhälfte der Erde? Kennen wir die Leiden der Schöp- fung, die seufzt und in Wehen liegt? Sehen wir in all diesen Leidensge- schichten das leidende Antlitz un- seres Herrn, der gehorsam wurde bis zum Tod, und dessen Leiden sich in den vielfältigen Leidensge- schichten bis auf den heutigen Tag fortsetzt?

- Treten auch wir, in Gottes Art, machtvoll für die Armgemachten ein? Wagen wir es, um der Gerech- tigkeit willen, parteiisch zu sein, oder unterlassen wir unseren Ein- satz aus Angst und Feigheit, wie Johannes Paul II. befürchtet, wenn er in Sollicitudo rei socialis schreibt: „Weder Verzweiflung noch Pessi- mismus oder Passivität sind des- halb zu rechtfertigen. Auch wenn es bitter klingt, muß man sagen, daß man, wie durch Egoismus und übersteigertes Verlangen nach Ge- winn und Macht angesichts der be- drängenden Nöte von ungezählten Menschen im Bereich der Unterent- wickhing auch durch Angst, Un- entschlossenheit und im Grunde durch Feigheit sündigen kann."2'

- Sind wir schließlich bereit, mit- zuleiden? Solches Mitleiden ist mehr als Mitleid. Mitleid kann sich immer noch damit verbinden, daß wir un- betroffen bleiben und uns heraus- halten. Mitleiden aber hat zur Fol- ge, daß auch uns Leid aufgelastet wird. Der Philipperhymnus sagt von Jesus, daß er das Kreuz auf sich nahm: unseres. Sind wir bereit, das Kreuz anderer wirksam mitzutra- gen? An wessen Seite stehe ich persönlich? Wessen Kreuz trage ich, trägt meine Gemeinde, trägt die Kir- che von Wien mit? Wer kann aufat- men, weil es uns gibt? Für wen sind wir ein Segen?

1) „Clamitat ad coelum vox sanguinis et Sodo- morum; vox oppressorum, merces detenta labo- rum": P. Canisius, Catechismus, Coloniae 1560, 195.

2) Johannes Paul II., Sollicitudo rei socialis, Rom 1987, hg. von Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1988, 58.

Der Autor ist Ordinarius für Pastoraltheolo- gie an der Universität Wien. Auszug aus einem Referat vor den Delegierten des Wiener Diöze- sanforums, dessen 2. Vizepräsident Zulehner ist, im März 1990.

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