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"Lasst euch mit Gott VERSÖHNEN"

1945 1960 1980 2000 2020

Warum Gott nicht durch das Opfer seines Sohnes "umgestimmt" werden musste: Plädoyer für eine andere Auslegung der Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu.

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Warum Gott nicht durch das Opfer seines Sohnes "umgestimmt" werden musste: Plädoyer für eine andere Auslegung der Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu.

Das Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32) soll uns sagen, wie Jesus das Verhalten Gottes zu den Sündern verstanden hat: Der Vater verlangt vom heimkehrenden Sohn keine Sühneleistung, bevor er ihn wieder aufnimmt, sondern läuft ihm entgegen und fällt ihm um den Hals. Es ist unmöglich, von diesem Vater anzunehmen, dass er vom daheimgebliebenen Sohn ein Opfer - womöglich sogar die Hingabe seines Lebens - verlangt hätte, als Gutmachung für den Schaden und die Kränkung, die ihm der "verlorene Sohn" zugefügt hatte.

Auf eine solche Vorstellung läuft aber unsere traditionelle Auffassung von der Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu hinaus. Demnach musste dieser als der treue Sohn Gottes jenes grausame Leiden und Sterben auf sich nehmen, um an unserer Stelle Sühne für unsere Sünden zu leisten und dadurch für uns die Vergebung Gottes zu erreichen, die dann von den einzelnen Menschen noch angenommen werden muss (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 613-617 und 1992). So hat bereits Paulus in seinen Briefen den Tod Jesu verstanden; vgl. Röm 5,19 und 8,3 oder 2 Kor 5,21, wo es von Gott heißt: "Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden." Paulus deutet hier den Tod Jesu im Sinn der Vorstellungen vom Sühneopfer im Alten Testament (vgl. Jes 53,1-12). Wenn man dies kritisch betrachtet, dann hat Paulus offensichtlich das jüdische Gesetzesdenken, das er nach seiner Bekehrung bekämpfte, nicht völlig überwunden. Denn nach ihm hat Gott an Jesus Christus noch im Sinn des Gesetzes gehandelt, um uns unsere Sünden vergeben zu können: "Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist" (Gal 3,13; vgl. Gal 4,4 f.).

Germanisches Rechtsdenken

Diese Auffassung von göttlicher Gerechtigkeit wurde vom christlichen Osten nicht rezipiert. Im Westen jedoch wurde sie durch Anselm von Canterbury auf der Basis des germanischen Rechtsdenkens noch vertieft. Nach dieser Lehre richtet sich die Größe der Schuld nach der Würde der beleidigten Person. Demgemäß ist die Sünde als Beleidigung Gottes eine unendliche Schuld, die kein Mensch gutmachen kann. Daher musste Gott selbst in seinem Sohn Mensch werden, um durch seinen Tod die Schuld der Menschen zu sühnen und so die Vergebung Gottes für uns zu ermöglichen.

Gibt es nun eine andere Sicht der Heilsbedeutung des Todes Jesu für die sündigen Menschen, die eine solche Vergeltungslehre überwindet und damit dem Gottesbild entspricht, das dem Gleichnis vom barmherzigen Vater zugrundeliegt? Ein solches besseres Verständnis könnte an 2 Kor 5,19 f. anknüpfen, wo Paulus schreibt: "Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat [...] Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!" Selbst wenn damit nach dem folgenden Vers 5,21 (vgl. oben) gemeint wäre, dass wir die Wirkung des Sühneopfers Jesu annehmen sollen, kann man diese Sätze auch für sich allein lesen. Dann ist nicht die Rede davon, dass Gott mit uns durch den Tod Jesu versöhnt, also umgestimmt werden muss, sondern davon, dass wir uns mit Gott versöhnen, also umstimmen lassen sollen. Wie wäre das zu verstehen?

Wir sind als begrenzte, endliche Wesen dem Leid und dem Tod ausgeliefert und sind durchaus berechtigt, dies dem Wirken Gottes zuzuschreiben, auf den wir unser Dasein zurückführen. Wir wurden nicht gefragt, ob wir auf die Welt kommen wollen in ein begrenztes und oft leidvolles Leben, das im Tod endet. Weder Gott noch unsere Eltern konnten uns diese Frage stellen, bevor wir existierten. Die Auflehnung in der Pubertät ist letztlich ein Protest gegen die Zumutung, die Mühsal des Lebens auf sich zu nehmen.

So stehen wir unvermeidlich in der Versuchung, uns gegen das Leid im Leben und gegen den Tod aufzulehnen und damit -bewusst oder unbewusst -auch gegen Gott. Wir wollen unsere Grenzen überwinden und letztlich selbst wie Gott sein. Dieser Verführung nachzugeben, ist nach der Geschichte vom Sündenfall Adams und Evas das Wesen der Sünde (vgl. Gen 3,4-6). Deren Wurzel ist nicht der Stolz, der freilich eine konkrete Form von Sünde sein kann, sondern die Angst um das eigene Dasein und damit die Versuchung, entweder aktiv dieses selbst in den Griff zu kriegen und mit Gewalt sichern zu wollen oder passiv sich dem Leben grundsätzlich zu verweigern, weil wir im Grunde wissen, dass wir es nicht beherrschen können.

Um die Sünde von Grund auf zu überwinden, ist demnach eine Versöhnung mit unserer Endlichkeit nötig, ein Annehmen der Grenzen des Daseins im Vertrauen, dass es auch als solches grundsätzlich und damit von Gott als seinem Grund her gut und sinnvoll ist. Damit wäre auch die Reue über frühere Sünden gegeben. So lässt sich Röm 6,7 verstehen: "Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde." Wir können dabei davon ausgehen, dass auch Gott nicht nur Mitleid mit unserem Leid hat, sondern mit uns leidet. Denn "in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir"(Apg 17,28). Gott ist nicht nur "über allem", sondern auch "in allem"(Eph 4,6; vgl. 1 Kor 15,28), nur in ihm können wir existieren. Er steht nicht über unserem Leid, sondern ist selbst davon betroffen. Das kann uns die Versöhnung mit ihm erleichtern.

In Christus mit Gott versöhnt

Die Heilsbedeutung des Todes Jesu für eine solche Versöhnung mit den Grenzen unseres Daseins und so auch mit Gott, die mit dem Bild Gottes als eines barmherzigen Vaters im Einklang steht, besteht demnach darin, dass Christus in aller Konsequenz und daher bis in den Tod hinein einen neuen Weg gegangen ist und ihn für uns gebahnt hat: Er nahm sogar das - vorläufige - Scheitern seiner Sendung und die Erfahrung der Gottverlassenheit am Kreuz auf sich und hielt dennoch am Glauben fest, dass sein begrenztes und von Leid und Tod geprägtes Dasein in Gott geborgen ist und von ihm vollendet wird. Daher konnte er auch für seine Mörder beten.

So wurde Jesus für uns zum "Anführer und Vollender des Glaubens" (Hebr 12,2). Er ist der "neue" oder "zweite Adam" (nach Röm 5 und 1 Kor 15; vgl. den Weihnachtsartikel "Geburt des zweiten Adam" in: FURCHE 51-52/06, S. 12 f.), der laut dem Bericht der Bibel von Anfang an der teuflischen Versuchung widerstand, sich anbeten zu lassen (nach Mt 4,10 und Lk 4,8). Diese war bei ihm besonders groß auf Grund der Erfahrung, von Gott als dessen geliebter Sohn angenommen zu sein. Er nützte jedoch diese seine Sendung nicht aus, sondern "sah es nicht als ein Raubgut an, wie Gott zu sein"(Phil 2,6). Von ihm heißt es daher: "Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebr 4,15). Nur ein Jesus, der in allem uns gleich war außer der Sünde, also nicht über die Endlichkeit und den Tod erhaben war, kann unser Erlöser sein, uns mit Gott versöhnen. Ihm können wir als Menschen nachfolgen.

Aus der Auflehnung gegen die vorgegebene Endlichkeit unseres Daseins kommen alle konkreten Sünden: Stolz und Neid, Feindschaft und Hass, Eifersucht und Misstrauen, Macht- und Besitzgier, Intrigen und Betrug, Ausbeutung und Unterdrückung, Heuchelei und Lüge, individueller oder kollektiver Egoismus, Mord und Totschlag, Verweigern von möglicher Hilfeleistung. Hinter all dem steckt die Angst, zu kurz zu kommen, das Leben einschränken zu müssen oder zu verlieren. Wir werden erpressbar, bei Bösem mitzuwirken, oder üben von uns aus Gewalt gegen andere aus.

Das Annehmen unserer Grenzen fällt uns nicht leicht, sowohl der eigenen als auch jener der anderen. Es ist nicht nur das eigene Leid, das uns bedrängt und unseren Glauben in Frage stellt, sondern auch das unermessliche Leid vieler Menschen in der Welt. Dieses wird oft durch menschliche Schuld verursacht. Denn wir sind als Abbild Gottes, der Liebe nicht nur schenkt, sondern ist (vgl. 1 Joh 4,8.16), als Beziehungswesen geschaffen, die auf die Liebe anderer angewiesen sind. Daher wirkt sich die Sünde auch in den sozialen Strukturen aus und ist dort noch schwerer zu überwinden als im Leben der Einzelnen. Jesus wollte das durch Menschen verursachte Leid verringern, was den Einsatz vieler Gleichgesinnter erfordert, die ihm nachfolgen.

Zu einem Leben in Liebe befreit

Wer in der Nachfolge Jesu die Grenzen seines Daseins annimmt, hat also die Sünde an ihrer Wurzel überwunden. Darin besteht die von Sünden befreiende und ihre Folgen tilgende Bedeutung des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu. Er musste nicht in Stellvertretung für uns Sühne leisten, sondern er ermöglichte uns, der Versuchung zur Sünde standzuhalten sowie die begangenen Sünden zu bereuen und so die Verzeihung Gottes zu erlangen. Deshalb konnte er den reuigen Sündern die Vergebung zusagen und darf dies auch die Kirche in seinem Auftrag und Namen.

Wo Menschen in diesem Geist Jesu miteinander leben und wirken, entsteht eine neue Gesellschaft, die von Liebe geprägt ist. Dadurch wird Gott erfahrbar. Denn "niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet"(1 Joh 4,12). Das gibt uns Grund zur Hoffnung auch über den Tod und damit über dieses Leben hinaus: dass wir einmal in einer tieferen Ebene -in der Gemeinschaft der Heiligen - in Gott geborgen und für immer aufgehoben sind. Es ist die österliche Hoffnung, die Christen vor allem auf Grund der Erfahrungen der Liebe in ihren Gemeinden für Jesus als den "Erstgeborenen von vielen Brüdern und Schwestern"(nach Röm 8,29) und so auch für sich und für alle Menschen guten Willens haben dürfen.

Der Autor ist Dozent für Pastoraltheologie an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Innsbruck

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