6932180-1982_33_08.jpg
Digital In Arbeit

So sehe ich Gott ganz persönlich

1945 1960 1980 2000 2020

Aus einer Redaktionsdis-kussion entstand die Frage: Erklären sich manch unterschiedliche Auffassungen in der Kirche von heute aus unterschiedlichen Gottesbildern der Generationen? Wir luden zwei Autoren ein, und die Leser mögen entscheiden, ob wir nicht doch irrten.

1945 1960 1980 2000 2020

Aus einer Redaktionsdis-kussion entstand die Frage: Erklären sich manch unterschiedliche Auffassungen in der Kirche von heute aus unterschiedlichen Gottesbildern der Generationen? Wir luden zwei Autoren ein, und die Leser mögen entscheiden, ob wir nicht doch irrten.

Was ist das eigentlich: „Gott"? Was bindet mich an ihn, den man mit keiner Methode, mit keinem Instrument „nachweisen" kann, den gleichwohl seit Anbeginn der Zeiten alle Völker gepriesen und gefürchtet haben und der auch mein Leben nach meiner tiefsten Uberzeugung trägt und leitet?

Aber ist es nicht geradezu widersinnig, anzunehmen, daß sich der Allmächtige gerade um mich kümmert? Und was ist mit den unzähligen menschlichen Wesen vor mir, um mich und nach mir? Wie soll ich mir das vorstellen, erklären?

Gewiß birgt der Glaube viele Geheimnisse. Aber die umwäl-

zenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen der Astrophysik, Kernphysik usw. gewähren so tiefe Einsichten in die unfaßbaren Gewalten, Gesetzmäßigkeiten, Größen und Entfernungen des Universums, daß sich allein schon die Vernunft gegen die Annahme blinder, aus dem Nichts von selbst entstandener Kräfte sträubt und das Wort Jesu, daß kein Sperling ohne Wissen des Vaters vom Dache fällt, durchaus keine Metapher ist.

Es ist ein ungemein trostreiches Wort, das uns deutlich macht, daß die Hinwendung Gottes zum Menschen keine allgemeine, unbestimmte, sondern eine ganz direkte, persönliche ist, eine Einladung, sich ihm zu öffnen, mit ihm in einen Dialog zu treten. Aber Gott zwingt sich nicht auf. Er will die freie Entscheidung des Menschen.

Dieser beglückenden Erkenntnis der Hilfsbereitschaft Gottes steht eine andere, bedrückende gegenüber: wie die Welt de facto ist, wie die Menschen sind, verschieden in vieler Hinsicht, aber alle getragen von der Sehnsucht nach einem unbestimmten Glück, erfüllt von einem tief eingewurzelten Anspruch auf Gerechtigkeit, Wahrheit, Liebe — und dennoch unfähig, ihr Leben darnach auszurichten, gerecht, rücksichtsvoll, hilfreich zu sein; unfähig auch zu einer objektiven Beurtei-

lung der Mitmenschen ja selbst des eigenen Verhaltens.

Aber es gibt noch andere Minuskoeffizienten des Lebens: schicksalbedingte wie Naturkatastrophen, Unfälle, Krankheiten und vor allem die Kräfte des Bösen, die sichdurchaus nicht nur in spektakulären Verbrechen äußern, sondern mehr oder weniger in uns allen wirksam sein können.

Daraus resultiert eine widersprüchliche, von Mißtrauen, Selbstsucht und Haß erfüllte Welt, in der Millionen hungern und darben, während ebenso viele, abgestumpft vom Konsum und angewidert von der Sinnleere des Daseins, ihr Leben vergeuden.

Diese Dinge dürfen mich nicht

irre machen an der Liebe Gottes. Aber ich muß sie sehen und ich muß sie einbringen in mein Gottesbild. Hier läßt mich allerdings die natürliche Erkenntnis im Stich, und weiter hilft allein die Offenbarung. Ich meine damit die Aussagen über die Erbsünde und den Opfertod Christi.

Ich weiß schon, daß man diese Glaubenswahrheiten heute vielfach „entmythologisieren" möchte, indem man erstere zur Fabel erklärt und letztere als Sozialrevolutionäre Tat hinstellt. Doch wenn man sie ernst nimmt, wird daraus die eigentliche Tragik der conditio humana, der menschlichen Existenz, verständlich. Sie gewähren wie kein anderes Zeugnis Aufschluß über die Ursache der geistigen und moralischen Schwäche des Menschen und über das Wesen der Sünde als Auflehnung gegen Gott und Zurückweisung seiner Liebe.

Immer jagt der Mensch einem machbaren Glück nach, erfindet er Hypothesen und Systeme, wie er ausschließlich aus eigener Kraft paradiesische Verhältnisse schaffen könne. Aber je faustischer sein Bemühen, desto größer die Enttäuschung, oder mit den Worten Christi: „Wer sein Leben zu retten sucht, wird es verlieren".

Der Autor ist pensionierter Arzt und 70 Jahre alt.

Was ist das eigentlich, „Gott"? Wer ist Gott? Wie ist Gott? Ist es nicht bereits Wahnsinn, sich anzumaßen, Gott begreifen zu können? Viele Fragen stellen sich mir in den Weg. Es ist mir klar, daß ich Gott nicht ausrechnen, nicht eingrenzen, nicht einfangen kann.

Aber ich komme nicht herum, mir ein Bild von Gott zu machen. Ich bin darauf als Mensch angewiesen, sonst zerrinnt mir Gottes Wirklichkeit und Nähe unweigerlich in meinen Händen—wohl wissend, daß mein Gottesbild zu klein, zu eng, zu beschränkt, unvollkommen und nur Bruchstück sein kann, angesichts der alles-umgreifenden Allmacht Gottes.

Gott ist für mich keine Illusion oder Wunschvorstellung, sondern eine große und geheimnisvolle Wirklichkeit. Wenn wir mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Geist und offenem Herzen durch unsere Welt gehen, dann können wir viele Spuren Gottes entdecken.

Gott ist kein verborgener Gott, er hat ein ganz deutliches Gesicht: das Gesicht des Menschen. Seine Hände sind Menschenhände. Seine Wohnungen sind die Herzen der Menschen. Sein Glück ist das Glück des Menschen. Sein Leid ist das Leid des Menschen.

Gottes Liebe ist unbeschreiblich: Er hat uns durch Jesus Christus geoffenbart, was der Mensch ist. Gott wurde Mensch, damit sich der Mensch immer und deutlich das Bild Gottes vom Menschen vor Augen und Herzen halten kann.

Gott ist die Liebe. Ein großes Wort, aber was steckt dahinter? Ich will mir mit einem Vergleich helfen. Gott ist die Sonne meines Lebens. Sie wärmt und gibt Licht. Sie zeigt mir die Richtung und die Wirklichkeit. Sie ist immer da, auch wenn ich sie nicht sehe. Sie hat eine starke Ausstrahlung und Anziehung. Sie schenkt mir Sonne und Schatten. Sie ist nicht aufdringlich. Sie läßt mir die Freiheit. Sie ist einfach da. Für mich. Für euch. Für alle.

Gott ist in der Schöpfung. Er ist der Schöpfer, der uns in der Natur begegnen will und begegnet. Mit unserer gestörten Beziehung zur Natur haben wir auch schon vielfach unsere Beziehung zu Gott verloren. In der Natur ist uns Gott nahe, hier zeigt er uns sein Gesicht. In der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit eines Baumes, in der Schönheit eines rauschenden Wildbaches, in leuchtenden Blumen, in der Mächtigkeit eines Blitzes aus heiterem Himmel, in der Stille der Nacht...

Viele sehen das, bewundern das und finden Gottes Abbild in der Schöpfung trotzdem nicht. Es ist wahr: Das Schauen, das Staunen, das Sich-Zeit-Nehmen haben wir beinahe schon verlernt. Wenn wir aber in Einklang mit der Natur, lebten, wie wäre es dann möglich, mit Gott nicht in Einklang zu sein? Diese Frage stellt sich auch umgekehrt.

Gott ist, was vor uns liegt. Mein Gott ist ein Gott der Hoffnung und der Zukunft. Gott will, daß wir uns weiterentwickeln, verändern, wandeln. Wir sind auf die Zukunft hin angelegt. Gott begegnet uns im Unbekannten, im Wagnis, im Lebendigen.

Gott hat unseren jetzigen Zustand sicher nicht gewollt. Ich glaube nicht, daß er die Menschen teilen wollte in Arme und Reiche, in Satte und Hungernde, in Herrscher und Beherrschte, in Weiße, Schwarze und Gelbe, in Glückliche und Unglückliche, in Gefangene und Freie, in Liebende und Hassende...

Erst wenn wir uns mit allen Menschen solidarisch fühlen und etwas tun gegen die Ungerechtigkeiten der Welt, erst dann können wir uns freuen von ganzem Herzen. Gott ist dort, wo Freude ist. Gott hat uns unsere Hände geschenkt, damit wir sie ihm, d. h. den Menschen, entgegenstrecken, damit wir geben und empfangen können. Gott hat uns die Liebe geschenkt, damit wir sie verschenken, verschwenden können.

ERNST FERSTL

Der Autor ist Lehrer und 26 Jahre alt

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau