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Religion

Aller Anfang ist Gott

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Die Frage nach dem Lebenssinn wird im Islam ganz einfach mit: "Der Mensch ist erschaffen worden, um Gott zu dienen", beantwortet.

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Die Frage nach dem Lebenssinn wird im Islam ganz einfach mit: "Der Mensch ist erschaffen worden, um Gott zu dienen", beantwortet.

Judentum, Christentum und Islam schöpfen aus einer gemeinsamen Quelle. Der Prophet Muhammad wollte keine neue Religion predigen, die Offenbarung war für ihn einheitlich in der ganzen Geschichte. Es galt, sie nur von historischen Schlacken und Entstellungen zu befreien. So ist die Art und Weise, wie die Juden und Christen von Gott sprechen, für den Islam zuweilen schwer nachvollziehbar.

"Nichts ist ihm ebenbürtig", heißt es im Koran (Sure 42, Vers 11). Folglich ist Gott nicht nach menschlichen Maßstäben zu messen. Ihm darf keinerlei Geschlechtsrolle zugeschrieben werden; er ist also weder männlich noch weiblich. Seine Attribute sind gegen jene des Menschen nicht austauschbar. Der eine ist Schöpfer, der andere Geschöpf.

Im Islam ist Gott vor allem der Schöpfergott, aber auch der Religionsstifter. Die Religion stiftet er durch die Selbstmitteilung oder Offenbarung. Seine Existenz manifestiert sich durch mannigfache Wirkungsformen. Diese ergeben "99 schöne Namen Gottes": der Allmächtige, der Allwissende, der Anfanglose, der Ewige und so weiter. Die Begegnung zwischen Gott und Mensch ist höchstens in der Offenbarung möglich.

Hier liegt ein Scheidungspunkt zwischen Islam und Christentum vor, weil das Christentum den Menschen in der Person Jesu Christi Gott begegnen sieht. Diese anthropozentrische Note des Christentums hat wohl das Aufkeimen der Aufklärung in Europa begünstigt. Mit der Aufklärung ist die Emanzipation einhergeschritten, deren Maxime "Der Mensch ist Maßstab aller Dinge" geworden ist. Weitere Folgen der Aufklärung sind die Selbstbestimmung und die Selbstverwirklichung der Menschen. Diese drohen alle sozialen Rücksichten zu zersprengen, werden sie nicht in den übergreifenden ethischen, wenn nicht religiösen Rahmen eingebunden. Das Absolutum, also Gott, ist der Ankerpunkt, der für einige Sicherheit sorgt.

Der islamische Gottesbegriff ist somit eher auf den Kosmos bezogen als auf den Menschen. Dennoch ist der Mensch das einzige Lebewesen, das die göttliche Botschaft versteht und ihr folgen kann. Der geforderte Gottesdienst ist aber letztlich Dienst am Menschen.

"Gott selbst ist viel zu reich, um für sich selbst bei den Menschen etwas beanspruchen zu müssen" (Koran, Sure 3, Vers 97). Der Islam will also, wie übrigens jede andere Religion, dem Menschen zur Erlangung des Glücks in dieser wie in jener Welt verhelfen. Glück als positives Gesamtgefühl der eigenen Existenz besteht seiner Lehre nach im Frieden mit Gott, mit sich selbst und mit der Welt.

Die Frage nach dem Lebenssinn wird im Islam ganz einfach mit: "Der Mensch ist erschaffen worden, um Gott zu dienen", beantwortet. Die Bestimmung des Menschen ist wie jeder anderen Kreatur, sich den Gesetzen der Natur, in denen sich der göttliche Wille kundtut, zu unterwerfen. Darin äußert sich die Allmacht Gottes. In diesem Lichte gesehen erscheint die sogenannte Selbstverwirklichung eher als Selbstbetrug.

Die Menschen vergessen allzu leicht, daß sie ihre Existenz einer höheren Macht verdanken und sie deshalb in hohem Maße von ihr gesteuert sind. Dennoch versteht sich der Islam als bewußte und verantwortbare Lebens- und Leidensbewältigung im Zeichen der Hingabe an Gott. Innerhalb des so abgesteckten Rahmens erwirbt der Mensch sein eigenes Kreativitätspotential, nach dem er dann beurteilt wird.

Nach der Auferstehung, die der Islam genauso wie die beiden anderen monotheistischen Religionen als Grundartikel des Glaubens ansieht, erwartet den Menschen ein ewiges Leben, welchem gegenüber das diesseitige Leben ein "niederes" ist. Der Gläubige ist immerhin aufgerufen, in der Einstellung zu diesen beiden Welten ein Gleichgewicht zu wahren. "Arbeite für diese Welt", heißt es in einem Spruch des Propheten, "als ob du ewig leben dürftest; denke an jene Welt (und richte dich danach), als ob du morgen sterben müßtest!"

Die Liebe zu Gott verlangt Achtung für seine Schöpfung und beeinflußt die Handlungsweise der Gläubigen. In ihrer höchsten Entfaltung ist diese Liebe allumfassend. "Ich diene Gott nicht", sprach die Mystikerin Rabi'a al-'Adawiyya (+ 801), "aus Angst vor der Hölle, sondern nur in der Liebe zu ihm und Sehnsucht nach ihm. Bei meiner Liebe zu Gott ist in meinem Herzen kein Platz für den Haß gegen den Satan."

Von manchen orthodoxen Schulen des Islam werden Gott Eigenschaften zugeschrieben, die Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Schriftgelehrten liefern. Zu solchen Eigenschaften gehört die an keinerlei Ordnungsprinzip und moralische Verpflichtung gebundene Allmacht. Gott ist ja keiner Instanz gegenüber Verantwortung schuldig. So kann wohl ein Bild entstehen, das Gott als einen launischen Tyrannen erscheinen läßt.

Im Koran gibt es Aussagen, die diesem Gottesbild scheinbar Vorschub leisten. Sobald man jedoch diese Aussagen in den richtigen Zusammenhang bringt, stellt sich heraus, daß sie ambivalent sind. Das eindeutige Ergebnis ist, daß Gott unendlich vollkommen ist und denkbar gute Eigenschaften im höchsten Maße besitzt. Gott ist frei von allen Einschränkungen, wie sie sich Geburt und Tod manifestieren.

Die islamische Mystik vermittelt ein modifiziertes Gottesbild. Sie strebt nach der unio mystica, in der sich der Mensch mit der göttlichen Natur verbunden fühlt, ja sie als die einzige Wirklichkeit empfindet. "Wer Gott nicht kennt", meint der Mystiker al-Hallag (+ 992), "der möge wenigstens nicht seine Zeichen leugnen. Ich bin ein solches Zeichen: Ich bin die Wahrheit, weil ich in ihr aufgegangen bin."

Der Mystiker (die Mystikerin) hält im Grunde genommen wenig von den gängigen Vorstellungen von Gott und von allem Drum und Dran, was mit Gott zusammenhängt.

So hadert der Dichterfürst der türkischen Mystik Yunus Emre (+ 1321) mit Gott: Schufst die Waage, Übeltat zu wägen: So willst Du mich in das Feuer legen.

Waage für den Krämer passend ist Goldschmied braucht sie, Händler und Drogist.

Du bist wissend, Du kennst meine Lage Mich zu prüfen, brauchst Du denn die Waage ?

Gott ist Herr der ausgleichenden Gerechtigkeit, aber auch des Erbarmens, das seinen Ausdruck allerdings nicht in der Form göttlichen Leidens findet. Denn Leiden geht mit Schwäche einher; Gott aber ist darüber erhaben.

Die islamische Identität gründet mit dem Bekenntnis zu Allah, dem einen und einzigen Gott, den auch die arabischen Christen so anrufen: "La ilaha illa'llah" ("Es gibt keinen Gott außer Allah"), lautet die fundamentale Glaubensformel. Durch das bewußte und aufrichtige Sprechen dieser Formel wird der Eintritt in den Islam vollzogen.

Für den Islam steht es fest, daß Gott der Juden und Christen identisch ist mit Allah. "Ilahuna wa ilahukum ilahun wahid" ("Unser Gott und euer Gott ist Einer." Koran, Sure 29, Vers 46).

Die Hingabe an Gott und die ihm zugeschriebenen Gesetze ist kein Fatalismus. Sie ist eine konkrete Bezeugung des Glaubens, daß es nur einen Gott gibt.

Der koranische Hinweis auf die Unveränderlichkeit der göttlichen Gesetze läßt dennoch die Annahme der Entwicklungstheorie zu, die stellenweise angedeutet wird. Wenn auch Gott als eine immanent wirkende Größe aufgefaßt wird, kommt man auch im Islam nicht ohne anschauliche, anthropomorphe Sicht aus. Freilich sind diese Vorstellungen eher den mindergebildeten Massen der Gläubigen eigen als den Gebildeten. Doch gerade diese Massen sind Träger von erkennbaren Spuren fremder Vorstellungen.

Ähnlich ergeht es allen älteren Kulturen: die niederen Schichten wahren am längsten die scheinbar überwundenen Vorstellungen; die gebildeten Schichten hingegen bekunden in ihren Bestrebungen Anzeichen der Zukunft (so Max Horten in: Die Philosophie des Islam in ihren Beziehungen zu den philosophischen Weltanschauungen des westlichen Orients, München 1924, Seite 30).

Der Koran selbst wehrt einem Glauben, der lediglich in unreflektierter Nachfolge der Vorfahren gepflegt wird, weil dies dem Glauben jeden Selbstwert entzieht. Der traditionalistische Rigorismus, vielfach als Folklore-Fundamentalismus in Erscheinung tretend, macht dem zeitgenössischen Islam viel zu schaffen. Gott hat dort vielfach die Funktion eines Konservators übernommen, so daß der Islam wie ein Korsett erscheint, das den Gläubigen aufgedrängt wird.

Doch die von Muhammad gepredigte Religion hat es im Laufe der Geschichte verstanden, im gegebenen Augenblick eine beachtliche Flexibilität zu entfalten. Der menschliche Anteil an einigen der Interpretationsschulen und Ausformungen des Islam ist nicht zu übersehen.

Dennoch war die Orientierungsgrundlage stets die Offenbarung beziehungsweise Gott. Ohne diese Rückkoppelung an das Absolutum ist der Islam nicht denkbar. Es gibt jedoch unterschiedliche Methoden, sich auf Gott, auf das Absolutum, zu beziehen. Die Sufis (Mystiker) meinen: "Das Meer läßt sich nicht mittels eines Servierbrettes ausschöpfen, doch auch das Wenige, was damit geschöpft werden kann, ist immer vom Meer."

Die christliche und die islamischen Welt haben sich hauptsächlich wegen verschiedener Grade der zivilisatorischen Entwicklung voneinander entfremdet. Im Mittelalter waren sie im Lebensgefühl, in der Moral, im Wirtschaftsleben und in der Eschatologie sehr nahe zueinander. Inzwischen hat sich das Abendland für den Wertepluralismus, die Säkularisierung und Demokratie entschieden. Im islamischen Orient hat aber eine Strömung eingesetzt, die immer mehr die Unterscheidung zwischen der Religion (din) und der Weltlichkeit (dunya) erschwert. Eine "hegemoniale islamische Vernunft" ist am Werk meint etwa Mohammed Arkoun in seiner Schrift "Pour une critique de la raison islamique" (Paris 1984).

Dies hat zum Entstehen verschiedener Thesen vom kommenden Zusammenprall der Zivilisationen geführt. Es ist schwer daran zu glauben, bedenkt man, da der Islam offen, verhältnismäßig tolerant, und multikulturell ist. Er hat eher eine kulturenverbindende als antizivilisatorische Rolle in der Geschichte gespielt. Man denke an seine Vermittlerrolle im Transfer des hellenistischen und indischen Kulturerbes an Europa und an seine angestammten Kulturbestrebungen, die niemals vor friedlichen Begegnungen Halt machten.

Der Autor, Oberstaatsbibliothekar i.R., ist Kulturhistoriker und Islamexperte (unter anderem war er Chefredakteur der Zeitschrift "Islam und der Westen").